Waldmeisterinnen

Foto: Nautilusfilm/Universal
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Patient Wald: Der aktuelle Waldzustandsbericht hat ergeben, dass Trockenheit, Hitze, Schädlinge und Schadstoffe den Bäumen in Deutschland im Jahr 2019 stärker zugesetzt haben denn je. Zudem sind so viele Bäume abgestorben wie seit gut 20 Jahren nicht mehr. Insgesamt sei der Kronenzustand noch nie so schlecht gewesen wie jetzt, so der Bericht. Es muss also dringend was getan werden. Da schlägt die Stunde der Frauen. EMMA hat mit Försterinnen, Waldforscherinnen und Umweltaktivistinnen gesprochen. Und: Wie Frauen nach dem Krieg den deutschen Wald aufforsteten & Frauen heute an der Kettensäge. Die Frauenberufe der Zukunft liegen im Wald!

Im Wald, da sind die Räuber. Da lauert der böse Wolf. Und die Hexen, die dich in ihr Knusperhäuschen locken wollen. „Dunkel, sündhaft, heidnisch, schauerlich sind sie“, schrieb der Römer Tacitus über die undurchdringlichen germanischen Wälder – in denen die Römer ja schließlich auch steckenblieben. Mit der Romantik, Anfang des 19. Jahrhunderts, verschwand der dunkle Wald und die Seelenlandschaft Wald rauschte. Dichter und Maler machten den Wald in Zeiten der Industrialisierung zum Symbol der heilen und Traumwelt. Waldeinsamkeit (Tieck), Märchen, Sagen rankten sich um den Wald, und später wurde er auch noch zum Mutterboden der Nationalsozialisten. Sie beschworen die Deutschen als Nachkommen des Waldvolkes der Germanen (dagegen die Juden als Nomaden- und Wüstenvolk).

Kurzum: Der deutsche Wald hat schon viel aushalten müssen.

Und wer agiert im mystischen Wald? Männer! Sie sind es, die das Dickicht des Waldes durchdringen (mit Ausnahme der Römer natürlich), darin jagen, melancholisch durch die Waldeinsamkeit mäandern, ihn abholzen und aufräumen. Frauen sind nur Rotkäppchen oder Hexe. Nein, der einsame Wald ist kein guter Ort für Frauen. Oder doch? Denn im realen Leben waren Frauen immer Teil des Waldes. Frauen haben dort nicht nur als Holzsammlerinnen gearbeitet, Kräuter, Beeren, Pilze gesucht. Viel mehr noch: Ohne Frauen gäbe es den deutschen Wald gar nicht! Frauen waren es, die nach dem Zweiten Weltkrieg als „Kulturfrauen“ (sie bepflanzten Kulturflächen, daher der Name) den Wald in ganz Deutschland wieder aufforsteten. Zu dieser Zeit war der Wald in einem desolaten Zustand: Leer gefällt von Nationalsozialisten wie von Siegermächten, nach dem Krieg von der frierenden Bevölkerung. Es gab Kahlflächen so groß wie 200.000 Fußballfelder.

Einzig und allein ausgerüstet mit einer Spitzhacke und ihren bloßen Händen pflanzten die Kulturfrauen in den späten 1940er- und 1950er-Jahren über 24 Millionen Bäume, meist Fichten (heute als Monokultur verschrien). Den „Trümmerfrauen des Waldes“ wurde nur ein Denkmal gesetzt: mit der Abbildung auf der 50-Pfennig-Münze.

Bis Ende der 1970er-Jahre hatten Frauen im militärisch geprägten Forstwesen keine Chance. Über fast zwei Jahrhunderte hinweg waren Forstberufe von Vätern an Söhne vererbt worden, ganze Forstdynastien entstanden. Nur wer die Eignung zum Offizier nachweisen konnte und in Jägerbataillonen oder Schützenregimentern gedient hatte, war für die Laufbahn des höheren Forstdienstes befähigt. Und auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die 1970er-Jahre hinein war ein absolvierter Wehrdienst äußerst hilfreich bei der Zulassung für den Beruf.

Die Forstwirtin Astrid Kühnel hat an der Universität Freiburg in dem Projekt „wa’gen“ (Wald und Gender) die Gleichberechtigung in der Wald- und Forstwirtschaft erforscht und weiß: „In Kriegszeiten wurden einige wenige Frauen im Forstbereich, vor allem an den Forstlichen Fakultäten, angesichts des Fachkräftemangels akzeptiert, sie verschwanden aber mit der Rückkehr der Männer binnen kurzer Zeit geräuschlos. Nur zwei Frauen blieben dauerhaft in der Forstwissenschaft beschäftigt.“ Aus ihnen wurden die beiden ersten Forstprofessorinnen Deutschlands: Gisela Jahn und Christiane Volger.

Zweifellos inspiriert von der Frauenbewegung brachte die Zeitschrift Holz und Motor 1973 ein Porträt über „Die Dame im grünen Rock“, eine der ersten Forstreferendarinnen Deutschlands. Prompt folgte ein Leserbrief: „Wenn Ihre Miss Forst so männlich ist, dass sie das alles bewerkstelligt, dann soll sie sich am besten mit Hormonen behandeln und sich operativ zum männlichen Geschlecht umwandeln lassen.“
Noch 1983 mussten sich in der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg alle Bewerber – Männer wie Frauen – seitens des Gesundheitsamtes für Forstbeamte anhand körperlicher Kriterien prüfen lassen, die auf Wehrmachtskriterien zurückzuführen sind.

Zu den Disziplinen des Auswahllehrgangs gehörten außerdem: 1.000-Meterlauf, Kugelstoßen, Weitsprung und Fußballspielen. Waldforscherin Kühnel: „Auch Großstädter und Wehrdienstverweigerer wurden mit Vorliebe aussortiert, Forstmeistersöhne hingegen ausdrücklich bevorzugt.“

In den 1980er-Jahren versetzte das Waldsterben ganz Deutschland in Wallung, „Mein Freund, der Baum“ musste gerettet werden. Und Rettung ist bekanntlich Frauensache. Die ersten Frauen in Forstberufen tauchten in der BRD auf. In der DDR waren sie da übrigens schon da und sind bis heute selbstverständlich. Bis heute ist in Ostdeutschland jeder fünfte Förster weiblich. In Westdeutschland nur jeder zehnte.
Auf das Holz im Wald warten Sägewerke, Papier- und Zellstofffabriken, aber auch Großhandel und Bauhandwerk. Für 177 Milliarden Euro Umsatz im Jahr sorgen rund eine Million Beschäftigte. Die sind zu 90 Prozent männlich. Noch.

Denn jeder dritte Studienplatz ist heute von Frauen belegt. Christiane Lorenz-Laubner, die zweite Vorsitzende des Vereins „Frauen im Forstbereich“ hat das im Blick. Die Revierförsterin im Harz ist zuständig für 1.700 Hektar Staatswald. Sie kämpft im Dauermodus gegen den Borkenkäfer, hin und wieder auch gegen sexistische Witze wie: „Was haben Frauen und Eichen gemeinsam? Ihren wahren Wert zeigen sie erst, wenn sie liegen.“

Aber dennoch: „Die Zeiten für Frauen, um in den Forstdienst zu gelangen, sind denkbar günstig“, weiß Lorenz-Laubner. Denn in den Forstämtern in ganz Deutschland steht eine riesige Pensionierungswelle an. Da schlägt die Stunde der Frauen.

Und die des Vereins „Frauen im Forstbereich“, 1993 gegründet. „Wir waren damals auf der Suche nach Vorbildern. Und nach und nach tauchten sie auf.“ Die erste Revierförsterin in NRW war 1974 Anna-Maria Kamp. Die heute 62-Jährige leitet seit 1995 ein 1.300 Hektar großes Revier in Lindlar. Aktuell kämpft auch Kamp gegen den Borkenkäfer, wird 50.000 Festmeter Käferholz nicht los. Und sie muss rund 200 WaldbesitzerInnen erklären, dass der Besitz, der einmal die Rente sichern sollte, vor sich hin rottet. Die Stürme Friederike (2018) und Kyrill (2007), plus zwei extrem trockene Sommer sowie der Klimawandel haben auch im deutschen Wald Spuren hinterlassen. „Manchmal fühle ich mich wie eine Totengräberin. Die Fichte ist tot, da gibt es auch nichts mehr zu retten“, sagt die Forstwirtin. Kamp versucht noch, ihre 90 bis 120 Jahre alten Buchen, Eichen, Roteichen und Douglasien zu retten. Die knorrigen Riesen im Bergischen Land sind ihr „persönlicher Märchenwald“. „Baumriesen werden nicht gefällt!“ lautet ihre Parole.

Försterin Kamp zufrieden: „Der kauzige Eigenbrödler von früher ist nicht mehr gefragt. Der Förster bzw. die Försterin von heute muss vor allem moderieren und Krisensituationen meistern können. Er oder sie muss zwischen Waldbesitzern, Waldbesuchern, Umweltschützern und der Holzindustrie vermitteln.“ So wie Elke Gregory. Die 31-Jährige gehört zu den jüngsten FörsterInnen Deutschlands. Sie ist Leiterin des Reviers Wipperfürth/Breun im Oberbergischen Kreis, ist im sechsten Monat schwanger – und sieht darin kein Problem. „Ein Beruf, der sich nicht auf Familienplanung einlässt, sägt am eigenen Ast“, sagt sie. Die Rückkehr in den Beruf ist bereits geregelt. „Frauen wollen beides: Beruf und Kind. Das ist bei Försterinnen nicht anders“, sagt Gregory selbstbewusst.

Während unter RevierförsterInnen die physische Kraft nie die entscheidende war, sondern allenfalls als frauenverhinderndes „Schutzargument“ herangezogen wurde, sind ForstwirtInnen (die Menschen mit der Kettensäge) noch immer mit Fragen nach ihrer körperlichen Kraft konfrontiert. Klar, Waldarbeit ist kein Ponyhof. Aber: Moderne Waldarbeit bedeutet vor allem: schlaue Arbeitsplanung, körperschonende Arbeitstechnik und gezielter Maschineneinsatz. Kettenwechsel, Kombinations- und Präzisionsschnitte und Zielfällung sind genauso Frauen- wie Männersache. Forstarbeiterinnen steuern Harvester und Forwarder (die Marsmobile des Waldes), transportieren Rundholz oder stellen Hackschnitzel her. „Es gibt jedes Jahr tödliche Unfälle. Forstarbeit ist eine der gefährlichsten Arbeiten überhaupt“, warnt Maria Lichtblau. Die 30-Jährige ist seit elf Jahren Forstwirtin der Bayerischen Staatsforsten im Revier Fichtelberg. Noch immer bleiben SpaziergängerInnen überrascht stehen, wenn sie die Frau an der Kettensäge sehen.

Nicht nur dem Wald geht es nicht gut. Die Übersäuerung aller Böden schreitet voran. Die hohen Stickstoffeinträge schlagen sich nieder. Der Klimawandel rast. Den Bäumen ist es zu warm. „Von dem Wald, den wir kennen, müssen wir uns über kurz oder lang verabschieden“, sagt Nicole Wellbrock. Die Forstwissenschaftlerin leitet im brandenburgischen Eberswalde den Arbeitsbereich „Bodenschutz und Waldzustand“ am Institut für Waldökosystem des Thünen-Instituts am Forschungsinstitut für ländliche Räume. Der Waldboden ist ihr Spezialgebiet – und gerade um den ist es nicht gut bestellt. „Wir bekommen das vom Borkenkäfer befallene Holz nicht schnell genug aus den Wäldern raus“, erklärt sie. Ein großflächiges Absterben stehe bevor. Die Fichte wird aus Mitteleuropa verschwinden. Die Kiefer hat mit der Nonne, dem Nachtfalter-Schädling, zu kämpfen auch die Eiche, eigentlich als sehr robuste Baumart bekannt, leidet unter Schädlingen.

„In Zukunft werden wir mediterrane Baumsorten pflanzen müssen, wenn wir überhaupt noch Wald haben wollen“, prognostiziert Nicole Wellbrock. Von Apokalypsen-Stimmung hält sie jedoch nichts: „Während wir in Deutschland mediterrane Bäume pflanzen, haben andere Länder ganz andere Probleme. Da wird es dann gar keine Bäume mehr geben.“

Der Kampf gegen illegale Rodungen, Lobbyisten der Industrie, Waldzerstörung für Palmöl, Fleisch und Soja, und den Handel mit Urwaldholz, das ist der Beruf von Gesche Jürgens. Die 40-Jährige ist Wald-Expertin und Kampaignerin bei Greenpeace. Seit zehn Jahren kämpft die Aktivistin aus Hamburg weltweit für den Wald. Sie kartiert Waldgebiete, diskutiert mit Firmenchefs und PolitikerInnen, initiiert Kampagnen, bloggt und tweetet. Zusammen mit anderen AktivistInnen deckte Jürgens die Zerstörung alter Buchen- und Eichenwälder zum Beispiel im Spessart auf oder engagierte sich in Rumänien für den Erhalt der letzten Urwälder Europas. Und natürlich kämpfte sie auch im Hambacher Forst gegen RWE. Die Kampaignerin: „Der Wald – das Holz ebenso wie die Waldfläche – ist überall auf der Welt hart umkämpft – Holz ist ein begehrter Rohstoff. Die gute Nachricht ist: Bäume wachsen nach. Doch was unwiederbringlich verlorengeht, sind echte Wälder. Die Abholzung von Urwäldern ist einer der Hauptgründe für das globale Artensterben.“

Alle drei Sekunden etwa verschwindet weltweit Wald in der Größe eines Fußballfeldes, macht in einer Stunde 1.200 Fußballfelder. Rund 80 Prozent dieser Flächen gehen in die landwirtschaftliche Nutzung, um Fleisch, Zellstoff, Kakao oder Soja zu erzeugen. Bis 2020 hätte sich das ändern sollen, versprachen 2010 rund 400 Konzerne. Doch nach wie vor steckt Waldzerstörung in den globalen Lieferketten.

In Deutschland allerdings steht der Wind für den Wald gerade günstig. Jahrelang hat er einfach nur dagestanden. Das hat sich geändert, seit es Greta, „Fridays für Future“ und die Bestseller von Peter Wohlleben gibt. In seinen Büchern vermenschlicht der Förster die Natur, um sie den Menschen nahe zu bringen. Bei ihm haben Bäume Gefühle, sie kommunizieren miteinander. Und noch ein Beispiel. 1,3 Millionen Mal verkaufte sich Wohllebens Buch „Das geheime Leben der Bäume“, es ist ein internationaler Bestseller.„Waldbaden“ ist seither das neue Yoga.

An Wohlleben scheiden sich dennoch die (Wald-)Geister. Manche FörsterInnen sehen in ihm in erster Linie einen „geschickten Selbstvermarkter“ und lehnen die „Vermenschlichung“ der Natur ab. Andere hingegen finden, dass der deutsche Wald den schreibenden Förster gerade sehr gut gebrauchen kann. Und die Frauen auch. Die wollen jetzt wieder den Wald retten.

Annika Ross

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