In der aktuellen EMMA

Wenn der Körper sich selbst angreift

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In den letzten Wochen haben wir häufig gelesen, dass Frauen seltener an Corona erkranken, weil sie ein stärkeres Immunsystem haben als Männer. Woher kommt das?
Schmid-Altringer Das hat die Evolution ganz schlau eingerichtet: Das Geschlecht, das den Nachwuchs austrägt, hat ein Immunsystem, das sehr schnell und heftig auf akute Infektionen reagieren kann. Um eine Infektion zu bekämpfen, hat der Körper zwei Wege. Erstens: Er bildet Antikörper, so dass die Erkrankung nach und nach schwächer wird, das ist häufiger bei Männern der Fall. Zweitens: Der Körper schüttet ganz rasch viele Botenstoffe aus, die eine Art Entzündung bewirken und Viren und Bakterien sofort aus dem Feld schlagen. Das ist eher bei Frauen der Fall. Deshalb sehen wir bei Männern akute Infektionen etwas häufiger als bei Frauen.

Also bricht bei Frauen die Infektion durch die schnelle Gegenwehr des Immunsystems gar nicht erst aus?
Genau. Aber das ist eine statistische Aussage, die man in jedem Einzelfall prüfen muss. Denn letztlich ist jede Frau und jedes Immunsystem einzigartig, und das in jeder Lebensphase. Und wir dürfen daraus natürlich nicht schließen, dass es gerade total praktisch ist, dass mindestens zwei Drittel der Menschen an der Corona-Front Frauen sind. Denn der Vorsprung der Frauen in der Infektionsabwehr wird durch andere Faktoren wieder zur Disposition gestellt.

Durch welche?
In der Gender-Medizin schauen wir immer auf biologische, soziale und psychische Faktoren. Aktuelle Studien haben mit bildgebenden Verfahren nachgewiesen, dass Stress bei Frauen viel stärker zu einer Aktivierung im Rückenmark führt, die das Immunsystem schwächt. Dann haben wir den sozialen Faktor: Infektionsgefährdete Berufe werden überdurchschnittlich häufig von Frauen ausgeübt, wie Kassiererinnen, Krankenschwestern und Altenpflegerinnen. Wir wissen, dass schlechte Bezahlung und Geldsorgen ebenfalls Stress auslösen und so das Immunsystem schwächen, wie bei Alleinerziehenden, die ebenfalls häufiger Frauen sind. Und dann haben wir da noch die Doppel- und Dreifachbelastung, denn Kinderbetreuung und Hausarbeit sind in hohem Maße immer noch Frauensache, gerade in Corona-Zeiten. Und es kommt hinzu: Frauen sind häufig Opfer Häuslicher Gewalt. Das bedeutet also, dass Frauen zwar einen Vorsprung in Sachen Immunabwehr haben, der sich aber durch schwächende Faktoren deutlich relativiert. Aber diese Faktoren sind ja kein Schicksal, sondern etwas, wo wir gegensteuern könnten und sollten.

Was genau passiert denn bei Stress mit dem Immunsystem?
Das ist sehr komplex. Aber vereinfacht gesagt, aktivieren wir das sogenannte sympathische Nervensystem, das den Körper in den Fluchtmodus versetzt. Wir haben dann hohe Adrenalin- und Cortisolwerte, die zum Beispiel dafür sorgen, dass sich die Lunge erweitert oder das Verdauungssystem runtergefahren wird. Das ist sehr sinnvoll, wenn ich weglaufen muss. Aber gleichzeitig dämpft das Cortisol als körpereigenes Mittel das Immunsystem. Deshalb geben wir Cortisol bei Asthma oder Allergien. Wenn dieser Stresszustand länger anhält, dann kann es passieren, dass das Immunsystem schwächelt und eine Infektion nicht mehr abwehren kann. Oder es gerät aus dem Lot und richtet sich gegen den eigenen Körper.

Was bei Frauen offenbar sehr viel häufiger passiert als bei Männern. Sie haben öfter Autoimmunerkrankungen.
Die Kehrseite ihres schnell reagierenden Immunsystems ist: Ihr Immunsystem ist manchmal  zu aktiv. Es identifiziert dann eigene Körperzellen fälschlicherweise als Angreifer und richtet sich damit gegen den eigenen Körper. Und davon können alle Teile des Körpers betroffen sein: Die Haut, die mit Neurodermitis reagiert, der Darm mit Morbus Crohn oder Collitis ulcerosa, die Gelenke mit Arthritis oder auch Nerven und Gehirn.

Gibt es noch mehr Gründe?
Es gibt die Hormon-Theorie: Wenn Hormone aus dem Lot geraten wie in Übergangsphasen wie den Wechseljahren, haben wir auch eine erhöhte Verletzlichkeit für Autoimmunerkrankungen. Aber der Östrogenspiegel kann nicht die alleinige Ursache dafür sein, warum Frauen häufiger erkranken. Unstrittig ist hingegen, dass Umweltfaktoren Auslöser sein können, also Giftstoffe. Die haben wir übrigens in hohem Maße in Kosmetika. Und dann gibt es auch noch genetische Faktoren, die als eine Ursache in Frage kommen. Aber letztlich ist das alles noch eine Blackbox. Da sind noch ganz viele Fragen offen. Was wir eindeutig wissen, ist: Stress und Immunsystem stehen in einem direkten Zusammenhang.

Haben Frauen denn mehr Stress als Männer?
Das kommt auf die Art von Stress an. Es gibt ja durchaus positiven Stress. Und es gibt Stress als Gefühl, die Kon trolle zu verlieren und keinen Handlungsspielraum zu besitzen. Und es ist ja erwiesenermaßen so, dass Frauen deutlich eingeschränkte Handlungsspielräume und damit diese Art krankmachenden Stress stärker haben als Männer. Das betrifft Geld, das betrifft Doppel- und Dreifachbelastung, das betrifft Gewalt. Wir brauchen ja nur die aktuellen Zahlen zur Gewalt gegen Frauen anzuschauen. Übrigens müssten Arzt oder Ärztin ja eigentlich bei jedem Arztbesuch abchecken: Steckt womöglich eine Gewalterfahrung hinter der Krankheit? Wir wissen, dass traumatische Lebensereignisse durchaus einen Einfluss auf Autoimmunerkrankungen haben und nicht lösbare psychische Konflikte auf die Körperebene übertragen werden. Die müssen deshalb nicht immer die einzige Ursache für die Erkrankung sein – aber sie können ein Faktor sein. Außerdem gibt es so etwas wie einen sekundären Krankheitsgewinn. Wer beispielsweise immer wieder Schmerzen hat, kann diese Symptome auch nutzen, um sich aus einer Überforderung leichter herauszuziehen. Aus diesem Mechanismus rauszukommen und einen anderen Weg zu gehen – das ist die Aufgabe der Medizin und von jeder Frau selbst! Denn umgekehrt wissen wir aus der Resilienzforschung, dass das Gefühl von Handlungsspielraum und von Sinnhaftigkeit gesund machen kann.

Berücksichtigt das die Schulmedizin – oder gibt sie einfach Cortison?
Gerade weil die Ursachen nicht ganz klar sind, ist bei Autoimmunerkrankungen die Dia gnose nicht so einfach und braucht Zeit. Auch die Symptome sind oft erst mal unspezifisch. Da sind rote Flecken auf der Haut, Schmerzen in den Gelenken oder ein Kribbeln in den Fingern. Immer noch zu viele Ärzte denken aber häufig in dem Schema „Diagnose–Therapie–fertig“. Deshalb passiert es leider oft, dass Frauen mit ihrer Autoimmunerkrankung von Arzt zu Arzt rennen und das Gefühl haben, sie werden als lästige  Patientin abgestempelt.

Was sollten Ärzte und Ärztinnen stattdessen tun?
Die Medizin muss die Patientinnen ernst nehmen, sie einbeziehen und Entscheidungen gemeinsam mit ihnen treffen. Aber das passiert noch viel zu wenig. Genauso wie wir die Lebenswirklichkeit und die Lebensressourcen von Frauen noch lange nicht genug in die Medizin einbauen. Das finde ich ein hochgradiges Politikum! Wir haben doch inzwischen das Wissen dazu, unter anderem aus der Gender-Medizin. Damit Frauen dieses Wissen endlich zugute kommt, haben wir jetzt einen Ratgeber für Frauen veröffentlicht, der Gender-Medizin spannend und ganz praktisch nutzbar erklärt.

Wobei sich so manche Patientin mit der Diagnose „Das ist was Psychisches“ auch nicht immer ernst genommen fühlt.
Das ist tatsächlich eine Gratwanderung, denn Autoimmunerkrankungen und psychische Probleme stehen in einem direkten Zusammenhang und beeinflussen sich gegenseitig. Leider haben wir immer noch eine starke Stigmatisierung psychischer Erkrankungen, und zwar nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Gesundheitswesen. Man kann die Psyche aber auch ganz gezielt als veränderbaren Faktor und Teil der Behandlung von Autoimmunerkrankungen nutzen. Und das passiert in der Medizin noch viel zu selten. ÄrztInnen und betroffene Frauen sollten sich öfter fragen: Wo kann die Psyche mir helfen, aus dem Teufelskreis aus Schmerz, Unsicherheit und Katastrophendenken rauszukommen und stattdessen in eine Positiv-Spirale einzusteigen?

Kann man eine Autoimmunerkrankung denn  heilen?
Es gibt fast 60 unterschiedliche Autoimmunerkrankungen. Deshalb wäre es vermessen zu sagen: ja oder nein. Fest steht: Je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser lässt sie sich zum Stillstand bringen. Aber dieser Zeitpunkt wird häufig verpasst, weil die Symptome eben zunächst oft unspezifisch sind und viele ÄrztInnen sie nicht richtig ernst nehmen. Und da Frauen sich selbst oft auch nicht richtig ernst nehmen, gehen sie unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Studien belegen, dass Frauen nach dem Auftreten der ersten Symptome einer Autoimmunerkrankung viel später in eine Spezial klinik eingewiesen werden als Männer. Damit verpasst man eine Chance, die Krankheit frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Und à propos Cortison: Da haben wir immer noch das Problem, dass Frauen anders auf viele Medikamente reagieren als Männer und das nicht berücksichtigt wird. Cortison zum Beispiel wird von Frauen viel schneller verstoffwechselt. Das heißt, wir haben Über- und Unterdosierungen durch nicht adäquat auf Frauen abgestimmte Medikamente. Das ist ein Skandal!

Was raten Sie also Frauen mit einer Autoimmunerkrankung?
Jede Frau sollte sich die innere Offenheit erhalten, dass die Krankheit auch anders verlaufen kann, als die Statistik sagt. Die große psychische Komponente dabei ist ja auch eine Chance: Wir können über die Psyche auch den Körper verändern. Denn unser Muskelapparat ist ganz eng mit der Psyche verbunden, genauso wie das hormonelle Gleichgewicht und das Immunsystem. Wir Ärztinnen und Ärzte müssen aber auch schauen: Welche Form der Unterstützung braucht eine Frau? Denn jede Therapie muss im Grunde individuell sein und erfordert eigentlich mehr gezielte Unterstützung. Ich finde es wichtig, nicht nur über „Heilung“ zu sprechen, sondern gemeinsam zu überlegen: Was muss ich in meinem Leben verändern, damit ich die Krankheit vielleicht nicht heile, aber damit ich sie besser ertrage? Dann kann ich mit einer Autoimmunerkrankung anders umgehen, als komplett zu verzweifeln.

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