In der aktuellen EMMA

Yasmin Fahimi: Führt an!

Foto: Fabian Sommer/picture alliance
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Mit Anfang zwanzig lernte Yasmin Fahimi als Studentin eine Lektion fürs Leben. In der Schule hatte sich die Tochter eines Chemikers schon immer leidenschaftlich für Chemie interessiert. Doch der Lehrer im Chemie-Leistungskurs im Gymnasium von Isernhagen bei Hannover riet dem gesamten Kurs von einem Chemie-Studium ab, „weil es das schwierigste Studium sei, das es gibt. Wenn überhaupt, könnten das nur zwei in der Klasse“, erzählt Fahimi. „Und dann hat er auf seine beiden Lieblingsjungs gezeigt.“

Das talentierte Mädchen probiert es also zunächst mit Elektrotechnik, Jura und Soziologie. Stellt dann aber fest, dass „mich so richtig nur die Grundlagenvorlesungen bei anorganischer Chemie begeistert haben“. Heute ist Yasmin Fahimi Diplom-Chemikerin. Und seit dem 9. Mai 2022 die Vorsitzende des mächtigen Deutschen Gewerkschaftsbundes – als erste Frau nach elf Männern. Ihr Weg hängt auch mit der Pointe dieser Geschichte zusammen: Die Ausgebremste erfuhr später, dass der Chemie-Lehrer selbst das Studium abgebrochen hatte. „Ich wurde also von dem, was ich gut konnte, von einem Mann abgehalten, der selbst daran gescheitert war“, erzählt Fahimi. „Da lernt man dann tatsächlich fürs Leben.“ Seither hat sich die 54-Jährige von nichts mehr abhalten lassen.

Die junge Fahimi engagierte sich auch politisch, bei der SPD. Sie wurde 1986 Mitglied der SPD und aktive Juso, nach dem Studium 16 Jahre lang Gewerkschaftssekretärin bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, dann 2014 SPDGeneralsekretärin und 2016 schließlich Staatssekretärin im Arbeitsministerium von Andrea Nahles. Als DGB-Vorsitzende soll sie nun dem unter chronischem Mitgliederschwund leidenden Gewerkschaftsbund auch mehr Frauen bescheren. In zwei der acht Mitgliedsgewerkschaften, bei Ver.di und der GEW, sind die Frauen zwar inzwischen in der Mehrheit, aber insgesamt ist im DGB nur jedeR dritte KollegIn weiblich.

„Dass wir Frauen schwerer erreichen als Männer, liegt natürlich auch daran, dass sie sehr viel häufiger in Teilzeit oder Minijobs beschäftigt sind und das auch noch in Branchen, die oftmals viel kleinteiliger sind“, erklärt Fahimi beim Zoom-Gespräch aus ihrem Berliner Büro. Fahimi will deshalb „Minijobs zurückdrängen und die sachgrundlose Befristung von befristeten Arbeitsverträgen abschaffen“. Und dann ist da noch etwas: „Solange wir die Gewalt gegen Frauen nicht beenden, werden wir nicht sicherstellen können, dass es ein selbstbestimmtes Arbeitsleben der Frauen gibt.“

Die Wissenschaftlerin Fahimi formuliert ein bisschen formeller, als man es von einer Gewerkschafterin erwartet, aber dafür ist ihre Stimme so tief und ihr Auftritt so gestanden, dass man sich sehr gut vorstellen kann, dass der Männerbund DGB Respekt vor dieser Frau hat.

„Ich bin sicher sehr geprägt von einer besonderen Familienkonstellation“, sagt Yasmin Fahimi. Ihr Vater, ein Iraner, der in Deutschland Chemie studiert hatte, starb 1967 im Iran bei einem Autounfall. Fahimis deutsche Mutter war gerade mit ihr schwanger. Nach dem Tod ihres Ehemannes ging sie zurück nach Deutschland und musste allein für das Baby und den vierjährigen Sohn sorgen. Die Familie lebte „in einfachen Verhältnissen, aber meine Mutter hat sich durchgeschlagen“. Die Kauffrau wird später das Fachabitur nachholen und Sozialpädagogin werden.

Das Thema Flucht prägt beide Seiten der Familie: Die deutsche Großmutter floh 1945 mit ihren beiden Töchtern aus Ostpreußen übers Eis ins Emsland, die iranische Familie flieht 1979 „vor der sogenannten Revolution,“ sagt Fahimi. „Und mittendrin wird man dann einfach selbstverständlich groß und versucht, seine Interessen und Leidenschaften zu entdecken. Was mich in der Schule gerettet hat, war, dass mir Dinge leicht gefallen sind, die logisch waren.“ Da sieht sie einen Zusammenhang zwischen Chemie und Politik: „Ich wollte verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber auch, was sie aus den Angeln heben kann.“ Ob Yasmin Fahimi den DGB aus den Angeln heben wird, ist abzuwarten. Verändert hat sie ihn schon jetzt.

CHANTAL LOUIS

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