Stern: Gegenwind für Schwarzer
Alice Schwarzers Thesen sind umstritten. Im Vorlauf ihrer Lesung zum Frauentag im Deutschen Schauspielhaus Hamburg wurde sie für transfeindliche und rassistische Aussagen kritisiert.
„Alice halt dein Maul!“, schreien circa 200 Menschen vor dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg. So richtig willkommen ist Alice Schwarzer also nicht, an diesem Sonntagabend, achter März, dem internationalen Frauentag. Sie soll aus ihrem neuen Buch „Feminismus pur. 99 Worte“ lesen, doch die Menge vor dem Theater will am liebsten kein einziges Wort von der 83-jährigen Feminismus-Ikone hören. Demonstrierende schwenken Regenbogenfahnen, sie werfen Schwarzer Transfeindlichkeit und Rassismus vor. Und der Intendanz des Schauspielhauses, dass sie diesen Ansichten wortwörtlich eine Bühne bietet.
Schon Tage zuvor sorgte die geplante Lesung für Aufruhr. Zwei offene Briefe wurden verfasst. Einer vom Magnus Hirschfeld Centrum Hamburg. Die Veranstaltung sei ein „fatales Signal und ein gravierender Fehler“, hieß es darin. In einem anderen forderten über 300 Theaterschaffende die Absage der Lesung. Alice Schwarzer kämpfe seit Jahren gegen Selbstbestimmung, von Trans-Menschen und Sexarbeiter*innen, hieß es hier. Außerdem werden ihr rassistische Aussagen vorgeworfen. Das Schauspielhaus ließ die Lesung trotzdem stattfinden, mit der Begründung: „Alice Schwarzer den Mund zu verbieten und ihr keine Möglichkeit zugeben, ihre Sicht der Dinge offen zu diskutieren, tragen wir nicht mit“.
Schwarzer ist gut gelaunt, sie wird überschwänglich empfangen
Das hat zur Folge, dass sich das Publikum an diesem Abend seinen Weg durch Demonstrierende, Polizei und einige „Alice halt dein Maul“-Tiraden bahnen muss, um zum Malersaal des Schauspielhauses zu gelangen. Ist das geschafft, wartet man im unterirdischen Foyer mit Waschbetonwänden zwischen Frauen mittleren Alters auf den Beginn der Lesung. An einem Stand gibt es die EMMA, Alice Schwarzers Zeitschrift, nebst einigen ihrer Bücher zu kaufen. Weißwein ist das dominierende Getränk des Abends. Im Saal sind fast alle Stühle besetzt, auch wenn das nicht so bleiben wird.
Alice Schwarzer kommt in einem ihrem Alter angemessenen Tempo, also langsam, auf die Bühne. Sie trägt ein schwarzes Kleid, den klassischen Schwarzer-Bob mit Pony und wirkt gut gelaunt. Das mag daran liegen, dass sie dass sie besonders überschwänglich empfangen wird. Es ist kein verhaltenes Klatschen, mit dem das Publikum sein Idol begrüßt, es ist ein enthusiastisches, bei dem die Hände ein Stück höher gehalten werden als gewöhnlich. Man merkt, wie sich die ein oder andere gerade noch eine Standing Ovation verkneifen kann, es zuckt in den Beinen.
Schwarzer bereitet auf den Abend vor: Erst Lesung, dann mehr Lesung mit Schauspielerin Nina Gummich, dann Fragerunde. Dass das nicht so reibungslos ablaufen wird, muss Schwarzer klar gewesen sein, als sie die200 Demonstrierenden vor dem Gebäude sah. Doch sie ist eine unverbesserliche Optimistin, wie sie später noch erklären wird und kündigt fröhlich an: „Das geht 45 Minuten und dann gehen wir nach Hause“. Na mal sehen.
Sie beginnt zu lesen. Auf 99 Seiten hat sie 99 Begriffe definiert, die den Feminismus ihrer Meinung nach prägen. Schwarzer startet, wie sollte es anders sein, kontrovers. Sie spricht darüber, wie sie damals, in den 70ern, das Wort „frau“ statt des Pronomens „man“ verwendet habe, natürlich komplett ironisch. Frau tut, was frau kann. Inzwischen komme sie bei der genderneutralen Sprache aber nicht mehr mit. Was genau sei zum Beispiel ein ProfessX? Während sich Schwarzer das noch fragt, wird klar, dass sie nicht nur Fans im Saal hat. „Was ist denn Ihr Problem mit Diversität?“, ruft es aus der letzten Reihe. Ein Raunen geht durch den Saal. Schwarzer liest weiter, noch unbeirrt, beschwert sich über die Verkomplizierung der Sprache. „Das ist wissenschaftlich belegt“, ruft es aus der letzten Reihe. „Halt die Fresse!“, schreit ein Schwarzer-Fan nach hinten. Einige andere beginnen zu Buhen. Schwarzer bleibt entspannt: „Lasst uns das doch später in der Fragerunde machen“, sagt sie.
Den Themenblock „Essstörung“ bringt sie ohne Unterbrechungen über die Bühne. Auch das Thema Autofahren scheint recht unkontrovers. Ganz im Gegensatz zu einem von Schwarzers Hauptthemen: Prostitution. Sie betont das Wort wie eine nette Großmutter, die ankündigt, dass es jetzt Kuchen gibt. Langsam und gemütlich, beim Ausatmen. Sie spricht darüber, dass jeder vierte Mann ein Freier sei, es beim Sexkauf um Macht ginge. „Das ist einfach Quatsch“, Zwischenruf aus der letzten Reihe. „Halt die Fresse“, kommt vom Schwarzer-Fan.
Zwei Personen stürmen auf die Bühne, vielleicht ein Schaf, vielleicht ein Hund
Dann geht alles ganz schnell: Eine Tür im Bühnenbereich geht auf und zwei Personen stürmen herein. Die eine trägt einen flauschigen Overall, vielleicht ein Schaf, vielleicht ein Hund, und schwenkt eine Flagge mit den Transfarben rosa und hellblau. Der Reißverschluss des Overalls ist ein Stück geöffnet und auf der nackten Brust sieht man die Narben einer Brustabnahme, wie sie oft bei Transmännern vorkommen. Die andere Person trägt eine lange Perücke in hellblau und rosa und einen engen Overall mit Fischschuppenprint. Die beiden rennen im Kreis, um den Theatermitarbeitern zu entkommen, die probieren sie von Schwarzer abzuschirmen. Sie rufen Parolen, die im Trubel nicht zu verstehen sind.
Schwarzer sitzt seelenruhig auf ihrem Stuhl, neben ihr ein Personenschützer, und guckt ein bisschen, als würde sie das alles nichts angehen. Inzwischen haben die Störenden ein Banner entrollt, das im selben Moment von einer Theatermitarbeiterin entfernt wird. Statt ihrer eigentlichen Parolen schreien sie jetzt nur noch: „Wir sind friedlich!“, was die Mitarbeiter des Theaters nicht wirklich zu überzeugen scheint. Auch in der hintersten Sitzreihe spitzt sich die Lage zu: Eine Aktivistin und ein Schwarzer-Fan schreien sich so sehr an, dass eine dritte Person dazwischen gehen muss.
Nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist und die Demonstrierenden den Saalverlassen haben, beendet Schwarzer ihr Kapitel über Prostitution, doch schon beim nächsten Reizpunkt („Krieg und Frieden“) stehen zwei Personen aus dem Publikum auf und schwenken Fahnen. „Spannend, dass das alles Männer sind“, bemerkt Schwarzer, was für Empörung auf der Gegenseite sorgt. „Woher weißt du, dass das Männer sind?“, schaltet sich die letzte Reihe ein. „Klar, ihr habt als Männer jedes Recht, eine Frauenveranstaltung zu stören, indem ihr einfach sagt, ihr seid non-binär!“, ruft Schwarzer. Mehr Empörung auf der Gegenseite. Die Störenden verlassen, den Saal. Weiter geht’s.
Die letzte Reihe rüstet sich mit FFP2-Masken, um unerkannt stören zu können
Während Schwarzer eine Anekdote über ihren Großvater, einem Vorzeigemann, erzählt, kann man beobachten, wie sich die letzte Reihe nun selbst mit FFP2-Masken rüstet, um unerkannt stören zu können. Die nächste Aktion lässt demnach nicht lange auf sich warten. Selbes Spiel wie davor: Parolen, Banner, schreie aus dem Publikum. Eine Zuschauerin hat eine Trillerpfeife in ihrer Handtasche gefunden und probiert, die Demonstrierenden zu übertönen, was sie, zum Leid aller, auch schafft. Der Saal ist ein einziger Tinnitus. Die Demonstrierenden werden rausbegleitet, es wird leerer.
Die Schauspielerin Nina Gummich leistet Schwarzer nun Gesellschaft. Sie spielte die junge Schwarzer im Biopic „Alice“ (2022), was den Eindruck vermittelt, dass Schwarzer sie eingeladen hat, um einfach mal ein bisschen mit sich selbst zu plaudern. Gummich liest einige Kapitel, danach machen sich die beiden noch ein wenig über die Kritik an der Lesung und an Schwarzers Person lustig.
Nach der Fragerunde, die davon dominiert wird, dass sich zwei der wenigen Männer an Schwarzers Kritik zur Prostitution abarbeiten, kommt Schwarzer vollends ins Plaudern. Nun ist sie von einer normalen, politisch nicht ganz korrekten Großmutter nicht mehr zu unterscheiden. Nach zwei Stunden, anstatt der geplanten 45 Minuten, fasert die Lesung aus. Und zwar einer wirren Mischung aus Geschichten von früher („Die Männer standen Schlange bei mir“), und Kritik an der Ukraine-Unterstützung („Der Westen muss aufhören der Ukraine einzureden, dass dieses kleine Land die Atommacht Russland besiegen kann“). Der Spendenaufruf für die Ukraine-Hilfe, der auf die Rückseite der Eintrittskarte des Schauspielhauses gedruckt ist, dürfte an diesem Abend wohl nicht sehr erfolgreich gewesen sein.
Stern, 9.3.2026

