Das Netz ist ihr letzter Freiraum

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Die Männer des „Ministeriums für Intelligenz“, die Maryam Mirza und Farnaz Seifi verhörten, stellten immer wieder die gleiche Frage: „Wo ist euer Büro?“ Und die beiden jungen Frauen gaben immer wieder die gleiche Antwort: „Es gibt keins!“ Die Verhörer konnten es nicht glauben. Aber es stimmte. „Unser Büro war in den Cafés, in denen wir uns getroffen haben“, erzählt Maryam und kichert.

Damals, als die Gründerinnen des ersten iranischen Online-Magazins für Frauen mit verbundenen Augen und dem Gesicht zur Wand im Ministerium saßen und nicht wussten, was als nächstes geschehen würde, hatten sie große Angst, die sie so gut es ging verbargen. Heute, fünf Jahre später in einem Bonner Café, ist die Vorstellung, dass Ahmadinedschads Schergen keinen Schimmer hatten, wie schnell und dezentral ihr neues Medium funktionierte, für die beiden iranischen Netz-Pionierinnen durchaus amüsant.

In den Bistros diskutierten Farnaz, Maryam und ihre Mitstreiterinnen, was das nächste Schwerpunktthema ihres 14-tägig erscheinenden Magazins sein sollte, das sie am 8. März 2005 gegründet und Her Land (Ihr Land) genannt hatten. Zum Beispiel: Zwangsheirat. Den Rest der Arbeit erledigten die Redaktionsmitglieder zu Hause an ihren Computern oder in einem der 4000 Teheraner Internet-Cafés. Das alles taten sie neben ihrem Studium, ehrenamtlich – aber hochprofessionell. „Deshalb dachten die, wir hätten einen großen Geldgeber im Hintergrund.“ Aber den gab es ebenso wenig wie die Büroräume. „Damals hatten sie noch keine wirkliche Ahnung vom ­Internet“, sagt Farnaz Seifi.

Das hat sich gründlich geändert. Heute hat das iranische Mullah-Regime nicht nur spezielle Gesetze gegen so genannte „Cyber-Verbrechen“, sondern sogar eine „Cyber Army“: eine spezialisierte Abteilung, die gezielt oppositionelle Websites und Blogs hackt, sperrt und deren VerfasserInnen aufspüren soll. Ahmadinedschad und sein Wächterrat wissen, warum: Im Netz tobt Widerstand gegen das fundamentalistische und frauenfeindliche Regime. Und das nicht erst seit der „grünen Revolution“, die nach dem Wahlbetrug Ahmedinedschads im Juni 2009 ausbrach und als „Twitter-Revolution“ in die Medien­geschichte einging.

„Die Zahl der Internetnutzer in Iran stieg von einer Million im Jahr 2001 auf 23 Millionen im Jahr 2008, also fast ein Drittel der Bevölkerung. Das ist im Mittleren Osten beispiellos“, sagt Yalda Zarbakhch. Die iranisch-deutsche Medienwissenschaftlerin hat die Bedeutung der Sozialen Medien für die traditionell gebildete iranische Zivilgesellschaft untersucht und dazu iranische Blogs, Tweets und Facebook-Aktivitäten beobachtet und mit iranischen BloggerInnen gesprochen. 60000 bis 80000 registrierte Blogs gibt es heute in Iran, und in dem Land mit der stärksten Frauenbewegung der Region und 65 Prozent weiblichen Studenten an den Universitäten ist es kaum erstaunlich, dass mehr als ein Drittel der Webtagebücher von Frauen verfasst wird. „Einige der bekanntesten und meistgelesenen Blogger in Iran sind Frauen“, weiß Yalda Zarbakhch.

Eine davon ist Farnaz Seifi. Vielmehr sie war es, bevor ihr Blog gesperrt wurde und sie das Land verlassen musste. „In meinem Blog ging es um die Diskriminierung von Frauen in der iranischen Gesellschaft“, erzählt die 28-Jährige, die heute für die Deutsche Welle arbeitet. 30000 LeserInnen hatte sie pro Tag, entschieden zu viele für die „Cyber Army“. 32 Mal bestellten sie die Web-Aktivistin zum Verhör. „Einmal kamen sie mit einer ganzen Truppe und riegelten sämtliche Etagen ab, als ob sie einen Terroristen verhaften wollten“, erzählt Farnaz Seifi.

Ihr Vater bekam nach diesem „Besuch“ einen Herzinfarkt. Er, der seinem Sohn, Farnaz’ Bruder, stets erklärt hatte, dass „dies eine von Männern beherrschte Gesellschaft ist und deine Schwester deshalb etwas mehr Unterstützung braucht als du“. Und der den Cyber-Soldaten, die seiner Tochter die „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ vorwarfen, entgegenschleuderte: „Irgendwas läuft falsch mit eurer nationalen Sicherheit, wenn ein Mädchen sie mit einem Blog bedrohen kann!“

Immer enger zog sich der Ring zusammen: „Sie haben mein Telefon abgehört, mein Facebook-Passwort gehackt und mein ganzes Leben kontrolliert.“ Als die Studentin der Medienwissenschaften trotz guter Noten ihr Examen nicht machen durfte, ging sie 2007 zunächst in die Niederlande und dann, mit ihrem Abschluss in der Tasche, nach Deutschland.

Hier bloggt sie wieder, aber jetzt sicherheitshalber nicht mehr unter ihrem echten Namen. Und klärt, gemeinsam mit Maryam Mirza, über die Kanäle der Deutschen Welle iranische WebaktivistInnen darüber auf, wie sie sich sicher im Netz bewegen können. „Viele kennen die einfachsten ­Sicherheitsstandards nicht“, klagt Maryam. Auch Software, die die Zensur umgeht, indem sie zum Beispiel suggeriert, die staatsgefährdende Website würde aus dem Ausland angewählt, machen die beiden in einschlägigen Kreisen bekannt. „Eigentlich würde ich mich für die technischen Fragen gar nicht interessieren“, sagt Farnaz, „aber wenn du dich sicher im Netz bewegen willst, hast du ja nicht wirklich eine Wahl. Dann musst du sie beherrschen.“

16 Mal wurde die Her Land-Website von den Behörden blockiert – und 16 Mal ­umgingen sie die Sperre der Internet-Adresse, indem sie die URL geringfügig veränderten. Aus Herland.com wurde Herland.org oder Herland-Magazine.com. „Es war wie die Hase-und-Igel-Geschichte“, lacht Maryam Mirza.

Dann erließ Ahmadinedschad, zwei Jahre nachdem er 2005 mit seiner Amtsübernahme alle Hoffnungen auf Reformen in der Islamischen Republik zunichte gemacht hatte, das neue Gesetz gegen „Internet-Verbrechen“: Wer „Propaganda gegen das Regime veröffentlicht, die nationale Sicherheit gefährdet, die öffentliche Ordnung stört und religiöse Empfindungen verletzt und dafür Computer oder Telekommunikation verwendet, wird bestraft“, lautete die Direktive, die viele BloggerInnen in die Anonymität trieb.

Die Her Land-Redaktion wurde gar mit einem eigenen Gerichtsurteil mundtot gemacht. Es verbot iranischen Providern, dem feministischen Online-Magazin Webspace zur Verfügung zu stellen. Damit hatte in diesem Fall der Hase gewonnen: Die Seite ist inzwischen endgültig geschlossen, ihre Macherinnen wie so viele iranische Aktivistinnen im Exil, verhaftet oder verstummt.

Schon zuvor hatte das Regime versucht, die Frauen, die gegen ihre Entrechtung durch die „Islamische Revolution“ 1979 kämpften, aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. „Unter Ahmadinedschad wurde Zeitungen zunächst verboten, das Wort Feminismus in Überschriften zu verwenden. Dann wurden Interviews mit Frauenrechtlerinnen verboten, und schließlich durften nicht einmal mehr ihre Namen erwähnt werden“, erzählt Farnaz Seifi. „Deshalb waren es Feministinnen, die das Internet mit als erste als Medium entdeckt und benutzt haben. Zunächst haben die Männer angefangen, aber die Frauen zogen ganz schnell nach.“

Ein Jahrzehnt später sind weibliche Aktivisten, die via Blog oder Facebook für Menschenrechte kämpfen, aus dem World Wide Web nicht mehr wegzudenken. Nicht nur in Iran, sondern in aller Welt. Wer einen Blick in die Gewinner-Liste der renommierten „Best of Blogs“-Awards (BOBs) wirft, die die Deutsche Welle seit 2004 jährlich vergibt, findet eine Menge mutige Frauen.

Frauen wie Lina Ben Mhenni, die mit ihrem Blog A tunisian girl (atunisiangirl. blogspot.com) als eine „Schlüsselfigur der tunesischen Revolution“ gilt und jüngst den Preis für das beste Blog 2011 gewann. Die 27-jährige Lingustik-Dozentin berichtete über die Aufstände, stellte fast stündlich neue Fotos und Videos von Toten und Verletzten ins Netz und wurde, da sie auch in die abgeriegelten Städte Sidi Boussid und Kasserine reiste, rasch zur bedeutenden Nachrichtenquelle für die BBC und andere internationale Medien.

Im Jahr 2007 hatte Ben Mhenni nach einem Studienaufenthalt in die USA ihr Webtagebuch begonnen, zunächst bloggte sie über Kultur und Alltagsbeobachtungen. Als ihre Einträge kritischer wurden, sperrte die Polizei ihre Seite. Aber das „tunesische Mädchen“ machte weiter, bloggte für Meinungsfreiheit und gegen Zensur. Schließlich wurden bei einem Einbruch ihr Computer und ihr Fotoapparat gestohlen. Das war im Mai 2010, ein halbes Jahr, bevor die Jasmin-Revolution losbrach und die Web-Aktivistin ihren Job nun nicht mehr an der Universität von Tunis machte, sondern auf der Straße.

Den BOBs-Sonderpreis der „Reporter ohne Grenzen“ erhielt in diesem Jahr die spanische Journalistin Judith Torrea für ihr Blog über die Machenschaften der Drogenkartelle in der mexikanischen Ciudad Juarez (juarezenla sombra.blogspot.com/), die als gefährlichste Stadt der Welt gilt – besonders für Frauen. Tausende Frauen sind in der Grenzstadt in den letzten Jahren auf mysteriöse Weise verschwunden und, wenn überhaupt, grausam zugerichtet als Leichen wieder aufgetaucht.

Im Jahr zuvor hatten die „Reporter ohne Grenzen“ das Blog Wir sind Journalisten der iranischen Journalistin und Frauenrechtlerin Zhila Bani Jaghob ausgezeichnet, 2009 wurde die iranische Website 4equality prämiert – eine der Seiten, die die „Eine Million Unterschriften“-Kampagne flankieren. Mit dieser im Mullah-Regime einmaligen Kampagne hatten Frauen (und solidarische Männer) im ganzen Land gegen die frauendiskriminierenden Gesetze aufbegehrt. „Dieser Preis kommt zur rechten Zeit“, sagte Nazli Farokhi, die die Auszeichnung stellvertretend entgegennahm. „Nach vier Jahren, in denen das Blog immer wieder gesperrt wurde, waren wir müde geworden. Dieser Weblog-Award gibt uns neuen Mut und Elan.“

Die Liste der mutigen Bloggerinnen ist lang und reicht von der Kubanerin Yoani Sanchez bis zur Weissrussin Xenia Awimova.

Die BOBs-Awards zeigen, „wie intensiv sich Blogger gerade in Ländern mit eingeschränkter Medien- und Meinungsfreiheit mit dem Thema Menschenrechte befassen“, erklärte der Programmdirektor der Deutschen Welle, Christian Gramsch. Und da Frauen in diesen Ländern meist noch weniger Rechte haben als Männer, sind diese Blogger eben oft Bloggerinnen.

„Ich führe ein Weblog, damit ich in dieser stickigen Luft überhaupt atmen kann. In einer Gesellschaft, in der man zur Schlachtbank der Geschichte geführt wird, nur weil man das Verbrechen begeht nachzudenken, schreibe ich, damit mich meine Verzweiflung nicht überwältigt. So habe ich das Gefühl, dass mein Ruf nach Gerechtigkeit gehört werden darf. Ich schreibe ein Weblog, damit ich schreien, weinen und lachen kann, all die Dinge tun kann, die man mir in Iran genommen hat“, schrieb „Lady Lolivashe“ in ihrem Blog. Das Lady-Blog gehört zu den Webtagebüchern, die Nasrin Alavi in ihrem Buch „Wir sind der Iran“ zitiert, der ersten Bestandsaufnahme der so aktiven iranischen Blogosphäre aus dem Jahr 2004. „Manche von euch erinnern sich vielleicht noch an den Beginn der Revolution, aber für all jene, die noch nicht alt genug sind: Bis 1979 mussten Frauen sich nicht verschleiern“, erklärt „Shima“ ihren zwangsverhüllten Geschlechtsgenossinnen. „Die Frauen meiner Generation werden nie vergessen, wie ihre Lehrer fest an den winzigen Haarsträhnen zogen, die sich irgendwie aus dem Schleier verirrt hatten, um ihnen eine Lektion zu erteilen“, klagt eine andere.

„Die Blogs der Frauen werden auch deshalb so gern gelesen, weil sie über ihren Alltag schreiben“, erklärt Medienwissenschaftlerin Yalda Zarbakhch. Während männliche Blogger öfter klassisch politisierten, machten weibliche Blogger öfter ihre persönlichen Erfahrungen zum Thema. „Die Anonymität des Internets gibt ihnen auch die Möglichkeit, über ihren Körper und ihre Sexualität zu schreiben“, berichtet Maryam Mirza. Themen, die in der offiziellen iranischen Presse niemals stattfinden.

Die 30-Jährige, die von ihrer streng ­religiösen Familie im Tschador auf eine Koranschule geschickt worden war, fand erst im Internet Antworten auf viele ihrer Fragen. Eine davon lautete: Warum haben Frauen so wenig Rechte? „In den Blogs habe ich gesehen, dass ich nicht die einzige bin, die für mehr Rechte kämpfen will. Und ich habe mich endlich nicht mehr schuldig gefühlt.“

Die so genannte „Twitter-“ oder „Facebook-Revolution“ kam später. Als nach dem ­gigantischen Wahlbetrug Zehntausende IranerInnen auf die Straße gingen, sich über Twitter und Facebook blitzschnell über Zeit und Ort verständigten, als sie mit ihren Handys die protestierenden Massen filmten und ins Netz stellten und damit ihren Präsidenten Lügen straften, der beschwichtigend „von ein paar Protestlern“ sprach. Und als zum ersten Mal „user generated content“, von Internet-NutzerInnen produzierte Inhalte wie Handy-Filme, ihren Weg in die Nachrichtensendungen der Welt fanden.

Als dieser mediale Quantensprung passierte, war Yalda Zarbakhch dabei. Weil sie die Rolle der Sozialen Medien bei den iranischen Wahlen untersuchen wollte, war sie von Köln nach Teheran gereist – und fand sich plötzlich mitten im größten Aufruhr, den die Islamische Republik seit ihrer Gründung erlebt hatte. Sie erlebte, wie die Regierung am Tag nach der Wahl, während sich die Demonstrationen formierten, auf der Stelle das Handynetz abschaltete. Und wie das nicht immer etwas nützte. „Die Leute haben mit ihren Handys Bilder gemacht, sind in das nächste Internet-Café gegangen und haben die Dateien hochgeladen“, erzählt die Medienwissenschaftlerin. Trotzdem, sagt sie, lägen diejenigen falsch, die behaupten, ohne das Netz hätte es die Revolution gar nicht ­gegeben. „Es ist natürlich zu einfach, die ­Erklärung für die Gründe einer Revolution bei Twitter oder Facebook zu suchen. Die sind immer politischer und sozialer Natur. Das Wort Twitter-Revolution wird in Iran überhaupt nicht verwendet.“

Meist ist eben beides nötig: das Netz und die Straße. „Natürlich war bei unserer „Eine-Million-Unterschriften-Kampagne unsere Website ein wichtiges Medium“, erklärt Farnaz Seifi. „Aber die Hauptsache an der Kampagne waren ja nicht die Unterschriften, sondern die Diskussionen über unsere Forderungen“. Und die führten die vielen AktivistInnen der Kampagne vor allem auf der Straße. Sie verteilten ihre kleinen Broschüren, in denen die diskriminierende Gesetzeslage knapp und einfach erklärt wurde, in Bussen. Sie verwickelten Taxifahrer in Gespräche über ihre Töchter. Sie erreichten viele Menschen, die sie über das Netz nicht erreicht hätten. „Aber die viele Unterstützung aus dem Ausland und die Preise für die Kampagne, die hätten wir ohne das Netz natürlich nie bekommen.“

Heute leben Farnaz Seifi und Maryam Mirza selbst im Ausland. Und das Netz ist jetzt eine unverzichtbare Brücke zu Freunden und Familie geworden. Erst gestern Nacht hat Maryam, die nach dem Wahltag, der Ahmadinedschads Sieg brachte, von einer Konferenz in Berlin nicht mehr in ihr Land zurückkehrte, mit Freunden gechattet. „Sie tranken ihren Tee, ich ein Bier“, erzählt die Exilantin. „Und es ist irgendwie kurios. Früher konnten wir uns nie bei jemandem treffen, ohne dass wir Angst haben mussten, dass gleich die Polizei vor der Tür steht. Heute leben wir auf Facebook zusammen.“  

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Iran: Der Widerstand ist weiblich (1/10)
Der Aufstand der Musliminnen (4/03)
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