Zwangs-Ehe: Ein Oscar für „Mustang“?

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Fünf Schwestern in einem türkischen Dorf am Schwarzen Meer. Es ist Ferienbeginn, ausgelassen toben die Mädchen mit ein paar Jungen im Wasser. „Und plötzlich verwandelte sich unser Haus in eine Ehefrauen-Fabrik“, erinnert sich Lale, die jüngste und renitenteste Schwester, die uns die Geschichte im Rückblick aus dem Off erzählt. Die Geschichte handelt von Jungfräulichkeitstests, arrangierten Ehen, einem Selbstmord – und von der unbändigen Lebenslust und Kraft der Schwestern, von denen es dreien gelingt, sich nicht brechen lassen. 

Das Zuhause der Schwestern wird zur Ehefrauen-Fabrik

Lale ist das Alter Ego von Regisseurin Deniz Gamze Ergüven. Die in der Türkei geborene Diplomatentochter wuchs zwischen Ankara und Paris auf. „Mustang“, der ab dem 3. März deutschlandweit in den Kinos läuft, ist ihr erster Spielfilm. Es ist sicher kein Zufall, dass Frankreich - angesichts der tobenden Debatten um Parallelgesellschaften in den Banlieues - genau diesen Film als seinen Beitrag für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert hat. Ob er gewinnt? Sonntagnacht wissen wir mehr.

Terre des Femmes hat – passend zum zentralen Thema von „Mustang“ – außerdem soeben eine Petition an Justizministerin Heiko Maas gestartet: „Frühehen stoppen – Bildung statt Heirat!“ Jeden Tag werden 39.000 Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, eins von neun dieser Mädchen ist bei der Hochzeit nicht einmal 15 Jahre alt, beklagt der UN-Bevölkerungsfonds in seinem Report „Marrying too young – end child marriage!“. Die meisten von ihnen dürfen nicht mehr zur Schule gehen und sterben fünfmal häufiger bei Geburten als ältere Frauen. Tod durch Schwangerschaft ist laut UN für Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren Todesursache Nummer 1.

Mädchen auch in Deutschland von Zwangsheirat betroffen

Aber: „Auch wenn Frühehen vor allem in Ländern des globalen Südens vorkommen, sind auch in Deutschland Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund von dieser Menschenrechtsverletzung betroffen“, erklärt Terre des Femmes. Rund 3.500 Mädchen suchen jährlich bei Beratungsstellen Schutz vor Zwangsverheiratung. Zu den Entwicklungszielen der UN gehört es, die Frühehen bis 2030 abzuschaffen. Auch Deutschland hat sich dazu verpflichtet. „Terre des Femmes fordert daher die Bundesregierung auf, es Schweden und der Schweiz gleichzutun und das gesetzliche Mindestheiratsalter auf 18 Jahre ohne Ausnahme festzulegen.“

Zur Petition

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Heldin der Bräute

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Auf den ersten Blick kann man kaum glauben, dass Nujood Mohammed Ali die bekannteste geschiedene Frau in Jemen ist. Sie ist schmächtig und lächelt schüchtern mit ihren kaffeebraunen Augen. Fragt man sie, was sie zum Lachen bringt, sagt sie: "Tom und Jerry-Cartoons." Und was noch? "Meine Scheidung."

Auch nach allem, was sie erlebt hat, ist Nujood ein Mädchen von zehn Jahren, das am liebsten mit seiner Schwester Haifa Puppen spielt. Dennoch wurde Nujood Jemens erste Kinderbraut, die es geschafft hat, dass ihre Ehe von einem Gericht legal beendet wurde. "Ich wollte mich schützen", sagt sie. "Und andere Mädchen, denen es genauso ging wie mir."

In Jemen gibt es zahllose Kinderbräute. Etwa die Hälfte aller Mädchen werden unter 18 Jahren verheiratet, die jüngsten von ihnen sind gerade mal acht Jahre alt. Nujoods 18-jährige Nachbarin zum Beispiel wurde mit 13 Jahren verheiratet und hat mittlerweile vier Kinder. Als eines von ihnen anfängt zu weinen, schlägt sie nach ihm. "Sie haben mich verheiratet, als ich noch sehr jung war", erklärt sie. "Ich habe keine Zeit, eine nette Mutter zu sein." Kinderheirat, wie es sie auch in Südasien, Zentralafrika und im Orient gibt, ist nicht nur gefährlich für die Bräute, sondern auch für deren Kinder.

Vor ihrer Zwangsheirat ging Nujood gern in die Schule – vor allem Mathematik und die Koranstunde mochte sie sehr. Sie hatte ihrem Vater das Versprechen abgenommen, sie nicht aus der Schule zu nehmen, um sie zu verheiraten. Doch als sie neun wurde, hatten ihre Eltern trotzdem einen Ehemann für sie ausgesucht. Zuerst wurde Nujoods Entsetzen von den vielen Hochzeitsgeschenken übertüncht: Parfüm, zwei Haarbürsten und zwei Hijabs. Ihr Bräutigam, ein 30-jähriger Postbote, gab ihr einen 20 Dollar-Ring. Den wollte er ziemlich bald wiederhaben, um sich Kleidung zu kaufen.

Während sie ihre Geschichte erzählt, sitzt Nujood auf einer schmuddeligen Matratze in einem der zwei Zimmer, die sich die neunköpfige Familie teilen. Es ist schon fast Mitternacht, aber Nujoods Schwester Haifa, neun Jahre alt, verkauft noch Kaugummi in den Straßen von Sanaa, der Hauptstadt von Jemen. Vater Ali Mohammad Ahdal hat früher als Straßenkehrer gearbeitet. Heute hat er 16 Kinder, zwei Ehefrauen und keinen Job.

Ein typischer Jemeniter verdient gerade mal 900 Dollar im Jahr. Seine Töchter zu verheiraten heißt für viele Väter: zumindest ein Maul weniger zu stopfen. Außerdem geht es auch darum, die Ehre der Familie zu schützen. So wurde eine von Nujoods Schwestern vergewaltigt, eine andere verschleppt. Als ihr Vater hörte, dass der Entführer auch ein Auge auf Nujood geworfen hatte, dachte er, dass eine Heirat sie schützen würde. Das Gegenteil war der Fall.

Nujood wurde von ihren Schwiegereltern geschlagen, und die Nächte bestanden aus einem höllischen Fangenspiel: Die Neunjährige rannte von Zimmer zu Zimmer, um ihrem Ehemann zu entkommen. Er vergewaltigte sie trotzdem.

Sie flehte bei ihrer Familie um Hilfe. "Ich war traurig und wütend", sagt ihre Mutter, "aber ich fand dennoch, dass die Heirat das Richtige war." Erst Nujoods "Tante" – die andere Frau des Vaters, die als Bettlerin mit ihren fünf Kindern in dem zweiten Raum lebt – riet Nujood, vor Gericht zu gehen. Da tat Nujood etwas, was Frauen in Jemen normalerweise nicht tun: Sie verließ allein das Haus. Dann fuhr sie mit dem Bus und mit dem Taxi zum Gericht. Den ganzen Morgen wartete sie dort, bis endlich ein Richter auf sie aufmerksam wurde. "Ich will die Scheidung", sagte Nujood zu ihm.

Bald hörte auch Shada Nasser von dem verwegenen kleinen Mädchen. "Ich konnte es anfangs gar nicht glauben", sagt die Anwältin (Foto re). Sie fragte Nujood, warum sie sich scheiden lassen wolle. Die antwortete: "Ich hasse die Nächte." Nasser erklärte sich bereit, den Fall ohne Honorar zu übernehmen. Nujoods Fall ist nicht der erste, mit dem Anwältin Nasser Aufsehen erregt. Als die 44-Jährige in den 90er Jahren ihre Kanzlei eröffnete, war es die erste, die von einer Frau betrieben wurde. Sie bot Frauen, die wegen so genannter "Ehrverbrechen" im Gefängnis saßen, kostenlos ihre Hilfe an. "Jemenitische Frauen haben sehr wenig Rechte, und die kennen sie nicht."

Das jemenitische Recht erlaubt es, Mädchen in jedem Alter zu verheiraten. Sex mit ihnen ist jedoch eigentlich erst bei Geschlechtsreife gestattet. Vor Gericht argumentierte Shada Nasser, dass Nujoods Heirat gegen das Gesetz verstoße, seit Nujood von ihrem Ehemann vergewaltigt wurde. Als Nujood vom Richter gefragt wurde, ob sie ihre Ehe nicht nach einer "Pause" von drei bis fünf Jahren wieder fortführen wolle, antwortete das Mädchen kategorisch mit "Nein. Ich hasse diesen Mann und ich hasse diese Ehe. Lasst mich mein Leben weiterleben und zur Schule gehen." Eine Woche nach Nujoods Gerichtsverhandlung fällte der Richter ein historisches Urteil: Er gab der Scheidung statt. Nujoods Geschichte ging um die Welt. Und sie erreichte weitere Kinderbräute in Jemen. Drei von ihnen haben seither ebenfalls auf Scheidung geklagt.

Das amerikanische Magazin Glamour wählte die Zehnjährige zur "Frau des Jahres". Das Preisgeld geht an das Girl’s World Communication Centre in Sanaa, das Englisch- und Computerkurse für Mädchen anbietet. Denn, so die Leiterin des GWCC, Gabool al-Mutawakel: "Bildung für Mädchen ist der beste Weg, um unsere Kultur zu verändern."

Seit ihrer Scheidung findet Nujood ihr Leben "zuckersüß". Im Herbst ist sie zum ersten Mal wieder zur Schule gegangen. In ihrer nagelneuen Schuluniform, einem flaschengrünen Kleid und einem weißen Hijab. Einen Berufswunsch hat sie auch schon: Sie will Anwältin werden.

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