Neue Dimension der Verrohung

Die Schuldirektorin Silke Müller warnt vor der überbordenden Gewalt im Netz. - Foto: ZDF
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Als wir mit Ihnen sprechen wollten, ließen Sie sich noch fünf Minuten entschuldigen. Sie hatten etwas mit Ihren SchülerInnen zu klären. Was war los, Frau Müller?
Auf TikTok trendet gerade ein Video, in dem gezeigt wird, wie ein Katzenbaby in einen Mixer gesteckt wird. Die ersten unserer SchülerInnen haben es schon auf ihren Handys. Vermutlich geht es gerade in den Schulen ganz Deutschlands herum.

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Wirklich?
Leider erleben wir in unserem Schulalltag kaum eine Woche, in der nicht irgendein fürchterliches Video oder Bild die Runde macht und die Gespräche unserer SchülerInnen beherrscht. Das ist Teil der  Jugendkultur geworden. Über Plattformen wie TikTok oder Snapchat rollt eine Welle der Gewalt. Und die meisten Eltern, ja die meisten erwachsenen Menschen, haben keine Ahnung davon.

Aber Sie haben Ahnung.
Ja, die Kinder, die ich kenne, haben ungefilterten Zugang zu Kinderpornografie, Foltervideos, Videos von bestialischer Gewalt gegen Menschen und Tiere, bis hin zu gefilmten Morden. Wenn ich Eltern darauf anspreche, was wir auf den Handys ihrer Kinder gefunden haben, sind sie geschockt. „Oh Gott, das wusste ich nicht“ ist die häufigste Antwort. Wir achten darauf, dass nicht zu viel Zucker in der Ernährung ist, fahren unsere Kinder zur Sicherheit mit dem Auto umher, helikoptern. Aber das Smartphone drücken wir ihnen in die Hand, ohne mit der Wimper zu zucken.

Und da findet ein Kind einen Mord?
Es gibt viele Videos aus dem südamerikanischen Raum, in denen Morde gezeigt werden, etwa von Kartellen. TikTok zeigt diese Videos natürlich nicht direkt, sie würden rausgefiltert werden. Aber in den Kommentaren finden sich Links, die wiederum zu diesen Videos führen. Es gibt eins, in dem zwei Kinder, die in ihrem Kinderzimmer sitzen, mit einer Schrotflinte erschossen werden. Aktuell gibt es den Trend ‚TikTok live‘, wo Soldaten aus dem Ukraine-Krieg direkt von der Front posten.

Ihre Schule gilt als Musterschule für Digitalisierung. Sie ziehen trotzdem gegen Social Media zu Felde.
Das Thema „Digitalisierung“ begleitet uns seit 2009. Da kamen die ersten Laptop-Klassen, dann die Tablets. Wir waren ein recht junges Kollegium, hatten Pioniergeist. Aber bald haben wir gemerkt, dass bei aller Technikvermittlung etwas Grundsätzliches fehlt: der Aufbau einer Medienethik. Wir hatten schon Anfang der 2000er die ersten Fälle von Mobbing in WhatsApp-Gruppen. Klar, Mobbing gab es schon immer. Aber nun gibt es das 24/7 und mit einer nie zuvor dagewesenen Wucht. Und seit Instagram, Snapchat und TikTok die Smartphones der Kinder beherrschen, kommt eine neue, noch dazu eine kinderleicht zu erreichende, Dimension von Gewaltdarstellungen dazu. Ein Kollege von mir verbringt seine erste Arbeitsstunde damit, TikTok-Trends zu sichten, um uns zu warnen.

Was sichtet er?
Zum Beispiel ein Video, in dem ein Mann mit einem Skalpell kastriert wird. Auch ging ein Enthauptungsvideo aus dem Ukraine-Krieg herum. Es kursieren Videos mit Tierquälerei, etwa wie mehrere Männer mit einem Welpen Fußball spielen, bis er tot ist. Hinzu kommen all die Videos und Bilder, die deutlich Kindesmissbrauch zeigen. Dort gibt es drei Richtungen.

Welche sind das?
Einmal sind es Inhalte, die Kinder selbst erstellen, um sich zu rächen oder andere zu erpressen. Einmal wurde ein Mädchen unserer Schule beim Videocall mit einem Jungen dazu gebracht, zu masturbieren. Der Junge hat heimlich eine Bildschirmaufnahme davon gemacht, sie bei Instagram und TikTok hochgeladen und in den Klassenchat gestellt. Ich hatte Angst, dass das Mädchen Selbstmord begeht. Wir haben sie hysterisch weinend im Wald gefunden. Wir haben die Mutter angerufen, die ihr innerlich zerbrochenes Kind in den Arm nahm. Das Mädchen ist fürs Leben gezeichnet.

Und die zweite Richtung?
Das sind die kinderpornografischen Inhalte, die herumgeschickt werden. Sie werden meist nicht direkt bei TikTok gezeigt, weil sie rausgefiltert würden, aber in den Kommentaren findet sich der Link ‚hier kannst du das Video anschauen‘. Wir haben auf den Smartphones unserer Schüler Bilder gefunden, die zeigen, wie ein kleines Mädchen schwerst missbraucht, mit einem Penis in allen Körperöffnungen penetriert wird. Wir haben die Eltern einbestellt, auch sie waren geschockt. Es waren zwölf Jungs, die das weitergeschickt haben. Was uns erschüttert, ist die Empathielosigkeit. Es gab keinerlei Mitgefühl für
das namenlose Mädchen. Wo ist das Ekel- und Schamgefühl geblieben, das beim Anblick dieser Bilder Entsetzen auslösen müsste? Wo ist das Pflichtgefühl, so etwas zu melden?

Die dritte?
Das sind die Videos, in denen die Kinder selbst einen aktiven Part übernehmen. Zwölfjährige Mädels unserer sechsten Klasse, die so aussehen, als würden sie noch mit Barbiepuppen spielen, haben während des Unterrichts eine Dickpic-Challenge veranstaltet. Das Ziel war, als erste ein Bild von einem erigierten Penis zu bekommen. Dafür haben sie sich im Knuddels-Chatroom als 16-, 17-Jährige ausgegeben und Chats mit pädophilen Männern angefangen. Sex-Talks wie aus einem Hardcore-Porno sind dabei entstanden. Nach vier Minuten kam das Dickpic. Das sind Momente, in denen meine KollegInnen und ich
innerlich zusammenbrechen. Woher haben unsere kleinen Mädels, diese Kinder, die da vor uns sitzen, diese Sprache? Wo haben sie gelernt, sich so anzubieten? Was tun sie, wenn diese Männer sie mal in Natura treffen wollen?

Dabei klärt gerade Ihre Schule ja über diese Gefahren auf.
Genau! Nach all der Aufklärung, der Prävention, nach Warnungen vor genau diesen Gefahren im Netz! Warum machen Kinder so etwas zu einem Spiel? Mit dieser Dimension hatten wir alle nicht gerechnet. Bis dahin waren meine Kinder die Schäfchen und die Opfer – was sie ja letzten Endes auch sind. Es gab auch Challenges, wo sich Mädchen als Manga-Comic-Figuren verkleidet und zutiefst pornografisch und sado-masochistisch inszeniert haben. Wie können wir Erwachsene es zulassen, dass zwölfjährige Kinder solch einen Zugang zu Sexualität haben? Wann haben wir es verpasst, mit ihnen über den Wert von Intimität und über Grenzen zu reden?

Das machen aber doch nicht alle Kinder?
Es gibt noch Kinder, die haben eine gesunde Resilienz, die klicken so etwas nicht an. Aber die latente Gefahr, auf diese Inhalte zu stoßen, ist immer da, weil sie ungehindert in einer solchen Masse kursieren
und eine Gruppendynamik entfachen. Nach dem Motto: Hast du das gesehen? Der Macht der Bilder kann sich kaum jemand entziehen. Was machen all diese grenzenlosen Gewalttaten mit Kindern? Was richtet das in ihrer Seele an? Wie schauen Jungen auf Mädchen, wenn sie jeden Tag Pornografie konsumieren? Wie gewalttätig und übergriffig werden sie selbst? Zu welchen Menschen werden sie einmal?

Stumpfen die Kinder ab?
Natürlich. Wer jeden Tag einen Verkehrsunfall sieht, stumpft auch ab. Menschen entwickeln angesichts permanenter Gewalt eine gewisse Gleichgültigkeit. Die korrumpiert das Gefühl für das, was richtig und falsch ist. Damit werden auch Zivilcourage, ein Füreinander-Einsetzen und letzten Endes auch unsere Demokratie ausgehebelt. Es gibt keine Grenzen mehr. Nicht einmal vor der Verherrlichung des Nationalsozialismus wird Halt gemacht.

Inwiefern?
Auf TikTok gibt es Hitler-Memes noch und nöcher. Sehr beklommen gemacht hat mich ein Bild mit einem Pizzakarton mit der Aufschrift: Die Ofenfrische. Und darunter war ein Bild von Anne Frank zu sehen. Der Nationalsozialismus wird erst in der neunten Klasse Thema. In meinen Augen viel zu spät. Da haben die Kinder all diese Memes längst gesehen. Diese Betroffenheit, die ich früher als Schülerin beim Thema Nationalsozialismus gespürt habe, die ist komplett weg. Kinder werden mit diesen Inhalten im Netz regelrecht vergiftet. Je krasser, desto mehr Likes gibt es. Das Welpen-Video hat 2,5 Millionen Likes bekommen! Genau dieser Mechanismus animiert Kinder ja dazu, selbst krasse Videos und Bilder zu erstellen. Daher explodieren die Zahlen pädokrimineller Gewaltdarstellungen, die Kinder und Jugendliche selbst herstellen oder besitzen. Die Folge ist eine innerliche Verrohung. Und trotzdem greifen die meisten Erwachsenen nicht ein.

Warum nicht?
Das hat mehrere Gründe. Der größte Faktor ist Unwissenheit. Eltern wissen schlicht nicht, wo sich ihre Kinder im Netz herumtreiben. Viele der Apps wie TikTok, Snapchat, diverse Chaträume, das ist eine fremde Welt. Dann herrscht der Glaube ‚Mein Kind macht das nicht‘, weil Eltern sich nicht vorstellen können, dass die eigenen Kinder bereits diesen Bezug zu verrohter Sexualität und Gewalt haben. Auch wird das Handy schnell benutzt, um schon kleine Kinder ruhig zu stellen. Das ist ein fataler Fehler. Kinder müssen auch lernen, Langeweile zu haben und sich selbst zu beschäftigen. Sie werden süchtig nach dem Handy gemacht.

Eigentlich müssten neben den Eltern doch auch die Schulen offensiver damit umgehen. LehrerInnen müssen immer wieder Erste-Hilfe-Kurse machen. Warum werden sie nicht in digitaler Sicherheit  geschult?
Zum einen sind viele LehrerInnen am Limit, unser Bildungssystem wird ja systematisch kaputtgespart. Der eklatante Lehrermangel beherrscht einfach alles. Natürlich müssen die Schulen Social Networks zum Thema machen, das ist kein Privatvergnügen von Kindern, das ist ihre Lebenswelt. Man muss auch an die Kinder denken, die kein stabiles Elternhaus haben oder nicht mit ihren Eltern reden können oder aus orthodoxen Kulturkreisen kommen. Aber auch das reicht nicht. Bei einem Prozess, der dermaßen unsere demokratischen und ethischen Werte untergräbt, muss auch politisch eingegriffen werden. Um es deutlich zu sagen: Das, was auf diesen Plattformen passiert, ist ein Angriff auf unsere innere Sicherheit! Die Folgen davon trägt unsere gesamte Gesellschaft.

Warum versagt nach Ihrer Meinung die politische Führung unseres Landes so eklatant?
Die Dimension, was Social Networks anrichten können, die ist bei PolitikerInnen überhaupt nicht angekommen. Die finden das noch hip, die FDP inszeniert sich ja selbst ausgiebig auf TikTok. China, das
Land, aus dem TikTok stammt, hat die Nutzungszeit bei Minderjährigen auf eine Stunde täglich begrenzt, weil die Plattform als jugendgefährdend eingestuft wird. Unsere Innenministerin aber sieht für ein Verbot in Deutschland „keine Rechtsgrundlage“. Über eine Regulierung wird nicht einmal nachgedacht. Nach dem Tod von Luise, die von zwei Mitschülerinnen erstochen wurde, wurden alle ihre Familienmit-
glieder, Freunde, Kinder der Schule, die Familie und Bekannte der Täterinnen durch TikTok gejagt. Warum wurde die Plattform nicht einfach für zwei Tage abgestellt, um diese Hetzjagd zu unterbinden?

Ihr Buch steht auf Platz 1 der Bestseller-Listen, Sie sind in Talkshows zu Gast, treten als Referentin auf. Wurden Sie schon von den KultusministerInnen angesprochen?
So gut wie gar nicht. Die Unwissenheit in den Ministerien ist erschreckend. Die Betroffenheit ist einfach nicht da. Wir brauchen eine Kultusministerkonferenz, die bekennt: ‚Liebes Innenministerium, wir tragen Verantwortung für Kinder. Wir brauchen eine Medienethik, wir brauchen Regulierung und auch Verbote – selbst, wenn einige sich modern gebende PolitikerInnen in Zensur- und Datenschutz-Panik verfallen. Ein Staat hat die Pflicht, seine BürgerInnen zu schützen! Und erst recht seine Kinder!‘

Was muss noch passieren?
Schulen müssen die Kapazitäten erhalten, digitale Sicherheit zum Thema machen zu können, AnsprechpartnerInnen bieten. Schulleitungen müssen den Mut haben, ein Handyverbot auszusprechen. Nicht, weil das das Problem löst, sondern weil Schulen Vorbildcharakter haben. Wir stellen uns nicht gegen die Digitalisierung, aber Kinder brauchen echte Medienkompetenz, nicht nur Geräte. Sie müssen über die Gefahren aufgeklärt werden und sie müssen auch wissen, dass sie sich strafbar machen, wenn sie etwa pädokriminelle Inhalte auf dem Handy haben. Eltern müssen sich über die Gefahren bei TikTok und Co.
informieren und Verantwortung übernehmen. Wir haben dafür zu sorgen, dass unsere Kinder im Straßenverkehr zurechtkommen, wir müssen ihnen auch im Netz den Weg weisen. Unsere Generation hat für das Netz nichts vereinbart. Wie konnten wir jegliche Regulations- und Kontrollinstrumente vergessen? Die Würde des Menschen, sie zählt dort nicht. Das zu ändern, das ist die Aufgabe unserer Zeit.

TIPPS FÜR DIGITALE SICHERHEIT
Sprechen Sie mit Ihrem Kind über die Gefahren im Netz, bevor es einen eigenen Zugang bekommt.
Ein Smartphone hat im Kinderzimmer zur Schlafenszeit nichts zu suchen!
Richten Sie die Sicherheitseinstellungen in den Profilen Ihrer Kinder bei sozialen Netzwerken ein.
Erklären Sie die Blockierfunktion.
Zeigen Sie, wie man Profile auf privat umstellt.
Gehen Sie gemeinsam von Zeit zu Zeit die Liste der vermeintlichen Freunde und Follower durch.
Unterbinden Sie das direkte Herunterladen von Bildern und Videos aus Messengern in die Fotogalerie.
Legen Sie sich bei den Netzwerken ein eigenes Profil an und recherchieren Sie zu Inhalten. Lernen Sie die Funktionen und Mechanismen verstehen.
Ihr Kind sollte niemals ein Online-Spiel spielen, das Sie nicht selbst mehrfach getestet haben.
Testen Sie die Chatfunktionen von Online-Spielen und erleben Sie selbst den Suchtfaktor.
Betrachten und besprechen Sie gemeinsam gute und schlechte Beispiele bei TikTok und Co.
Erklären Sie, dass NICHTS, was im Netz gepostet wird, privat bleibt. Jeder kann davon einen Screenshot machen und weiterleiten.
Reden Sie offen über Pornografie und Gewalt im Netz.
Nutzen Sie im Urlaub oder im Restaurant bitte kein Tablet oder Smartphone, um die Kinder beim Essen „ruhigzustellen“.
Jeder Mensch hat ein Recht darauf, gefragt zu werden, ob sein Bild öffentlich gemacht wird, auch die Kinder.
Wenn Sie Ihr Kind wirklich schützen wollen, posten Sie am besten gar kein Bild Ihres Kindes.

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