Sie rettet Flüchtlinge aus dem Meer

Heidi Anguria mit den gerade Geretteten. Foto: Patrick Bar/Sosmediterranee
Artikel teilen

Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht mindestens ein Politiker/eine Politikerin mit einer neuen Zauberformel zur so genannten „Eindämmung“ der „Flüchtlingsströme“ um die Ecke kommt. Seit die „Balkanroute“ als „geschlossen“ gilt, geht es um die „zentrale Mittelmeerroute“, von Nordafrika nach Italien. Stichworte lauten: „Auffanglager in Transitländern“; „sichere Orte außerhalb Europas“; „Fluchtursachenbekämpfung“, „Grenzschutz ­verstärken“; oder auch: „konsequente Rückführung“ bzw. „Rücknahmeabkommen“ oder „Bundesausreisezentren“. Ginge es nach Entwicklungsminister Müller, soll gar ein „Marschall-Plan“ für ganz Afrika her.

Bloß: Hinter all diesen Worthülsen verbergen sich die Menschen, die sich auf den Weg machen. Die „Internationale Organisation für Migration“ (IOM) registriert für 2017 eine deutliche Zunahme bei den Flüchtlingen aus Ländern südlich der Sahara. Diese Menschen flüchten vor Hunger und Dürren, vor Perspektivlosigkeit und vor marodierenden Islamisten wie Boko Haram.

Rund 43.000 Geflüchtete haben über die Mittelmeerroute bis Ende April die italienische Küste erreicht (2016: 19.287). Etwa ein Drittel sind Frauen. 1.089 Menschen haben alleine in den ersten vier Monaten von 2017 die Überfahrt nicht überlebt. Für das gesamte Jahr rechnen Experten mit bis zu 400.000 Menschen, die aus ­Afrika nach Europa flüchten. Wenn sie es überleben. Denn nicht nur die Überfahrt auf den Flüchtlingsbooten ist lebensgefährlich. Auch vorher erleben die Menschen unfassbares Leid: sexuelle Gewalt, Folter, Versklavung.

Heidi Anguria, 59, hat als Krankenschwester auf einem Schiff von "Ärzte ohne Grenzen" und "SOS Méditerranée" drei Monate lang Menschen vor der libyschen Küste vor dem Errinken gerettet. EMMA sprach via Funktelefon auf der "MS Aquarius" mit ihr. Hier das Protokoll.

"Im Moment liegen wir rund 40 Kilometer vor der libyschen Küste. So weit etwa kommen die meisten Flüchtlingsboote, auf die die Schlepper die Menschen lotsen. Mit dem Versprechen, sie bis nach Italien zu bringen. Aber dafür haben die Boote überhaupt nicht genug Benzin. Hochseetauglich sind sie schon gar nicht. Das wissen die Schlepper genau. Denen ist schon bei Abfahrt klar, dass die Flüchtlingsboote niemals in Italien ankommen werden. Die Menschen, die das Boote besteigen, wissen das nicht.

Unser Job ist es dann, sie vor dem Ertrinken zu retten. Wir betreuen die Geflüchteten medizinisch und seelisch. Vor einigen Tagen haben wir in nur einer Nacht über tausend Menschen gerettet. Das ging um drei Uhr nachts los. Darunter rund 130 Frauen und Kinder. Das Wetter war tagelang schlecht und die Schlepper haben einfach alle, die auf eine Überfahrt gewartet haben, auf einmal auf diese wackligen Schiffe geladen. Um mal die Dimensionen klar zu machen: Unsere Crew auf der Aquarius besteht aus 30 Leuten, vier davon sind mit mir im medizinischen Team. Hinzu kommen ein kultureller Mediator, eine Verantwortliche für die Kommunikation und unser Projektkoordinator. So ein Rettungseinsatz ist vielfältig und anstrengend, sowohl körperlich als auch mental.

Es gibt im Prinzip zwei Zustände, in denen die Flüchtlinge bei uns ankommen: Es gibt die einen, die völlig euphorisch sind. Weil sie begreifen, dass sie jetzt endlich gerettet sind. Und es gibt die anderen, die es gerade noch an Deck schaffen und dann zusammenbrechen.

Insgesamt haben in diesem Jahr bis Ende April rund 43.000 Menschen die Überfahrt nach Italien gewagt, etwa ein Drittel sind Frauen. Die meisten kommen nicht aus Nordafrika, sondern aus Nigeria, dem Senegal, von der Elfenbeinküste oder aus Eritrea, einige sogar aus Bangladesch.

Seelische Untersützung für die Geretteten.
Seelische Untersützung für die Geretteten.

Letztens habe ich mit einer Frau aus Gambia gesprochen, das war eine ganz typische Geschichte. Sie ist schwanger geworden, hat aber keine Unterstützung von ihrer Familie bekommen. Also haben sie und ihr Mann sich auf den Weg nach Libyen gemacht, weil man ihnen in Gambia erzählt hat, dass sie dort leicht Geld verdienen können. Ja, das erzählen die Schlepper den Menschen in solchen Ländern. Die wissen häufig gar nicht, dass in Libyen ein blutiger Bürgerkrieg herrscht, und sie dort gar nicht bleiben können. Diesen Schleppern geben die Menschen dann ihre gesamten Ersparnisse, damit sie sie durch die Sahara bringen. Und wenn sie dann endlich an der Küste Libyens ankommen, werden sie dort wieder an neue Menschenhändler übergeben. Und die wollen dann auch wieder Geld sehen. Geld, dass die Männer und Frauen zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr haben.

Und dann passiert das, was auch dem Paar aus Gambia passiert ist: Die Menschen werden gekidnappt und voneinander getrennt. Die Menschenhändler in Libyen nehmen ihnen ihre Pässe weg und stecken sie in die zahlreichen Gefangenenlanger, die es inzwischen gibt. Dort werden sie vergessen und verhungern – oder sie werden versklavt. Die Männer müssen auf den Bau, die Frauen werden als Sexsklavinnen gehalten und tagelang vergewaltigt. So sollen sie sich ‚freikaufen‘.

Das Paar aus Gambia hat es übrigens tatsächlich irgendwann auf ein Boot geschafft. Aber dann wollte die libysche Küstenwache auch wieder Geld sehen. Und die Tortur ging von vorne los. Erst beim dritten Anlauf haben sie mit einem der Flüchtlingsboote abgelegt. Das Boot ist gekentert. Sie hatten also noch Glück im Unglück: Wenn wir sie nicht gerettet hätten, wären sie ertrunken. So wie gerade erst wieder 200 Menschen.

Wir haben auch Fälle mitbekommen, bei denen die Geflüchteten dazu gezwungen wurden, ihre Verwandten in Europa anzurufen – und die mussten dann am Telefon zuhören, wie sie in den Gefängnissen gefoltert werden. Und dann werden die Verwandten um Geld erpresst.

Wenn man solche Geschichten gehört hat, wundert man sich wirklich über die Pläne der Bundesregierung, die sie auf den Konferenzen wie in Malta oder in Rom fassen. Das ist doch alles überhaupt nicht machbar. Dafür müssen sich die Situationen ja nicht nur in Libyen stabilisieren. Was – wenn es überhaupt möglich ist – Jahre dauern wird. Sondern auch in den Ländern, aus denen die Menschen aufbrechen. Nehmen Sie alleine nur die Situation der Frauen: Die fliehen vor Armut, Misshandlungen und sexueller Gewalt in ihren Familien, vor Zwangsheirat, vor Genitalverstümmelung, vor Ehrenmorden. Die können nicht zurückgeschickt werden. Und sie können auch nicht in einem Land wie Libyen bleiben. Das kostet diese Frauen ihr Leben.

Nachdem wir die Menschen gerettet haben, bringen wir sie nach Italien. Dort gehen sie von Bord und in ihre sehr ungewisse Zukunft. Wir sind froh, dass wir helfen konnten. Aber ich mache mir schon sehr viele Gedanken, was aus ihnen wird."

Protokoll: Alexandra Eul

Artikel teilen

Musliminnen in Gefahr: Gerettet?

"Darf ich dich umarmen?" - Meera und Rana im Gespräch. Foto: Bettina Flitner
Artikel teilen

Rana, Meera, warum seid ihr aus eurer Heimat geflohen?
Rana Du kannst in Saudi-Arabien als Frau einfach nicht als der Mensch leben, der du bist. Wenn ein Mädchen wie ich studieren oder reisen oder einfach nur das Haus verlassen will, braucht sie die Erlaubnis ihres Vaters, ihres Ehemannes oder ihres Bruders. Ich habe morgens Englisch studiert und nachmittags in einem Krankenhaus als Sekretärin und Koordinatorin gearbeitet. Allerdings hat meine Mutter dafür gesorgt, dass ich im letzten Jahr ins „Women’s Department“ kam. Sie wollte, dass ich keinen Kontakt zu Männern habe. Das alles wird mit dem Islam begründet. Meine Familie ist streng religiös. Meine Mutter, meine Schwester und meine Schwägerin verschleiern ihr Gesicht. Ich habe aber ab 2011 begonnen, mich immer weiter vom Islam zu entfernen. Ich bin im Internet auf eine ganz andere Welt gestoßen. Heute verstehe ich mich als Atheistin.

Meera Ich komme aus einer atheistischen Familie. Aber unsere Eltern schärften uns ein, dass wir das außerhalb des Hauses besser nicht sagen sollten. Das hat mich als Kind und Jugendliche in eine gewisse Zerrissenheit gestürzt. In anderen Familien gab es Religionsbücher, wir hatten Bücher über die Evolution und Schriftsteller wie Oscar Wilde. Außerhalb meiner Familie wurde mir erzählt, dass es einen Gott gibt und ich fünfmal am Tag beten muss. Als ich in der Schule erklärt habe, dass ich das nicht tue, musste ich zur Strafe auf einem Stuhl stehen. Einen Schal, den man sich über den Kopf wirft, habe ich schließlich nur deshalb getragen, um der sexuellen Belästigung auf der Straße zu entgehen. Je älter ich wurde, umso schlimmer wurde das. Die Männer hauen dir auf den Hintern, fassen dich an und du fragst dich: Warum muss ich mir das jeden Tag antun? Du fühlst dich so schmutzig. Ich bin 1982 geboren und habe noch freiere Zeiten erlebt, in denen meine Mutter, eine aktive Frauenrechtlerin, unverschleiert auf die Straße gehen konnte. Ende der 80er Jahre wurde das Klima dann härter.

Was war denn der Auslöser für eure Entscheidung, so nicht weiterzuleben?
Rana Als ich gesehen habe, wie Frauen in anderen Ländern leben und welche Rechte sie da haben. Hier in Deutschland können Frauen einfach so durch die Straßen laufen. Das wollte ich auch, das war mein Traum!

Meera Ich habe angefangen, als Journalistin zu arbeiten, wie mein Vater. Ich habe viel über Frauenrechte geschrieben: Über eine 13-Jährige, die von einer Gruppe Männer vergewaltigt worden war. Über ein zweijähriges Mädchen, das von seinem Schwager vergewaltigt wurde. Er kam mit einer Zahlung von 250 Euro davon. Ich sah die schlimmsten Dinge und dass niemand dafür verantwortlich gemacht wurde und dass es keine Gerechtigkeit gab. Ich musste schließlich fliehen, weil ich bedroht wurde. Ich hatte über Koranschulen geschrieben: Darüber, wie unmenschlich es ist, fünf- oder sechsjährige Kinder den ganzen Tag in Koranschulen sitzen zu lassen wie Roboter und sie mechanisch Dinge auswendig lernen zu lassen, die sie nicht mal verstehen. Und das alles, weil ihre Eltern glauben, dass sie damit eine Fahrkarte in den Himmel kriegen. Ich bekam daraufhin Drohbriefe und Drohanrufe. Ich wurde auf der Straße von Männern mit einem Messer bedroht. Eines Tages sagte dann mein Vater zu mir: „Es ist besser, wenn du gehst! Wir wollen nicht, dass dir etwas passiert!“

Deine Familie hat dich also quasi zur Flucht aufgefordert?
Meera Ja. Als ich aufbrach, umarmte mich mein Vater und sagte: „Pass auf dich auf und komm nicht wieder!“ Wir wussten, dass es wahrscheinlich das letzte Mal ist, dass wir uns sehen. Er ist dann vier Jahre später gestorben. Das ist immer noch sehr schmerzhaft für mich. Noch am Tag, bevor er gestorben ist, sagte er am Telefon zu mir: „Sei du selbst und tu immer, was du tun willst!“ (weint).

Rana (weint mit) Darf ich dich umarmen? (umarmen sich)

Rana, wie hast du die Flucht geschafft?
Rana Die Türkei hat Syrer damals ohne Visum aufgenommen. Ich habe ja immer noch die syrische Staatsangehörigkeit, deshalb wollte ich zunächst in die Türkei. Dann kam die letzte Woche vor den Sommerferien. Meine Mutter spürte wohl, dass ich etwas vorhatte und sagte: Noch die eine Woche, danach bleibst du im Haus! Ich bin dann ganz normal zur Arbeit gegangen, mein Vater hat mich wie immer hingefahren. Ich hätte ihn gern umarmt und ihm gesagt, dass ich ihn liebe, auch wenn ich ihn jetzt verlasse. Aber ich durfte mir natürlich nichts anmerken lassen. Auf der Arbeit habe ich dann ein Taxi gerufen und bin zum Flughafen gefahren. Mir war egal, wie gefährlich das alles war. Ich habe mir gesagt: Ich will nur einen einzigen Tag wie ein normaler Mensch leben, wie die Frauen am anderen Ende der Welt, die ich im Internet gesehen habe. Wenn ich dann sterbe – macht nichts! Dann habe ich wenigstens einmal frei atmen können.  

Es gibt ein Video von dir, wie du in der Türkei in den Straßen tanzt.
Rana Ich bin einer Welt aufgewachsen, in der Musik verboten ist, und als ich in der Straße die Musik gehört habe, habe ich meine Abaya von mir geschmissen und getanzt. Es war mir egal, was die Leute denken.

Du wolltest dann aber nicht in der Türkei bleiben?
Rana Nein, denn die Türkei tut nichts für Flüchtlinge. Und mit den Frauenrechten ist es auch dort schwierig. Weil ich kein Visum bekommen habe, bin ich dann mit einem Boot über das ­Mittelmeer und über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Slowakien und Österreich nach Deutschland gekommen.

Und wie seid ihr hier in Deutschland aufgenommen worden?
Meera Ich hatte ein Visum für Deutschland und habe dann hier Unterstützung von „Reporter ohne Grenzen“ und „Journalisten helfen Journalisten“ bekommen. Sie haben mir geholfen, die notwendigen Unterlagen aus Pakistan zu beschaffen und die Kosten für meine Rechtsanwälte übernommen. Sie haben meine Sprachkurse bezahlt und mir immer wieder geholfen, zum Beispiel, als vor vier Jahren mein Sohn geboren wurde und einen Pass brauchte. Inzwischen war mein Mann im Rahmen des Familiennachzugs nach Deutschland gekommen.

Ihr wart aber beide zunächst in einer Erstaufnahmestelle. Was habt ihr dort erlebt?
Meera Ja, anderthalb Monate lang. Du musst dein Zimmer mit wildfremden Leuten teilen und lebst wie in einem Ghetto. Zeitungen gab es natürlich keine, und Fernsehen konnte man nur eine Stunde am Abend. Da saßen dann aber schon die ganzen Männer davor. Und du fühlst dich als Frau komisch, dich zu ihnen zu setzen, weil sie dich auf eine sehr unangenehme Art anschauen. Ein kurdischer Mann fragte mich, ob ich mit ihm einen Kaffee trinken wollte. Ich sagte: „Nein, vielen Dank.“ Aber er fragte wieder und wieder und wieder. Und irgendwann haben sich die Männer, mit denen er ­zusammen war, mir beim Verlassen des Gebäudes in den Weg gestellt. Ich hatte wirklich Angst, also bin ich zu einer Gruppe Männer rübergegangen, die dort Volleyball spielte und gefragt, ob ich mitspielen kann. Ich habe dann zu meinem Schutz viel Zeit mit diesen Männern verbracht. Aber die fanden es auch komisch, dass eine pakistanische Frau in Jeans oder im Rock herumlief. Die fragten mich dann: „Warum trägst du einen Rock?“ Und: „Warum betest du nicht?“

Und was hast du geantwortet?
Meera Ich habe mich irgendwie um die Antwort herumgedrückt und nicht gesagt, dass ich nicht religiös bin. Es fühlte sich immer noch verboten an, es zu sagen. Das erste Mal, dass ich es ausgesprochen habe, war bei der Anhörung zu meinem Asylverfahren. Mein Bruder hat mich dorthin begleitet. Er ist schon seit 1995 hier und mit einer deutschen Frau verheiratet. Bei der Anhörung fragten sie mich: „Was für eine Religion haben Sie?“ Ich antwortete: „Keine.“ Und mein Bruder fragte mich erstaunt: „Willst du das wirklich sagen?“ Und ich antwortete: „Warum denn nicht? Ich bin jetzt endlich an einem Ort, wo ich das sagen kann. Darauf habe ich mein ganzes Leben lang gewartet!“

Rana Ich war in einem Erstaufnahmelager in Dorsten, eine ehemalige Schule. Ich bin gleich zu einer Mitarbeiterin und habe ihr erklärt, dass ich Atheistin bin und sie mich bitte nicht in einem Raum mit Muslimen unterbringen sollen, weil das gefährlich für mich sein könnte. Sie hat mich dann in ein Zimmer mit einer christlichen Familie getan. Diese Familie war sehr nett und hat mich akzeptiert wie ich bin. Ich bin zwei Monate dort geblieben. Ich habe dort kurze Hosen und knappe Shirts getragen. Da kam eine ­Libanesin mit Kopftuch zu mir und sagte: „Wieso ziehst du dich wie eine Schlampe an?“ Ich dachte zuerst, sie macht einen Scherz. Als sie mich dann zum zweiten Mal wegen meiner Kleidung anmachte, bin ich zur Security gegangen und habe gesagt: „Ich bin hier in Deutschland und nicht im Mittleren Osten. Wenn sie nicht akzeptiert, was ich anziehe, muss sie Deutschland verlassen, weil sie Frauen wie mich hier ziemlich oft sehen wird!“ (lacht) Der Mann von der Security war sehr verständnisvoll und hat zu der Frau gesagt: „Wenn Sie Rana nicht in Ruhe lassen, gibt es Ärger!“ Dann kam ich nach Köln in ein Flüchtlingscamp in einem ehemaligen Supermarkt. Da war es noch schlimmer. Und ich habe mich gefragt: Wieso treffe ich hier genau die Leute, vor denen ich geflohen bin?
 
Meera Kürzlich habe ich eine Irakerin kennengelernt, die auch Atheistin ist. Sie hat mir erzählt, dass sie in ihrer Erstaufnahmestelle mit Leuten aus ihrer Heimat­region untergebracht war. Sie wurde ständig gefragt, warum sie nicht betet. Und Frauen und Mädchen wurden gezwungen, den Hidschab zu tragen.

Und niemand von den MitarbeiterInnen des Flüchtlingsheims hat interveniert?
Meera Nein. Und ich frage mich: Wie kann das mitten in Deutschland passieren? Ich meine: Es müsste Kurse für Frauen wie Männer geben, in denen man ihnen erklärt, wie in Deutschland die Gesetze sind. Was die Menschenrechte sind und vor allem, was die Frauenrechte sind. Und die Menschen müssen unterschreiben, dass sie das verstanden haben und bereit sind, diese Gesetze und Grundsätze zu akzeptieren. Und wenn sie das nicht tun, müssen sie in ihre Länder zurückgeschickt werden!

Rana Ich habe dem „Zentralrat der Ex-Muslime“ ein Interview gegeben, das auf deren Website erschienen ist. Darin habe ich den Islam nicht mit einem Wort erwähnt. Ich habe einfach darüber gesprochen, wie glücklich ich darüber bin, dass es hier Religionsfreiheit gibt und dass ich meine Meinung zu diesem Thema offen sagen kann. Und dass ich mir wünschen würde, dass es in Saudi-Arabien und im ganzen Mittleren Osten so wäre. Einige syrische Flüchtlinge haben das Interview auf einer Facebook-Seite für Flüchtlinge gepostet und mich bedroht.

Meera Warum werden wir vor solchen Leuten nicht geschützt? Und warum sollte man diesen Leuten erlauben, hier zu leben? Es gibt in Deutschland Meinungsfreiheit! Und wer nicht akzeptiert, dass hier jeder in Frieden glauben oder nicht glauben kann, was er will, ist hier falsch. Ich habe ein Praktikum bei der Deutschen Welle gemacht und wohnte in einem Studentenwohnheim in Bonn. Da war auch ein Student aus Marokko, der mich fragte, wo ich herkomme und ob ich Muslima wäre. Ich sagte: „Nein, das bin ich nicht.“ Dann wäre ich also Christin? „Nein“, sagte ich, „auch das nicht. Ich bin Atheistin.“ Er war gerade dabei, etwas zu kochen und hatte ein Messer in der Hand. Er sagte: „Du weißt ja, was die Strafe für diejenigen ist, die sich von der Religion lossagen?“ Und dann hat er sich umgedreht und mir das Messer gezeigt. Ich war schockiert und wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Aber ich hatte natürlich Angst.

Hast du nach den Drohungen etwas ­unternommen, Rana?
Rana Ich kenne andere Ex-Muslime, die auch bedroht werden – und darüber schweigen. Also bin ich zur Polizei ­gegangen. Ich wollte, dass diese Leute erfahren: Wenn ihr sowas hier in Deutschland macht, dann verstoßt ihr gegen das Gesetz! Bei der Polizei haben sie mein Anliegen ernst genommen und mich zwei Stunden lang befragt. Ich hatte Screenshots von den Drohungen im ­Internet gemacht und ich hoffe, dass sie diese Leute finden. Ich möchte am liebsten eine Organisation für Frauen und Mädchen gründen, die aus muslimischen Ländern flüchten.

Meera Da bin ich dabei! Das Problem ist, dass du nirgendwo hingehörst. Die muslimische Community will dich nicht, weil du Atheistin bist. Aber die deutsche Gesellschaft ist auch nicht solidarisch. Die­jenigen, die radikale Muslime sind, werden hier von einer stabilen Community aufgenommen. Aber Leute wie wir sind sehr allein und isoliert. Und natürlich haben manche Leute trotzdem auch Angst vor uns, weil wir aussehen wie wir aussehen. Einmal hatte sich ein Insektennetz durch einen Sturm von unserem Fenster gelöst. Da kam eine Nachbarin, mit der wir uns sehr gut verstehen, und sagte: „Gerade war eine Frau bei mir, die hält euer Insektennetz für eine IS-Flagge!“

Wie lief denn das Asylverfahren? Wurden eure Asylgründe problemlos anerkannt?
Rana Ich habe ein Jahr auf die Anhörung gewartet. In dieser Zeit darf man nichts machen, nicht arbeiten, nicht studieren. Es ist ein bisschen, als ob man einfriert. Dann wurden wir in einen Bus gesetzt und nach Mönchengladbach gefahren. Da gab es außerhalb der Stadt ein Gebäude, das ein bisschen wie ein Gefängnis aussah, und man sagte uns, dass wir hier übernachten müssten. Ich hatte Angst, weil viele verschleierte Frauen dabei waren und ich wusste, dass mich viele inzwischen ­wegen meines Interviews kannten. Ich habe dann in der Nacht das Zimmer abgeschlossen und einen Stuhl unter die Türklinke gestellt. Dann kam die Anhörung und mein Asylantrag wurde akzeptiert. Jetzt darf ich zunächst drei Jahre in Deutschland bleiben.

Meera Ich hatte alle Dokumente, die bewiesen, dass ich in Pakistan eine kritische Journalistin war. Nach zwei oder drei Wochen habe ich dann einen Brief von meinem Anwalt bekommen, dass ich einer der glücklichen Menschen bin, die ihren Asylantrag innerhalb von 20 Tagen bewilligt bekommen haben. Ich habe dann eine befristete Aufenthaltserlaubnis bekommen, die verlängert werden musste. Einmal haben sie mir einen Termin gegeben, der zehn Tage nach dem Stichtag lag, an dem meine Aufenthaltserlaubnis auslief. Ich war also quasi für zehn Tage illegal. Und als ich dann beim Amt erschien, sagten sie mir, meine Akte wäre verschwunden. Nach drei oder vier Monaten tauchte die Akte dann wieder auf, sie hatte einfach auf irgendeinem Schreibtisch gelegen.

Kannst du in Deutschland als Journalistin arbeiten?
Meera Es gibt da natürlich die Sprachbarriere, aber ab und zu schreibe ich ­etwas auf Englisch, das dann übersetzt wird. Nach dem Sexualmord in Freiburg habe ich zum Beispiel einen Kommentar für die Süddeutsche Zeitung ­geschrieben und erklärt, warum man die sexuelle Gewalt durch Flüchtlinge benennen und ernst nehmen muss. Eigentlich dachte ich, ich könnte bei der Pakistan-Redaktion der Deutschen Welle arbeiten. Ich habe dort ein halbes Jahr lang ein Praktikum gemacht. Als eine Redakteurin krank wurde, habe ich für drei Wochen das Frauenmagazin übernommen. Die Anweisung lautete: Nichts Politisches, nichts über Frauenrechte, nur „Good Governance“! Das war meine deprimierendste Erfahrung hier in Deutschland: Als Journalistin zu arbeiten – aber nicht sagen zu dürfen, was ich wollte. In dieser Zeit gab es auch ein „Global Media Forum“ in Bonn und da waren pakistanische Journalisten eingeladen. Und da rieten mir Leute aus der Deutsche Welle-Redaktion: „Du solltest da nicht hingehen, die machen Stimmung gegen dich.“ Und plötzlich entdeckte ich, dass hinter den Kulissen gegen mich gehetzt wurde. Einige dieser Journalisten behaupteten, ich würde über die Zustände in Pakistan lügen. Und fragten, wie es denn überhaupt sein könne, dass ich für die Deutsche Welle arbeite.

Und du, Rana?
Rana Ich mache gerade einen Deutschkurs. Und ich bin politisch aktiv. Ich engagiere mich beim „Zentralrat der Ex-Muslime“. In meiner Sprachschule habe ich mehrere muslimische Freunde gefunden, die mich nehmen, wie ich bin.

Meera Ich habe auch pakistanische Freunde, denen egal ist, dass ich nicht gläubig bin. Auch mein Onkel, der seit 40 Jahren in Deutschland lebt, ist nicht religiös und seine vier Söhne ebenfalls nicht. Natürlich gibt es eine Menge Menschen aus muslimischen Ländern, die entweder gar keine oder liberale Muslime sind. Das Problem ist, dass es schwierig ist, das offen zu sagen. Es ist wie ein Coming out bei Homosexuellen. Man hat es seit der Kindheit so verinnerlicht, dass man dafür bestraft wird. Und wenn ich es sage, führt es eben oft zu unangenehmen Situationen. Ich werde zum Beispiel von Muslimen auch immer wieder gefragt, warum mein Sohn nicht beschnitten ist. Ob ich nicht wüsste, dass das eine Pflicht wäre. Dann sage ich: „Nein, im ­Gegenteil. Beschneidung von Kindern ist gegen das Gesetz.“ Sie antworten: „Aber wir kennen Ärzte, die es trotzdem machen.“   

Rana, hast du eigentlich noch Kontakt zu deiner Familie?  
Rana Nachdem meine Familie Artikel über mich gelesen hat, die auch auf Arabisch erschienen sind, hat mir meine Schwester eine E-Mail geschrie­ben: „Du bist nicht mehr meine Schwester. Wir schämen uns, dass du zu unserer Familie gehörst.“ Ich habe Angst, dass mein Bruder nach Deutschland kommt, um mich umzubringen.

Wenn ihr gewusst hättet, wie schwierig es in Deutschland für euch wird – würdet ihr nochmal euer Land verlassen?   
Meera Ja! Ich habe zwar einen hohen Preis dafür bezahlt. Ich habe meine Karriere, meine Familie und meine Freunde verloren. Aber es fühlt sich so gut an, nachts ruhig zu schlafen. Und es ist ein so gutes Gefühl, dass mein Sohn all die Dinge genießen kann, die ich als Kind nie hatte. Niemand sagt ihm, was er glauben muss. Er wird in der Schule nicht bestraft, weil er die falsche oder keine Religion hat. Und für mich als Frau: Könnte ich in Pakistan so auf die Straße gehen? Nein. Ich bin nicht abhängig von meinem Ehemann, ich mache, was ich will. Und das ist unbezahlbar.

Rana Wenn du die Freiheit einmal erlebt hast, dann willst du sie nie mehr verlieren.

Das Gespräch führten Alexandra Eul und Chantal Louis.

Ausgabe bestellen
Weiterlesen

Neuen Kommentar schreiben

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.