Ali Toprak: Bevormundet uns nicht!

Außer EMMA gehen die meisten feministisch-links argumentierenden Meinungsmacherinnen reichlich undifferenziert und verallgemeinernd mit den Geschehnissen an Silvester um. Kritischen Stimmen wird gerne Populismus und Rassismus vorgeworfen. Also ĂŒberlegt so mancher lieber zweimal ĂŒberlegen, ob sie etwas sagen. Das fĂŒhrt zu Selbstzensur und zum Denkverbot. Es hat sich eine Kultur des Wahrnehmens und des Sprechens hinter vorgehaltener Hand herausgebildet. Unliebsame Tatsachen werden verdreht oder als Rassismus stigmatisiert, noch bevor sie erkannt und benannt sind. Doch wenn die Menschen Grund zu der Annahme haben, dass ihre Wahrnehmung und Sorgen nur noch von rechten Populisten benannt werden, dann ist der Zulauf zu diesen Populisten garantiert.

MissstÀnde nicht ansprechen, weil euer Weltbild ins Wanken geraten könnte?

Die unertrĂ€gliche Relativierung der frauenverachtenden Einstellungen bestimmter MĂ€nnergruppen vor allem durch die weißen, linken Feministinnen und ihre UnterstĂŒtzer ist ein Schlag ins Gesicht aller unterdrĂŒckten Frauen und die Frauenbewegungen in den islamischen LĂ€ndern! Welch ein anmaßendes und kolonialistisches, ĂŒbergriffiges Denken ist es, dass ihr Denk- und Sprechverbote zu den teilweise zutiefst faschistischen VerhĂ€ltnissen in diesen LĂ€ndern aussprecht?!

Ihr dĂŒrft gern und ungehindert euren eigenen Faschismus und Sexismus bekĂ€mpfen - wir aber sollen die MissstĂ€nde in unseren HerkunftslĂ€ndern nicht ansprechen dĂŒrfen, weil sonst euer Weltbild ins Wanken gerĂ€t, wonach nur und immer der weiße Mann an allem schuld ist? Habt ihr euch eigentlich schon einmal mit der Sklaverei und dem Imperialismus der muslimischen Welt beschĂ€ftigt?

Ganze Kulturen und Zivilisationen sind vernichtet worden, nicht ausschließlich vom „weißen Mann“. In der Region, in der eine der großen Weltreligionen - das Christentum - entstanden ist, ist das christliche Leben heute fast ausgelöscht. Die andere monotheistische Religion, das Juden- und das Jezidentum wird tĂ€glich mit Auslöschung bedroht. Warum spricht niemand darĂŒber?

Indem ihr linken, weißen Feministinnen die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse in islamischen Gesellschaften nicht infrage stellen lassen wollt, leugnet ihr, was an Menschen- und Frauenrechten in diesen LĂ€ndern im Entstehen ist. Seid Ihr Euch eigentlich im Klaren darĂŒber, mit wem Ihr Euch verbĂŒndet? Mit den dort und auch hier unterdrĂŒckten Frauen jedenfalls nicht!

Wir können unterscheiden, was Rassismus ist und was nicht

Und hört endlich auf uns stĂ€ndig zu beleidigen, indem ihr uns unterstellt, wir könnten nicht unterscheiden zwischen Rassisten, die diese Probleme fĂŒr sich instrumentalisieren, und denjenigen, die eine konstruktive Kritik ausĂŒben und damit fĂŒr AufklĂ€rung sorgen!

Unsere und eure VerbĂŒndeten sollten die vielen Millionen aufgeklĂ€rter Musliminnen und Muslime sein, die tagtĂ€glich fĂŒr freie, demokratische muslimische Gesellschaft kĂ€mpfen und die dafĂŒr vielfach mit ihrem Leben bezahlen. Indem ihr mit euren ewigen und unertrĂ€glichen Relativierungen stĂ€ndig dem faschistischen, politischen Islamismus den RĂŒcken stĂ€rkt, fallt ihr all denen und vor allen anderen den Frauen in den RĂŒcken!

Ist euch das in eurer postkolonialen Überheblichkeit ĂŒberhaupt bewusst? Offenbar nicht. Denn eure moralische Eitelkeit und ĂŒberhebliche Arroganz ist stĂ€rker als eure Empathie mit den Opfern des Islamismus!

Ja, niemand wird als Vergewaltiger oder Rassist geboren. Aber die Menschen werden in bestimmte gesellschaftliche VerhĂ€ltnisse hineingeboren, die sie dazu sozialisieren. Wenn in den islamischen LĂ€ndern MĂ€nner mit der Überzeugung groß werden, dass Frauen weniger oder gar nichts wert sind, dann behandeln sie die Frau auch entsprechend. Wenn eine Religion die Frau zum Sexobjekt degradiert, ĂŒber die der Mann jederzeit frei verfĂŒgen kann; wenn sogar im "fortschrittlichsten", muslimisch geprĂ€gten Land, der TĂŒrkei, die staatliche Religionsbehörde fast tĂ€glich widerliche Fatwas herausgibt, die der Frau ausschließlich die Rolle eines beliebig zu benutzenden Sexobjektes zuweisen - muss man sich dann nicht fragen, was diese höchst legitimierte Religionsauslegung in den Köpfen der MĂ€nner bewirkt?

Was ist daran falsch, wenn aufgeklĂ€rte Menschen diese absurden Sichtweisen benennen und kritisieren? Die Muslime, die ihre Religion lieben und zu recht Respekt dafĂŒr erwarten, mĂŒssen heute in erster Linie dafĂŒr kĂ€mpfen wieder die Deutungshoheit ĂŒber ihre Religion zu gewinnen gegenĂŒber den Vertretern des politischen Islam.

Voraussetzung fĂŒr eine freie Gesellschaft ist Freiheit des Denkens

SelbstverstĂ€ndlich gebĂŒhrt jedem Menschen als Mensch zunĂ€chst Respekt. Seinen Gedanken aber gebĂŒhrt Kritik. Das eine zu tun - den Islam zu kritisieren wie auch das Christentum, den Kapitalismus, den Kommunismus, den Hinduismus, das AfD-Programm - heißt doch nicht, das andere – die GlĂ€ubigen als Menschen zu respektieren – zu lassen!

Fragt euch doch mal: Wie viele islamisch geprÀgte LÀnder gibt es, deren politische und gesellschaftlichen VerhÀltnisse sich an Demokratie, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, AufklÀrung, Religionsfreiheit orientieren? Kennt ihr nur ein einziges Beispiel? Ich nicht.

Warum wohl haben die FlĂŒchtlingsbewegungen auf dieser Erde alle diese eine Richtung, die sie haben - nach Westen? Ist es wirklich nur der Reichtum? Oder vielleicht auch unsere liberale Lebensweise, die Möglichkeit sein Leben nach seinen eigenen WĂŒnschen und Vorstellungen zu leben? Denn wenn es nur ums Geld ginge – da gibt es doch genug sehr reiche islamische LĂ€nder, die Arbeitsmigranten brauchen. Was also zieht die Menschen zu uns?

Europa, das war und ist immer noch der in der Ferne strahlende Leuchtturm einer freien, selbstbestimmten Welt. Ich, liebe Relativierer und uns bevormundende, weiße Feministinnen, möchte, dass unsere freie, pluralistische Gesellschaft erhalten bleibt. Die erste Voraussetzung dafĂŒr ist aber die Freiheit des Denkens! Die zweite ist die Freiheit des Wortes! Egal ob Mann oder Frau.

Also hört endlich auf uns Sprech- und Denkverbote zu erteilen! Wir sind erwachsen genug, um selber Sprechen und Denken zu können. Wir brauchen niemanden, der uns wie eine Gouvernante an die Hand nimmt um uns den rechten, linken Weg zu zeigen.

Ali Ertan Toprak ist der Bundesvorsitzende der Kurdischen Gemeinde Deutschland und PrÀsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der ImmigrantenverbÀnde in Deutschland (BAGIV e.V.)

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Kommentare

Am Wochenende noch habe ich mich aufgeregt ĂŒber den Beitrag von Mely Kiyak in ttt (http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/videos/sexuelle-gew...) oder von Riem Spielhaus im Kontraste Interview ( http://www.rbb-online.de/kontraste/) oder den Beitrag von Juliana Löffler (https://www.freitag.de/autoren/juloeffl/ende-der-leerstelle)... und jetzt habe ich echt wieder gute Laune! Der Beitrag von Herrn Toprak ist das Beste, was ich bisher zur Diskussion gelesen haben! Und er ist vor allem nicht schwarz/weiß, sondern realistisch

Sehr gut Herr Toprak!
Ich frage mich allerdings auch noch, warum es geschehen konnte, dass schon seit den AnfĂ€ngen der Migrationswelle in den 60er Jahren aus der TĂŒrkei Kontaktverbote in der Freizeit fĂŒr Ehefrauen oder Töchter tĂŒrkischer EhemĂ€nner bzw. VĂ€ter zu deutschen oder europĂ€ischen hier lebenden Frauen, MĂ€nnern, oder Familien von den tĂŒrkischen MĂ€nnern als unangemessen angesehen oder sogar verboten wurde. (Beispiele könnte ich aufzĂ€hlen). Ich habe nie begriffen, warum wir fĂŒr "das wĂ€re ein schlechter Umgang fĂŒr dich" herhalten mussten. Und wenn ich heute jungen Muslimas mit ihren KopftĂŒchern auf dem Kopf im Bus gegenĂŒber sitze, sehe ich oft Verachtung fĂŒr mich in deren Gesichtsausdruck. Was passiert da? Fortschrittlich und integrativ? Ja, wir mĂŒssen uns mit den aufgeklĂ€rten Muslimen solidarisieren, die weg wollen von der MĂ€nnermacht und ja, es darf nicht sein, dass das selbststĂ€ndige Denken verleumdet wird. Gesetzestreue ist das Eine, religiöse Hörigkeit etwas ganz anderes.

Danke. An die EMMA`s, und an Sie, Hr. Toprak.
Gibt auch etwas Hoffnung in dieser sich zuspitzenden Situation, dass Sie offenbar ein fĂŒhrender Sprecher von Organisationen sind...
Kl. Story; Wien, 1981/82. Frauentreff, zwei Iranerinnen zu Besuch. ErzĂ€hlen, dass sie wg. der MachtĂŒbernahme Khomeinis flĂŒchteten. Zeigen Narben am Haaransatz ; junge `Revolutionsgardisterln`hatten auf der Strasse Frauen ohne Schleier diesen am Kopf festgeheftet! Ich war entsetzt. Versuchte, in der Wr. Polit-Szene -LINKS wie nur was!- darĂŒber zu reden. War unmöglich...es wurde IMMER geblockt! Auch von `linken`Femi-Frauen. SpĂ€ter die info, dass fĂŒhrende Linke in dieser Politszene schlicht finanziell hoch gesponsert wurden. Gelder aus islam. LĂ€ndern flossen....bis heute?

Es sind nicht nur die islamisch geprĂ€gten LĂ€nder, die nicht demokratisch orientiert sind, es sind all diejenigen Staaten, in denen die Relgion das Sagen hat und damit das Patriarchat damit per se Staatsraison ist. Indien, eine DEMOKRATIE, grĂ¶ĂŸtenteils geprĂ€gt durch den Hinduismus, allerdings auch sehr "islamunfreundlich", ist, was Misogynie betrifft, eine der grĂ¶ĂŸten Katstrophen auf dieser Erde. Ich habe gestern noch einen Bericht gesehen, dass in dieser "DEMOKRATIE" jĂ€hrlich 2 Mio. Frauen sterben. Auch von dort wollen sich Menschen bereits auf den Weg nach Europa machen.
Wir glauben immer noch, wir haben ein "FlĂŒchtlingsproblem". Wir haben weltweit ein religiöses Problem, das das Patriachat wieder in einer Weise zu Tage fördert, wie es sich Europa in seinen kĂŒhnsten TrĂ€umen nicht hat vorstellen können.
Ein Bericht, der allerdings schon einige Jahre alt ist und trotzdem hoch aktuell, geht etwas tiefer in die Materie: http://www.trimondi.de/H.Krieg/Cook.htm

Vor paar Jahren, Wien; ich fahre frĂŒhtags S-Bahn. 2 junge Muslimas mit typ. Outfit setzen sich zu mir. Ich, breitbeinig sitzend, Jeans, Körpersprache eher `mĂ€nnlich`, offene lange Haare. Die 2 reden ĂŒber mich, abfĂ€llig. Mit Blicken garniert, oioi...ich reagiere, diskutiere mit ihnen. Merke; islam. Bildungselite. Sage, dass ich umgekehrt ihre textile Werbung fĂŒr islam. Extremismus und FrauenunterdrĂŒckung absolut nicht mag...usw...verbales Hin-Her. Ich werde rasch NUR als `Rassistin`beschimpft, mit handy fotografiert (!), reagiere mit polit. Ansagen. Andere FahrgĂ€ste gehen mich bald deto an, da ja `Rassistin`. Ein `no go`Vorwurf in Wien. Diese `armen MĂ€dels`. Schaffnerin kommt, schmeisst NUR mich aus dem Zug. Ich -stinkwĂŒtend- treffe anschl. einen iranischen Freund, der seinerseits floh, da er Folteropfer & MB - Opfer als schöner Junge im Iran war... Wir hören dann in den 9 Uhr Nachrichten, dass Osama Bin Laden erschossen wurde. Wissen beide klar; Eskalation kommt bzw. geht weiter..

Alles was geschrieben wurde ist nachzuvollziehen. Es ist richtig, der Islam hĂ€lt seine 1.6 Milliarden GlĂ€ubigen wie Geiseln. er ist verantwortlich, dass in allen 57 LĂ€ndern fast eine Milliarde dieser Menschen in Armut, Bildungsnotstand, Krieg und Elend leben. Der Islam nimmt an der modernen Welt nicht Teil. In 200 Jahren kaum Erfindungen, noch weniger Patente und binnen 123 Jahren zwei (2) NobelpreistrĂ€ger. Und nun Millionen dieser Menschen auf der Flucht vor ihren eigenen GlaubensbrĂŒdern weil man sich seit Jahrhunderten nicht ĂŒber den wahren Propheten einigen kann. Was fĂŒr ein Drama.

Doch was mir nicht in den Kopf will. Egal wohin Muslime flĂŒchten, unverzĂŒglich rotten sie sich zusammen und fallen in ihre mittelalterlichen Traditionen zurĂŒck, warum? Überall sieht man Muslime lieber von hinten, warum?

Habe auch kl. Reisestorys; N-Indien. 1991. Ankunft Flghf Neu-Delhi. Wir 2 wollten normal Geld wechseln. Gab Probleme...ich hatte eigene Traveller Checks. Das ginge nicht, lt. indischen Bankleuten! Ich `dĂŒrfe`kein eig. Geld haben, als Gattin. Dann in 1 neues Familienhotel, höhere Kaste. Wir sehen NUR MĂ€nner. Als mein Mann mal das Kind hĂŒtet, und ich in die Stadt fahre, wird echt geschimpft ! Ich dann; erzĂ€hle denen Hindu-ElitĂ€ren, dass es 1en einfachen Grund fĂŒr die RĂŒckstĂ€ndigkeit ihrer LĂ€nder gĂ€be; ihr Patriarchatssystem..weil da Frauen ausgeschlossen seien, und so nicht `nur`deren FĂ€higkeiten fehlten, sondern auch die MĂ€nner dieses Volkes mit der Zeit schlicht nur VERBLÖDEN. Logisch. Denn wenn 1 Mensch nur wg. dem Zipfel unten dran automatisch allen weibl. Mitgliedern ĂŒbergeordnet sei, mĂŒssten diese sich ja nie bemĂŒhen, etwas zu leisten. Na bumm. DAS sass! Kurz darauf hörten wir Streit...und bald sahen wir die Frauen der Family. Bei uns am Tisch *g*. Waren dann gute GesprĂ€che...

Dieser Artikel von Herrn Toprak ist fĂŒr mich ein echter, zutiefst wertvoller und lĂ€ngst ĂŒberfĂ€lliger journalistischer Meilenstein innerhalb dieses Diskurses!!! Ich bin fĂŒr jedes Wort, fĂŒr jede Zeile und fĂŒr diese Veröffentlichung unendlich dankbar! Zur Freiheit des Denkens, zur Freiheit der Worte möchte ich gerne noch auf folgenden Artikel hinweisen, der ebenfalls die "Sprachkontrolle, (als) den Feind der Freiheit" thematisiert:
http://www.zeit.de/2016/04/sprache-george-orwell-kontrolle-denkverbote-z...
DANKE!

Ihr Beitrag hat mich endlich wieder in gute Laune und Hoffnung versetzt. Er war SOOOO wichtig. Ich habe jeden Satz genossen! Sie haben mir aus der Seele gesprochen. Genau mit Ihren Argumente habe ich mich die letzten Wochen permanent gegen die VorwĂŒrfe eine Rassistin zu sein, nur weil ich Dinge beim Namen nenne, gewehrt. Mit Ihrem Beitrag sehe ich mich bestĂ€rkt und unterstĂŒtzt. Vielen Dank!

danke fĂŒr diese deutlichen und ehrlichen Worte. Und Dank auch an Emma fĂŒr die Veröffentlichung, keine andere Redaktion hat so viel Mut. Ich hoffe sehr, Herr Toprak, dass dieser Artikel keine Drohungen an Sie zur Folge hat, aber als Kurde sind Sie das ja gewohnt. Ihnen ganz persönlich und Ihrem Volk, den Kurdinnen und Kurden in der TĂŒrkei, in Syrien, im Irak, im Iran oder anderswo auf der Welt, wĂŒnsche ich von ganzem Herzen und aus tiefster Seele alles Gute und Gottes/Allahs Schutz und Segen.

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