Johanna Weber und Fabienne Freymadl. © Fabian Matzerath
Johanna Weber und Fabienne Freymadl. © Fabian Matzerath

Wer sind die "Sexarbeiterinnen" wirklich?

Am 4. September veröffentlichte die Sprecherin des „Berufs­verbandes“ der „Sexarbei­te­r_innen“, Johanna Weber, in der Huffington Post einen Offenen Brief mit dem Titel: „Aufschrei einer Prostituierten: An die Politiker, die meinen Job zerstören“. Sie habe, schreibt sie, „sehr tiefe Einblicke in den Arbeitsalltag der Bundespolitiker bekommen“. Und wenig spĂ€ter fĂ€hrt sie fort: „Ja, und dann kommt das spannende, aber fĂŒr die Politik unbequeme Thema Prostitution aufs Tablett. Unbequem, weil die Medien das Thema unberechenbar ausschlachten, denn Sex sells. Unbequem deshalb, weil hier die Doppelmoral regiert. Kaum ein Mann traut sich zu sagen, dass er sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nimmt.“

Was will Weber, die Frontfrau der LobbyistInnen der Prostitutionsbranche, damit sagen? Sollte hier etwa gewissen Politikern gedroht werden? Politiker, die sich nicht trauen zu sagen, dass sie „sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen“? Politiker, die darum tun mĂŒssen, was die Prostitutionsbranche will – wenn sie nicht auf Seite 1 der „unberechenbaren Medien“ landen wollen?

Im Rest des offenen Briefes der Sprecherin des so genannten „Berufsverbandes“ von „Sexarbeiter_innen“ geht es fast ausschließlich um die Meldepflicht fĂŒr Prostituierte. Sie ist einer der Punkte, der im Zusammenhang mit der Gesetzesreform diskutiert wird. Doch man kann nur hoffen, dass die Sorge mancher Politiker, auf Seite 1 zu landen, weil Sex sells, nicht verhindern wird, dass die Meldepflicht Gesetz wird. Denn sie macht die Prostitutionsbrache, die schon lange von der organisierten KriminalitĂ€t beherrscht wird, transparenter – und schĂŒtzt die hunderttausenden Elendsprostituierten.

Die SpezialitÀt von Johanna Weber ist: Natursekt, Kaviar und Facefarting.

Sechs Tage spĂ€ter, am 10. September, war eine Domina in Kanada noch deut­licher geworden. Terri-Jean Bedford hatte in einer Anhörung gedroht: „Wenn dieses Gesetz durchkommt, sorge ich dafĂŒr, dass ihr Jungs hochgeht. Denn ich habe mehr Informationen ĂŒber Politiker in diesem Land, als euch lieb sein kann.“ Bedford wurde des Saales verwiesen – und das ­Gesetz verabschiedet. Seit dem 8. Oktober gilt in Kanada: Sexkauf wird bestraft, Werbung fĂŒr Prostitution ist verboten und jĂ€hrlich stellt der Staat 20 Millionen Dollar fĂŒr Ausstiegsprojekte zur VerfĂŒgung. Das Gesetz wurde mit den 156 Stimmen der Konservativen verabschiedet – gegen 124 Stimmen von ­Sozialisten, GrĂŒnen etc.

Aber wer ist eigentlich diese Deutsche Johanna Weber, die, wie Bedford, Teil der so genannten internationalen „Hurenbewegung“ ist? Und die ebenfalls Politikern zu drohen scheint? Und was ist dieser „Berufs­verband“? EMMAs Recherche ergab ­Erstaunliches. Sehr Erstaunliches.

Mitten im Sommerloch hatte Bild.de mit der pikanten Schlagzeile getitelt: „Diese Huren beraten die Regierung“. Und sodann erfuhren die geneigten LeserInnen, dass die „Huren“ Johanna Weber (46) und Fabienne Freymadl (35) im Zusammenhang mit der geplanten GesetzesĂ€nderung zur Prostitution in der Hauptstadt als „Fachfrauen“ gehandelt werden (Foto: Weber links). Sie nahmen an „mehreren informativen HintergrundgesprĂ€chen“ teil, „trafen verschiedene FachpolitikerInnen von CDU/CSU und SPD, GrĂŒnen und Linken und telefonieren regelmĂ€ĂŸig mit ihnen“ (Bild).

Johanna Weber, die politische Sprecherin vom so genannten „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V.“ beriet auch das Bundesfamilien­ministerium bei dessen Hearing zur Prostitution am 12. Juni 2014. „Die Politiker kommen oft mit vermeintlich guten Ideen zu uns, aber die passen meistens nicht zur RealitĂ€t der Branche“, verrĂ€t sie. Sie weiß anscheinend, was passt.

Wer steckt eigentlich hinter diesem "Berufsverband" der "Sexarbeiter_innen"?

Doch passt sie? Es fĂ€ngt damit an, dass Johanna Weber in Wahrheit Verena Johannsen heißt. Ihre SpezialitĂ€t als Domina sind „Schweinereien“. Was sie damit genau meint, erlĂ€utert sie auf ihrer Website: „Natursekt“ (auf MĂ€nner urinieren), „Kaviar“ (auf MĂ€nner koten, auch direkt in den Mund), oder auch „Facefarting“ (sich auf das Gesicht des Mannes setzen und ihm in dasselbe furzen).

Diese Art von TĂ€tigkeit ist allerdings auch fĂŒr Weber/Johannsen neu. Die Frontfrau des erst vor einem Jahr gegrĂŒndeten „Berufsverbandes“ fĂŒr „Sexarbeiter_innen“ ist nach eigenen Angaben erst seit vier Jahren in dem Gewerbe. Vorher gab die professionelle LangstreckenlĂ€uferin Sportkurse, war im Sportmarketing aktiv und organisierte „FrauenlĂ€ufe“, zum Beispiel beim Lesben-Beach-Festival. Auch politisch scheint sich die Domina eher in Frauen- bzw. Linken-ZusammenhĂ€ngen zu engagieren. Nach eigenen Angaben spendet sie fĂŒnf Prozent ihrer Einnahmen, meist an „Sexworker“-Organisationen wie Hydra, aber auch schon mal an Attac oder Terre des Femmes.

Entsprechend polit-, ja bewegungs­erfahren klingen die Stellungnahmen zum ­Prostitutionsgesetz, die Weber/Johannsen (unter)schreibt. Das spielt dann nicht mehr unter der GĂŒrtellinie, sondern kommt hochtrabend daher. Wie die 23-seitige „Stellungnahme zur Anhörung ‚Regulierung des Prostitutionsgewerbes‘“ fĂŒr das Bundesfamilienministerium. Da heißt es einleitend:

„Wir entschuldigen uns dafĂŒr, unsere Stellungnahme nicht zum gewĂŒnschten Termin am 2. Juni 2014 eingereicht zu haben. Der 2. Juni, der Internationale Hurentag, ist ein Gedenktag der Hurenbewegung. An diesem Tag im Jahre 1975 traten französische Sexarbeiterinnen in einen Streik und besetzten eine Kirche von Lyon, um sich gegen Polizeigewalt und anhaltende Diskriminierung zur Wehr zu setzen. Das Ereignis gilt als Ursprung der weltweiten Hurenbewegung. Unsere Stellungnahme widmen wir deshalb diesen tapferen Kolleg_innen.“ 

Kolleginnen? Die in der Tat sehr tapferen Prostituierten in Lyon können sich leider nicht wehren. Denn sie kennen Johanna Weber nicht und ahnen nicht, was da in ihrem Namen verzapft wird. WĂŒssten sie es, wĂŒrden sie es sich wohl verbitten. Das fĂ€ngt schon an mit dem Etikett „Hure“. „Nous ne sommes pas des putes!“ lautete ihr Slogan, mit dem sie damals auf die Straße gingen, Schulter an Schulter mit aus Paris angereisten Feministinnen, die ihren Protest begleiteten und unterstĂŒtzten. „Wir sind keine Huren!“, sondern Menschen. Die Frauen in Lyon kĂ€mpften damals fĂŒr ihre Rechte – und nicht fĂŒr die von ZuhĂ€ltern und Bordellbetreibern.

Diese "Sexarbeiter_innen" sind GEGEN ein Verbot von Flatrates und Gang-Bang-Praktiken.

Auf dem verwackelten GrĂŒndungsfoto der „Sexarbeiter_innen“ sieht man knapp dreißig Frauen, viele verdeckt, plus einen Mann. Seither taucht das immer gleiche halbe Dutzend in Talkshows und auf Events auf, erzĂ€hlt, was fĂŒr einen Spaß das macht, sich zu prostituieren, und plĂ€diert fĂŒr die Anerkennung der Prostitu­tion als „Beruf wie jeder andere“. Diese Frauen haben Namen wie Undine, Amber oder Fabienne und sind auffallend hĂ€ufig als Dominas, also im Sadomaso-Bereich tĂ€tig bzw. waren es. In einigen FĂ€llen betreiben sie inzwischen lieber selber „Studios“, in denen sie zusammen agieren oder aber andere Frauen anschaffen lassen.

Ihnen gegenĂŒber stehen geschĂ€tzte 400000 Frauen, die als Prostituierte arbeiten. Etwa 70 Prozent (SchĂ€tzungen der Pro-Prostitutions-Front) bis zu 98 Prozent (SchĂ€tzungen der Polizei) sind Migrantinnen und kommen in der Regel aus den Ă€rmsten osteuropĂ€ischen LĂ€ndern. Die Dominas vom „Berufsverband“ sprechen also nur fĂŒr ein paar Prozent der deutschen Prostituierten. Trotzdem war diese atypische, verschwindend kleine Minderheit ĂŒber Jahre vorrangiger Ansprechpartner der Politik und der quasi einzige Ansprechpartner unter den Prostituierten.

Dabei vertreten diese „Fachfrauen“ keineswegs die Interessen der Prostituierten, sondern eher die Interessen der ZuhĂ€lter und Bordellbetreiber – bis hin zu denen der MenschenhĂ€ndler, indem sie deren entscheidende Rollen im Prostitutions­geschĂ€ft verharmlosen oder gar leugnen.

Der "Berufsverband" der "Sexarbeiter_innen" ist ein dreister Etikettenschwindel.

Das lĂ€sst sich auch der 23-seitigen Stellungnahme der „Sexarbeiter_innen“ fĂŒr das Frauenministerium vom 12. Juni 2014 entnehmen, die sich wie ein Produkt ausgefuchster Juristen liest. Hier wird mit rechtsstaatlich ausgefeilten Argumenten nicht den Interessen der Frauen in der Prostitution das Wort geredet, sondern denen der Sexbranche, die lĂ€ngst in der Faust der Organisierten KriminalitĂ€t ist.

In dieser Stellungnahme des „Berufsverbandes“ der „Sexarbeiter_innen“ wird die „Entkriminalisierung der Sexarbeit“ gefordert – aber fĂŒr wen? Frauen und MĂ€nner, die sich prostituieren, machen sich deswegen in Deutschland schon lange nicht mehr strafbar. Die Stellungnahme der „Sexarbeiter_innen“ enthĂ€lt fast ausschließlich Forderungen, die die HĂ€ndler mit der Ware Frau entkriminalisieren: Sie plĂ€dieren gegen eine Anhebung des Schutzalters auf 21, gegen verpflichtende Gesundheitsuntersuchungen und gegen eine Kondompflicht. DafĂŒr fordern sie die ersatzlose Streichung der Strafparagraphen gegen „ZuhĂ€lterei“, die „Ausbeutung von Prostituierten“ und „jugend­gefĂ€hrdender Prostitution“. Die „Sexarbeiter_innen“ möchten, dass die Polizei sich möglichst ganz raushĂ€lt aus dem Gewerbe: Der „Berufsverband“ ist gegen eine „Erlaubnis- oder Überwachungspflicht von ProstitutionsstĂ€tten“ und fĂŒr eine „Einstellung der anlassunabhĂ€ngigen Kontrollen durch die Polizeibehören“. Das sei eine „Störung des Betriebsablaufes“. Also: Freie Bahn fĂŒr ZuhĂ€lter und MenschenhĂ€ndler.

DafĂŒr plĂ€diert der „Berufsverband“ fĂŒr staatlich geförderte „Einstiegsberatung“ in die Prostitution und „Fortbildung“. Welche Praktiken so eine „Fortbildung“ lehren könnte, ist der Website des „Berufsverbandes“ zu entnehmen: Da sind die Sexarbeiter_innen gegen ein Verbot von Flatrate und Gang-Bang (simulierte Gruppenvergewaltigung). Zynischer geht’s nimmer.

Der geplante "Sexarbeits-Kongress" will in Berlin die Politik beeinflussen.

Der vorgebliche Berufsverband arbeitet gleichzeitig auf eine totale Deregulierung der Prostitution in Deutschland sowie auf eine stĂ€rkere Förderung und Ausweitung der Prostitution hin. Die Damen Sexarbeiter_innen sind also schlicht Lobbyistinnen der Prostitutionsbranche. Und sie geben sich inzwischen auch gar nicht mehr die MĂŒhe, das noch lĂ€nger zu kaschieren.

So schrieb Johanna Weber am 30. Juni 2014 im Namen des „Berufsverbandes“ einen Brief an die „Sehr geehrte Frau Bundesministerin Schwesig“. Darin gratuliert sie der fĂŒr Prostitution zustĂ€ndigen Ministerin zu der offensichtlich bereits erfolgten „politischen und juristischen Trennung der Themenbereiche Menschenhandel und Prostitution“ sowie zu dem „partizipativen Ansatz, Sexarbeiter_innen und Betreibe­r_in­nen mit einzubeziehen“.

All das wĂ€re eigentlich schon mehr als genug. Doch Weber unterzeichnet den Brief nicht allein. Mitunterzeichner ist Holger Rettig, Vorsitzender des sehr undurchsichtigen „Unternehmerverbandes Erotikgewerbe Deutschland e.V.“. Der Verband wurde 2007 gegrĂŒndet und hat, laut Rettig, 170 Mitglieder. Außer ihm ist allerdings bisher noch keines an die Öffentlichkeit getreten (siehe S. 49). Der Unternehmerverband der Bordellbesitzer und der „Berufsverband“ der Prostituierten machen also Schulter an Schulter gemeinsame Lobbyarbeit fĂŒr ein genehmes Gesetz. Das ist, wie wenn der Arbeitgeberverband und die Gewerkschaften zusammen kĂ€mpfen wĂŒrden. Der Begriff „Berufsverband“ ist also reiner Etikettenschwindel.

Umsatz im Sex-Gewerbe: 2013 allein in Deutschland 14,6 Milliarden Euro: 1.000 % Profit

Es geht bei Prostitution und Menschenhandel um viel. Um sehr viel. In der Prostitution fließen nicht nur Millionen staatlicher Fördergelder, sondern werden vor allem Milliarden-UmsĂ€tze gemacht – allein in Deutschland im Jahr 2013 laut Statistischem Bundesamt 14,6 Milliarden Euro. Die Profitraten liegen bei bis zu tausend Prozent. Davon können die Drogen- und WaffenhĂ€ndler nur trĂ€umen.

Da mangelt es LobbyistInnen natĂŒrlich nicht an Power und Geld fĂŒr aufwĂ€ndige Websites, juristisch ausgefeilte Stellungnahmen und Kongresse. DemgegenĂŒber stehen Hunderttausende namenlose, bitterarme Prostituierte, deren Verdienst unter dem Mindestlohn liegt und die in den meisten FĂ€llen noch nicht einmal Deutsch können.

Doch ĂŒbrigens, wer ist denn nun eigentlich Fabienne Freymadl, die zweite „Hure“, die in Berlin PolitikerInnen berĂ€t? Die 35-JĂ€hrige kommt aus dem erzkatholischen Freising, wo auch der deutsche Papst lange segensreich gewirkt hat, und ist nach eigenen Angaben „Sadistin aus Passion“ (Was ja in den Kreisen öfter vorkommen soll). Freymadl tritt auch schon mal als „Firelilly“ auf Partys auf, inklusive „Burlesquetanz“ oder „Kinderschminken“. Oder sie steht als Goldengel auf Stelzen auf WeihnachtsmĂ€rkten. Ist doch eigentlich niedlich, oder?

Manchen macht es Spaß, MĂ€nner zu quĂ€len. Diese lassen sich dafĂŒr bezahlen.

Als Domina allerdings ist die Vielseitige schon strenger. Sie ist spezialisiert im SchmerzzufĂŒgen („Dein Leid lĂ€sst meine Augen glĂ€nzen.“). Ihre SpezialitĂ€t ist ein „Straflager mit authentischem Ambiente“. Da können ihre Kunden sich der „Lagerordnung“ unterwerfen, werden verhört, angekettet und gequĂ€lt, mindestens zwölf Stunden lang oder auch lĂ€nger. Vielleicht sollten einige Damen und Herren PolitikerInnen aus der Hauptstadt dort mal eine Ortsbesichtigung machen?

FĂŒhrend bei den Lobbyistinnen sind deutsche Dominas. Sicher, es mag manchen Damen ja durchaus Spaß machen, MĂ€nner zu quĂ€len. Sowas nennt man normalerweise schlicht MĂ€nnerhass. Dass diese MĂ€nnerhasserinnen sich das von MĂ€nnern auch noch gerne bezahlen lassen, ist verstĂ€ndlich. Aber dass sie sich auf Kosten von hunderttausenden Frauen als Lobbyistinnen des Sexgewerbes bei Politik und Medien andienen – das geht zu weit. Dem sollte Einhalt geboten werden. Und zwar rasch!

 

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Englische Fassung des Artikels
Prostitution: Argumente gegen Scheinargumente

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