Lilly: "Wir wissen die Wahrheit."

Lilly Lindner will die Menschen wachrütteln. - © Jens Koch
Artikel teilen

Lilly friert. Zur Begrüßung wickelt sie sich kurz aus ihrer roten Decke, die sie sich um die Hüften geschlungen hat, auch hier auf der Eckbank ihres Stammcafés in Berlin-Wilmersdorf. Sie steht auf, die Decke bleibt auf der Bank, und die Umarmung fällt zaghaft aus. Weil wir uns zum ersten Mal begegnen, und weil ihr schmaler Körper so zerbrechlich scheint. Dabei hat er schon viel ausgehalten.

In ihrem Buch hat man Lillys beste Freundinnen kennen gelernt. Sie heißen Ana und Mia. Anorexie und Bulimie. Lilly ist nicht die einzige, die sie so nennt, irgendwie haben sich diese Kosenamen für die so oft tödliche Krankheit in Internetforen durchgesetzt. Lilly friert, weil sie ihrem Körper die Nahrung vorenthält, die er braucht, um Wärme zu erzeugen. Auch in den kommenden zweieinhalb Stunden wird sie keine einzige Kalorie zu sich nehmen. Sie trinkt Wasser und Ingwertee.

Sie sieht viel jünger aus als 26. Das liegt nicht nur an ihrem Kinderkörper, sondern auch an den Zöpfen, zu denen sie ihre langen dunklen Haare gebunden hat. Und sie ist völlig ungeschminkt, ganz anders als auf dem Cover ihres Buches oder auf den Bildern der Pressefotografen. Lilly LindnersBuch beginnt, als sie sechs Jahre alt ist.

„Der erste Mann, mit dem ich Sex habe, riecht nach Alkohol und Zigarettenrauch. Seine Hände sind rauh und klebrig, seine Haare ungepflegt, und von seinem Atem wird mir zuerst schlecht, dann schwindlig. Er wirft mich auf ein Sofa mit altmodischem Blumenmuster und hält mich mit seiner einen Hand fest, während die andere an seinem Gürtel herumfummelt. Ich weine. Ich sage irgendwelche bittenden Worte, ich stammle zusammenhanglose Sätze, ich flehe ihn an, ich flüstere nein, nein. Nein. Aber der Mann schlägt mir ins Gesicht, und ich sehe zu, wie mein rechter Schneidezahn durch die Luft fliegt und unter dem Couchtisch verschwindet. Es ist ein Milchzahn. Alles ist okay. Ich werde einen neuen bekommen.“

Nichts ist okay. Der Mann, der das kleine Mädchen vergewaltigt, ist ein Nachbar, und er wird es immer wieder tun. Er kann das, weil ihre Eltern die Signale ihrer Tochter nicht verstehen – oder nicht verstehen wollen. Vielleicht ist das auch nicht so einfach, denn Lilly ist ein liebes Mädchen. „Eltern mögen lachende Kinder. Wenn man lächelt, mit Grübchen in den Wangen und leuchtenden Augen, wenn man lange, vom Wind zersauste Haare und ein süßes Puppengesicht hat, dann wird man leichter geliebt als andere. Perfektion ist Sicherheit, Perfektion ist Macht. Meine Eltern brauchen ein perfektes Kind; ich muss funktionieren, ich darf auf keinen Fall ein Fehler sein.“

Lilly Lindners Weg wird in ein Kinderheim führen, in das sie vor ihren gleichgültigen Eltern flüchtet, und in eine psychosomatische Klinik, weil sie kotzt und sich Muster in die Arme schneidet. Und schließlich in die Prostitution.

Über diesen Weg hat sie ihr Buch geschrieben. Es heißt „Splitterfasernackt“, und sie hat darin auf beeindruckende Weise erklärt, wie das funktioniert. Wie es sein kann, dass eine Frau, und eine hochintelligente dazu, nach einer solchen Verletzung ihrer körperlichen Grenzen gerade diese Grenzverletzung immer wieder sucht. Weil sich das kleine Mädchen aus seinem Körper verabschiedet hat.

"Komm‘, wispert mir da eine leise Stimme ins Ohr. Die Stimme gehört mir, aber ich erkenne sie nicht. ‚Komm‘, flüstert sie, ‚ich bringe dich weg von hier, vertrau mir‘. Vertrauen. Ein Fehler, den ich nicht wieder begehe. Vertrauen ist russisches Roulette ohne Gewinner. Vertrauen ist ein mit Leichen bedecktes Kinderkarussell. Aber in einem Moment wie diesem, wenn die Entscheidungen, die man trifft, nichts mehr verändern, ist es okay, nach Strohhalmen zu greifen. Also vertraue ich der Stimme doch. Schweigend nehme ich ihre Hand an und lasse mich fortführen. Weg von dem Sofa. Weg von dem Mann, weg von meinem Körper. In der hintersten Zimmerecke bleibt das kleine Mädchen schließlich stehen, seine kalte Berührung umschließt mein wimmerndes Herz. ‚Weiter weg können wir nicht gehen‘, flüstert es kaum hörbar. Ich drehe mich um und blicke auf meine hilflose Hülle. Ich sehe in meine leeren Augen, betrachte die bleichen dünnen Beine, die merkwürdig verkrümmt zur Seite ragen. Ich nehme Abschied von dem geschädigten Körper. Er gehört nicht mehr mir. Die Trennung ist leicht, alles andere wäre schwerer.“

Der Weg ins Bordell, das Lilly mit 21 wählt, ist nicht weit. Es heißt „Passion“ und liegt im Nachbarhaus. Lilly mag die anderen Frauen, die dort arbeiten. Minny und Valesca mit den blonden Extensions und Dasha, die sich und ihren 13-jährigen Sohn nur mit ihrem Putzjob nicht durchbringt. Monique, die für einen Mann aus Russland kam, der ihr dann beide Arme brach. Marla, die ihren saufenden Ex verlassen hat. Brittany, die schon mit 16 angefangen hat und zehn Orgasmen hintereinander faken kann, während sie „Versenk deinen Monsterschwanz in meiner feuchten Pornomöse“ brüllt.

Lilly bringt Kekse mit ins Bordell und ein Mandala-Malbuch mit Buntstiften. Und ihren Laptop, in den sie in den Pausen ihre Geschichten und Gefühle tippt. „Im Bordell heiße ich Felia. Ich muss nicht mehr Lilly sein; ich darf einen Körper haben, ohne durchzudrehen und ich darf mich sogar hübsch finden, wenn ich nichts anhabe“, schreibt sie.

Nach zwei Jahren im „Passion“ merkt Lilly, die auch noch bei einem Escort-Service angeheuert hat, dass es genug ist und die zahlenden Männer billiger wegkommen als sie selbst. „Prostitution ist berechenbar und zahlt sich aus; aber die Abgaben sind höher als jede Summe, die man mit Zahlen darstellen kann. Es ist ein törichtes Abkommen zwischen uns splitternackten Mädchen und den unbefugten Männern.“ Sie steigt aus.

Aber Ana und Mia sind immer noch ihre Freundinnen, genau wie ihre Rasierklingen. Und manchmal wird Lilly auf dem Weg durch ihre Wohnung vor Hunger ohnmächtig. Schwindel. Herzrasen. „Irgendwann habe ich gedacht, dass ich sterbe“, erzählt sie mit ihrem bezaubernden Lächeln, das nur selten verschwindet, auch jetzt nicht. Das war der Moment, sagt sie, in dem sie etwas hinterlassen wollte. Über einen Bekannten gelangt ihr Manuskript an den Berliner Literaturagenten Harry Olechnowitz.

Im Herbst 2011 steht „Splitterfasernackt“ auf der Bestsellerliste. Ein kleiner Sieg über die Propaganda vom „Beruf wie jeder andere“. „Erschütternd“ schrieb die Süddeutsche Zeitung, „glasklare und welthaltige Prosa“ lobte die FAZ.

Vielleicht geht ein Teil der verkauften Auflage allerdings auch auf das Konto der Herren, die sich schon an Charlotte Roches „Feuchtgebieten“ delektierten. Womöglich begreift dann der eine oder andere, welche erbärmliche Rolle er in dem ganzen Theater spielt. Auch wenn die Frau sich „selbstbestimmt“ prostituiert. Lilly hat freiwillig zum Hörer gegriffen, als sie sich im „Passion“ bewarb, sie durfte Männer und Praktiken ablehnen, zu Weihnachten lud der Chef zum Essen ein. Es war ein nettes Bordell. „Aber egal wie nett der Gast ist, hinterher hast du jedes Mal das Gefühl, wieder ein Stück deiner Seele verkauft zu haben.“

Der Verlag hat das anfangs nicht ganz begriffen. Er wollte Lillys Geschichte in ein neonpinkes Cover stecken, mit nackten Strapsbeinen vorn und Pin up-Girls im Innenteil. Als sie den Entwurf sah, hat sie geweint. Der Verlag entschuldigte sich und schickte rasch einen neuen. Jetzt ist Lillys Porträt auf dem Cover. Sie wollte kein Pseudonym, denn sie wollte mit ihrem Namen für ihre Geschichte stehen.
Natürlich waren die Schlagzeilen manchmal schrecklich. „Vergewaltigt. Verwahrlost. Verkauft“, titelte Focus online. Auf ihrer Facebook-Seite kommentierte Lilly sarkastisch: „Dabei gibt es doch so schöne andere Wörter mit V. Volkswagen oder Volvo zum Beispiel. Ist ja schließlich eine Autobiografie.“ Und auch so mancher Kommentar im Internet hat sie verletzt: „Noch so ne blöde Nutte, die ihre Geschichte erzählt und damit Geld machen will.“

Einige ihrer engsten Freunde haben gesagt: Wir lesen es nicht. Lilly war dankbar dafür. Zu viele Details. Und die Angst, immer noch nicht die richtigen Worte für das Unsagbare gefunden zu haben. Die berührendsten Reaktionen kamen von Fremden, erzählt Lilly. Gleich am Abend, nachdem der erste Artikel über „Splitterfasernackt“ erschienen war, mailte ein verzweifelter Vater. Seine Tochter verletze sich selbst, sei deshalb gerade in einer Klinik und er habe jetzt zum ersten Mal etwas darüber verstanden. „Das war so schön, weil ich merkte: Ich habe etwas bewirkt.“
Es haben ihr viele Väter geschrieben. Und auch wenn die Gründe für die Ritzereien oder die Essstörungen ihrer Töchter ganz verschiedene sind, dürfte Lilly Lindner einigen von ihnen geholfen haben zu begreifen, wie die Mechanismen weiblicher Autoaggression und Selbstzerstörung funktionieren – und was sie auslöst.

Manchmal, sagt Lilly, „vermisse ich die Frauen im Bordell“, die ihr durchaus eine Art „Geborgenheit“ gegeben haben. „Die hatten selbst solche Geschichten und haben mich verstanden, ohne das ich was erklären musste.“ Vor anderthalb Jahren war sie einmal zu Besuch im „Passion“. „Aber mittlerweile gibt es da Schließfächer, weil du nicht mal mehr deine Jacke da liegenlassen kannst. Als ich da war, konntest du Geld auf dem Tisch liegen lassen.“ Diese Zeiten sind vorbei, denn sie werden immer härter.

Die Prostitution verbieten? Hat keinen Zweck, glaubt Lilly. Aber sie wünscht sich, dass die Propaganda aufhört. „Die Frauen, die diesen Job machen, wissen, wie das ist. Wir tun nur für die Außenwelt so, als wäre alles okay, damit keiner weiß, wie schlecht es uns geht. Aber wir wissen die Wahrheit. Und ich denke, viele von den Kunden wissen sie auch. Auch wenn sie das nicht wahrhaben wollen.“ Deshalb sei es „wichtig, dass man die Menschen wachrüttelt“.

Lilly wiegt jetzt 41 Kilo. Für ihre Verhältnisse ist das gar nicht so wenig, genau genommen war sie seit Jahren nicht mehr so schwer. Sie betreut wieder Kinder, deren Eltern sie aus ihrer Zeit als Praktikantin in einem Kinderladen kennt. Sie gibt ihnen Koch- und Backkurse und richtet Kindergeburtstage aus. „Manchmal erlebe ich ein paar schöne Stunden“, sagt sie, „aber dann gehe ich nach Hause und alles bricht zusammen.

Dann fühle ich mich plötzlich, als wäre ich sieben Jahre alt. Damals habe ich gemerkt, dass es was bringt, sich zu spalten, denn wenn man in diesem einen abgeschotteten Teil seines Kopfes ist, kann man Dinge überleben. Aber dieser abgespaltene Teil altert nicht. Der bleibt genau an dem Punkt, an dem man diese Spaltung entwickelt hat. Und wenn ich in diesem Stadium bin, kann es sein, dass ich im Winter ohne Jacke rausgehe, weil mir keiner sagt, dass es kalt ist und ich eine anziehen soll.“ Es kann auch sein, dass sie dann ihren Arm aufschlitzt, um etwas zu spüren. Dann braucht sie eigentlich jemanden, der das tut, was ihre Eltern damals nicht getan haben: „Jemand, der für mein Recht auf Unversehrtheit eintritt, wenn ich selbst es nicht kann.“

Lillys Hirn scheint auf Hochtouren zu laufen, nicht nur jetzt, wenn sie in rasendem Tempo erzählt. Was sie sieht und hört, verarbeitet sie schreibend. Als sie von dem Attentat in Oslo las, hackte sie eine ganze Nacht lang die Geschichte eines Amokläufers in ihren Laptop. Ein paar Manuskripte liegen schon wieder bei ihrem Agenten. Einer der Texte hat ihn erschreckt – bis Lilly ihm versicherte, dass er diesmal nicht autobiografisch ist. Es geht darin um ein junges Mädchen in einem knallroten Kleid, das ganz aus Versehen ein paar Männer umbringt.

Weiterlesen
Dossier: Die Ware Frau (2/11)
 

Artikel teilen