Kein Handel mit der Ware Frau!

Frauen, die aus der Prostitution ausgestiegen sind, demonstrieren in Mainz für Freierbestrafung und Ausstiegshilfen. - Foto: Lena Reiner
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Die Corona-Infektionszahlen steigen wieder besorgniserregend an, die Politik denkt über die Verschärfung der Schutzmaßnahmen nach. Doch die Pro-Prostitutions-Lobby fordert lärmend die Wiedereröffnung von Bordellen und Straßenstrich – ausgerechnet.

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Schließlich habe man ein „Sicherheitskonzept“ vorgelegt. Abgesehen davon, dass dieses Konzept eine Lachnummer ist („Während der Dienstleistung muss zwischen den Köpfen der beiden Personen ein Abstand von mind. einer Unterarmlänge sein.“), werden die Stimmen mehr und lauter, die ein grundsätzliches Prostitutionsverbot in Deutschland fordern: Bußgelder für die Freier und Ausstiegsprogramme für die Frauen.

Nachdem im Mai 16 Bundestagsabgeordnete für den Ausstieg Deutschlands aus dem frauenverachtenden System Prostitution appelliert hatten, schloss sich vor zwei Wochen auch die CDU-Frauenunion an. Jetzt melden sich diejenigen zu Wort, die seit Jahren dafür kämpfen, dass auch Deutschland endlich die Freierbestrafung einführt und den Handel mit der Ware Frau ächtet. Hier ihr Offener Brief an die Politik:   

Sehr geehrte Damen und Herren,

1. In Anbetracht der weiter andauernden Coronakrise werden wie in einem Brennglas Schwierigkeiten sichtbar, die eng mit dem ausbeuterischen und repressiven "System Prostitution" in Deutschland verbunden sind. Deshalb wurden zum Schutz der Bevölkerung und der Prostituierten im Zuge des Lockdown auch Bordelle geschlossen und die Ausübung der Prostitution verboten. Inzwischen gibt es verschiedene intensive Bestrebungen der Prostitutionslobby, diese Verbote aufzuheben. Wir ersuchen Sie dringend, diesen Bestrebungen nicht nachzugeben.

Denn: Die von den Bordellbetreibern und Pro-Prostitutionsverbänden vorgelegten Hygienevorstellungen können in der Realität der Prostitution nicht ernsthaft umgesetzt und insbesondere nicht kontrolliert werden. Prostitution findet häufig im Verborgenen statt. Sexkäufer scheuen mehrheitlich die Öffentlichkeit. Deshalb ist es z.B. schon von vorneherein äußerst unwahrscheinlich, dass sie sich mit Klarnamen registrieren werden. Dadurch können Bordelle zu unkontrollierbaren Ausgangspunkten eines erneuten Corona-Ausbruchs werden, der sich durch die Sexkäufer in alle gesellschaftlichen Schichten ausbreitet und prostituierte Frauen zusätzlich gesundheitlich gefährdet.

Ein weiteres aktuelles Problem: Die bestehenden Corona-Bestimmungen sehen Strafen für Frauen vor, die weiterhin der Prostitution nachgehen. Wir fordern die für die Corona-Bestimmungen zuständigen Politikerinnen und Politiker auf, den zurzeit noch in der Prostitution tätigen Frauen nicht nur in Berlin, sondern überall in Deutschland die vorgesehene Bestrafung zu erlassen: Viele von ihnen sind Armutsprostituierte, die nicht in ihre Heimatländer zurückkehren konnten. Sie sind oft ohne festen Wohnsitz und benötigen das Geld aus der Prostitution zum bloßen Überleben. Sie hatten gehofft, sich in Deutschland eine bürgerliche Existenz aufbauen zu können.

Statt einer Strafe müssen ihnen jetzt schnellstens staatlich finanzierte Notunterkünfte vermittelt werden (NICHT in Bordellen), und sie brauchen dringend eine sofortige intensive und qualifizierte Ausstiegsberatung sowie eine unbürokratische und schnelle Existenzsicherung. Wir appellieren an Sie: Setzen auch Sie sich mit all Ihren politischen Möglichkeiten und Kontakten für die Umsetzung der o.g. Maßnahmen ein!

2. Mit großem Interesse haben wir zur Kenntnis genommen, dass 16 Bundestagsabgeordnete von Union und SPD in einem Brief an die Ministerpräsidentinnen und - präsidenten der Länder bereits am 19. Mai dieses Jahres vor einer vorschnellen Wiederöffnung von Bordellen gewarnt haben. Gleichzeitig haben sie sich angesichts der coronabedingten Schließung von Bordellen für ein generelles Sexkaufverbot, für damit verbundene Ausstiegsprogramme für Prostituierte und für eine Bestrafung der Sexkäufer ausgesprochen.

Die unterzeichnenden Organisationen und Initiativen kämpfen seit Jahren für diese Einführung des Nordischen Modells in Deutschland und unterstützen ausdrücklich die neue Initiative aus dem Bundestag.

Wir wissen, wovon wir reden. Wir haben alle jahrelange, teilweise jahrzehntelang Erfahrung im Umgang mit Auswirkungen der Prostitution und deren Ausbeutungsfeldern
1.    durch zahlreiche eigene Beratungsstellen
2.    durch die Veranstaltung mehrerer großer nationaler und internationaler Kongresse  
3.    durch Initiativen, die in ihrer eigenen Umgebung gegen die Etablierung neuer Bordelle gekämpft haben und kämpfen.
4.    durch Initiativen, die zahlreiche öffentliche Informationsveranstaltungen durchgeführt haben
5.    durch Initiativen, die Kontakte zu in der Prostitution gebundenen Frauen hatten und haben
6.    durch Initiativen, die Analysen der jetzigen Situation im "Bordell Deutschland" erforscht und veröffentlicht haben
7.    durch regionale und internationale Vernetzungen
8.    durch Kontakte zu professionellen Fachleuten aus Polizei, Sozialarbeit und Medizin ( TraumatherapeutInnen,GynäkologInnnen)
9.    durch intensive Kontakte mit deutschen und osteuropäischen Aussteigerinnen  /  Überlebenden
10.    u.v.a.m.

Wir alle arbeiten mit großem Einsatz, die meisten von uns ehrenamtlich. Mit unserem jetzigen Zusammenschluss "26 Organisationen und Initiativen aus der Zivilgesellschaft fordern Sexkaufverbot" und diesem Offenen Brief an die Politik nehmen wir Erkenntnisse aus unserer jahrelangen Arbeit auf, die im politischen Diskurs vernachlässigt werden bzw. völlig unbeachtet geblieben sind.

Wir fordern Sie auf, sich endlich für ein notwendiges Sexkaufverbot einzusetzen. 16 Kolleginnen und Kollegen aus dem Bundestag sind Ihnen bereits vorangegangen! Die unten genannten 26 Organisationen und Initiativen auch! Nur im Zusammenwirken von Politik und Zivilgesellschaft kann Politik gelingen!

Die UnterzeichnerInnen

Abolition 2014, Alarm! Gegen Sexkauf und Menschenhandel, Gießen, Arbeitskreis Stop Sexkauf, kofra e.V., München, Augsburger/innen gegen Menschenhandel e.V., Banishea gegen Prostitution, BISS Bremen/Bremer Initiative Stopp Sexkauf, Hadassah initiative feminine / Saarbrücken, kainos / Freiheit und ein neues Leben für die Opfer von Menschenhandel, Karlsruher Appell für eine Gesellschaft ohne Prostitution, Karlsruhe gegen Sexkauf, LINKE gegen Prostitution, Mannheim gegen Sexkauf, Marburger Bürgerinitiative bi-gegen-bordell, Mission Freedom /Stopp Zwangsprostitution, Netzwerk gegen Menschenhandel e.V. Berlin, info@netzwerkgm.de, Netzwerk STOP SEXKAUF, Neustart e.V. - christliche Lebenshilfe, Ostalbbündnis gegen Menschenhandel und Zwangs/prostitution, Scientists for a world without prostitution, SISTERS E.V. / Sisters für den Ausstieg aus der Prostitution, Solwodi – Solidarität mit Frauen in Not, Soroptimist international Aalen / Ostwürttemberg, Terre des Femmes/Menschenrechte für die Frau, Trauma und Prostitution, ulmer bündnis gegen menschenhandel und Zwangsprostitution, Windrose e.V. / Iniative gegen Menschenhandel

 

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