Was ist Intersektionalität?
Vielleicht ist es stets ein Merkmal weitgreifender (und erfolgreicher) Bewegungen, aber den Feminismus des 20. und 21. Jahrhunderts traf es besonders hart: Theoriebausteine und hochschulische – gern aus den USA importierte – Trendbegriffe sind zu Spaltungsvokabeln geworden: Differenz und Essenzialismus, queer und woke, Gender- und Postfeminismus. Kritikkulturen, die sich um politisches Handeln drehen, vermischen sich nicht allein mit dem Geltendmachen eigener „Identitäten“, sondern auch solchen, die einem/r Gegenüber zugesprochen werden. Und im schlimmsten Fall verlagert sich die Auseinandersetzung. An die Stelle der ursprünglichen politischen Gegnerschaft tritt das Feindbild in den eigenen Reihen.
Mir scheint, hierbei spielen hochschulische und akademische Profilierungsdynamiken eine besondere Rolle. Ein Ansatz tritt als Avantgarde auf, halb aktivistisch, halb theoretisch. Etwa als „neuer“ oder „junger“ Feminismus. Als neue Welle, als nächste Generation. Die dominierende Geste ist die der Neuprägung einer Überschrift – verbunden mit Gesten der Abgrenzung: Alles Bisherige muss revidiert werden, es ist veraltet und falsch. Womöglich sogar moralisch vorwerfbar. Und vor allem: Früher gab es das, was eine neue Vokabel besagen soll, schlichtweg nicht.
Der Begriff entstammt dem aktivistischen schwarzen Feminismus in den USA
Die Ähnlichkeiten zum Wissenschaftsbetrieb liegen auf der Hand. Jede (schwache) Bachelorarbeit schildert einleitend Forschungslücke, Forschungsbedarf und grenzt dann die eigene These ein. Und auch akademische Trends etablieren sich genau so: Präge eine neue Überschrift, verknüpfe öffentlich damit deinen Namen und erkläre das damit eröffnete Gebiet für erstens superaktuell und zweitens superneu.
Superaktuell sind historische Kämpfe – allem voran, aber nicht nur der Feminismus – allerdings oft über Jahrzehnte. Jahrhunderte sogar. Wäre es da nicht klug, die pseudotheoretische Geste des Alles-Überbordwerfens mit kühlem Kopf zu hinterfragen? Ich denke, es gibt dafür nicht nur politische, sondern auch theoriegeschichtlich handfeste Gründe. Das Konzept „Intersektionalismus“ ist hierfür ein Beispiel.
Der Begriff entstammt zunächst einmal dem aktivistischen schwarzen Feminismus in den USA. Er wurde Ende der 1980er Jahre geprägt von der Juristin Kimberlé Crenshaw, die anhand eines arbeitsrechtlichen Konflikts sehr präzise aufzeigen konnte, wie schwarze Frauen durch bestimmte betriebliche Bestimmungen für die Arbeitsplatzvergabe doppelt diskriminiert wurden: als Frauen und als Schwarze. Genau genommen sorgte die Rechtslage sogar für etwas drittes, für Ausschlusseffekte nämlich, die über eine bloße Addition von zwei Arten der Zurücksetzung hinausgehen.
Die Klassenfrage spielte in Deutschland eine größere Rolle als in den USA
Crenshaws kraftvolle Argumente – und eben der „Intersektion“ Markenwort, das die Überschneidung repressiver Strukturen anspricht – hatten politische, aber auch akademische Resonanz. Crenshaw gründet einen politischen Thinktank, gilt als wichtige Stimme der feministischen Rechtstheorie, ist Mitbegründerin der juristischen Critical Race Theory und lehrt an der Universität.
In Deutschland kam der Intersektionalismus in den 2000er Jahren, also deutlich später in die Diskussion, und zwar nun nicht als rechtliches, sondern als sozial- und kulturwissenschaftliches Stichwort. Der Gedanke des Hinsehens auf Mehrfachdiskriminierung wurde verallgemeinert – denn neben „Frau“ und „Schwarz“ gibt es auch beispielsweise „behindert“ oder „LGBTQ+“ als Diskriminierungsgründe. Ebenso wurde der Intersektionalismus akademisiert – nämlich zu einer Theorie erhoben, die Studien ablösen soll, die bisher einseitig allein auf Geschlecht abheben oder aber Hautfarbe oder aber was auch immer (im Soziologiesprech heißen solche Unterscheidungsmerkmale „Kategorien“). Beides, die Ausweitung auf viele mögliche Konfliktlinien wie auch die Akademisierung, haben Schwarze Feministinnen übrigens kritisiert.
Neu sollte der Intersektionalismus nun jedenfalls primär sein, weil er als Neuansatz Defizite der bisherigen Analysen zu Machtstrukturen behebe. Nicht länger nur Geschlecht/Gender, sondern mindestens auch Rasse – und eigentlich auch weitere gravierende Differenzen müsse man nun machtkritisch zusammendenken. So weit so richtig, ließe sich sagen. Eigentlich sogar trivial.
So hat Sabine Hark, Geschlechterforscherin und Queer-Theoretikerin aus Berlin, 2019 in einem Crenshaw gewidmeten Sammelband über Intersektionalität behutsam aber deutlich daran erinnert, „wie lange wir schon versuchen, so zu denken“, denn „das Denken der Verflechtung von Herrschaftsverhältnissen“ reiche „weit über Crenshaws Bild der sich überkreuzenden Achsen zurück“. Afro-amerikanische Bürgerrechtsaktivistinnen, aber auch die autonome Frauenbewegung, etwa beim ersten gemeinsamen Frauenkongress ausländischer und deutscher Frauen im März 1984 in Frankfurt am Main, haben Mehrfachdiskriminierungen und auch Rassismus offensiv benannt.
Man rechnet sich angebliche Privilegien vor und erpresst politische Solidarität
Gerade die Klassenfrage – also diskriminierende Effekte ökonomischer Chancenlosigkeit und auch des fehlenden Zugangs zu Bildung, ebenso Fragen nach Alter und Behinderung – spielte in Deutschland sogar eine erheblich größere Rolle als im (notorisch antimarxistischen) US-amerikanischen Diskurs. Ebenso wurde die grundsätzlich unterschiedliche Situation von heterosexuellen Frauen und Lesben innerhalb der Frauenbe-wegung in Deutschland intensiv debattiert.
Das Wort „Rasse“ allerdings war in der Frauenbewegung wie an den Universitäten vor der Jahrtausendwende aus verschiedenen Gründen in Europa nicht präsent. Die Situation von „Ausländerinnen“ (also Migrantinnen) wie überhaupt auch die Situation außerhalb Europas nahm nicht nur beim von Hark angeführten Kongress, sondern auch breit in den einschlägigen akademisch relevanten Zeitschriften, etwa den Beiträgen zur feministischen Theorie und Praxis, dem Argument sowie sowieso in EMMA und Courage, und in Büchern Raum ein. Das Vorzeichen war nicht Gleichsetzung, sondern Differenzierung.
So druckte 1995 das Heft „Lesben International“ der Lesbenzeitschrift IHRSINN den Bericht zu einer Tagung „Arbeitsemigration und deutsche Frauenbewegung“ von 1980 aus der Courage wieder ab, in der eine türkische Feministin von spannungsreichen, aber solidarischen Diskussionen berichtet. Da heißt es: „Wenn es um Frauenbewegung, Feminismus und Lesben geht, identifiziere ich mich mit deutschen Frauen. […] Als Feministin und Ausländerin habe ich aber Schwierigkeiten mit den Frauen in meiner Schulklasse, weil sie anders denken und leben als ich. Die Ausländerfeindlichkeit, die bei ihnen unterschwellig da ist, macht mich wütend.“ Und ausländische Lesben waren auf der Tagung kein Thema, was sie mit einer Spanierin auf der Rückreise diskutiert. „Wir entschlossen uns ziemlich schnell, eine ausländische Lesbengruppe zur diesjährigen Sommeruni zu machen.“
So landete wohl die Debatte – allerdings ganz und gar unakademisch und nicht um der Profilierung, sondern um der gemeinsamen Handlungsfähigkeit willen – ab 1980 auch auf der autonomen Frauensommeruni in Westberlin.
Was den Intersektionalismus demgegenüber vergiftet, sind die „Theoriegeschichtsvergessenheit als Intention und Prinzip“, wie Barbara Holland-Cunz es 2023 genannt hat, und eben die avantgardistische Geste – mit einem Wort aus der Soziologie: die „Distinktion“. Und natürlich laden sich Abgrenzungen, die die eigene Rolle stärken, gerade in aktivistischen Kreisen dann auch schnell moralisch auf. Spätestens dann greifen die Moralisierungsmechanismen, die die Identitätspolitik so traurig machen. Untereinander rechnet man sich angebliche Privilegien vor und erpresst sich politische Solidarität im Namen einer Hierarchisierung des Unterdrücktseins, die erst einmal bewegungsintern abgegolten werden muss. Lange bevor ein „Wir“ überhaupt zugestanden wird.
Auch das oben schon aufgespießte Wort „Kategorie“ schadet. Es legt ein Schubladendenken nahe, das dem Grundmotiv der Überschneidung repressiver Strukturen und des genauen Hinsehens, um Unerwartetes kritisch aufzutun, geradewegs widerspricht. Denn wer entscheidet, was eine „legitime Kategorie“ ist? Wie viele gibt es? Und legt die Vorstellung eines Kategoriensystems nicht auch gleich eine schlichte Hierarchie von Unterdrückungen, eine Opferkonkurrenz nahe? Dass es um Hierarchisierung ginge, legt etwa die Intersektionalitäts-Theoretikerin Emilia Roig nahe, wenn sie 2022 in einem Interview mit Waltraud Schwab feststellt: „Unsere Plätze“ seien „immer in eine global-soziale Hierarchie eingebettet“ – um dann aufzulisten, welche Gruppe da „über“ bzw. „unter“ welcher steht. Sich gegenseitig diese vermeintlich dann doch wieder eindeutigen und statischen Plätze dann nur noch vorzuhalten, ist so vorprogrammiert.
Ganz nebenbei steckt im Intersektionalismus, vielleicht weil er aus der Welt der gerichtlichen Auseinandersetzungen stammt, auch eine verkürzte Idee von Macht. Denn auch die Vorstellung, Machtausübung erschöpfe sich in „Unterdrückung“, ist unzulänglich bzw. fällt hinter wichtige feministische Einsichten zurück. Ganz kurz gesagt: Macht verweigert ja nicht nur Zugänge oder grenzt aus, sondern formt zugleich jene Identitäten überhaupt erst, von denen wir reden. Auch in dem, was wir begehren, stecken die Spuren der Macht: Das stellt schon Simone de Beauvoir heraus (später auch Foucault etc.). Als Schwarze wie lesbische Aktivistin wiederum hatte schon Audre Lorde – und ich denke, aus ähnlichen Einsichten heraus – vor „single issue“-Konzepten gewarnt.
Insofern ist der intersektionale Anspruch eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Er weist ja sogar genau die Wege zu einer politisch nachhaltigen Solidarisierung, vielleicht sogar zu einer, die „Identitäten“ gar nicht erst (bzw. überhaupt nicht mehr) braucht. Und als bloßer Distinktionsbegriff hingegen steckt im „Intersektionalismus“ kaum Gutes. Er verkürzt, er spaltet, und sein verfehlter Neuheitsanspruch nimmt dem Feminismus die Tiefenräume seiner, gerade weil außerakademisch so reichhaltigen und starken Geschichte.
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