AYAAN HIRSI ALI
Grund zur Hoffnung

Am 1. Oktober erhielt Ayaan Hirsi Ali, die Somalierin mit dem holländischen Pass in Washington, den Kasseler Bürgerpreis. Die Laudatio hielt Alice Schwarzer.
Wenn man von weit her kommt, macht man manchmal größere Schritte. Das hat Simone de Beauvoir im Jahr 1969 gesagt – in dem Jahr, in dem Ayaan Hirsi Magnan in Somalia zur Welt kam. Da ist ihr Land geschüttelt von Bürgerkrieg und Korruption. Ihr Vater sitzt als Oppositionspolitiker im Gefängnis und flüchtet später ins Exil. Ihre Mutter ist eine orthodoxe Muslima und kämpft als Hausfrau hart um das Überleben ihrer Kinder. Und die bei ihnen lebende Großmutter kommt, wie Ayaan sagt, "noch aus der Eisenzeit": Sie ist eine Nomadentochter, die den Himmel und den Sand lesen kann. Wird sie gefragt, wie viele Kinder sie geboren habe, antwortet sie: "Eins." – Sie hatte einen Sohn und neun Töchter.
Auf dem vom Postkolonialismus und der beginnenden islamistischen Agitation erschütterten Kontinent werden Großmutter, Mutter und die drei Kinder hin und her geworfen. Auf der Flucht aus Somalia landen sie im islamistischen Saudi-Arabien, wo sie als Frauen nicht mehr ohne Begleitung auf die Straße gehen können. Von dort geht es nach Äthiopien, wo die somalische Opposition im Exil ist – und zuletzt in den Sudan, der im Hunger und Blut versinkt.
Unter diesen Umständen hätte aus Ayaan auch etwas ganz anderes werden können als die Frau, die wir heute für ihren Mut, ihren Verstand und ihre Ungebrochenheit ehren. Ayaan hätte unter den brutalen Schlägen ihrer Mutter und ihres Koranlehrers tot liegen bleiben können, wie so manche Freundin. Ayaan hätte an all den Demütigungen, widersprüchlichen Botschaften und der erlittenen Klitorisverstümmelung verrückt werden können, wie ihre Schwester. Doch Ayaan wählte die dritte Option: Sie leistete Widerstand. Gegen den Widerstand aller, auch des Vaters, diesen politischen Widerständler.
Bestärkt worden war Ayaan in dieser Haltung zum einen von eben diesem Vater, dessen Liebling sie als Kind gewesen war - bis er sie als junge Frau zwangsverheiratete. Verführt worden war Ayaan zum Denken und Träumen von der westlichen Literatur in der Schule. Denn das hatten beide Töchter ihrer analphabetischen Mutter abgetrotzt: Dass sie zur Schule gehen durften wie der Bruder. Dort werden die Abenteuerinnen von Enid Blyton und Scarlett O’Hara aus ’Vom Winde verweht’ ihre Heldinnen.
Wenn Frauen den Weg der Freiheit gehen, dann kann der Preis hoch sein. Für die Frauen aus dem muslimischen Kulturkreis ist er heute so hoch wie für uns vielleicht vor hundert Jahren. Widerständige Frauen riskieren: den Verlust der Liebe der eigenen Familie, die Ächtung durch die Gemeinschaft und die Heimatlosigkeit zwischen allen Fronten.
Ayaan Hirsi Ali hat all das riskiert – und einen hohen Preis bezahlt. "Emanzipation ist ein ganz individueller Prozess", sagt sie. "Wir Frauen müssen allein mit unserem schlechten Gewissen klarkommen." Die Eltern haben den Konakt zu ihr abgebrochen.
In ihrer gerade erschienenen Autobiografie erzählt die Frau mit dem aufrechten Gang anschaulich ihr Leben. Auch wie sie 1992 auf dem Weg zu dem nicht gewollten Ehemann – ein Somalier in Kanada, den ihr Vater für sie ausgesucht hatte – auf der Zwischenstation in Europa flüchtet. Zunächst geht sie den Weg in die Freiheit zögernd. In Holland erhält sie Asyl und lernt rasch, dass die bisher von ihr so verachteten "Ungläubigen" auch Menschen sind. Und dass auch Frauen Menschen sind. Menschen mit vollen Menschenrechten.
Ayaan nennt sich jetzt Hirsi Ali, damit die rächende Familie sie nicht aufspürt – was dennoch geschieht, doch die Ausbrecherin bietet die Stirn. Sie lernt und lernt und lernt. Und sie erkennt, dass es ein Leben gibt außerhalb von Angst, Sexualfeindlichkeit und Unterwerfung. Europa kommt ihr vor wie ein Paradies. Ein Paradies für Frauen.
Doch dieses – sehr relative und immer wieder neu gefährdete – Paradies haben auch wir uns hart erkämpft. Das Europa vor der Aufklärung und der Frauenbewegung war einst so dunkel wie die Länder, aus denen die freiheitsdurstige Ayaan floh. Und gerade für uns Frauen ist das alles noch gar nicht so lange her.
So konnte ein Ehemann in Deutschland noch bis 1976 die Stelle seiner berufstätigen Frau kündigen, ohne deren Wissen und mit der Begründung: meine Frau macht ihren Haushalt nicht ordentlich - dieses Gesetz wurde erst unter dem Druck der Neuen Frauenbewegung abgeschafft. Und bis 1996 galt Vergewaltigung in der Ehe juristisch nicht etwa als Verbrechen, sondern als Herrenrecht - dieses Gesetz wurde nach zwanzig Jahren vergeblicher Debatte nur dank eines Schulterschlusses der weiblichen Abgeordneten aller Parteien eingeführt.
Und bis heute heißt das, was wir aus türkisch/arabischen Kreisen als 'Ehrenmord' kennen, bei uns verschleiernd 'Familiendrama'. Als würde das Grauen vom Himmel fallen und gäbe es keine Täter, wenn Ehemänner Frau und Kinder umbringen, weil die Frau sie verlassen will.
Es gibt also keinen Grund zum Hochmut für Nicht-Muslime. Aber es gibt Grund zur Hoffnung: Verhältnisse sind änderbar! Man muss es nur wollen. Und es gibt einen Unterschied: Das Christentum predigt die Minderwertigkeit von Frauen oder Juden heute nicht mehr im Namen Gottes. Und wir Europäer sind stolz auf die Trennung von Religion und Staat. Stolz auf die Meinungsfreiheit und Pressefreiheit. Stolz auf unser Grundgesetz!
Auch Ayaan Hirsi Ali ist sehr bald nicht länger bereit, zweierlei Maß für Frauen und Männer oder Muslime und Christen zu akzeptieren. Und sie will auch von ihren eigenen Leuten nicht länger die ewige Entschuldigung hören: Die anderen seien schuld, und sie selbst seien nur Opfer, Opfer des westlichen Rassismus. Sie fordert von nun an Selbstkritik - auch von sich und den Ihren.
Wie nötig die ist, lernt die Wahl-Holländerin nicht nur als Studentin der Politischen Wissenschaften an der Universität Leiden. Sie lernt es auch als Übersetzerin für Somali, wo sie erlebt, wie die Verhältnisse aus ihrer Heimat mitten in Europa tradiert werden: mit gewalttätigen Männern und unmündigen Frauen.
Ayaan Hirsi Ali benennt das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen und Kinder. Sie benennt die Entmündigung durch den Glauben. Sie benennt die Abhängigkeit von Familie und Clan. Und: Sie legt sich an mit den westlichen Kulturrelativisten.
Mit diesen pseudo-fortschrittlichen Westlern, die ihr zweierlei Maß für die eigenen Leute und die fremden MigrantInnen als 'Toleranz' verbrämen. Sie findet das menschenverachtend – und wird von ihnen als "Rassistin" diffamiert. Denn der offizielle, fortschrittliche westliche Standpunkt erlaubt keine Kritik an "anderen Kulturen", "anderen Sitten" und "anderen Religionen". Die "Anderen" sollen die Anderen bleiben. Damit wir weiterhin die Einen bleiben? Die, die das Gesetz machen.
Ich weiß, wovon Ayaan Hirsi redet. Als ich 1979 nach meiner Reise in Khomeinis iranischen Gottesstaat in Deutschland warnte vor dem, was sich da zusammenbraute, da wurde ich prompt als "Rassistin" geschmäht. Und EMMA war ein Vierteljahrhundert lang eine einsame Stimme im deutschsprachigen Raum, die über die erstarkenden Kreuzzüge der Islamisten berichtete: von Iran und Ägypten über Pakistan und Afghanistan nach Tschetschenien und Algerien – bis mitten nach Europa.
Allein in Algerien starben in den 90er Jahren, in den "schwarzen Jahren", wie die Algerier sagen, über 100.000 Menschen in dem von den Islamisten angezettelten Bürgerkrieg. Und wir, der Westen? Wir haben weggeguckt. Wir haben die Menschen allein gelassen, sie diesen Fanatikern und Mörderbanden schutzlos ausgeliefert. Und denen hier auch noch politisches Asyl gewährt.
Es hat lange gedauert, bis Europa aufgewacht ist. Und Deutschland, das zwanzig Jahre lang als die „Europäische Drehscheibe“ des islamischen Terrorismus galt, wachte nicht zufällig zuletzt auf. Denn gerade die Deutschen wollen um keinen Preis mehr etwas falsch machen. Zu tief sitzt ihr schlechtes Gewissen wegen der Nazizeit. Doch, Ironie der Geschichte, genau mit dieser falschen "Toleranz" trugen sie ein zweites Mal dazu bei, dass eine neue Spielart des Faschismus sich bis mitten in Deutschland ausbreiten konnte.
Bereits 1993 veröffentlichte EMMA das erste Dossier über die erfolgreiche Agitation der islamistischen Fanatiker "Mitten unter uns", mitten in Deutschland. Schon damals also hätte man es wissen können, wenn man gewollt hätte. Doch stattdessen wurde nun auch EMMA des "Rassismus" beschuldigt und von "antirassistischen und antifaschistischen" Frauen aus linken Kreisen sogar tätlich angegriffen.
Ausgerechnet die Linke hat in Deutschland durch ihre Komplizität mit den Islamisten leider eine fatale Rolle gespielt bei der Ignoranz und Verharmlosung, ja Förderung des weltweiten Islamismus. Laut Zentralrat der Muslime kamen schon in den 90ern die meisten islamischen Konvertiten von den Grünen. Warum? Nachdem die westliche Linke ihre alten Götter verloren hatte – von Marx über Che Guevara bis Mao und Pol Pot – ist sie auf der Suche nach neuen Propheten. Der allerneueste heißt Mohammed. Die Sehnsucht nach Glauben statt Verstehen scheint tief.
Genau dieser Haltung sagt Ayaan Hirsi Ali den Kampf an. Sie will nicht länger glauben müssen – sie will verstehen dürfen. Sie wagt es, nicht nur den Islamismus zu kritisieren, den politisierten Islam, sondern den Islam selbst. "Der Islam muss sich reformieren", sagt sie.
Und sie weiß, wovon sie redet. Schließlich sind die Muslime – und allen voran die Musliminnen – die ersten Opfer der Fanatiker im Namen des Islams. Für diese islamischen Männerbünde steht der Hass auf Frauen am Anfang, ja ist ihr konstituierendes Moment. Das wissen wir aus den Predigten der Imame und den Träumen der Terroristen.
Die Kluft zwischen Frauen und Männern ist, im Islamismus wie im Faschismus, die erste und tiefste Einübung in ein Wir und ein Ihr: Ihr, das sind immer die Anderen, die Minderen; Wir, das sind die Einen, die, die im Namen ihrer gerechten Sache alles tun dürfen. Dieses hermetische, selbstgerechte Wir steht meist am Anfang von totalitären Entwicklungen (wie wir auch schon von Hannah Arendt wissen).
Die Emanzipation der Muslime – und allen voran der Musliminnen! – ist darum der Schlüssel zur Modernisierung des Islam. Ein erster Schritt wäre die Aufhebung der Geschlechtertrennung, die schon bei den Kleinkindern beginnt; sowie eine beherzte Kritik an der absurden Betonung und Zementierung des Unterschiedes zwischen den Geschlechtern: durch Kopftuch & Bart, draußen & drinnen, zweierlei Maß & Recht. Der zweite Schritt wäre eine wahre Integration: durch Deutschunterricht auch für Mütter und Kinder, ein Anti-Gewalt-Programm zum Schutz der Musliminnen und ein Anti-Macho-Programm zur Aufklärung der Muslime.
Entscheidende Anstöße zu diesem wirklichen Dialog geben heute Frauen wie Ayaan Hirsi Ali oder Necla Kelek oder Seyran Ates und all diese Pionierinnen aus dem muslimischen Kulturkreis, die für ihre Emanzipation und die der anderen nicht selten ihr Leben riskieren. So wie Ayaan Hirsi Ali, die eigentlich gemeint war von dem Mörder von Theo van Gogh, und die seit Jahren nur schwer bewacht das Haus verlassen kann.
Sie hat Europa viel zu verdanken – stößt jedoch jetzt an Grenzen. Die Parteien, in denen sie sich als Politikerin engagiert hatte, bekamen rasch kalte Füße und erteilten ihr Redeverbot. Jetzt hat die Menschenrechtlerin darum die Einladung des neokonservativen "American Enterprise Institute for Public Policy Research" angenommen, wo sie in der kommenden Zeit leben, forschen – und handeln wird.
Doch ich hoffe, Ayaan Hirsi Ali verlässt Europa nicht ganz. Denn wir brauchen Denkerinnen und Kämpferinnen wie sie. Der Versuch einer wahren Integration fängt schließlich gerade erst an. Einer Integration, bei der wir die anderen (k)und uns selbst ernst nehmen. Einer Integration, bei der Kritik (k)und Selbstkritik angesagt ist – statt Beleidigtsein.
Alice Schwarzer, EMMA November/Dezember 2006
Zum Weiterlesen:
Ayaan Hirsi Ali 'Mein Leben, meine Freiheit. Die Autobiografie' (Piper, 19.90 €)
"Die Gotteskrieger – und die falsche Toleranz", hrsg. Alice Schwarzer (KiWi, 9.90 €) (Buch im
EMMA-Shop bestellen)

- Hirsi Ali
Ayaan Hirsi Ali im Gespräch mit Alice Schwarzer
"Natürlich ist diese permanente Bewachung eine schwere Belastung für mich. Ich habe quasi kein Privatleben mehr. Aber ich bezahle diesen Preis gern, solange es mir erlaubt, weiterzuarbeiten. In Amerika erhoffe ich mir mehr Bewegungsfreiheit. Dort ist die Bedrohung für mich geringer. Doch ich werde auch in Zukunft nicht mehr innerhalb einer Partei arbeiten. Das schränkt zu stark ein. Ich werde ab jetzt versuchen, von außerhalb auf die Politik einzuwirken, mit einer unabhängigen Stimme.
Nehmen Sie zum Beispiel die Kopftuchfrage – und alles, was darunter steckt. Da bin ich auf der Position Frankreichs: Innerhalb einer weltlichen Schule hat das Kopftuch nichts zu suchen, weder auf dem Kopf von Lehrerinnen, noch auf dem von Schülerinnen. Aber das wagt die Politik in Europa ja bis heute kaum zu sagen.
Das Wichtigste ist, dass wir die Parallelwelten auflösen. Die Segegration muss gestoppt werden, die die Muslime selbst betreiben: mit eigenen Vierteln, eigenen Schulen, in Holland sogar mit eigenen Krankenhäusern. Sie schauen auch nur eigene Fernsehkanäle und bleiben ganz in ihrer Welt. Um diesen Prozess zu stoppen, muss die Einwanderung begrenzt bzw. geplant werden. Das geht nicht nationalstaatlich, sondern muss EU-weit passieren. Ein großes Land wie Deutschland könnte zusammen mit Frankreich einen EU-Plan zur Kontrolle der Grenzen entwickeln.
Und vor allem für die Mädchen und Frauen müssen Programme erarbeitet werden. Gegen die Gewalt. Nur dann können sie sich bilden und emanzipieren. Denn ab der Pubertät werden die Mädchen von der ganzen Familie überwacht. Sie werden aus der Schule genommen, ganz schnell verheiratet und, wenn sie sich nicht unterwerfen, geschlagen. Manche werden in die Ursprungsländer zurück verfrachtet. Oder sogar getötet. Wir wissen das alles nicht genau.
Die Politik in Europa muss endlich die Richtigen unterstützen! Nicht wie bisher die Fundamentalisten, die neuerdings oft Kreide gefressen haben. Es gibt sie, die wirkliche demokratische Opposition in den islamistischen Ländern und auch hier im europäischen Exil. Doch die iranische Opposition in England zum Beispiel kann kaum wagen, aus dem Versteck zu kommen, der iranische Arm ist lang. Wir sind wenige – und wir brauchen dringend Unterstützung!"
EMMA 6/2006
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