DER KONVERTIT
Wir dürfen nicht länger schweigen!
Neurobiologe Ben Barres war mal eine Wissenschaftlerin - und staunt, wie gut er als Wissenschaftler behandelt wird.

- "Ben Barres' Seminar war großartig - viel besser als das seiner Schwester."
Als ich 14 Jahre alt war, hatte ich einen ungewöhnlich talentierten Mathematik-Lehrer. Eines Tages wollte ich ihn voller Enthusiasmus meiner Mutter zeigen, doch zu meinem großen Erstaunen schaute sie ihn nur schockiert an und sagte voller Abscheu: „Du hast mir nie gesagt, dass er ein Schwarzer ist.“ Ich sah zu meinem Lehrer hinüber und stellte zum ersten Mal fest, dass er Afro-Amerikaner war. Irgendwie war mir seine Hautfarbe vorher noch nie aufgefallen – nur seine grandiosen pädagogischen Fähigkeiten. Die tatkräftigen Bemühungen meiner Eltern, mir Vorurteile einzutrichtern, sind fehlgeschlagen. Mittlerweile bin ich 51 Jahre alt und transgendered: von einer Frau zum Mann.
Im Januar 2005 ließ Larry Summers, der Präsident der Harvard-University, verlauten, nicht die Diskriminierung von Frauen sei an der mangelnden Repräsentanz von Frauen in Naturwissenschaft und Technik schuld, sondern angeborene spezifisch weibliche (Un)Fähigkeiten. Peter Lawrence, Forscher am ‚Medical Research Council Laboratory of Molecular Biology‘ in Cambridge, vertrat in seinem 2006 erschienen Aufsatz ‚Men, Women and Ghosts in Science‘ eine fast identische Sichtweise.
Während Summers seine Aussagen damit rechtfertigte, er habe nur „provozieren wollen“, enthielt sich Lawrence jeglichen Kommentars. Während Summers von „unterschiedlichen Begabungen im Hochleistungsbereich“ sprach, glaubte Lawrence schon einen Unterschied in der durchschnittlichen Begabung zu erkennen. Er ging davon aus, dass Frauen selbst in einer utopischen, vorurteilsfreien Welt in Naturwissenschaft und Technik unterrepräsentiert wären – aufgrund angeborener Unterschiede zu Männern.
Lawrence stützt sich bei seiner Argumentation auf die Arbeit von Simon Baron-Cohen, der die Ansicht vertritt, der Durchschnitts-Mann neige biologisch dazu zu systematisieren, zu analysieren und Mitmenschen eher zu vernachlässigen. Frauen hingegen seien dafür geschaffen, mitzufühlen, zu kommunizieren und für andere zu sorgen. Die Theorie, dass Frauen aufgrund angeborener Defizite und nicht aufgrund von Vorurteilen oder anderen Faktoren am Aufstieg gehindert werden, hat besonders bei Wissenschaftlern Anklang gefunden, aber nicht bei Wissenschaftlerinnen.
Ich kann belegen, dass vorliegende wissenschaftliche Forschungsergebnisse bestätigen, dass Frauen wegen Diskriminierung seltener in Spitzenpositionen zu finden sind. Um es mit Stephen Jay Gould zu sagen: „Kaum eine Tragödie ist tiefgreifender als die Verkrüppelung eines Lebens, kaum eine Ungerechtigkeit schwerer zu ertragen als die vorenthaltene Möglichkeit, nach etwas zu streben oder auch nur zu hoffen. Vorenthalten aufgrund einer Grenze, die von außen auferlegt, aber als von innen kommend identifiziert wird.“
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Wie viele Frauen und Minderheiten finde ich es verdächtig, wenn Privilegierte erklären, weniger Privilegierte seien eben leider von Natur aus unfähiger. Ungeachtet vieler durchschlagender sozialer Faktoren, die Frauen schon in sehr jungen Jahren davor zurückschrecken lassen, Mathematik oder Naturwissenschaften zu studieren, gibt es kaum Beweise dafür, dass sich die mathematischen Fähigkeiten von Männern und Frauen voneinander unterscheiden, sie angeboren oder gar für den mangelnden Aufstieg von Frauen in Naturwissenschaft und Technik verantwortlich sind.
Zum Beispiel wurde in einer Studie, bei der die Ergebnisse eines Mathematiktests von 20.000 Kindern im Alter von vier bis 18 Jahren verglichen wurden, festgestellt, dass es kaum geschlechtsspezifische Unterschiede gab. Und trotz der schwierigen sozialen Umstände, mit denen sich Frauen schon im Kindesalter konfrontiert sehen, waren ein Drittel der Gewinner des im Jahr zuvor durchgeführten angesehenen ‚Putnam Math Competition‘ Frauen.
Wenn es nun also nicht die angeborene (Un)Fähigkeit von Frauen ist, die sie auf ihrem Weg zurückhält, was ist es dann? Der wichtigste Faktor ist meiner Meinung nach die Annahme der Gesellschaft, dass Frauen von Natur aus weniger können als Männer. Viele Studien, die in Virginia Valians exzellentem Buch ‚Why so slow?‘ (Warum so langsam?) zusammengefasst werden, zeugen von einem beträchtlichen Maß an Voreingenommenheit gegenüber Frauen, das ich auch aus eigener Erfahrung kenne.
Während meiner Studienzeit als Studentin am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gelang es mir in einer – fast nur von Männern besuchten – Vorlesung als einzige, eine schwierige mathematische Aufgabe zu lösen. Daraufhin musste ich mir sagen lassen, dass sicherlich mein Freund die Aufgabe für mich gelöst hatte. Immer noch enttäuscht bin ich auch über den Ausgang einer Ausschreibung für ein hoch angesehenes Forschungsstipendium. Während meiner Zeit als Doktorandin unterlag ich einem männlichen Mitbewerber, obwohl der Dekan der Harvard University mir nach Durchsicht unserer beider Unterlagen zugesichert hatte, dass meine Bewerbung deutlich besser sei. Kurz nachdem ich Mann geworden war, hörte ich einen Kollegen an meiner Universität sagen: „Ben Barres Seminar heute war großartig. Seine Arbeit ist viel besser als die seiner Schwester."
Doch nicht nur Anekdoten, auch Studien zeigen, dass Frauen zweieinhalb mal soviel leisten müssen wie Männer, um als ebenso kompetent betrachtet zu werden. Und selbst bei Frauen, die das Glück hatten, eine Anstellung als Akademikerin zu finden, beeinflussen weiterhin Vorurteile die Bereitstellung von Ressourcen für ihren Fachbereich. Das legte Nancy Hopkins mit einer Studie am MIT offen. Die Ergebnisse waren so überzeugend, dass Charles Vest, der Präsident des MIT, öffentlich erklärte, dass tatsächlich Diskriminierung für die schlechtere Stellung der Frauen am MIT verantwortlich sei.
Für Frauen im universitären Wissenschaftsbetrieb scheint das Prinzip der Leistungsgesellschaft nicht zu gelten. Trotz alledem sind nur sehr wenige Männer und Frauen bereit zuzugeben, dass Diskriminierung ein ernstzunehmendes Problem im wissenschaftlichen Bereich darstellt. Bemerkenswerterweise verleugnen Frauen die Existenz von geschlechtsspezifischen Vorurteilen genauso oft wie Männer. Deshalb tragen erfolgreiche Frauen, denen der Aufstieg gelungen ist, auch zum Aufrechterhalten der Situation bei: Sie ziehen auf dem Weg zur Spitze hinter sich die Leiter hoch – und erschweren so anderen Frauen das berufliche Vorankommen – ganz in dem perversen Glauben, ihren Erfolg durch den Misserfolg anderer Frauen aufzuwerten.
Eine weitere Erklärung ist das Phänomen der „Verleugnung der persönlichen Benachteiligung“. Frauen vergleichen ihr Vorankommen demnach eher mit dem anderer Frauen als mit dem von Männern. Meine eigene Verleugnung hielt ich bis letztes Jahr aufrecht, bis ich im Alter von 50 Jahren Zeuge mehrerer Ereignisse wurde, die mir endlich die Augen für die Barrieren öffneten.
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Mansfield und viele andere behaupten, dass Frauen emotionaler sind als Männer. Dafür gibt es allerdings nicht die geringsten wissenschaftlichen Beweise. Im Gegenteil: Es sind Männer, die aus Wut oder Zorn heraus die meisten Gewaltverbrechen verüben. Sie morden zum Beispiel 25 mal häufiger als Frauen. Die einzige heftige Gefühlsaufwallung, die die wütende Reaktion der MIT-Professorin Nancy Hopkins auf Larry Summers Kommentare noch übertraf, war die schockierend bösartige Berichterstattung männlicher Journalisten. Auch die Behauptung, Frauen seien von Natur aus weniger konkurrenzfähig, lässt sich wissenschaftlich keinesfalls belegen. Außerdem glaube ich, dass Neugierde und Kreativität weitaus stärkere Antriebsfaktoren für einen Wissenschaftler sind als Konkurrenzdenken.
Tatsächlich taucht der Faktor „Selbstbewusstsein“ immer wieder auf, wenn es darum geht, was Frauen dazu veranlasst, die Naturwissenschaften oder Ingenieursstudiengänge an den Nagel zu hängen. Natürlich leidet das Selbstbewusstsein von Frauen, wenn man ihnen ständig sagt, sie seien schlechter als Männer, ihr Ehrgeiz schwindet. Deshalb kommt Valian zu dem Schluss, dass es das Wichtigste sei, Erwartungen an Frauen in Naturwissenschaft und Technik zu steigern, um sie zum Aufstieg herauszufordern.
Während die Messlatte für Frauen in akademischen Auswahlverfahren sehr hoch liegt, wird sie ziemlich nach unten verlagert, wenn es darum geht, dass Männer die Beweise auswerten, warum Frauen in der Wissenschaft nicht vorankommen. Wo ist der Unterschied zwischen Universitätsangestellten, die ihre afro-amerikanischen Studenten faul nennen, und denen, die behaupten, Frauen seien von Natur aus minderwertig? Mit so einem Gerede wird eine gewisse Grenze übertreten – und zwar die Grenze, die das Recht auf freie Meinungsäußerung und verbale Gewalt voneinander trennt. Das darf man weder in Harvard noch sonst irgendwo tolerieren.
Also was können wir tun? Man kann die Bedeutung von ‚role models‘ im wissenschaftlichen Bereich nicht genug betonen. Auswahlkomitees sollten nicht immer männliche Vorsitzende haben und möglichst vielfältig besetzt sein. Außerdem sollte beim beruflichen Aufstieg die Qualität der veröffentlichten Arbeit zählen, nicht die Quantität.
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Gerade Frauen in Lehrberufen sind auf die Unterstützung ihrer Arbeitgeber angewiesen, wenn es darum geht, Karriere und Privatleben zu vereinbaren. In einem zunehmend hart umkämpften Arbeitsumfeld müssen Frauen mit Kindern in der Lage sein, sich selbst zu finanzieren und ein gutes Leben zu ermöglichen.
Vor allem sollte weniger über das Thema der Diskriminierung geschwiegen werden. Ich weiß nicht, warum sich nicht mehr Frauen über den Sexismus in ihren Institutionen äußern, aber ich weiß, dass sie oft zögerlich sind, sogar wenn sie eine sichere Position in einer Fakultät inne haben.
Zuguterletzt sollten wir jungen WissenschaftlerInnen beibringen, wie man in einer Welt mit Vorurteilen überlebt. Selbstbewusstsein ist sehr wichtig, wenn man eine Karriere in der Wissenschaft plant und die Arbeit in der Forschung liebt. Schon in jungen Jahren wird Mädchen gesagt, dass sie nicht gut genug sind für naturwissenschaftliche Fächer, oder dass sie weniger geliebt werden, wenn sie darin gut sind. Solche Einflüsterungen kommen aus verschiedenen Richtungen: von Eltern, Freunden, Mitschülern und leider auch von Lehrern. Doch wir sind alle mit schuld, dass solche Einflüsterungen noch immer zirkulieren. Wir dürfen nicht länger schweigen, wenn wir es hören.
Ben Barres, EMMA Juli/August 2007
Der Neurobiologe lehrt an der Stanford Universität, Kalifornien. Sein Beitrag erschien zuerst in Nature. - Übersetzung: Britta Krauß
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