Dossier: Haben Opfer eine Chance?
Schande, Scham und Stolz
Ein um seine Karriere besorgter Staatsanwalt stellt das Verfahren ein. Ein stolzes Opfer aber lässt sich nicht einschüchtern.
Der Fall Strauss-Kahn wurde mit fast identischen Worten zu den Akten gelegt wie der Fall Kachelmann. Die Glaubwürdigkeit der Belastungszeugin sei „erschüttert“, hieß es. Was allerdings keineswegs bedeute, dass der Angeklagte unschuldig sei. Es bedeutete allerdings in beiden Fällen, dass ein der schweren Vergewaltigung angeklagter Mann nach Hause gehen konnte. Im Fall Kachelmann am Ende eines quälend langen Prozesses, im Fall Strauss-Kahn noch vor Beginn eines Prozesses. Die Reaktionen auf diese beiden sehr ähnlichen Fälle jedoch könnten unterschiedlicher nicht sein. In Deutschland herrschte während des Kachelmann-Prozesses und nach dem Urteil Friedhofsruhe. In Amerika und Frankreich gingen die Frauen auf die Straße, gründeten Solidaritätsgruppen und sind entschlossen, weiter zu kämpfen.
Nicht nur für Feministinnen ist Nafissatou Diallo, die Frau, die es wagte, einen der mächtigsten Männer der Welt anzuklagen, eine Heldin. NOW, die Nationale US-Frauenorganisation, gratulierte der Guineanerin zu ihrem Mut und erklärte sie zum „Vorbild für alle Frauen“. NOW in ihrer Presseerklärung: „Dieser Justizirrtum entlarvt eine Gesellschaft, die sexuelle Gewalt toleriert und die Opfer beschämt oder gar beschuldigt. Doch wer sich wirklich schämen muss, das sind die Staatsanwälte und Verteidiger, die es möglich gemacht haben, dass Strauss-Kahn straflos davonkommt.“ Dies nähre ein gesellschaftliches Klima, „in dem Frauen Angst haben müssen“.
Diallo hätte „ein faires Gerichtsverfahren zugestanden“, erklärte auch Women Action and the Media (WAM!). „Die Beschuldigung von Opfern ist eine gängige Verteidigungstaktik“, höhnte die „New York City Alliance against sexual aussaults“ und kritisierte: „Die forensischen Beweise bestätigen Diallos Aussage und Dominique Strauss-Kahn war auch schon in der Vergangenheit bekannt für seine sexuellen Übergriffe.“
Für die Slutwalk-Aktivistinnen in New York ist „Nafissatou Diallo eine Heldin“. Nicht minder für das Aktionsbündnis Hollaback (Schlagzurück), die schrieben: „Die Wucht ihrer Worte ist ein glänzendes Beispiel dafür, dass wir das Schweigen brechen können, so wir unsere Geschichten erzählen!“ Das kann nun eine jede auf ihollaback.org tun und sich unter „Ich stehe hinter Nafissatou!“ mit Diallo solidarisieren.
Der ermittelnde Staatsanwalt Cyrus Vance hatte am Ende der 101-Tage-Untersuchung übrigens keineswegs behauptet, er halte Dominique Strauss-Kahn für unschuldig. Er sagte lediglich, er sei „nicht sicher, eine Jury von der Schuld des Angeklagten überzeugen zu können“. Nur eines scheint sicher: Von der Antwort auf die Frage, ob der mächtige, weiße DSK, 62, sich tatsächlich vor Gericht der Anschuldigung stellen muss, er habe das ohnmächtige schwarze Zimmermädchen Nafissatou Diallo, 33, oral vergewaltigt – davon hing die gesamte hoffnungsvolle Karriere von Vance ab.
Am 23. August 2011 kam Richter Michael Obus dem Antrag von Staatsanwalt Vance nach, das Verfahren einzustellen. Vor dem Gebäude demonstrierten Frauen und Männer mit Schildern wie: „Nafissatou, wir glauben dir“ und „Shame on you, Cyrus Vance!“ Heather Cottin, Aktivistin für die Rechte von Immigranten, wetterte vor Journalisten über Strauss-Kahns Ehefrau Anne Sinclair, die in Nibelungentreue zu ihrem Mann gehalten und mit allen Mitteln seine Freilassung betrieben hatte: „Leider machen das viele Frauen, deren Männer Schweine sind. Idiotin!“
Staatsanwalt Vance begründete seinen Rückzug damit, die Klägerin habe „beharrlich und auf manchmal unerklärliche Weise die Unwahrheit gesagt“. Doch wo und wann hat das mutmaßliche Opfer die Unwahrheit gesagt? Nachvollziehbar ist diese Behauptung bisher einzig und allein in Bezug auf den Asylantrag von Diallo, in dem die mit 16 in Afrika Zwangsverheiratete behauptet hatte, sie sei Opfer einer Massenvergewaltigung geworden. Dass es genügt hätte, einfach zu sagen, dass sie genitalverstümmelt ist, das hatte der Analphabetin niemand gesagt.
Unstrittig hingegen ist, dass der „sexuelle Kontakt“ zwischen Strauss-Kahn und Diallo innerhalb einer Zeitspanne von neun Minuten stattfand, auf dem Fußboden. Was wenig für den angeblich „einvernehmlichen Sex“ spricht. Unstrittig ist auch, dass die Gerichtsmediziner, die das mutmaßliche Opfer in den Stunden danach untersucht hatten – ohne zu dem Zeitpunkt zu wissen, wer der Täter war! – in ihrem Bericht lakonisch feststellten: Es handele sich nicht um „einvernehmlichen Sex“, sondern um „Aggression und Vergewaltigung“. Die nach ihren Aussagen oral penetrierte und vaginal brutal bedrängte Diallo hatte u.a. Verletzungen an der Vagina und einen Muskelfaserriss an der Schulter.
Was nun die angeblich voneinander abweichenden Aussagen Diallos über das Geschehen in der Suite angeht, so könnten diese durchaus auch auf Missverständnisse und Sprachprobleme der Guineanerin zurückzuführen sein. Und der mutmaßliche Täter? Der hat seine Version des Geschehens nie selber schildern müssen. Die Behauptungen seiner Anwälte, er „habe die Frau noch nie gesehen“ (in einem ersten Stadium) und „Es war einvernehmlicher Sex“ (in einem zweiten Stadium) mussten genügen.
Strauss-Kahns Verteidiger konnte trotz größter Anstrengung und eine der teuersten Detekteien nie auch nur den geringsten Beweis für die Unterstellung vorlegen, Nafissatou Diallo, die Frau mit dem „untadeligen Ruf“, habe sich prostituiert. Das Geld, das zunächst auf Diallos Konto entdeckt worden war, war nachweisbar von einem Bekannten, der das Konto der Gutgläubigen ohne deren Wissen für Geldverschiebungen benutzt hatte.
Diallo und DSK, die Kontrahenten dieses so dramatischen wie exemplarischen Falles, sind von zwei unterschiedlichen Planeten. Die alleinerziehende Asylantin aus Guinea steht nicht nur am Rand, sondern schlicht außerhalb der Welt, in der Dominique Strauss-Kahn, einer der mächtigsten Männer der Welt, Spitzenbanker und Beinahe-Präsident Frankreichs, war und ist. Eine Welt, in der auch Staatsanwalt Vance eine nicht unbedeutende Rolle spielt.
Diallos zunächst sehr offensiver Anwalt Kenneth Thompson erklärte am Schluss resigniert: „Der Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, Cyrus Vance, hat einer Frau das Recht verweigert, in einem Vergewaltigungsfall zu ihrem Recht zu kommen.
Er hat damit nicht nur dieses Opfer im Stich gelassen, sondern auch alle forensischen, medizinischen und physischen Beweise in diesem Fall ignoriert.“ Und Diallos zweiter Verteidiger, Douglas Wigdor, fügte hinzu: „Die Klage abzuweisen und das Opfer im Stich zu lassen wegen so genannter ‚Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit‘, das ist eine Beleidigung nicht nur für Ms. Diallo, sondern für alle Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt sind.“
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Und Nafissatou Diallo? Sie hat bereits Zivilklage eingereicht. Wir erinnern uns: O.J. Simpson, der 1994 seine Frau und deren (homosexuellen) Freund aus Eifersucht erschlagen haben soll, wurde im Strafverfahren freigesprochen – in dem von den Eltern der toten Frau angestrengten Zivilprozess jedoch zu 33,5 Millionen Dollar Schmerzensgeld verurteilt. Vor Journalisten erklärte Diallo: „Ich habe meiner Tochter versprochen, stark für sie zu sein. Und für jede andere Frau auf der Welt. Was mir passiert ist, wünsche ich keiner Frau auf der Welt. Das ist einfach zu viel für mich. Es ist zu viel für mich und meine Tochter.“
Es ist zu viel für alle Frauen in dieser männerbeherrschten Welt.
EMMA, Herbst 2011
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Dossier: Haben Opfer eine Chance? (4/11)
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Der Fall Strauss-Kahn
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