STRAUSS-KAHN Folge XII
"Nafissatou, für uns bist du eine Heldin!"
Der Fall Strauss-Kahn wurde mit fast identischen Worten zu den Akten gelegt wie der Fall Kachelmann. Die Glaubwürdigkeit der Belastungszeugin sei „erschüttert“, was aber keineswegs heiße, dass der Angeklagte unschuldig sei. Es heißt jedoch in beiden Fällen, dass ein einer schweren Vergewaltigung Angeklagter nach Hause gehen konnte. Im Fall Kachelmann am Ende eines quälenden Prozesses, im Fall Strauss-Kahn noch vor Beginn eines Prozesses. Die Reaktionen auf diese beiden sehr ähnlichen Fälle jedoch könnten unterschiedlicher nicht sein. In Deutschland herrschte Friedhofsruhe. In Amerika und Frankreich gehen die Frauen auf die Straße, schreiben Solidaritätsadressen, gründen Solidaritätsgruppen und sind entschlossen zu kämpfen. Nicht nur für Feministinnen ist Nafissatou Diallo, die Frau, die es wagte, einen der mächtigsten Männer der Welt anzuklagen, eine Heldin.

- "Haben Geld und Macht über die Gerechtigkeit gesiegt?" fragt diese Demonstrantin. - Timothy A. Clary, AFP/getty
NOW, die Nationale US-Frauenorganisation, gratulierte der Guineanerin zu ihrem Mut und erklärte sie zum „Vorbild für alle Frauen“. „Dieser Justizirrtum entlarvt eine Gesellschaft, die sexuelle Gewalt toleriert und die Opfer beschämt oder gar beschuldigt“, schreibt NOW in ihrer Presseerklärung. „Doch wer sich wirklich schämen muss, das sind die Staatsanwälte und Verteidiger, die es möglich gemacht haben, dass Strauss-Kahn straflos davonkommt.“ Dies nähre ein gesellschaftliches Klima, „in dem Frauen Angst haben müssen“.
„Die Beschuldigung von Opfern ist eine gängige Verteidigungstaktik“, höhnt die New York City Alliance against sexual aussaults. „Die forensischen Beweise bestätigen Diallos Aussage und Dominique Strauss-Kahn war auch schon in der Vergangenheit bekannt für seine sexuellen Übergriffe.“ Diallo hätte „ein faires Gerichtsverfahren zugestanden“, erklärte Women Action and the Media (WAM!).
Auch für die Initiatorinnen des Slutwalks in New York ist „Nafissatou Diallo eine Heldin“. Ebenso wie für das Aktionsbündnis Hollaback (Schlagzurück). Sie erklären: „Die Wucht ihrer Worte ist ein glänzendes Beispiel dafür, dass wir das Schweigen brechen können, wenn wir unsere Geschichten erzählen!“ Das kann jede auf ihollaback.org tun und sich mit der Betreffzeile „Ich stehe hinter Nafissatou!“ mit Diallo solidarisieren.
In Frankreich schlagen die Wogen nicht minder hoch, auch wenn die Französinnen sich etwas bedeckter halten. Sie unterstellen nicht alle so explizit die Schuld ihres Beinahe-Präsidentschaftskandidaten (vermutlich auch aus juristischen Gründen), geißeln jedoch scharf die Einstellung des Verfahrens.
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Die feministisch engagierte Anwältin Linda Weil-Curiel fordert „Gerechtigkeit für Diallo“ und schreibt: „Die Welt will wissen, was wirklich passiert ist im Hotelzimmer.“ Und das Komitee „Gerechtigkeit für Nafissatou Diallo“ erinnert daran, dass die Einstellung des Verfahrens keineswegs bedeutet, dass Strauss-Kahn „rehabilitiert und unschuldig“ sei.
Die sehr aktive feministische Organisation Osez le feminisme (den Feminismus wagen) gibt die Parole aus: „Die Schande muss das Lager wechseln!“ Und sie erklärt, unabhängig von dem, was in New York passiert sei, seien die in Frankreich apropos der Affäre laut gewordenen sexistischen Sprüche und Vergewaltigungs-Klischees inakzeptabel.
Frankreich hat im Juni 2012 Direktwahlen für den neuen (alten?) Präsidenten. Bis zu seiner Verhaftung war der Ex-IWF-Chef und Sozialist Strauss-Kahn unbestrittener Favorit für den Einzug im nächsten Sommer in den Elysee, und das nicht nur bei sozialistischen WählerInnen. Nicht zuletzt im Hinblick darauf raten Aktivistinnen von „Osez le feminisme“ allen, ihre Worte in Zukunft sehr genau abzuwägen. Sie drohen: „Sollten Politiker und Journalisten der Versuchung erliegen, jetzt alle Vergewaltigungsopfer zu diskreditieren, werden wir zu antworten wissen.“ Nicht nur die Initiatorinnen der Gruppe Paroles de Femmes befürchten, das von nun an noch weniger Vergewaltigungen angezeigt würden. „Die Franzosen werden zu ihren alten Gewohnheiten zurückkehren.“

- Entschlossen, zu kämpfen: Tristane Banon mit ihrem Anwalt David Koubbi. - Philippe Wojazer/Reuters
Und die Immigranten-Töchter von Ni putes ni soumises (Weder Hure noch Unterworfene) spotteten: „Muss man eine Heilige sein, um eine Vergewaltigung anzeigen zu können?“ Diese Frauen, die nur zu häufig selber oft Opfer geworden sind, beklagen, dass man die Opfer „seelisch zerstört“ und es für sie manchmal fast unmöglich sei, sich exakt an alles zu erinnern, was ihnen widerfahren ist.
Anne Zelensky, Feministin der ersten Stunde, spottet über die Verlogenheit der Sozialistischen Partei, die jetzt wagt zu erklären: „Wir wussten immer, dass er unschuldig ist.“ Die Präsidentin der „Liga für Frauenrechte“ erinnert daran, dass Vergewaltigung früher juristisch in Frankreich nur ein „Vergehen“ war, und nur dank der Feministinnen seit 1980 als „Verbrechen“ gilt.
Der französische Anwalt von Diallo, Thibault de Montbriand, sei unter Druck gesetzt worden, berichtet Zelensky, ebenso wie seine Klientin, eine Ex-Kollegin von Strauss-Kahn aus der Zeit, als er noch Bürgermeister in Sarcelles war. Sie wollte ebenfalls Anzeige erstatten, hat sich das dann aber anders überlegt… „Man weiß schon seit Jahrzehnten“, schreibt die Feministin, dass DSK der so genannte „Verführer und Frauenfreund, in Wahrheit ein Besessener ist. Alle Frauen, die durch seine Tür kommen, werden von ihm belästigt, verfolgt, wenn nicht gar vergewaltigt. Aber die Skandale wurden alle erstickt, nicht zuletzt mit Hilfe von Frauen aus seinem politischen Lager.“
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Eine, die nicht mehr schweigen will, ist die Journalistin Tristane Banon. Sie ist die Patentochter von Strauss-Kahns zweiter Frau (die nibelungentreue Anne Sinclair ist die dritte). Die heute 32-Jährige beschuldigt den Freund der Familie, sie vor acht Jahren bei einem Interview regelrecht überfallen und versucht zu haben, sie zu vergewaltigen. Sie hat acht Jahre lang geschwiegen, bzw. immer wieder mal geredet, aber niemand wollte es hören. Nicht nur Tristane ist überzeugt, dass Nafissatou die Wahrheit gesagt hat. Und sie will sich nicht einschüchtern lassen. Sie hat bereits Anzeige erstattet. Der Fall Strauss-Kahn ist also noch lange nicht zu ende.
EMMAonline, 25.8.2011
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Thema: Der Fall Strauss-Kahn
Thema: Sex, Macht, Gewalt
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