In der aktuellen EMMA

Auch die weiblichen Opfer sind es wert!

„Female black lives matter too!“ - Foto: Tom Williams/Getty Images
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In den vergangenen Wochen waren meine Gedanken immer wieder bei Darnella Frazier – dem mutigen, 17-jährigen schwarzen Mädchen, das gefilmt hat, wie George Floyd getötet wurde. Nur, weil sie gewagt hat zu dokumentieren, wie der Polizist Derek Chauvin fast neun Minuten lang sein Knie auf Floyds Hals gedrückt hielt, ist die Welt Zeuge dieser tödlichen, rassistischen Polizeigewalt geworden – die oft stattfindet, aber selten so sichtbar wird. Das Video von Floyds Tod, das die Lügen des Polizisten entlarvt, hat eine große kollektive Entrüstung nach sich gezogen. Menschen protestierten in der ganzen Welt auf den Straßen - trotz der globalen Pandemie. Die hat übrigens unverhältnismäßig viele schwarze Communitys getroffen. Das Video von Darnella ist ein Wendepunkt.

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Darnella Frazier filmte den Mord an George Floyd.
Darnella Frazier filmte den Mord an George Floyd.

In den sozialen Medien habe ich Tausende Posts über George Floyd gesehen. Floyd wurde zum Sinnbild für rassistische Polizeigewalt gegen schwarze Männer und Jungen. In seinem Tod sehen die Menschen auch den Tod von Eric Garner, Michael Brown, Tamir Rice, Stephon Clark und vielen anderen schwarzen Männern.

Dabei ist mir aufgefallen, dass kaum Frauen und Mädchen auf dieser „Opferliste“ stehen. Nicht einmal Breonna Taylor aus Louisville, Kentucky. Ohne Vorwarnung hatten Polizisten im März 2020 ihre Wohnung gestürmt und um sich geschossen. Acht Mal wurde Breonna getroffen.

Der Mord an ihr ist typisch für die Geschichte tödlicher Polizeigewalt gegen Frauen und Mädchen innerhalb ihres eigenen Hauses. Ein Sinnbild für die Morde an Atatiana Jefferson, Aiyana Stanley-Jones oder Deborah Danner. Sie alle wurden in ihrem Zuhause getötet, wo ihnen niemand mutig zur Seite springen oder ihren sinnlosen Tod dokumentieren konnte. Nicht einmal in ihrem eigenen Haus waren sie in Sicherheit.

Danner war eine 66-jährige geistig verwirrte Frau. Stanley-Jones war ein siebenjähriges Mädchen, das auf der Couch schlief. Jefferson war eine 28-Jährige, die Video-Spiele mit ihrem Neffen spielte. Auch die Leben dieser Frauen sind von Bedeutung.

Durch #SayHerName trat das Ausmaß der Gewalt gegen schwarze Frauen ans Licht

2015, als das „African American Policy Forum“ (ein Think Tank für soziale Gerechtigkeit, Anm.d.Red.) einen Bericht von #SayHerName veröffentlichte, trat das Ausmaß der Gewalt gegen schwarze Frauen und Mädchen zutage. Fünf Jahre später gibt es jedoch immer noch kaum ein Bewusstsein für diese Gewalt.

Der Kampf dagegen ist eine Sisyphus-Arbeit. Ich fühle mich, als würde ich in einen luftleeren Raum schreien: Die Polizei tötet auch schwarze Frauen und Mädchen oder Menschen, die nicht ins Geschlechter-Raster passen, überdurchschnittlich oft! Schwarze und weiße Menschen gehen auf die Straße, um gegen den Skandal zu protestieren, dass schwarze Männer und Jungen besonders oft Opfer von Polizeigewalt sind. Das ist gut. Doch dass die weiblichen Opfer nicht ebenso Teil des öffentlichen Aufschreis sind, löscht diesen Teil der Opfer aus. Und es stellt sich die herzzerreißende Frage: Warum sind die Morde an schwarzen Mädchen und Frauen nicht der Rede wert?

Sie wurden alle Opfer von Polizeigewalt: Aiyana Stanley-Jones, Deborah Danner, Atatiana Jefferson und Breonna Taylor.
Sie wurden alle Opfer von Polizeigewalt: Aiyana Stanley-Jones, Deborah Danner, Atatiana Jefferson und Breonna Taylor.

Die Gewalt von Staat und Polizei gegen schwarze Frauen und Mädchen hat in diesem Land mit dem Sklavenhandel begonnen. Sie geht weiter mit dem „Tod in Polizeigewahrsam“ von Diamond Ross, Layleen Polanco, Sandra Bland, Kindra Chapman, Ralkina Jones oder Joyce Curnell. Es geht dabei um Sexualgewalt, Körperverletzung, Kriminalisierung und Lynchmorde. Das Zusammenspiel von Rassismus und Sexismus ist in der amerikanischen Geschichte verheerend. Schwarze Frauen waren „exotische Früchte, die von Pappeln hängen“ (Anspielung auf das Lied "Strange Fruit" über Lynchmorde an Schwarzen, Anm.d.Red); sie wurden gruppenvergewaltigt von weißen Suprematisten; waren eingekerkert und angekettet; sie wurden aus „eugenischen Gründen“ zwangssterilisiert etc.

Die Polizeimorde an schwarzen Frauen und Mädchen müssen Teil unseres Kampfes sein!

Angesichts all dieser Fälle ist es unmöglich, schwarze Frauen und Mädchen in der Debatte über und dem Protest gegen Rassismus in den USA einfach nicht zu benennen. Es ist Zeit, dass wir unseren Blick weiten, wenn wir über rassistische Polizeigewalt sprechen und gegen die Morde auf die Straße gehen. Denn wenn wir den Sexismus dabei vergessen, ist das nur ein halbherziges Engagement für Gerechtigkeit. Die Polizeimorde an schwarzen Frauen, Mädchen und Transmenschen müssen Teil unseres Kampfes sein. #SayHerName darf nicht nur eine leere Geste einiger weniger sein, für die die Morde an schwarzen Frauen und Mädchen „wert“ sind, virale, lokale, nationale und globale Proteste zu lancieren. #SayHerName ist, ganz wie #BlackTranslivesMatter, ein Appell, eine Erinnerung an die Opfer; der Versuch, die ganze Wahrheit über die Gewalt der Polizei gegen schwarze Menschen ans Licht zu bringen.

Ja, in Louisville wird auch der Name von Breonna Taylor gerufen und die Geschichte ihrer Ermordung wird erzählt. Aber er muss von allen gerufen werden, die gegen rassistische Polizeigewalt kämpfen. Wir müssen die Namen aller Opfer nennen und alle ihre Geschichten erzählen! Wir müssen auch für schwarze Frauen auf die Straße gehen!

Treva Lindsey

 

 

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Es gibt viele Sandra Blands!

© AAPF/ Mia Fermindoza
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Alle Welt kennt Trayvon Martin, der in Florida von einem Nachbarn auf „Patrouille“ erschossen wurde; Michael Brown, der, ebenfalls unbewaffnet, in Ferguson von einem Polizisten auf Streife erschossen wurde und dessen Tod gewaltige Proteste auslöste. Oder Eric Garner, der von einem Polizisten derart in den Schwitzkasten genommen wurde, dass der Asthmakranke erstickte.

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Dass die Welt nun auch den Namen von Sandra Bland kennt, könnte einer Kampagne zu verdanken sein, die nicht länger hinnehmen wollte, dass die schwarzen Frauen, die in den USA Opfer rassistischer Polizeigewalt wurden, in der Regel weder für die schwarze Community noch für die Medien ein Thema sind. Der Tod der 28-jährigen Bland, die mit einer Mülltüte stranguliert in einem texanischen Gefängnis gefunden wurde, macht Schlagzeilen und wird heftig diskutiert. Sicher auch deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft jetzt wegen Mordes.

Der Polizist bedroht Sandra Bland: Ich zünde dich an!

Was hatte Sandra Bland sich zuschulden kommen lassen? Sie war in ihrem Auto aus ihrer Heimatstadt Chicago auf einem texanischen Highway unterwegs zu ihrem neuen Arbeitgeber gewesen: der Prairie View A&M Universität, an der sie auch studiert hatte. Als hinter ihr ein Polizeiauto auftaucht, wechselt sie auf die rechte Spur und setzt dabei den Blinker nicht. Ein Polizei-Video zeigt, was dann passiert. Der Polizist fordert Sandra auf, ihre Zigarette auszumachen. Die antwortet, dass sie in ihrem Auto sehr wohl rauchen könne. Der Polizist fordert die Frau auf, auszusteigen. Sie sagt: „Dazu haben Sie kein Recht.“ Daraufhin bedroht der Polizist sie mit einem Elektroschockgerät und den Worten „I’ll light you up!“ – Ich zünde dich an! Bland steigt aus dem Auto und wird dann aus dem Sichtfeld der Kamera geführt. Der Rest ist verzweifeltes Schreien. Das Video ist augenscheinlich manipuliert, einige Sequenzen wiederholen sich.

Drei Tage später wird Bland tot in ihrer Zelle gefunden. Sie habe sich erhängt, heißt es. Die inzwischen veröffentlichten Unterlagen der Polizei sind völlig widersprüchlich. Mal heißt es dort, Bland habe unter Epilepsie gelitten (was ihre Angehörigen bestreiten), mal wird keinerlei Erkrankung erwähnt; mal heißt es, Bland sei suizidal gewesen, mal wird nichts dergleichen erwähnt. 

„Female black lives matter too!“ – Frauenleben zählen auch! lautet der Leitspruch von #SayHerName. Eine Reaktion auf die Bewegung „Black Live Matters“, die sich nach dem Tod von Martin, Brown, Garner und weiteren schwarzen Männern und Jungen gegründet hatte, denn die Justiz hatte die Täter entweder freigesprochen oder gar nicht erst verfolgt. In Ferguson hatten zeitweise bürgerkriegsartige Zustände geherrscht.

Die Polizisten knallten Tanisha mit dem Kopf auf das Steinpflaster

Aber es sterben eben nicht nur schwarze Jungen und Männer in diesem Land, in dem die Polizei ein halbes Jahrhundert nach der Bürgerrechtsbewegung immer noch von Rassismus durchdrungen ist. Allein in diesem Jahr, belegt #SayHerName, sind 22 schwarze Frauen durch die Hand von Polizisten umgekommen. Zum Beispiel Tanisha Anderson aus Cleveland. Die 37-Jährige litt an einer bipolaren Störung, ihre Familie hatte an diesem Abend den Krankenwagen gerufen, weil die verwirrte Tanisha im Nachthemd das Haus verlassen wollte. Statt der Sanitäter kamen Polizisten, die Tanisha Handschellen anlegten und mit dem Kopf auf das Steinpflaster knallten. Sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

Am 28. Mai stand Tanishas Mutter Cassandra Johnson auf einer Bühne auf dem Union Square in Manhattan und sprach vor 200 Menschen vom gewaltsamen Tod ihrer Tochter. Im ganzen Land, von New York bis San Francisco, waren Tausende Frauen und Männer dem Aufruf von #SayHerName zum nationalen Protesttag gefolgt und hielten Fotos der toten Frauen hoch. Einige Frauen protestierten, ganz wie die Femen, mit nackten Oberkörpern. Argument: „Wir leben in einem Land, das schwarze Frauen und ihre Körper sexualisiert und zur konsumierbaren Ware erklärt, aber den Tod schwarzer Frauen und Mädchen ignoriert“, erklärte Aktivistin Chinyere Tutashinda.

Tarika wurde erschossen, als die Polizei ihren Freund suchte

Die Kampagne hat Folgen. Gerade wurde auf Initiative des „African American Policy Forum“ ein Report veröffentlicht, der die Geschichten schwarzer Frauen erzählt, die durch die Polizei gewaltsam zu Tode gekommen sind. Titel: „#SayHerName: Resisting Police Brutality Against Women“. Resultat: Schwarze Frauen sterben in Polizeigewahrsam, zum Beispiel als Prostituierte, oder, wie jetzt, Sandra Bland. Sie sterben als Kriminelle oder als „Kollateralschaden“ bei Razzien. Wie die siebenjährige Aiyana Stanley-Jones aus Detroit, die bei einer Wohnungsdurchsuchung erschossen wurde. Oder die 26-jährige Tarika Wilson aus Ohio, die erschossen wurde, als die Polizei auf der Suche nach ihrem Freund war. Oder sie sterben, weil ihnen die notwendige medizinische Versorgung verweigert wird, wie Kyam Livingstone, die in der New Yorker Untersuchungshaft sieben Stunden um ärztliche Hilfe bat - bis es zu spät war.       

Ihre Namen sind jetzt endlich bekannt. Nach der Ermordung von Trayvon Martin hatte Präsident Obama eine ergreifende Rede gehalten und erklärt: „Wenn ich einen Sohn hätte, hätte er ausgesehen wie Trayvon Martin.“ Vielleicht spricht der Vater zweier Töchter demnächst ja auch einmal über Sandra Bland, Tanisha Anderson und all die anderen.

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