Die Zukunft alter Frauen
Während ich dies schreibe, kommt die Nachricht, dass Helga Schubert im November im Deutschen Literaturarchiv Marbach die Schiller-Rede halten wird. Ein wichtiger Auftritt vor Menschen, die den Kulturbetrieb im Land am Laufen halten. Helga Schubert, Jahrgang 1940, gehört zu einer Generation, aus der Frauen selten in der Öffentlichkeit gesehen und gehört werden oder Reden vor wichtigen Menschen halten. In ihren Büchern erzählt sie von Schicksalen, Lebensformen, Alltag und Sehnsüchten in der ehemaligen DDR. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, mit dem Ingeborg Bachmann-Preis zum Beispiel im Alter von 80 Jahren, seitdem stehen ihre Bücher regelmäßig auf der Bestsellerliste. Hurra für diese alte Frau!
Dabei sind es diese beiden Wörter, die im selben Satz bei den meisten Menschen keinen guten Eindruck machen. Umso weniger, wenn sie unmittelbar hintereinanderstehen. Alt und Frau. Das hat Gründe, und das hat Folgen. Die Gründe liegen auf der Hand (Falten, schlaffe Haut, unfuckable), und die Folgen sind offensichtlich (Verachtung, Ausgrenzung). Alte Frauen verschwinden aus den Diskursen und Debatten. Ihre Erfahrungen, ihre Gedanken werden gesellschaftlich nicht produktiv. Was für eine Verschwendung!
Der Jugendwahn, den uns das 20. Jahrhundert mitsamt seinem Konsumterror eingebrockt hat, scheint immer noch ungebrochen. Auch wenn wir mehr alte, sagen wir: ältere Menschen inzwischen auf Laufstegen und TikTok oder in anderen Filmchen auf anderen Plattformen sehen können. Alte, die jung aussehen. Alte, die jung bleiben wollen. Mütter, die aussehen wie ihre Töchter. Alte, die uns erzählen, wie das geht. Alte, heißt das, die Werbung machen für Sachen, die sie angeblich jung gehalten haben, teure und nicht so teure Maßnahmen und Produkte. Siebzigjährige, die sagen, sie seien gefühlt vierzig, um damit vielleicht noch einen Platz jenseits der Alten zu ergattern.
Alt zu werden und dabei jung zu bleiben – welche Möglichkeiten für die Pharmaindustrie sich da eröffnen, für die plastische Chirurgie, die Kosmetikunternehmen, die Ratgeberliteratur! Die Folge der Fixierung aufs Alter – das heißt: auf die Jugend – ist die Vorstellung, jung und sexy zu bleiben sei das einzig wertvolle Lebensziel. Kein Wunder, dass es kaum Menschen gibt, die sich von der Vorstellung verabschieden wollen, die Jugend sei das Maß allen Lebens und deshalb aller Dinge, die ihr dienen.
Was ist noch jung? Ab wann schon älter? Of a certain age? Alt gar? Wer entscheidet das? Und warum kann sich offenbar niemand vorstellen, dass es keine Rolle spielt? Dass es eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Alter gäbe?
in der aktuellen März/April-EMMA entwirft Verena Lueken eine Utopie - für Frauen wie für die Gesellschaft als Ganzes: Wie könnte ein Leben jenseits solcher essentialistischen Kategorien und jenseits der biologistischen Grenzen aussehen?
Den ganzen Artikel in der März/April-Ausgabe lesen.
Die Kritikerin und Schriftstellerin Verena Lueken ist die Autorin des Buches „Alte Frauen“ (Ullstein, 24.99 €).


