In der aktuellen EMMA

Anna Mateur: Die Anarchistin

Foto: David Campesino.
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Anna Mateur geht nicht auf die Bühne, um geliebt zu werden – bei ihr muss was raus. Anti-Diva, Musik-Kabarettistin, Entertainerin, Naturereignis. Die Sache mit den Schubladen will bei ihr nicht funktionieren. Nein, sie ist auch nicht die komische Dicke. Ihr Körper passt einfach zu ihrer Wucht. Und da gibt es nichts zu verstecken.

Im Osten des Landes ist Anna Mateur, geborene Anna Maria Vogt, längst Kult. Und auch der Westen kann sich dieser Mischung aus grandioser Körpersprache und entwaffnender Komik schon lange nicht mehr erwehren. Die zahlreichen Kabarettpreise sind nur ein kleiner Beweis dafür. Frauen-­Comedy-Witze á la „Mein Mann, das fremde Wesen“, finden bei ihr ebenso wenig statt wie Witze über die tagespolitische Lage. Mateurs Humor spielt vielmehr mit Gefühlen als mit Fakten. Ihr Telefonsex-Rap „Ruf an, sag Doppelhaushälfte – ich garantiere du kommst!“ zum Thema Alltag und Ekstase zum Beispiel. Sie liebt es, ihr Publikum mit Absurditäten zu überrumpeln.

In ihrem „Wehwehchen-Atlas“ greift sie die Selbstoptimierung an, macht klar, was zu viel Ordnung im Kopf, der permanente Jugend- und Diätwahn, das ganze Botox in den Nerven in Wahrheit sind: eine grenzenlose Selbstverleugnung, der vor allem Frauen zum Opfer fallen.

Als „Anna Mateur“, die das Amateurhafte ja bereits im Namen hat, zelebriert sie das Unangepasste, das Unperfekte, das Spontane, die Improvisation. Ihr liegt das Chaos, nicht die Ordnung. Wie perfekt sie allerdings auch sein kann, zeigt sich in ihrer Musikalität. Wer die studierte Jazz-Musikerin live erlebt, ist baff von so viel Bühnenpräsenz und dieser wahnsinnig guten Stimme. Es ist einfach saukomisch, wenn sie sich das Gesicht ihres ­Pianisten zwischen die Brüste klemmt und sich dabei sinnlich durch ihre Löwenmähne wühlt, weil sie gerade Lust auf Eroberung hat. Widerstand zwecklos.

Sie scheint glücklich mit ihrem Leben, in dem sie neun Jahre lang alleinerziehende Mutter von einem heute 19-jähigen Sohn war. Vor sieben Jahren hat sie ihren Traummann erobert. Widerstand zwecklos.

Das müssen mitunter auch Aufnahmeleiter vom Fernsehen verstehen. Als Mateur einmal in einer NDR-Talkshow die Cindy-von-Marzahn-fürs-dritte-Programm liefern sollte, stellte sie prompt auf stur und brachte die ModeratorInnen völlig aus dem Tritt. Danach hieß es in der Presse: „Die als Komikerin geladene Sängerin Anna Mateur präsentierte sich völlig humorlos.“ Wer einstudierte Knopfdruckwitze will, muss andere Comedians einladen.

Dass man nicht jeden Quatsch mitmachen muss, hat Anna schon früh von ihren Eltern gelernt. Beide waren in der DDR nicht in der Partei, sie waren auf Demos. „Ich habe es früher als Kind nicht wirklich verstanden, aber dieser Satz ‚Wenn wir mal nicht nach Hause kommen, ist die Großmama da‘ fiel relativ oft, und er bewegt mich heute noch.“

Auch wenn Anna sich nicht den Widerstandskampf ihrer Eltern auf die Fahnen schreiben will – sie war 13, als die Mauer fiel – schlagen sich doch viele Erfahrungen aus dieser Zeit in ihrem Programm nieder. Eine Nummer ihres Programms, die regelmäßig das Publikum von den Sitzen haut, ist: „Hier wird nicht gehutzt“ (Für Westdeutsche: Hutzen ist ein Begriff aus dem Erzgebirge und beschreibt das gemeinsame Werkeln in einer Stube im Winter, um Heizkosten zu sparen). Anna besingt darin, wie es aus den „Schächten im Erzgebirge hochkommt, dieses bodenschatzgeile Bergvolk und langsam ganz Dresden unterwandert. Überall wird geklöppelt, Schwibbögen soweit das Auge reicht. Wir haben doch früher nicht geklöppelt!“

Pegida hat auch bei der in Dresden geborenen Anna Spuren hinterlassen. Als sich die rechts­populistische Organisation in den Widerstands-­Leitspruch „Wir sind das Volk“ einverleibte, ist sie „vor Wut geplatzt“. Inzwischen wirbt sie für mehr Miteinander auf beiden Seiten. „So lange die Leute noch reden, haben wir eine Chance. Wenn sie nur noch hassen, ist es vorbei“, sagt sie. In Dresden hat Anna Mateur 2011 deshalb das „Büro für Ordnung und Chaos“ gegründet, weil „das doch endlich mal aufhören müsse, mit dem Rumgehasse“.

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