In der aktuellen EMMA

Influencerinnen & Körperbilder

Hier wirbt Pamela Reif auf ihrem Instagram-Account @pamela_rf für einen Concealer. Welches Körperbild kommt rüber?
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Wie groß ist der Einfluss von InfluencerInnen auf Kinder und Jugendliche?
Maya Götz
Enorm! 2016 haben wir eine erste Studie gemacht. Da wurde uns klar: InfluencerInnen sind die neuen HeldInnen im Kinderzimmer. Instagram ist das neue Leitmedium, dicht gefolgt von TikTok. Schon bei den sechsjährigen Mädchen hat heute jedes fünfte eine sogenannte „Lieblings-Influencerin“, bei den Neunjährigen jedes dritte. Und danach dann einfach so ziemlich jedes Mädchen.

Und warum kommen die Influencerinnen so gut bei jungen Mädchen an?
In erster Linie, weil sie als Freundinnen auftreten, Intimität vorgaukeln und ihren Fans stets wertschätzend begegnen. Sie geben sich als „Stars zum Anfassen“ mit der Botschaft: Du kannst auch so sein wie ich. Ihre Selbstvermarktung wird ein konstitutiver Teil ihres Lebens. Die Teilung von Beruf und Privatleben wird aufgelöst, die Follower werden selbst scheinbar in die intimsten Bereiche mitgenommen.

Die Influencerinnen posten vor allem intime Fotos.
Ja. Die Generation Z – also die, die zwischen 1997 und 2010 Geborenen – ist die Generation, die die meisten Fotos von sich macht und bereits mit dem permanent Fotografiertwerden durch das Handy der Eltern aufgewachsen ist. Fotos sind in nahezu alle Situationen ihres Alltags integriert, sie sind Teil ihrer Jugendkultur geworden. Diese Kraft hatte früher höchstens Musik. Ein tolles Foto von sich ist wie eine Visitenkarte. Die Influencerinnen intensivieren das mit ihrer permanenten Selbstdarstellung – und schlagen aus ihrem Selbstbranding Kapital.

Die Fans lieben sie …
Dass die Influencerinnen eigentlich nur Werbefläche sind, ist den meisten Fans nicht bewusst. Und: Mit ihnen hat diese Generation wieder einen gemeinsamen Bezugspunkt. Das, was vorige Generationen in gemeinsamen Fernsehserien oder Büchern hatten, hat die Generation Z in gemeinsamen Influencerinnen. Sie teilen die Inhalte, machen sie nach, reden über sie. Es geht um einen gemeinsamen Werteabgleich. Doch dieser Prozess ist gefährlich.

Warum?
Der Anpassungsdruck ist enorm. Bei Mädchen, die neu posten, lässt sich das gut beobachten. Zuerst veröffentlichen sie noch lustige Fotos, auf denen sie herumalbern. Doch je länger sie Instagram nutzen, desto stärker kopieren sie die Influencerinnen. Sie machen die Posen bis in die Zehenspitzen nach. Das Alberne, natürlich Kindliche verschwindet. Sie glauben, sich immer cool und gut drauf zeigen zu müssen. Das führt zu einer emotionalen Verarmung.

Welche Posen sind das denn zum Beispiel?
Da wäre das ausgestellte oder zufällig überkreuzte Bein. Das Stehen im Ballenstand, als würde man in einer beiläufigen Bewegung fotografiert. Die Hand ist im Haar oder im Gesicht, das signalisiert Unsicherheit oder auch Flirten. Es gibt den spontanen Blick über die Schulter, den sexy Blick in die Kamera oder den träumerischen in die Ferne. Oft ist der Blick dabei unterwürfig. Der Mund ist leicht geöffnet und soll erotisch wirken. Ganz typisch, nahezu stilprägend ist die S-Kurve: Hintern und Brust raus, alles ist schön straff.

Nicht gerade neu…
Im Gegenteil. Unsere Studien zeigen, dass sich Influencerinnen auf Instagram an ganz traditionellen weiblichen Inszenierungsformen orientieren. Sie nehmen wenig Raum ein, machen sich optisch dünn und wirken fragil. Und dann kommen noch die Filter dazu.

Was machen die Filter?
Die Augen größer, den Körper straffer, den Busen und die Lippen voller, das Haar glatter, die Pickel weg. Die Hälfte aller Mädchen, die wir in unseren Studien befragen, nutzen Filter, um ihren Körper zu verändern. Wie das im Detail geht, zeigen ihnen die Influencerinnen. Mit der Anpassung kommen sie ihnen ja auch optisch näher. Filterprogramme sind ein riesiger Markt. Das Problem: Selbst wenn Mädchen wissen, dass es nachbearbeitete Fotos sind, sehen sie diese als natürlich an. Dieses innere Bild einer „schönen Frau“ ist tief in uns allen eingeschrieben. Durch die Filter kommt es zu einer Verschiebung des Begriffs „natürlich“ und zu verzerrten Idealvorstellungen.

Das erzeugt zusätzlichen Druck?
Absolut. Das nächste Foto muss immer noch besser werden, dafür wird gern auch bis zu 50 Mal posiert. Die Fotos werden dadurch noch stereotyper. Wir haben es hier mit extrem stereotypischen Körperbildern zu tun, die es in dieser Masse so zuvor noch nie gegeben hat. Hochproblematisch ist, dass Mädchen für bearbeitete Fotos die meisten Likes bekommen. Doch sie selbst wissen ja genau, dass sie nicht natürlich so „schön“ sind. Das kratzt an ihrem Selbstwertgefühl. Mädchen, die in dieser Richtung bereits angeschlagen sind, können schnell bei Schönheits-OPs und Essstörungen landen. Es gibt US-amerikanische Studien, die zeigen, dass schon allein das Durchscrollen auf Instagram bei Mädchen und Frauen zu einem schlechteren Körpergefühl und einer depressiven Stimmung führt.

Und was halten Sie von den sogenannten Body-Positivity-Kampagnen?
Frauen haben von klein auf gelernt, anderen zu gefallen. Die Mode- und Schönheitsindustrie zeigt ihnen, was sie zu tun haben. Instagram schreibt das alles nur weiter. Natürlich ist Body-Positivity ein Trend, den sich die Werbeindustrie längst einverleibt hat. Aber: Wir haben Frauen, die sich zurzeit in Behandlung für Essstörungen befinden, dazu befragt: Ihnen hilft das. Jede Erweiterung von dieser extremen Stereotypisierung hilft.

Fast alle Influencerinnen betonen auf den Fotos ihren Hintern. Woher kommt das?
Aus den Musikvideos, vor allem aus dem Hiphop. In jedem dritten heute laufenden Musikvideo gibt es ein Close-Up vom weiblichen Hintern. Ein betonter Hintern ist aktuell ein Must-Have, die Mode richtet sich danach aus. Unter den Influencerinnen ist der Trend aber relativ neu.

Wann ging das los?
Unter anderem mit der Rapperin und Mode-Influencerin Shirin David. Sie verkauft sich deutlich pornografisch und taucht regelmäßig in den Top-Ten-Listen der Lieblingsinfluencerinnen von Mädchen auf. Auch dieser Trend kommt aus den USA. Shirin David kopiert US-Rapperinnen wie Cardi B oder Megan Thee Stallion, die eine eindeutig pornografische Ästhetik bedienen. Als Shirin David in Deutschland immer erfolgreicher wurde, konnte frau beobachten, wie viele Influencerinnen auf den Zug aufsprangen und das als „weibliche Stärke“ verkauft haben. In Wahrheit ist der Spielraum der Influencerinnen aber doch sehr klein.

Warum?
Männliche Influencer können sich durch diverse Themen finanzieren: Gaming, Sport, Politik, Comedy. Influencerinnen hingegen können sich nur auf den Gebieten Mode, Beauty, Lifestyle und Reisen finanzieren. Mit kontroversen politischen Meinungen und individuellen Entwicklungen halten sie sich zurück, weil das eine Markenbeschädigung bedeuten könnte und sie dadurch Werbeverträge einbüßen. Influencerinnen haben in erster Linie schön zu sein und inszenieren sich auch hauptsächlich im häuslichen Kontext. Familie, Partnerschaft, im eigenen Haus, wie sie sich dort ihrer Beauty oder Fitness hingeben. Das ist ein Wirkungsbereich für Frauen wie in den 50er, 60er Jahren.

Das Verrückte ist, dass vieles von dem auch noch als emanzipiert propagiert wird.
Die britische Kulturtheoretikerin Angela McRobbie nennt das sehr treffend eine „postfeministische Maskerade“. Eine Maskerade, die die Geschlechterdifferenz anerkennt und in vertrauten Bildern scheinbar unbeschwerte Weiblichkeit zelebriert. Das spektakulär Weibliche wird hervorgehoben und wie ein Statement getragen. Die Maskerade stabilisiert das patriarchale System, weil so reale Machtverhältnisse verdeckt werden. Kritische Fragen finden nicht statt, Anstrengungen werden verleugnet, der konkrete Werbehintergrund wird verborgen und auch die professionelle Inszenierung wird verdeckt. Dadurch entsteht nicht nur eine Hyper-Ritualisierung traditioneller Weiblichkeit, es entsteht auch ein sich selbst aufrechterhaltendes System, das jede emanzipatorische Auseinandersetzung verhindert. Vorbilder verharren in den immergleichen Posen: schön, naiv, sexy.

Was werden die Folgen sein?
Wir können nicht wissen, wie sich diese Generation entwickelt. Vielleicht merkt sie eines Tages, dass das nicht alles sein kann. Mädchen wachsen in dem postfeministischen Glauben auf, die Welt stehe ihnen offen. Stoßen sie an Grenzen, glauben sie, es liegt an ihnen. Sie erkennen nicht das Systemische daran. Das könnte aber kommen, wenn sie älter werden und die Begrenzungen deutlicher werden. Wenn sie zum Beispiel in den Beruf gehen oder Mutter werden.

Was können Eltern tun, die ihre Töchter schützen wollen?
Sie können ihren Kindern die Vielfalt in der Medienlandschaft zeigen. Es gibt ja auch viele tolle Sachen. Wir müssen Mädchen den Perfektionsdruck nehmen, dem Körperkult entgegenwirken und ihnen signalisieren, dass sie in all ihren Facetten wertgeschätzt werden. Mütter können Töchtern zeigen, dass Charakter in einer Gesellschaft auch bei Frauen erwünscht ist. Und wir müssen Mädchen wie Jungen echte Inhalte bieten, Alternativen zu InfluencerInnen.

Das Gespräch führte Annika Ross.

Maya Götz leitet das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk.

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