Das Schweigen brechen!

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Am Samstag ist der „Internationale Tag gegen Gewalt gegen Frauen“. Der fällt in diesem Jahr in die seit Monaten laufenden Wochen gegen Gewalt. Seit die Weinstein-Affäre am 5. Oktober durchbrach und Frauen weltweit unter Hashtags wie #MeToo, #BalanceTonPorc (Verpfeif dein Schwein!) oder #MedVilkenRätt (Mit welchem Recht?) ihr Schweigen brachen, ist nicht nur die Debatte über die grassierende Gewalt gegen Frauen allgegenwärtig. Es werden auch Täter-Namen genannt und es werden Konsequenzen gezogen.

In den USA hat sich just diese Woche der Pixar-Chef John Lasseter („Die Eiskönigin“, „Toy Story“) deswegen eine „Auszeit“ genommen. In England hat die Universität Oxford den Islamologen Tariq Ramadan „beurlaubt“. In Frankreich protestieren Frauen gegen eine Polanski-Retro in der Cinémathèque von Paris. Und auch die Vorwürfe gegen Weinstein ebben nicht ab: Gestern erst hat Uma Thurman erklärt: #MeToo. Weinstein-Filme wie "Kill Bill" hatten sie zum Weltstar gemacht – als starke Frauenfigur.

Und in Deutschland? Da sind die Reaktionen bisher eher verhalten. Dabei ist ausgerechnet in dem Land der „mächtigsten Frau der Welt" die Gewalt gegen Frauen besonders hoch. Fast täglich wird laut Bundeskriminalstatistik eine Frau durch ihren Ehemann, Freund oder Ex-Freund getötet. Und auf exakt 108.956 beläuft sich die offizielle Zahl der Frauen, die 2016 Opfer einer Form so genannter „partnerschaftlicher Gewalt“ (Unwort des Jahres 2018?) wurden, von Prügel über Stalking und Vergewaltigung bis hin zu schwerer Körperverletzung und Mord. Dunkelziffer hoch, Tendenz steigend.

81.756 Frauen haben 2016 beim „Hilfetelefon gegen Gewalt“ angerufen, 34.413 dieser Anrufe zogen eine „intensivere Beratung“ nach sich. Das ist ein „Anstieg um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, schreibt das Bundesfrauenministerium in seinem Jahresbericht über die 2013 eingerichtete Hilfs-Hotline.

Auch die Hilfsorganisation Der Weisse Ring vermeldet eine Zunahme der Hilfesuchenden. Im Jahr 2016 waren „70 Prozent aller Anrufer, die mit dem ehrenamtlichen Opferhelfer am Telefon sprachen, weiblich. Beim überwiegenden Teil dieser Anrufe ging es um häusliche Gewalt.“

Auch bei der sexuellen Gewalt nehmen die statistisch erfassten Fälle zu: Auf 7.919 beziffert das BKA die Zahl der Vergewaltigungen und Fälle sexueller Nötigungen 2016, auch hier ist die Anzahl zum Vorjahr um 11 Prozent angestiegen. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher – und die Scham und die Angst, eine Vergewaltigung anzuzeigen, wird in Deutschland dank einer täterfreundlichen Justiz vermutlich eher größer als kleiner.

Daran kann auch die Reform des Sexualstrafrechts, die vor einem Jahr in Kraft getreten ist, nichts ändern. Seit dem 10. November 2016 heißt Nein in Deutschland zwar endlich Nein, wodurch Fälle, die früher schon „im Ermittlungsverfahren eingestellt werden mussten, jetzt angeklagt werden“, erklärt der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe. Aber weiterhin gilt: „Dass eine Frau ‚Nein‘ gesagt hat, ist in Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen sehr schwer zu beweisen“. Vor allem, wenn die Betroffenen auf eine regelrechte Armada von AnwältInnen, GutachterInnen und JournalistInnen treffen, „für die Angeklagte (fast) immer unschuldig sind und mutmaßliche Opfer Lügnerinnen“, wie EMMA in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet.

#schweigenbrechen ist der Hashtag, den das Bundesfrauenministerium initiieren will, um das Problem im Netz sichtbar zu machen. In der Schweiz lautet er #sprechenwirdarüber.

Alternativ: Einfach mal wieder auf die Straße gehen! Hashtag: Action!

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In der aktuellen EMMA

Darum zeigen Frauen so selten an!

Links: Strafverteidiger Johann Schwenn, rechts: Psychiater Max Steller. Fotos: Ronald Wittek/dpa, Alina Novopashina/dpa
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Prof. Max Steller, Deutschlands Aussagepsychologe Nr. 1, sorgt sich nicht so sehr um die mutmaßlichen Opfer – sondern vor allem um mutmaßliche Täter. Denn die sind aus Stellers Sicht immer wieder die tatsächlichen Opfer. Der Titel seines Vortrags lautet folgerichtig: „Nichts als die Wahrheit? Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann.“ Ein ganzes, gleichnamiges Buch hat Prof. Steller kürzlich zu diesem Thema geschrieben. 

Es gäbe nämlich, so erklärt er den künftigen StaatsanwältInnen und RichterInnen im Kölner Hörsaal, „einen Über­eifer beim Aufdecken von Sexualdelikten“. Und der führe zwangsläufig zu Falschaussagen, will heißen: Falschbeschuldigungen, und damit zu den besagten Fehlurteilen. Zahlen oder Statistiken dazu kann der Professor zwar keine vorlegen, aber eins weiß er ganz genau: „Die Zahl ist größer als bisher angenommen.“

Aussagepsychologe Steller konstatiert einen "Übereifer beim Aufdecken von Sexualdelikten".

Was hat der Aussagepsychologe an den Therapeutinnen und Therapeuten zu kritisieren, die mit traumatisierten Opfern von Sexualstraftaten an deren Heilung arbeiten? Ganz einfach: Dass die Traumatologen „behaupten, es gäbe so etwas wie fragmentarisches Erinnern an ein Trauma oder gar vollständige Verdrängung“. Ein typisches Falschbeschuldigungs-Szenario sehe dann so aus: Eine erwachsene Frau kommt mit der Diagnose Burn-out in eine Klinik und glaubt sich im Laufe der Therapie plötzlich zu erinnern: „Vati war’s!“ So etwas sei höchstwahrscheinlich eine „Scheinerinnerung“, denn Gutachter Steller weiß: „Das kann nicht sein.“ Denn: „Sexuellen Missbrauch vergisst man nicht.“

Szenenwechsel. Eine Fachtagung für angehende JuristInnen in Halle. Titel: „Sex und Recht – Freiheit, Regulierung, Strafverfolgung“. Hier referiert ein ebenfalls hoch­renommierter Strafverteidiger zum Thema „Strafverfolgung von Sexualdelikten“. Auch er klagt über Falschbeschuldigungen, denen „unschuldige Männer“ ausgesetzt seien, schlägt aber einen noch schärferen Ton an als der Aussagepsychologe in Köln. Fachberatungsstellen wie Zartbitter oder Wild­wasser diffamiert er als „zwielichtige“ und „vulgärfeministisch geprägte Vereine“. Solche Vereine, wettert er, „sind des Teufels“.

Der Strafverteidiger, der gegenüber den Opferschutz-Organisationen so ausfallend wird, dass zwei Teilnehmerinnen anschließend Beschwerde bei der Rechtsanwaltskammer einlegen, heißt Johann Schwenn. Jörg Kachelmann dürfte sein bekanntester Mandant sein. Aber Rechtsanwalt Schwenn hat schon öfter mit Freisprüchen von sich reden gemacht, in denen er Männer rauspaukte, die aus seiner Sicht keineswegs Sexualstraftäter, sondern „Justizopfer“ waren. Aus einem solchen Fall kennen sich Johann Schwenn und Max Steller. Gemeinsam holten Verteidiger und Gutachter in einem Wiederaufnahmeverfahren einen Vater aus dem Gefängnis, den dessen Tochter des sexuellen Missbrauchs beschuldigt hatte. Steller ­diagnostizierte eine Borderline-Störung und verwies die Anschuldigungen der ­verstörten Frau ins Reich der Phantasie. Und ganz wie Gutachter Steller, hält auch Strafverteidiger Schwenn nichts, aber auch gar nichts von der Psychotraumatologie. (...)

Das Ziel: Betroffene einzuschüchtern
und Helferinnen zu desavourieren.

Auch Michaela Huber kennt die Zirkel schon aus den 1990ern, die heute immer noch aktiv sind oder inzwischen ihre NachfolgerInnen in Stellung gebracht haben. „Richter und andere Entscheider beauftragen gezielt solche bekannten ‚Ablehner‘, die bedenkenlos Menschen, ohne sie je gesehen zu haben, unterstellen, sie seien nicht glaubwürdig, hätten sich die Traumatisierungen ausgedacht oder ihre Therapeutinnen hätten sie ihnen eingeredet“, sagt die Psychotherapeutin, die vor allem mit ihrer Forschung über Multiple Persönlichkeitsstörungen als Folge von Traumatisierung bekannt geworden ist.

„Zu behaupten, es gäbe keine Posttraumatische Belastungsstörung ist so, als wenn man in der Inneren Medizin behaupten würde, es gäbe die Diagnose Diabetes Typ II nicht“, sagt Huber.

Suggestion und Unschuldige vor Gericht? „Alle Kollegen, die ich kenne, raten ihren Patientinnen von einer Anzeige ab. Wenn es keine Fotos, Videos oder Zeugen gibt, ist das nämlich völlig aussichtslos“, sagt Huber. Was über die Psychotraumatologie verbreitet wird, sei „eine ganz raffinierte Art von Propaganda“. Das Ziel: „Die Betroffenen einzuschüchtern und die Helferinnen zu desavourieren.“

Und Michaela Huber findet, dass es an der Zeit ist, dass die PsychotraumatologInnen nun ihrerseits zum Angriff blasen. Denn: „Einer ganzen Berufsgruppe so etwas zu unterstellen und unsere Patienten einzuschüchtern – damit können wir uns nicht abfinden.“

Den ganzen Text in der EMMA November/Dezember 2017 lesen.

Chantal Louis

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