In der aktuellen EMMA

Darum zeigen Frauen so selten an!

Links: Strafverteidiger Johann Schwenn, rechts: Psychiater Max Steller. Fotos: Ronald Wittek/dpa, Alina Novopashina/dpa
Artikel teilen

Prof. Max Steller, Deutschlands Aussagepsychologe Nr. 1, sorgt sich nicht so sehr um die mutmaßlichen Opfer – sondern vor allem um mutmaßliche Täter. Denn die sind aus Stellers Sicht immer wieder die tatsächlichen Opfer. Der Titel seines Vortrags lautet folgerichtig: „Nichts als die Wahrheit? Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann.“ Ein ganzes, gleichnamiges Buch hat Prof. Steller kürzlich zu diesem Thema geschrieben. 

Es gäbe nämlich, so erklärt er den künftigen StaatsanwältInnen und RichterInnen im Kölner Hörsaal, „einen Über­eifer beim Aufdecken von Sexualdelikten“. Und der führe zwangsläufig zu Falschaussagen, will heißen: Falschbeschuldigungen, und damit zu den besagten Fehlurteilen. Zahlen oder Statistiken dazu kann der Professor zwar keine vorlegen, aber eins weiß er ganz genau: „Die Zahl ist größer als bisher angenommen.“

Aussagepsychologe Steller konstatiert einen "Übereifer beim Aufdecken von Sexualdelikten".

Was hat der Aussagepsychologe an den Therapeutinnen und Therapeuten zu kritisieren, die mit traumatisierten Opfern von Sexualstraftaten an deren Heilung arbeiten? Ganz einfach: Dass die Traumatologen „behaupten, es gäbe so etwas wie fragmentarisches Erinnern an ein Trauma oder gar vollständige Verdrängung“. Ein typisches Falschbeschuldigungs-Szenario sehe dann so aus: Eine erwachsene Frau kommt mit der Diagnose Burn-out in eine Klinik und glaubt sich im Laufe der Therapie plötzlich zu erinnern: „Vati war’s!“ So etwas sei höchstwahrscheinlich eine „Scheinerinnerung“, denn Gutachter Steller weiß: „Das kann nicht sein.“ Denn: „Sexuellen Missbrauch vergisst man nicht.“

Szenenwechsel. Eine Fachtagung für angehende JuristInnen in Halle. Titel: „Sex und Recht – Freiheit, Regulierung, Strafverfolgung“. Hier referiert ein ebenfalls hoch­renommierter Strafverteidiger zum Thema „Strafverfolgung von Sexualdelikten“. Auch er klagt über Falschbeschuldigungen, denen „unschuldige Männer“ ausgesetzt seien, schlägt aber einen noch schärferen Ton an als der Aussagepsychologe in Köln. Fachberatungsstellen wie Zartbitter oder Wild­wasser diffamiert er als „zwielichtige“ und „vulgärfeministisch geprägte Vereine“. Solche Vereine, wettert er, „sind des Teufels“.

Der Strafverteidiger, der gegenüber den Opferschutz-Organisationen so ausfallend wird, dass zwei Teilnehmerinnen anschließend Beschwerde bei der Rechtsanwaltskammer einlegen, heißt Johann Schwenn. Jörg Kachelmann dürfte sein bekanntester Mandant sein. Aber Rechtsanwalt Schwenn hat schon öfter mit Freisprüchen von sich reden gemacht, in denen er Männer rauspaukte, die aus seiner Sicht keineswegs Sexualstraftäter, sondern „Justizopfer“ waren. Aus einem solchen Fall kennen sich Johann Schwenn und Max Steller. Gemeinsam holten Verteidiger und Gutachter in einem Wiederaufnahmeverfahren einen Vater aus dem Gefängnis, den dessen Tochter des sexuellen Missbrauchs beschuldigt hatte. Steller ­diagnostizierte eine Borderline-Störung und verwies die Anschuldigungen der ­verstörten Frau ins Reich der Phantasie. Und ganz wie Gutachter Steller, hält auch Strafverteidiger Schwenn nichts, aber auch gar nichts von der Psychotraumatologie. (...)

Das Ziel: Betroffene einzuschüchtern
und Helferinnen zu desavourieren.

Auch Michaela Huber kennt die Zirkel schon aus den 1990ern, die heute immer noch aktiv sind oder inzwischen ihre NachfolgerInnen in Stellung gebracht haben. „Richter und andere Entscheider beauftragen gezielt solche bekannten ‚Ablehner‘, die bedenkenlos Menschen, ohne sie je gesehen zu haben, unterstellen, sie seien nicht glaubwürdig, hätten sich die Traumatisierungen ausgedacht oder ihre Therapeutinnen hätten sie ihnen eingeredet“, sagt die Psychotherapeutin, die vor allem mit ihrer Forschung über Multiple Persönlichkeitsstörungen als Folge von Traumatisierung bekannt geworden ist.

„Zu behaupten, es gäbe keine Posttraumatische Belastungsstörung ist so, als wenn man in der Inneren Medizin behaupten würde, es gäbe die Diagnose Diabetes Typ II nicht“, sagt Huber.

Suggestion und Unschuldige vor Gericht? „Alle Kollegen, die ich kenne, raten ihren Patientinnen von einer Anzeige ab. Wenn es keine Fotos, Videos oder Zeugen gibt, ist das nämlich völlig aussichtslos“, sagt Huber. Was über die Psychotraumatologie verbreitet wird, sei „eine ganz raffinierte Art von Propaganda“. Das Ziel: „Die Betroffenen einzuschüchtern und die Helferinnen zu desavourieren.“

Und Michaela Huber findet, dass es an der Zeit ist, dass die PsychotraumatologInnen nun ihrerseits zum Angriff blasen. Denn: „Einer ganzen Berufsgruppe so etwas zu unterstellen und unsere Patienten einzuschüchtern – damit können wir uns nicht abfinden.“

Den ganzen Text in der EMMA November/Dezember 2017 lesen.

Chantal Louis

Artikel teilen

Haben Opfer eine Chance?

Artikel teilen

Der Fall Kachelmann hat es gezeigt: Die so genannte "Unschuldsvermutung" galt in den Medien nur für den der Vergewaltigung angeklagten Mann. Wie aber behandelt die Justiz den Angeklagten - und wie die (Neben)Klägerin? Haben Opfer vor Gericht eine Chance auf Gerechtigkeit?

Seelische Symptome sind Beweise
Der Traumatologe Günter H. Seidler ist auch der Therapeut von Claudia D., der Ex-Freundin von Jörg Kachelmann. Mit EMMA hat er über den Prozess und die strukturelle Gewalt allgemein gesprochen. Artikel lesen

"Gewalt ist Ausdruck und Garant männlicher Dominanz!"
Judith Lewis Herman ist Professorin der Harvard Medical School und therapiert seit den 1970er Jahren Opfer sexueller und häuslicher Gewalt. Sie fand in einer Studie heraus, dass Vergewaltigungsopfer quasi nie Rache wollen, sondern nur Gerechtigkeit. Artikel lesen

"Der Prozess war schrecklich!"
Warum Katharina und ihr Vater der Justiz nicht mehr trauen. Artikel lesen

Sondereinheiten in Deutschland
Man kennt sie vom Fall DSK oder aus amerikanischen TV-Serien: Die Sondereinheiten, die bei Sexualstraftaten ermitteln. Auch in Deutschland gibt es spezialisierte Dezernate und Kommissariate. Artikel lesen

"Ich bin immer an ihrer Seite"
Eine Frau, die eine Vergewaltigung angezeigt hat, muss den Prozess nicht allein durchstehen. Sie kann sich professionell begleiten lassen, zum Beispiel von einer Mitarbeiterin des Berliner Büros für Prozessvorbereitung und -begleitung "Ahgata - Hilfe für die Zeugin". Artikel lesen

Die Affäre DSK in Frankreich
"Kein Ereignis hat seit der Zerstörung der Türme des World Trade Center die französischen Medien so beherrscht wie die ‚Affaire DSK‘“, schreibt die renommierte Soziologin Christine Delphy, Feministin der ersten Stunde und Herausgeberin der Theorie-Revue "Nouvelles Questions Féministes" (Neue feministische Fragen). Artikel lesen

Die Affäre DSK in den USA
Der Fall Strauss-Kahn wurde mit fast identischen Worten zu den Akten gelegt wie der Fall Kachelmann. Die Glaubwürdigkeit der Belastungszeugin sei „erschüttert“, hieß es. Was allerdings keineswegs bedeute, dass der Angeklagte unschuldig sei. Artikel lesen

"Ich lasse mich nicht einschüchtern!"
Acht Jahre lang habe ich diese Geschichte mit mir rumgetragen. Acht Jahre lang bin ich durch die Hölle gegangen.“ Heute ist Tristane Banon 32 Jahre alt. Erst dank der Klage einer unterprivilegierten Putzfrau in New York fasste die privilegierte Tochter aus gutem Hause in Frankreich den Mut, Anzeige zu erstatten. Artikel lesen

K.O.-Tropfen: Die Gefahr aus dem Nichts
Pass auf, dass dir niemand was ins Glas tut! Jede Frau kennt diesen Satz. Frauennotrufe, Medien, Diskothekenbesitzer – sie alle warnen vor K.O.-Tropfen. Dabei sind sich Experten längst einig: Die fiesen Tropfen im Glas kommen nicht nur von dem Phantom in der Disko. Artikel lesen

"Niemand hat mir gesagt, dass er ein Mörder ist!"
Die Schweizerin Nicole Dill hat nur knapp überlebt. Weil weder der Therapeut des Täters, noch die Polizei ihr gesagt hatten, dass ihr neuer Freund ein vielfach vorbestrafter Vergewaltiger und Frauenmörder war. Artikel lesen

"Von Heilung kann selten die Rede sein."
Experten wissen: Das Maximum, das Therapeuten bei Sexualverbrechern erreichen können, ist Bereitschaft zur Selbstkontrolle. Artikel lesen

"Richter müssen sich fortbilden"
Dr. Julia Schellong ist Oberärztin für Psychotraumatologie an der Uniklinik Dresden und Mitglied beim „Traumanetz Sachsen“. Artikel lesen

Weiterlesen

Neuen Kommentar schreiben

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.