Das Tabu Fehlgeburt

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Drei, antwortet Corinna, wenn sie gefragt wird, wie viele Kinder sie habe. Oft fängt sie sich irritierte Blicke ein, denn an ihrer Hand hält sie nur zwei – Nikolas und Jonas. Aber da ist auch noch ihr Erstgeborenes. Es hat keinen Namen, sie weiß nicht einmal, ob es ein Junge oder Mädchen geworden wäre. Ein Routine-Ultraschall in der 13. Schwangerschaftswoche hatte Corinnas Hoffnung auf ein Kind zunächst zerschlagen.

Damals war sie gerade mit ihrem Mann in ein Reihenhaus mit Garten gezogen, hatte FreundInnen und KollegInnen schon stolz von dem Baby erzählt. Doch die Ärztin am Monitor wurde immer stiller, während das Ultraschallgerät über den Bauch glitt. „Ihr Baby lebt nicht mehr“, sagte sie schließlich. Corinna verließ weinend die Praxis – ihr Kind tot, gestorben in ihrem Bauch! Zwei Tage später fuhr sie zur Ausschabung in eine Tagesklinik.

Im Aufwachraum, wo sie mit zehn anderen Frauen lag, sagte der Arzt zu ihr: „War doch eh nur eine Generalprobe, was meinen Sie, wie viele Mütter ihr Kind verlieren.“ Wieder liefen die Tränen. Corinna fühlte sich allein gelassen von den Ärzten, mit ihrem jäh zerplatzten Traum von einem Kind. Sie hatte sich so sehr darauf gefreut – ohne jemals über mögliche Komplikationen nachzudenken.

Es trifft hart, dass die Mutterliebe so plötzlich ins Leere fällt

Sie kapselte sich ab, aß und sprach kaum noch. „Ich wollte einfach mit mir und meinem Schmerz allein sein“, erinnert sie sich. Ihr Mann war überfordert, er konnte sich kaum vorstellen, wie schlimm sie der Verlust des Kindes traf, das für ihn noch gar nicht real war. „Er hat versucht mich zu trösten, aber ich habe mich gefragt, wie er einfach so weitermachen kann“, sagt Corinna.

Mit Blutungen kam Corinna drei Monate später noch mal in die Klinik. Die Ausschabung war nicht ordentlich gemacht worden, sie musste operiert werden. Ein halbes Jahr brauchte sie danach, bis sie wieder an eine Schwangerschaft denken konnte. Heute hat sie zwei gesunde Jungen. „Aber erst nach der Geburt des zweiten habe ich mit der Fehlgeburt tatsächlich abgeschlossen“, sagt sie.

Was ist es, dass viele Frauen bei einer Fehlgeburt so aus der Bahn wirft? Vielleicht trifft es sie so hart, weil die Mutterliebe plötzlich ins Leere fällt. Die Zukunftsträume zerplatzen, alle Pläne über das gemeinsame Leben. Etwa jede fünfte Schwangerschaft endet mit einer Fehlgeburt. Das Risiko ist bekannt, es steht in den Büchern zum Thema Schwangerschaft, im Internet, die Gynäkologen weisen darauf hin.

Und dennoch sind viele Frauen völlig überrascht, denn über eine vorzeitig beendete Schwangerschaft spricht kaum jemand. Es ist ein Schock: Warum ausgerechnet ich? Habe ich etwas falsch gemacht? Und werde ich überhaupt jemals ein gesundes Kind bekommen können?

Frauen finden es oft als eigenes Versagen, wenn sie ein Kind verlieren

„Fehl- und Totgeburten sind in unserer Gesellschaft ein Tabuthema“, sagt die Psychotherapeutin Stefanie Ladewig, die selbst einen Fötus in der 32. Schwangerschaftswoche verloren hat. „Niemand will etwas damit zu tun haben. Daher empfinden Frauen es oft als Versagen, wenn sie ein Kind verlieren. Sie haben es nicht geschafft.“

Außenstehende sehen den Verlust meist rational: Das war doch noch kein richtiger Mensch, deshalb ist es nicht so schlimm. Für die Mütter jedoch, die keine werden durften, ist die Fehlgeburt der Tod ihres Kindes, das sie bereits geliebt haben, von dem sie Abschied nehmen müssen. „Die Betroffenen erhalten in unserer Gesellschaft nur selten Raum für ihre Trauer. Das verletzt sie zusätzlich“, sagt Therapeutin Ladewig. „Viele behalten es für sich, manche werden depressiv und verbittert. Dabei ist trauern ein Heilungsprozess, um sich von etwas zu lösen. Aber dazu braucht man Raum.“

Von Frühaborten sprechen die Mediziner, wenn der Embryo vor der zwölften Schwangerschaftswoche abgestoßen wird, danach von Spätaborten. Wiegt der Fötus mehr als 500 Gramm, heißt es Totgeburt – in der Regel ist das ab der 24. Schwangerschaftswoche. Konkrete Zahlen gibt es nicht, weil viele Frühaborte in den ersten Wochen als Blutung abgehen und nicht als Fehlgeburt erkannt werden. Ab dem vierten Monat kommt es bei zwei bis drei Fällen von Hundert vor. Die Ursachen: in der Anfangsphase meist Gendefekte, später immunologische und hormonelle Störungen, Infektionen, Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch.

Mit steigendem Alter steigt auch das Risiko einer Fehlgeburt

Frauen in Deutschland sind heute durchschnittlich 30 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Baby bekommen, zehn Jahre älter als noch 1990. Sie planen ihr Studium, ihre Karriere – und ihre Familie. Doch die Natur lässt sich nicht immer planen. Sie hat ihre eigenen Gesetze. Ab 25 nimmt die Fertilität ab. Mit steigendem Alter der Mütter steigt auch das Risiko, eine Fehlgeburt zu haben.

„Früher war es für die Frauen ganz normal, wenn eine Schwangerschaft schief ging“, sagt Professor Klaus Vetter, Chefarzt für Geburtsmedizin des Vivantes Klinikums Berlin-Neukölln. „Heute sind die Frauen verzweifelt, wenn es nicht beim ersten Mal klappt. Sie haben die Erwartung, dass die Medizin die Natur beherrscht und sind nicht bereit, das Schicksal zu akzeptieren. Eine Schwangerschaft ist aber ein Wunderwerk, keine Eisenbahn, die man zusammenschraubt.“

Auch Annegret Braun, Seelsorgerin bei der Beratungsstelle zu Pränatalen Untersuchungen und Aufklärung in Stuttgart, ist überzeugt, dass der medizinische Fortschritt diese Entwicklung verstärkt hat. „Durch die Ultraschallbilder und die Erwartungen der Gesellschaft stehen die Frauen heute unter einem enormen Druck, schnell Muttergefühle entwickeln zu müssen“, sagt sie. „Eine Fehlgeburt wird daher heute von vielen Frauen anders wahrgenommen als früher: als Kindsverlust, als stürbe ein Teil von ihnen.“

Erst ab drei Fehlgeburten sprechen Mediziner von einem habituellen Abort, einer „wiederholten Fehlgeburt“. Doch viele Frauen lassen heute bereits nach der zweiten Fehlgeburt die Ursachen abklären, hat Dr. Nina Rogenhofer von der Uniklinik München beobachtet. „Sie sind verunsichert, haben im Internet über Behandlungsmöglichkeiten gelesen und wollen diese in Anspruch nehmen.“ In bis zu 50 Prozent der Fälle jedoch bleibt die Ursache ungeklärt, schätzt Rogenhofer. „Die gute Nachricht: Viele Frauen werden wieder schwanger und bekommen Kinder, bedürfen aber besonderer psychischer Unterstützung."

Depressionen über den Verlust können über Jahre anhalten

Frauen, die eine Fehlgeburt erlebt haben, fallen in unserer Gesellschaft durch ein Netz: Sie fühlen sich wie Eltern, sind es aber offiziell nicht. Sie müssen den Tod eines „Kindes“ verkraften, das von Außenstehenden nicht als solches anerkannt wird. Weder die Frauenärzte noch die Hebammen sind nach einer Fehlgeburt noch verantwortlich. Eine Frau mit einer Fehlgeburt hat auch keine rechtlichen Ansprüche auf eine gesetzlich geregelte Zeit, in der sie sich erholen kann. Im Gegenteil: Sie muss ihren Arbeitgeber informieren und wieder einsatzbereit sein – es sei denn, sie findet einen Arzt, der sie krankschreibt. Zumindest werden die toten Föten heute nicht mehr einfach mit dem Krankenhausmüll entsorgt: Viele Kliniken organisieren inzwischen Gottesdienste und Sammelbestattungen.

Depressionen aufgrund einer Fehlgeburt können über Jahre anhalten, auch wenn später noch ein gesundes Kind geboren wird. Das ergab eine Studie der Uni von Rochester mit über 13 000 Frauen. Ein Partner, der verständnisvoll ist und die Trauer zulässt, kann die Verarbeitung erleichtern. Aber Männer trauern oft anders, gehen rationaler mit dem Verlust um und stürzen sich in die Arbeit. Das kann ein Paar auch entzweien, wenn die Frau sich allein gelassen fühlt.

Zeit ist wichtig, Zeit für die Trauer arbeit, für den Weg zurück in den Alltag. Zeit, die viele Betroffene sich oft nicht zugestehen. „Frauen, die verdrängen und sich zusammenreißen, bei denen kommt die Trauer oder der Zusammenbruch vielleicht später“, sagt die Psychotherapeutin Angela Jaensch. Vier Trauerphasen seien typisch: Nach der ersten Schockstarre folgt der Schmerz über den Verlust, der Frust, nicht das zu bekommen, was man sich gewünscht hat.

Schuldgefühle brechen auf, die oft einhergehen mit Schlafstörungen und Ruhelosigkeit. „In der dritten Phase des Suchens geht es dann darum herauszufinden, wofür die Sehnsucht nach dem Kind steht: Will ich mich fürsorglich kümmern? Will ich selbst fürsorglich behandelt und bedingungslos geliebt werden? Wenn man das weiß, hilft es, diese Bedürfnisse anders zu befriedigen. Der Verlust kann akzeptiert, der Schmerz losgelassen werden“, so Jaensch.

Männer trauern oft anders, stürzen sich in die Arbeit

Doch jeder Mensch geht anders mit einem Verlust um. Christine zum Beispiel kann sich ihre Fehlgeburten sehr rational erklären und dadurch den Verlust akzeptieren: „Vermutlich waren sie nicht gesund, und die Natur hat das selbst geregelt“, sagt sie. Die ersten beiden Embryos gingen in der siebten Woche mit Blutungen ab. Zwei gesunde Söhne hatte die 39-Jährige bereits.

Ihre Gynäkologin stellte einen Gelbkörperhormonmangel fest und gab ihr Hormone, Christine wurde wieder schwanger. Dieses Mal wagte sie kaum sich zu freuen, aber als in der 9. Schwangerschaftswoche das Herz schlug, dachte sie, es wäre geschafft. Drei Wochen später stellte ihre Frauenärztin fest, dass der Fötus gestorben war. „Das hat mich sehr getroffen.“

Die histologische Untersuchung ergab: Trisonomie 21. Es tröstet sie heute, dass das Baby behindert gewesen wäre. „Ich bin ein positiver Mensch und glaube, dass alles seinen Sinn hat“, sagt Christine. „Trotzdem frage ich mich: Habe ich etwas falsch gemacht?“ Sie hat sich viel abgelenkt in den Wochen danach, hat gearbeitet und ihr Haus renoviert. „Das hat schon alles seinen Grund gehabt“, sagt sie. „Die Natur wollte es so.“

 

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