Der Iran - mitten in Köln

Auf X als Heldin gefeiert: die Frau, die ihre Zigaretten am brennenden Bild von Chamenei anzündet. via @AhmadMansour__
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Ich bin seit vielen Jahren mit ihnen in Kontakt, mit Mojdeh, Hellen oder Mina. Ich begegne ihnen im Kino, auf dem Wochenmarkt oder, wie heute, auf der Demo. Diesmal demonstrieren wir wieder für „Frau! Leben! Freiheit!“. Wir sind nie viele, ein paar Dutzend vielleicht. Diesmal aber sind wir Tausende - wenn auch die meisten an diesem 10. Januar nicht auf dem Chlodwigplatz in Köln stehen, sondern auf dem Ajatollah-Kaschani-Boulevard oder in Nazi Abad in Teheran. „In Iran ist es zweieinhalb Stunden später als hier in Deutschland, also jetzt 18 Uhr. Ich denke, sie sind jetzt alle, alle auf der Straße“, sagt Mojdeh Noorzad, die Apothekerin in Köln. Sie hat drei Schwestern in Iran. „Ich denke die ganze Zeit an sie. Und an all die jungen Leute...“

Lost in Cologne: IranerInnen demonstrieren in Köln.
Lost in Cologne: IranerInnen demonstrieren in Köln.

Die Flammern lodern hoch in Teheran. Und nicht nur da. Längst werden auch aus weiteren iranischen Städten Unruhen gemeldet. Für Chamenei sind das nichts als Provokateure auf den Straßen, die im Dienste Israels stehen oder „die Amerika einen Gefallen tun wollen“. Für Mojdeh sind es ihre Schwestern, Brüder und Freundinnen. Frauen, die gerade ihr Leben riskieren, weil sie sich das Kopftuch vom Haar reißen und „Freiheit!“ skandieren.

Ein paar Schneeflocken fallen auf die wenigen Dutzend Menschen, die sich vor dem Severinstor versammelt haben. „Nieder mit der Iranischen Republik Iran!“ steht auf einem großen weißen Plakat. Und immer wieder erschallt der Ruf „Zan! Zendeghi! Azadi!“ "Frau! Leben! Freiheit!" Viele halten Schilder hoch mit Fotos derer, die in den letzten 13 Tagen von den Schergen der Mullahs umgebracht wurden: Mojdeh trägt ein Foto von Khodadad Shirvani. Ein 33-jähriger Familienvater aus Marvdasht im Süden des Landes, der bei den Protesten auf der Straße erschossen wurde.

Vaki und Mahdieh: Mit dem Herzen in Iran.
Vaki und Mahdieh: Mit dem Herzen in Iran.

Werden die Iranerinnen und Iraner, die seit Tagen zu Zehntausenden auf den Straßen im ganzen Land das Ende des islamistischen Regimes fordern, es diesmal schaffen? Diese bange Frage bewegt alle, die hier stehen. „Ja, aber was kommt dann? Iran muss eine Demokratie werden“, seufzt Mojdeh. „Die IranerInnen im Exil waren sich zu lange nicht einig. Du siehst es ja auch heute...“ In der Tat. nicht nur im Kölner Süden, auch auf dem Roncalli-Platz am Dom und auf dem Breslauer Platz finden quasi gleichzeitig Iran-Demos verschiedener iranischer Gruppen statt. Alle klein und schwach. Gemeinsam wären sie stärker.

Vor dem Hauptbahnhof haben sich etwa 300 Menschen versammelt. Überwiegend mit Wurzeln in Iran, mit Familie, FreundInnen dort. Nur wenige Nicht-Iraner, wie ich, sind gekommen, die einfach Solidarität zeigen wollen, darunter die feministische Gruppe „Frauenheldinnen". Sie halten Schilder mit dem Foto der jungen Frau in die Höhe, das in den letzten Tagen vielfach auf X geteilt wurde: Die Unverschleierte zündet ihre Zigarette an einem brennenden Foto von Ayatollah Ali Chamenei an.

„Ich will das iranische Volk unterstützen, das für Freiheit auf die Straße geht!“ sagt Faribah. Sie kam 1986 nach Deutschland, mit ihrer Schwester. Auch sie hat drei Geschwister in Iran. „Ich wäre jetzt so gerne dort, bei ihnen.“ Tränen laufen über ihr Gesicht. Seit Tagen hat sie keine Nachricht mehr von ihnen. „Ich hoffe, dass diese Bewegung diesmal siegt. Seit 47 Jahren hoffen wir. Es muss ein Ende haben!“

Die Ungewissheit macht alle fertig. Seit Tagen haben die Menschen in Iran kein Internet mehr und inzwischen ist auch das Telefon gekappt. #DigitalBlackoutIran lautet der Hashtag, unter dem auf X alles an Infos geteilt wird, das es dennoch aus dem Iran hinaus schafft: Fotos der demonstrierenden Menschenmassen. Frauen, die im flackernden Licht der nächtlichen Feuer mitten auf der Straße ihre Schleier verbrennen. Die Al Rasool Moschee in Flammen. Das Tor eines Anwesens, das Ayatollah Chamenei gehören soll, das von Demonstranten aufgestoßen wird.

Internet gibt es in Iran nur noch via Starlink, das von Elon Musks Firma „SpaceX“ betrieben wird. Die Nutzung ist in Iran streng verboten und steht unter Strafe. Auf niedriger Erdumlaufbahn leitet ein Netz von SpaceX-Satelliten, die mit Bodenstationen kommunizieren, die Daten weiter. Doch um es zu nutzen, so hat Mojdeh mir erklärt, braucht man spezielle Router, die heimlich importiert werden müssen. Man musste also vorbereitet sein, um jetzt noch kommunizieren zu können. Dazu kommt: Starlink ist für die meisten zu teuer.

Angelika und Mojdee auf dem Kölner Chlodwigplatz.
Angelika und Mojdeh auf dem Kölner Chlodwigplatz.

„Wir haben keine Verbindung, wir wissen nicht, was mit unseren Freunden und Angehörigen ist!“, fleht Vaki verzweifelt, die dick eingemummt in der Kälte steht und seit fast 50 Jahren in Deutschland lebt. „Wir hören, dass viele schon festgenommen wurden. Aber mehr wissen wir nicht. Warum schaut die Welt einfach zu? Dieses Terror-Regime schadet doch nicht nur den Iranern, es schadet der ganzen Welt.“

„Ihr müsst unsere Stimme sein!“ fordert die 47-jährige Mahdieh. „Ich sage als Frau: Tun sie etwas! Ich habe seit Tagen nichts von meiner Familie gehört. Die Menschen im Iran zeigen, dass sie ihre Freiheit wiederhaben wollen – egal ob Mann oder Frau, egal welcher politischen Strömung oder welcher Minderheit sie angehören. Mein Herz ist in Iran.“

Laut Reuters-Berichten hat sich der Aufstand der IranerInnen heute, am 10. Januar, auf 78 Städte ausgeweitet. Die Zahl der Toten soll auf mindestens 200 angestiegen sein. „Wir tragen die Hoffnung in unserem Herzen!“, sagt Vaki. Dann löst sich die Demo auf. 

 

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