Nosbusch: Ich bin eine Frau-Frau

Foto: Stephan Wallocha/Imago Images
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Banken werden noch immer von Männern dominiert, wie sieht diese „Man’s World“ aus?
Désirée Nosbusch Sie ist viel durchschaubarer, als es den Anschein hat. Dieses testosterongesteuerte Gehabe, diese Einschüchterungsnummer, dieses Aufplustern ist im Prinzip banal – aber es funktioniert. Wenn man gemeinsam saufen und in den Puff geht, dann sind die Fronten geklärt. Da ist klar, welche von den Dingen, die man sagt, nie den Raum verlassen. In diesem Verein der Wir-gehen-zusammen-in-den-Puff-Männer ist alles klar. Wir Frauen dagegen, was machen wir? Zusammen ins Nagelstudio gehen? Kann ich zu Ihnen sagen, „kommen Sie, wir gehen heute Abend mal in den Puff, dann kriegen wir das schon hin mit dem Artikel!“ (lacht) Nein, wir Frauen funktionieren anders. Vorneweg: Ich bin eine Frau-Frau, ich mag gute Frauen. Ohne Frauen wäre ich nicht da, wo ich bin. Aber: Wir können auch sehr fies zueinander sein. Frauen können sich gegenseitig die Augen auskratzen. Da sind Männer anders.

Sie spielen in „Bad Banks“ Christelle Leblanc, eine skrupellose Bankerin. Mit welchen Mitteln kämpft sie?
Diese Figur verfügt nicht mehr über die klassischen Waffen einer Frau: Jugend und Attraktivität. Ihre jüngere Kollegin besitzt diese Attribute noch, Christelle dagegen kann nur mit Schnelligkeit und Intelligenz trumpfen.

Die Waffen einer Frau ändern sich also im Laufe eines Lebens?
Ja. Es kommt der Moment, an dem du als Frau nicht mehr gesehen wirst. Dann musst du durch Können und Intelligenz auffallen, aber auch durch Macht und Position. Ich finde das im Grunde furchtbar, sehe es aber inzwischen mit Humor, weil es so durchschaubar ist. Ich habe gerade mit sehr jungen, schönen Kolleginnen gedreht, nach denen sich alle Männerköpfe umgewandt haben, vom 20- bis zum 60-Jährigen. In meinem Alter, mit 54, muss man mit sehr viel Können punkten. Und mit Humor. Wobei ich es bei mächtigen Frauen häufig beobachte, dass sie ihre Optik wie einen Armeeanzug benutzen. Schauen Sie sich Frau Merkel an, Christine Lagarde, die Queen: Mir ist bislang kaum eine Frau in einer Top-Position begegnet, die ihre Weiblichkeit in dieser Männerwelt noch unterstrichen hätte. Dabei würde ich mir wünschen, dass es mehr Frauen wie Catherine Deneuve in den Führungsetagen gäbe.

Gibt es eine Entwicklung im Werdegang von Frauen, oder ist es wirklich immer noch das alte Lied: Man muss doppelt so gut sein, um voranzukommen?
Es hat sich schon etwas verändert – das will ich einfach glauben, da unser Kampf sonst umsonst wäre. Aber man muss schon sehr gut sein, um voranzukommen. Ich wollte nie eine Quotenfrau sein, sondern durch eigene Leistung Anerkennung gewinnen.

Sind Sie generell gegen eine Quote?
Hier habe ich meine Meinung revidiert: Es gibt Gebiete, wo es die Quote geben sollte, damit Frauen erst einmal in gewisse Domänen überhaupt reinkommen, um sich dort beweisen zu können. Als Frau hat man mit sehr vielen Hindernissen zu kämpfen, da wäre so ein Einstieg sehr hilfreich. Ich zum Beispiel war früh eine geschiedene Mutter mit zwei Kindern. Die Möglichkeit, weiterzuarbeiten, musste ich mir erst erkämpfen. Dass ich mich dann auch noch verteidigen musste, wenn ich meine Kinder betreuen ließ, um zu arbeiten, empfand ich als sehr unfair. Frauen sind da übrigens härtere Kritikerinnen als Männer.

Sie sagten, wo es um Geld geht, geht es auch um Macht. Wie schnell ist man da bei sexuellem Missbrauch, sexueller Ausbeutung?
Diese Ausbeutung gibt es überall. Sie kommt aber insbesondere in Branchen vor, die erstens durch starke Abhängigkeitsverhältnisse geprägt sind und in denen zweitens die Leistungen nicht messbar sind. Wenn jemand ein Abitur mit einem bestimmten Durchschnitt in der Tasche hat, dann ist das messbar. Und wenn jemand einen Bankjob bekommt, weil er das bessere Diplom gemacht hat, dann ist das ebenfalls messbar – was nicht heißt, dass es in der Bankenbranche nicht zu #metoo-Fällen kommt. Doch ich denke, dass die Schauspielbranche dafür noch anfälliger ist. Denn bei uns ist Leistung eben kaum messbar, sondern abhängig vom Geschmack. Wenn dann Harvey Weinstein sagt: „So, Mädel, nun leg dich mal auf die Couch, danach hast du die Rolle, dann bist du die Beste“ – dann setzt er mit diesem Verhalten Leistungskriterien und Messbarkeit komplett außer Kraft. Er nutzt dabei aus, dass die wenigsten Künstler vor Selbstwertgefühl strotzen. Sie stellen sich infrage, sind unsicher. Viele Künstler hatten darüber hinaus eine komplizierte Kindheit und Vergangenheit. Dieser Job hat auch sehr viel mit Eigentherapie zu tun, tagtäglich. Das alles sind Dinge, die dich zum Opfer machen können.

Sie selbst waren schon sehr früh mit einer für #metoo typischen Zwangslage konfrontiert: aushalten oder weitermachen. Als Sie mit 16 Jahren Klaus Kinski in Kalifornien wegen eines Interviews aufsuchten, hat er Sie eingesperrt. Was war der Grund?
Er wollte mich einschüchtern! Er fand das superlustig, als ich aus dem Fenster geklettert war, mich verletzt hatte und abgehauen war. Am nächsten Tag – meinem Zwei-Jungs-Team hatte ich schon gesagt, wir fliegen zurück, ich sei gescheitert – rief Kinski dann an und sagte mir, ich bekäme jetzt eine Stunde mit ihm, mehr nicht.

Wie fühlten Sie sich denn, als Sie bei ihm eingesperrt waren?
Ich hatte Angst, natürlich, aber damals war ich so ein Typus, der von Neugierde und einem Glauben an die Sache getrieben war. Heute hätte ich wahrscheinlich mehr Angst. Ich muss fairerweise aber sagen, dass Kinski mir kein Haar gekrümmt hat. Da haben mir andere sehr viel mehr wehgetan als er. Kinski hat mich nicht angerührt. Er hat gespielt mit mir, emotional. Dann hat es ihm wohl auch imponiert, dass ich ihm am nächsten Tag gesagt habe, wie scheiße ich sein Verhalten fand. Zwar war mein ganzes gespartes Geld für den Trip draufgegangen – ich hatte diese Reise zu ihm selbst finanziert –, aber auf sein Interview könne ich dann doch verzichten, wenn er nun sein Versprechen nicht einhielte.

Hatte man Sie im Vorfeld gewarnt? Kinski hatte einen gewissen Ruf.
Nee. Ich habe das vorher nicht groß mit jemandem besprochen. Ich hatte Kinski in einer Hotelhalle im „Frankfurter Hof“ kennengelernt. Er saß bei einem Interview mit dem Stern, ich beim Gespräch mit der FAZ. Im Hintergrund spielte gerade ein Streicherquartett. Plötzlich flog ein Steak durch den Raum in Richtung Violine, begleitet von Gebrüll (ahmt Kinskis Stimme nach): „Kannste mal mit dem Gedudel aufhören, man versteht ja sein eigenes Wort nicht!“ In dem Moment dachte ich: Was hat der denn für ’ne Kinderstube? Später stand er neben mir an der Rezeption und fragte: „Na, warste vorhin auch beim Interview?“ Ich: „Beim fliegenden Steak? Mhm. Ich würde Sie gern mal interviewen.“ So ist das zustande gekommen.

Noch einmal: Sie waren damals 16 Jahre alt. Hat das Erlebnis mit Kinski Ihr Verhältnis zu Männern beeinflusst?
Das nicht, nein. Ich habe Kinski eher als Kunstfigur gesehen, nicht als Mann. Ich habe ihn erlebt wie ein verletztes Tier im Käfig. Der wollte so viel mehr sein, als man ihm zugestanden hat. Er lebte da bei San Francisco in dieser Hütte, hat sein eigenes Bio-Gemüse gezüchtet und sich furchtbar über maßlosen Konsum aufgeregt. Aus seinen Jacken hat er alle Etiketten herausgeschnitten. „Die ganze Welt ist ein Label“ hat er immer geschrieen! Das fand ich faszinierend.

Ihnen hat Kinski nichts angetan. Pola Kinskis Anschuldigungen gegen ihren Vater stellen Sie aber nicht infrage, oder? Sie wirft ihm sexuellen Missbrauch vor.
Überhaupt nicht. Null. Jeder, der so etwas berichtet, hat sich das gut überlegt. Und dem glaube ich erst einmal. Es braucht immer jemanden, der den Ball ins Rollen bringt, damit auch andere den Mut haben, den Mund aufzumachen. Und man muss eine gewaltige Hürde überspringen, bevor man sich äußert. Ich verstehe auch jeden, der nicht den Mut hat, seinen Mund aufzumachen, denn der Stempel, den man bekommt, der verschwindet nicht wieder. Monica Lewinsky zum Beispiel trägt heute noch dieses Stigma, während Bill Clinton durch die Welt jettet und mit Vorträgen Unmengen Geld verdient. Was bei diesem Thema leider häufig vergessen wird, ist die Verantwortung, die ein älterer Mann trägt. Ich habe zum Beispiel ein Problem mit Polanski: Er kann noch so gute Filme machen – ich fand die auch alle toll –, aber ich habe für sein Verhalten gegenüber jungen Mädchen keine Entschuldigung.

Polanski wird die Vergewaltigung eines 13 Jahre alten Mädchens vorgeworfen, die er bestreitet. Illegalen Sex mit Minderjährigen gehabt zu haben, gibt er allerdings zu.
Ich habe Polanski kennengelernt, ich saß mit vielen anderen Mädchen bei einem Dinner mit ihm am Tisch und habe miterlebt, wie sich einige von ihnen – 16, 17 Jahre alt – an ihn rangeschmissen haben. Da muss man als erwachsener Mann einfach „the bigger person“ sein und Verantwortungsbewusstsein zeigen. Ein junges Mädchen, das sich diesem kleinen und für mein Empfinden unattraktiven Polanski an den Hals schmeißt, handelt natürlich nicht aus Liebe. Das muss der Mann erkennen. Alles andere ist Seelenraub. Die Folge sind Verletzungen, die ein Leben lang nicht weggehen. Ich wünschte, es ginge einigen Männern an den Kragen, damit sie geradestehen müssen für das, was sie getan oder zugelassen haben. Ich als Schauspielerin musste und muss ständig Rechenschaft ablegen für all das, was ich mache, ob ich mich scheiden lasse oder trenne, wann ich als junge Mutter wieder arbeiten gehe und was mit den Kindern geschieht. Bei Männern ist es immer noch anders – die verschwinden dann gerne einfach mal und können Arschloch sein – und die Sache wird ganz schnell unter den Teppich gekehrt. Auch das ist nicht gerecht.

Angenommen, Sie gründen eine Stiftung, zum Beispiel für junge Mädchen, die Opfer von sexuellem Missbrauch werden. Wäre es für Sie von Belang, aus welchen Quellen das Geld für solch eine Stiftung käme? Heiligt der Zweck die Mittel?
Nein. Damit sich andere reinwaschen, weil sie ihr dreckiges Geld in eine hehre Sache stecken? Nein! Ich finde, im Leben hat alles Energie und Vibrationen. Dreckiges Geld hat dreckige Vibrationen. Dreckiges Geld kann nichts Gutes bewirken.

Das Gespräch führte Ute Cohen. Es erschien zuerst in Galore.

 

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