In der aktuellen EMMA

Tanztheater, das Grenzen sprengt

"Letters from Tentland" inszenierte Helena Waldmann im Iran, wo es schon bald verboten wurde. - Foto: Wonge Bergmann
Artikel teilen

"All diese kleinen Zelte“ fielen Helena Waldmann immer wieder auf, als sie 2005 durch die Straßen Teherans ging. Benutzt wurden sie ausschließlich von Frauen. Sie dienten ihnen als mobiler Rückzugsort, als Möglichkeit, sich kurz auszuruhen – ohne dabei die ­Sittenwächter auf den Plan zu rufen.

Helena Waldmann, die in der iranischen Hauptstadt eigentlich nur einen Workshop leiten sollte, machte daraus ein Tanztheater. Weil Frauen im Iran in der Öffentlichkeit aber nicht tanzen dürfen, brachte sie ihre Tänzerinnen in diesen Zelten auf die Bühne. Ein Trick, um die Zensur auszuhebeln. Die tanzenden Zelte werden zu Botschaften. „Letters from Tentland“ ist die erste Produktion einer westlichen Choreografin, die je in Teheran inszeniert und auf dem internationalen Fadjr-Theater-Festival gezeigt wurde. Das Stück reiste um die Welt. Im Iran wurde es schon bald von Präsident Ahmadinedschad verboten.

In den Inszenierungen der Berliner Choreo­grafin geht es um: Demenz, Burkas oder Textil­arbeiterinnen in Bangladesch, zum Beispiel. Fast immer geht es um Frauen.

In „Feierabend! – das Gegengift“ werden moderne Arbeitsdiktaturen hinterfragt. In „BurkaBondage“ setzt Waldmann den islamischen Schleier und das japanische pornografische Bondage in Beziehung. In „Gute Pässe Schlechte Pässe“ erforscht sie mit Hilfe von AkrobatInnen die Grenzen in Köpfen und von Ländern, passend zu Donald Trumps Ankündigung, gegen Mexiko eine Mauer bauen zu wollen.

„Made in Bangladesh“ erzählt von den ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen bangladeschischer Näherinnen. Zwölf Kathak-Tänzerinnen aus Dhaka tanzen die hämmernden Rhythmen der Nähmaschinen und stampfen den Druck, der in den riesigen Fabriken herrscht, in den Boden. Während das Stück geprobt wird, stürzt eine Nähfabrik in Dhaka ein, begräbt hunderte Arbeite­rInnen unter sich. Das bedrückend aktuelle Stück wird eines der größten internationalen Erfolge von Waldmann.

Für jedes Projekt castet die Tanztheatermacherin eine neue Besetzung vor Ort. Ihre TänzerInnen müssen ihre eigene Geschichte mitbringen. Ähnlich wie beim Tanztheater der legendären Pina Bausch.

Als die gebürtige Bayerin 1993 ihr erstes Stück „Die Krankheit Tod“ nach einem Text von Marguerite Duras auf die Bühne bringt, spielt das Publikum mit und muss sich hinlegen. Ähnlich wie bei der legendären französischen Theatermacherin Ariane Mnouchkine. Die Tänzerin performt über den Köpfen der Zuschauer, nur eine Armlänge entfernt. Das Stück machte Helena Waldmann auf einen Schlag bekannt.

Waldmann ist Autodidaktin. Sie hat selbst nie getanzt, nie Choreographie studiert. Sie studierte Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen, arbeitete dort mit Heiner Müller, George Tabori, Emma Lewis Thomas und Molly Davies. Sie ging nach Frankfurt, um bei Axel Manthey mitzuarbeiten, fand ihren Weg an das Schauspielhaus Bochum. Doch das Sprechtheater wurde ihr zu eng. „Ich wollte andere Erzählmittel, schob die SchauspielerInnen zur Seite und ließ die TänzerInnen kommen.“

Im Jahr 2000 erhält sie einen Ruf nach Berlin, inszeniert für die Berliner Festspiele. 2003 bekommt sie den UNESCO-Preis für die brasilianische Produktion „Headhunters“. Ihre vielfach ausgezeichneten Stücke touren weltweit, die deutschen Feuilletons feiern sie als „bedeutendste freie Tanzregisseurin des europäischen Gegenwartstheaters“. Bei Festivaldirektoren, Subventionsentscheidern und Programmmachern hingegen gilt sie als unbequem. Wer auf Nummer sicher gehen will, macht einen Bogen um Helena Waldmann. „Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass das Theater die Welt verändern kann. Doch zum Nachdenken anregen sollte es!“

Bewegend dürfte auch ihr neues Stück, „Der Eindringling – Eine Autopsie“ werden. Darin geht der Blick buchstäblich unter die Haut, ins Innere des menschlichen Körpers und zugleich ins Innere des Systems „Staat“. Martial-Arts-KämpferInnen versinnbildlichen via Kung Fu die Härte der Abwehrmechanismen gegen Eindringlinge. Und es wird wohl wieder eine Grenzerfahrung sein – für alle Beteiligten.

TERMINE
Der Eindringling – eine Autopsie: auf Tour vom 9.11. – 7.12.2019. helenawaldmann.com

Ausgabe bestellen
Anzeige
'
 
Zur Startseite