Die Magierin: Friederike Mayröcker

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Friederike Mayröcker hätte mal fast den Literatur-Nobelpreis bekommen. 2004 war das. Typisch, dass es kaum einer mitbekommen hat. Typisch auch, dass ihn am Ende nicht sie, sondern Elfriede Jelinek gewonnen hat. Friederike Mayröcker schreibt und lebt leise, so radikal leise, dass man sie auch übersehen kann. Es gibt einen Dokumentarfilm über sie, der heißt: „Das Schreiben und das Schweigen“. Im Dezember wurde sie 88 Jahre alt. „Eigentlich“, sagt sie, „lebe ich nur, wenn ich schreibe.“

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Für ein Gespräch trifft sie sich im Café Imperial in Wien. Sie lässt ungern jemanden in ihre Wohnung, in die „Zettelhöhle“, wie sie sagt, weil überall Notizen und lose Blätter herumliegen. Ihr letztes Buch trägt den Titel „Ich sitze nur grausam da“. Man muss sofort daran denken, wenn man sie sieht, wie sie in einer Nische kauert und wartet, mehr Wesen als Mensch, die Augen dick mit Kajal eingerahmt, wie immer ganz in schwarz gekleidet, nur die Schuhe und die Socken sind weiß. Um sie herum liegen mehrere Tüten und ­Taschen, ein Rucksack; sie hat sich eingebunkert, vielleicht auch ausgeschlossen aus der Logik dieser Welt, ein bisschen stimmt beides.

Spricht man sie an, hebt sie den Kopf, langsam wie ein uraltes Tier – und lächelt, vor allem mit den Augen. Man kann sich diesem Lächeln nicht entziehen, fühlt sich sofort erkannt, durchschaut, verstanden. „Ich bin erst mit Mitte 70 ein wirklicher Mensch geworden“, sagt sie. Vorher sei sie oft rücksichtslos gewesen, zu besessen vom Schreiben, vom nächsten Absatz oder Kapitel, jetzt im Alter empfinde sie Liebe für alles Mögliche. Neulich habe sie einen Baum im Volksgarten gesehen, der habe sie so überwältigt, dass sie einfach stehen geblieben sei und ihn eine halbe Stunde angeschaut habe. „Glauben Sie mir“, sagt sie, „ich verliebe mich jeden Tag neu, mal in einen Baum, mal in einen Menschen, mal in einen Hund, der vor dem Supermarkt steht und mich aus seinen traurigen Augen ­ansieht.“ Man ist seltsam berührt, wenn man dieser Frau zuhört.

Tiefsinnig ist sie, aber nie pathetisch, lustig, aber nie zynisch oder auf Kosten anderer, melancholisch, aber nie verbittert oder freudlos. An ihrer Kette baumelt eine kleine, rote Kirsche. Ein winziger Hinweis, er ist einem nur nicht gleich aufgefallen. 
Friederike Mayröcker ist definitiv die extremste Schriftstellerin deutscher Sprache. Schon ihre Bücher tragen sonderbare Titel: „Von den Umarmungen“ oder „Die kommunizierenden Gefäße“, meistens sind es wilde, ungefilterte Assoziationsketten, collagierte Erinnerungsfetzen, extrem zart, radikal schön.
Schreiben, das ist für sie kein Zeitvertreib, kein Beruf, auch keine Berufung, sondern „existenzielle Notwendigkeit“, sogar ihren Beruf als Lehrerin hat sie in den 70er Jahren dafür aufgegeben. „Schreiben strengt mich nicht an“, sagt sie, „es strengt mich an, wenn ich nicht schreibe“, weil dann alles „in mir bleibt“, die Gedanken und Gefühle, die Träume, die Sehnsucht.

„Seit ich 15 bin, explodiert es jeden Tag in mir und alles muss raus“, sagt sie. Ein Kritiker hat mal geschrieben, ihr Werk sei „eine Aufbewahrungsstelle von Momenten“. Seitdem ihr „Hand- und Herzgefährte“, der berühmte Schriftsteller Ernst Jandl, im Jahr 2000 gestorben ist, lebt Mayröcker fast nur noch in der Welt der Sprache. 54 Jahre lang bildeten die beiden ein besonderes Paar, eine perfekte Symbiose: Er, der Intellektuelle, Geschmeidige, Weltläufige. Sie, die Gefühlvolle und Zurückhaltende. „Ich habe ihn immer bewundert, weil er so gescheit war und sich in alles eingemischt hat.“

„Kurz nach seinem Tod“, erzählt sie, „war ich überzeugt davon, nie mehr schreiben zu können, so leer war ich.“ Sie hat dann doch geschrieben. Natürlich. Ihr „Requiem für Ernst Jandl“ erschien im Jahr 2001.

Und heute, zehn Jahre danach, schreibt sie immer noch jeden Morgen, oft schon um fünf Uhr, gleich nach dem Aufwachen. „Die erste Stunde schreibe ich im Bett“, sagt sie, „dann sind die Träume noch frisch“. Wie in Trance notiert sie die dann auf riesige DINA3-Blätter und bearbeitet sie später an der Schreibmaschine. „Wenn um halb zwölf jemand anruft und denkt, ich sei gewaschen und angezogen, dann ist er falsch beraten.“

Erst wird geschrieben, nebenher ein wenig gegessen, ein Tee getrunken, dann kommt der Rest, was auch immer das ist, bei so einem Leben. Früher, erzählt sie, habe sie sich für Mode interessiert. „Ich weiß, man sieht es mir nicht an“, sagt sie, aber sie sei schon eitel. Immer wenn sie irgendeinen Preis bekommen hat, sei sie in die Stadt und habe sich was Schönes gekauft. Heute greift sie auf Vorhandenes zurück. „Eine fast Hundertjährige, die sich Mode kauft, das wäre obszön.“

Mayröcker hatte nie große Auflagen, ein paar Tausend pro Buch, trotzdem zählt sie zu den ganz Großen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Man muss davon ausgehen, dass sie weiterschreibt, solange sie kann. Sie macht wenig anderes. Mal eine Freundin treffen. Ab und zu in ein Beisl, um was zu essen. Gelegentlich zum Arzt, der hohe Blutdruck, die Arthrose in den Beinen.

Ihre letzten Bücher sind gezeichnet von Verfall und ­Todes­ahnung, aber man darf sich nicht täuschen lassen. „Ich bin nur äußerlich das alte Weib, das durch die Straßen humpelt“, sagt sie, „innerlich bin ich immer noch das kleine Mädchen, das über eine Wiese läuft.“ Sie habe die Seele eines Kindes. Sagt sie und fragt schüchtern nach: „Kann man das so sagen?“

Beim Abschied schaut sie einen lange an. Steht auf, langsam, vorsichtig. Eine Umarmung, ein zarter Kuss auf die Wange. Ihre Augen blitzen. „Ich habe alles verloren, vertan, versäumt“, hat Friederike Mayröcker vor Jahren mal geschrieben. Das stimmt nicht. Sie zeigt uns seit Jahren, wie faszinierend die Stille sein kann. Und wie reich und bunt ein Leben im Abseits.
 

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