Duffy entkam der Dunkelheit

Foto: United Archives International/Imago Images
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Nach einem mysteriösen Rückzug aus der Öffentlichkeit und jahrelangem Schweigen offenbart sie, dass sie an einem 23. Juni eines nicht genannten Jahres, ihrem Geburtstag, in einem Res­taurant unter Drogen gesetzt, entführt und vergewaltigt wurde. Bruchstückhaft ist die Erinnerung. In ihrem eigenen Heim habe ihr Entführer sie festgehal­ten und betäubt. Per Flugzeug habe er sie in ein anderes Land verschafft. In einem Hotelzimmer sei ihr sexuelle Gewalt angetan worden. Obschon an Leib und Leben bedroht, sei es ihr gelun­gen, letzte Kräfte zu mobilisieren und zu fliehen. Die Umstände der Flucht blei­ben unklar. Zu Bewusstsein gelangt sei sie auf dem Rücksitz eines Autos.

Fünfmal habe sie in der Folge den Wohnort gewechselt aus Angst vor dem Täter. Aus Furcht sei sie auch nicht zur Polizei gegangen. Aktenkun­dig sei ihr Fall erst geworden, als sie zwei Polizistinnen anvertraute, dass sie jemand damit erpresse, die Verge­waltigung publik zu machen. Die Trittbrettfahrer des Leids heften sich stets an die Fersen des Opfers, sobald dieses ein wenig Atem zu schöpfen vermag.

Duffys Geschichte ist die Geschichte vieler Frauen, wenn auch nicht immer in dieser Dramatik. Die wenigsten wagen es, Schmerz und Scham kund­zutun. Gelitten wird trotz MeToo im Stillen. Die Bewältigung der schmerz­vollen Vergangenheit wird höchstens in therapeutischen Sitzungen versucht, selten in der Öffentlichkeit.

KünstlerInnen jedoch können sich in ihrem Werk offenbaren, kehren ihr Innerstes nach außen. Duffy ist nicht die erste Sängerin, die sexuelle Gewalterfahrungen mitteilt. Lady Gaga, Chrissie Hynde, Debbie Harry ... Von den großen Blues-Ladys, wie Billie Holiday, ganz zu schweigen. Gewalt haben sie alle erlebt, verarbeitet haben sie die Tat auf unterschiedliche Weise. Während Debbie Harry in ihrer Autobiografie sexuelle Übergriffe quasi normal findet, schmäht Lady Gaga Täter als Schweine und Chrissie Hynde singt gegen die Meute an, die sie jagt. Rachefantasien, eine Umkeh­rung von Täter-Opfer-Konstellationen oder ritualisierte Rollenspiele, die das Unerträgliche exorzieren sollen.

Die 35-jährige Duffy ist keine Rächerin. In ihrem Statement zeigt sich eine Verletzlichkeit, eine Versehrtheit, die eine tiefe Verunsicherung in Bezug auf das Geschehene erkennen lassen. Die Begründung für ihren Schritt, sich an die Öffentlichkeit zu wenden, ist irritie­rend: In Corona-Zeiten könne ihre Geschichte zur „momentanen Ablenkung“ dienen oder auch „Trost“ verheißen: Es sei möglich, der „Dunkelheit“ zu entkommen. Es ist ein scheuer und entschuldigender Einstieg, der die Erzählung der persönlichen Erfahrung rechtfertigen soll. Bitte nicht weiterlesen, schreibt sie, „falls ihr nicht in der Lage seid, das Leid eines anderen auf euch zu nehmen.“ Die Rücksichtnahme des Opfers, das eigene Leid anderen nicht einmal als Bericht zumuten zu wollen.

Das Schweigen zu durchbrechen, ist nicht einfacher in einer Zeit, die „Safe Spaces“ erschafft für gewaltfreie Kommunikation, in einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder infantilisiert und vor aktiver Solidarität abschirmt. Dabei kann Sprache doch das Mittel zur Befreiung sein! Duffy spricht mehrfach von ihrer Einsamkeit. Sie hat den Wunsch, sich zu befreien von einer Traumatisierung, die sich tief in sie eingegraben hatte. Von einer „zerstörerischen Intimität“ spricht sie.

Die Metaphern sind erschreckend und zeigen einmal mehr, dass Vergewaltigung einer Auslöschung gleichkommt und unwiederbringlich Lebenszeit raubt. Ein Drittel ihres Lebens habe ihr die Tat gestohlen, sagt Duffy. Als eine Art Zombie habe sie sich lange Zeit empfunden. Am Leben sei sie gewesen und doch tot: „Rape is like living murder“.

Wie alle Opfer fühlt Duffy sich beschmutzt von der Tat. Sie verbrennt ihre Pyjamas. Sie schneidet sich die Haare ab. Sie zweifelt daran, ob sie jemals wie­der lieben könne. Die Frauen, die das lesen, ballen die Fäuste, halten die Tränen zurück und möchten ihr zurufen: „Du bist nicht schuld! Wir sind bei dir.“

Duffy kennt den Schmerz, bis tief „in die Eingeweide“, und will doch kein Mitleid: „I do not want your pity.“ Die Zurückweisung des Mitleids ist ein erster Schritt zur Selbstermächtigung. Die Spuren der Gewalttat aber werden bleiben.

Traumata werden reaktiviert in Zeiten der Isolation. Deshalb richtet Duffy ihre Botschaft genau jetzt an ihr Publikum. Duffy teilt ihr Leid und befreit sich dadurch selbst. Sie ist keine laute Stimme unter den vergewaltigten Frauen. Duffy lässt uns den Schmerz spüren, die Stille, die Einsamkeit und den Wunsch nicht nach Rache, sondern nach Schönheit. „Something beautiful“ heißt Duffys aktueller Song. Er klingt nach starker Zerbrechlichkeit, nach Menschlichkeit – dem einzigen Gegengift zu unmenschlichem Verhalten.

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