In der aktuellen EMMA

USA: Rückfall um Jahrhunderte

Foto: Allison Bailey/NurPhoto/dpa
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Wie viel Blut die Frau schon verloren hatte, als sie Carley Zeal um Hilfe bat, kann die Gynäkologin nicht genau sagen. Nach einer Fehlgeburt hatte die Frau, die anonym bleiben möchte, im Juli zehn Tage lang geblutet. Ein Krankenhaus im Bundesstaat Wisconsin wies sie dennoch ab – trotz des andauernden Blutverlustes und der Gefahr einer Infektion. Da die Medikamente, die die Ablösung des fetalen Gewebes aus der Gebärmutter verursacht hatte, darauf hindeuteten, dass die Frau eine sogenannte Abtreibungspille genommen hatte, fürchteten die ÄrztInnen eine Anklage.

Am 24. Juni, zwei Wochen vorher, hatte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten das landesweite Abtreibungsrecht gekippt. Die Regelungen für Schwangerschaftsabbrüche sind ab jetzt den einzelnen Bundesstaaten überlassen. Wisconsin entwickelte sich am selben Tag um 173 Jahre zurück. Unter Berufung auf das bislang letzte Gesetz des Bundesstaates zu Schwangerschaftsabbrüchen aus dem Jahr 1849 schlossen alle Abtreibungskliniken umgehend ihre Türen.

Wie in dem Fall der anonymen Frau trauen sich viele ÄrztInnen selbst an die Grauzone der Medikamente nicht mehr heran. „Die Unsicherheit hat die Behandlung der Frau verzögert. Als ich sie eineinhalb Wochen nach der Fehlgeburt behandelte, blutete sie immer noch stark und drohte, noch stärker zu bluten“, berichtet die Gynäkologin Zeal. Die Medizinerin am Krankenhaus Mercyhealth in Beloit gab der Frau schließlich ein Präparat, um die Reste des fetalen Gewebes abzustoßen. 

Der Kulturkampf um das Recht auf Abtreibung hatte sich in den Vereinigten Staaten lange angebahnt. Bereits vor über zehn Jahren registrierte das „Guttmacher-Institut für Reproduktive Gesundheit“ einen auffälligen Trend zur Restriktion. Von 2011 bis 2019 zählte die Organisation mit Sitz in Washington in den einzelnen Bundesstaaten insgesamt fast 500 Regelungen, Vorschriften und Gesetze, die das Recht auf Abtreibung einschränken. Vor einem Schwangerschaftsabbruch mussten sich Frauen plötzlich Beratungen unterziehen, die darauf abzielten, sie von dem Eingriff abzuhalten, öffentliche Mittel wurden gestrichen und Wartezeiten eingeführt. 

Nach der Ankündigung von Donald Trump vor den Präsidentschaftswahlen 2016, während seiner Amtszeit konservative JuristInnen für den Obersten Gerichtshof zu nominieren, um Roe v. Wade zu kippen, brachten Bundesstaaten wie Texas und South Dakota sogenannte „Trigger Laws“ in Stellung. Die neuen Gesetze, so der Plan, sollten nach dem Ende des landesweiten Abtreibungsrechts durch den Supreme Court nahtlos in Kraft treten. 

Trumps Versprechen trug maßgeblich dazu bei, dass 80 Prozent der Evangelikalen den pöbelnden Pussy-Grabber wählten. Die christlichen Fundamentalisten leugnen die Evolutionslehre und sind überzeugt, dass Gott die Welt in sieben Tagen geschaffen hat. Die Folgen der Trump-Regentschaft und des neu besetzten Supreme Court sind für amerikanische Frauen und Mädchen verheerend. 

In Ohio wurde sogar einem zehn Jahre alten Vergewaltigungsopfer eine Abtreibung verweigert. Der Bundesstaat im Mittleren Westen verbietet Abbrüche nach der ersten embryonalen Herztätigkeit ab der sechsten Woche auch bei Härtefällen wie Vergewaltigung, Inzest und Erkrankungen des Fötus. Das zehnjährige Mädchen musste in das benachbarte Indiana fahren, um das Kind ihres Vergewaltigers nicht austragen zu müssen. 

Laut der Ökonomin Caitlin Myers, die am Middlebury College in Vermont zu wirtschaftlichen Folgen des Abtreibungsverbots forscht, gehört das Mädchen zu jener Hälfte der Amerikanerinnen, die nach dem Ende von Roe v. Wade für einen Schwangerschaftsabbruch weite Entfernungen zurücklegen müssen. Anstelle von bislang knapp 60 Kilometern, hat Myers errechnet, müssen sie jetzt durchschnittlich etwa 450 Kilometer weit fahren oder fliegen. „Wie unsere Daten zeigen, schaffen es drei Viertel der Frauen weiterhin, eine Klinik zu erreichen. Jede vierte Frau, meist arm und vulnerabel, schafft es aber nicht.“ Organisationen wie „The Brigid Alliance“ und „The National Network of Abortion Funds“ sammeln inzwischen Spenden, um ungewollt Schwangere bei Reisen zu einer Abtreibung finanziell zu unterstützen. Auch viele Unternehmen – darunter Amazon, Microsoft und Starbucks – verpflichteten sich, für Flug und Hotel ihrer ungewollt schwangeren Mitarbeiterinnen aufzukommen.

Amerika driftet derweil immer weiter auseinander. Nach dem Ende des landesweiten Abtreibungsrechts drohen in etwa der Hälfte der 50 Bundesstaaten Abtreibungsverbote oder harte Einschränkungen. Die übrigen Bundesstaaten planen, den Status Quo zu erhalten oder den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen sogar zu erleichtern. 

Wie bizarr sich die Spaltung auswirkt, zeigt sich an der Grenze zwischen Illinois, einem bei Schwangerschaftsabbrüchen besonders liberalen Bundesstaat, und Missouri, das mit einem der gefürchteten „Trigger Laws“ ein Abtreibungsverbot vorbereitet hatte. Um auch Frauen aus Missouri Abbrüche anbieten zu können, plant die Klinik der Planned Parenthood Federation of America in der Kleinstadt Fairview Heights in Illinois inzwischen Schwangerschaftsabbrüche an Wochenenden. Erste Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl der Frauen aus Missouri und anderen konservativen Nachbarstaaten um bis zu 8.500 Prozent steigen wird – sich also mehr als verachtzigfacht

Während amerikanische AbtreibungsgegnerInnen, auch Pro-Lifer genannt, die Entscheidung des Supreme Court weiter mit Gebetsversammlungen feiern, setzen die BefürworterInnen selbstbestimmter Schwangerschaften zunehmend auf Telemedizin. Um PatientInnen auch während der Pandemie und bei Lockdown ärztlich versorgen zu können, hatte die Behörde für Lebensmittel und Arzneien (FDA) vor zwei Jahren die Vorschriften zu medizinischen Beratungen am Bildschirm und dem Versand von Medikamenten gelockert. Unternehmen wie „HeyJane“, „Abortion on Demand“ und „Aid Access“ haben sich in den vergangenen Monaten auf virtuelle Abtreibungsberatung spezialisiert. Bei „Telehealth abortions“ wird der Frau nach der Beratung eine Zwei-Stufen-Präparat zugeschickt: Mifepriston blockt ein Hormon, das zur Fortsetzung einer Schwangerschaft nötig ist, Misoprostol unterstützt die Ausstoßung des Schwangerschaftsgewebes. Die FDA empfiehlt die medikamentöse Abtreibung bis zur zehnten Schwangerschaftswoche, die Weltgesundheitsorganisation bis zur zwölften.

Viele AnbieterInnen befürchten dennoch Klagewellen. Auch ein Abbruch mit Medikamenten unterliegt den Gesetzen der einzelnen Bundesstaaten. Und das Dickicht aus Pflichten zu Ultraschalluntersuchungen, Debatten über Versicherungsschutz, fest umrissenen Wartezeiten und Fristen verwirrt viele Frauen ebenso wie immer neue Vorschriften. 

Dass der Kampf um Abtreibung nicht entlang des üblichen Grabens zwischen DemokratInnen und RepublikanerInnen geführt wird, macht ihn noch komplizierter. So unterzeichnete John Bel Edwards, Gouverneur des Südstaats Louisiana und Demokrat, im Juni gleich zwei rigide Gesetzesvorlagen: Eine erhöhte die Höchststrafe für AnbieterInnen von Abtreibungen von fünf auf zehn Jahre. Die andere machte das Versenden von Abtreibungsmedikamenten an BewohnerInnen des Bundesstaates zur Straftat, die mit bis zu fünf Jahren Haft und 50.000 Dollar Bußgeld geahndet wird. „Ich bin ein Pro-Lifer und habe daraus nie ein Geheimnis gemacht“, ließ der 55-Jährige wissen.

Einige Wochen zuvor hatten republikanische Abgeordnete des Bayou State eine Gesetzesvorlage zur Klassifizierung eines Schwangerschaftsabbruchs als Mord in letzter Minute zurückgezogen – nach heftigen Protesten auch aus den eigenen Reihen. Auch Chatbots, Apps und Textnachrichten bergen jetzt Gefahren. Polizei und Staatsanwaltschaft könnten sie nutzen, mahnen JuristInnen, um Schwangere auf der Suche nach Abtreibungsmöglichkeiten zu finden und zu verfolgen. Bei TikTok und anderen sozialen Medien macht sich angesichts der Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen Panik breit. Neben großen Dosen Ibuprofen, Zimt und Vitamin C tauschen Frauen sich unter Hashtags wie #Herbalabortion inzwischen über die Wirkung von Polei-Minze und Beifuß als Abtreibungshelfer aus – trotz der berechtigten Angst vor Vergiftungen und  erhöhtem Krebsrisiko durch die Kräuter.

Und das Weiße Haus? Bleibt auffallend zurückhaltend. Und das, obwohl der Supreme Court die Uhr zu Frauenrechten und Gleichstellung um ein paar Jahrzehnte zurückgedreht hat. Und obwohl die Mehrheit der AmerikanerInnen gegen das Abtreibungsverbot ist: Bei der ersten Abstimmung zu Schwangerschaftsabbrüchen nach der Entscheidung des Supreme Court sprachen sich in Kansas Anfang August fast 60 Prozent der WählerInnen gegen Verbote und Einschränkungen aus. Das Recht auf Abtreibung, verlangten sie, soll den Frauen des Sunflower State auch in Zukunft durch die Verfassung des Bundesstaates garantiert werden. Die Werte in Kansas entsprechen damit den landesweiten Umfragen. Laut einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Gallup hatten sich im Mai fast 60 Prozent der befragten AmerikanerInnen gegen das Kippen von Roe v. Wade ausgesprochen. Mehr als 55 Prozent unterstützten damals das Selbstbestimmungsrecht der Frau.

Auf Drängen seiner Partei unterzeichnete der demokratische Präsident Joe Biden Mitte Juli schließlich eine Executive Order. Sie ist aber so vage, dass sie kaum als Handlungsleitfaden für das Justiz- und Gesundheitsministerium taugt. „Der Präsident rühmt sich, dass seine Verwaltung ‚jedes verfügbare Werkzeug‘ nutzen wird, um Frauen den Zugang zur Abtreibung zu sichern. Warum ist seine Order dann so lückenhaft?“, fragt die amerikanische Ausgabe des Guardian kritisch.

Derweil weitet sich der Kulturkampf aus. Nach dem Kippen des landesweiten Abtreibungsrechts rüsten sich Konservative wie Clarence Thomas, Richter am Supreme Court, bereits für die nächste Schlacht. Wenn Schwangerschaftsabbrüche nicht „tief in Geschichte und Tradition des Landes verankert sind“, wie sein Kollege Samuel Alito in der Begründung für das Ende von Roe v. Wade schrieb, wie steht es dann mit Empfängnisverhütung, gleichgeschlechtlichem Sex und Homo-Ehe? „Abtreibung ist nur der ersten Akt. Die Selbstbestimmung der Frau und Fortpflanzungsfreiheit stehen im November auf dem Wahlzettel“, erklärte Nancy Pelosi, Demokratin und Sprecherin des Repräsentantenhauses, und forderte die WählerInnen auf, das Abdriften in den Konservatismus bei den Zwischenwahlen mit ihrer Stimme zu stoppen.

Wem aber sollen die Wählerinnen ihre Stimme geben? Die Demokraten sind, wie man sieht, auch nicht geschlossen an ihrer Seite. Viele Amerikanerinnen scheinen das Vertrauen in Politik und Obersten Gerichtshof aber längst verloren zu haben. GynäkologInnen berichten bereits von unzähligen Anfragen nach Sterilisationen. „Ich habe noch nie so viele Frauen gesehen, die Angst um ihren Körper und das Recht auf Selbstbestimmung haben“, erklärt die texanische Medizinerin Michelle Muldrow. „Sie haben das Gefühl, dass eine Sterilisation der einzige Ausweg ist."

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