In der aktuellen EMMA

Eine Lehrerin schlägt Alarm

Lehrerin Wiesinger: „Mit normalem Unterricht hat das kaum noch etwas zu tun.“ - © Nikolaus Ostermann
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Was ist der Unterschied zwischen Susanne Wiesinger und Thilo Sarrazin? Erstens: Die Wiener Lehrerin steht bei EMMA-­Redaktionsschluss Mitte Oktober mit ihrem Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“ auf Platz 1 der österreichischen Bestsellerliste, der ehemalige Berliner Finanzsenator mit „Feindliche Übernahme“ auf Platz 2. Zweitens: „Wir haben eine komplett andere Grundeinstellung“, erklärt Susanne Wiesinger. „Herr Sarrazin sagt: ‚Hier sind wir – und da sind die Muslime!‘ Ich hingegen begreife die muslimischen Kinder als zu uns gehörig. Wir sind für sie verantwortlich, und ich möchte niemanden aus der Pflicht für diese ­Kinder entlassen! Die leiden nämlich am meisten.“

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Deshalb hat Susanne Wiesinger, seit 30 Jahren Lehrerin, seit zehn Jahren an einer Brennpunktschule im Wiener Stadtteil Favoriten, aufgeschrieben, wie desaströs die Lage nicht nur an ihrer Schule ist. „Mit normalem Unterricht hat das, was wir dort anbieten können, kaum noch etwas zu tun. Ob Biologie, Deutsch, Musik, Zeichnen, Turnen, Schwimmen oder Geschichte: Die islamischen Gebote und Verbote, gepaart mit desolaten Deutschkenntnissen, haben den ­Lehrplan für Volks- und Mittelschulen de facto abgeschafft“, konstatiert sie.

Seit Wiesingers Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“ kurz nach Ende der Sommerferien erschien, debattiert sich ganz Österreich die Köpfe heiß. „Ich habe anscheinend ins Schwarze getroffen“, sagt Lehrerin Wiesinger. 

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Meine Geschichte

Lehrerin wehrt sich gegen Salafisten

Lehrerin Birgit Ebel (5. v. li) will den Radikalen nicht das Feld überlassen.
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Ich bin Lehrerin für Deutsch und Geschichte in Herford und wohne in Bielefeld. Im Sommer des Jahres 2014 gründete ich mit einigen erwachsenen MitstreiterInnen die Präventionsinitiative „extremdagegen!“. Auf das Radikalisierungsproblem war ich aufmerksam geworden, nachdem sich ein 15-jähriger Junge in meinen Unterricht hineingemogelte hatte. Abends entdeckte ich ihn im Internet: Er posierte mit einer Kalaschnikow und verlinkte zu islamistischen Gruppen. Wenig später gingen in Herford radikale Salafisten mitten am Tag mit Messern auf einen jesidischen Wirt und seine Gäste los.

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Seither ließ mich das Thema nicht mehr los. Ich finde, dass gerade wir PädagogInnen an Schulen besonders gefordert sind, die oft völlig ahnungslosen Jugendlichen aufzuklären sowie den betroffenen und oft hilflosen Eltern beizustehen. Ich war erstaunt, wie bekannt meinen SchülerInnen das Phänomen des Salafismus war, dass die meisten sogar irgendeinen Radikalen kannten. Mit Erwachsenen und ihren Eltern sprachen sie jedoch kaum darüber (viele befürchteten Ausgeh- und Handyverbote).

Viele Schüler sind mit dem Phänomen Salafismus vertraut

Anhänger der salafistischen Sekte „Die wahre Religion“ haben 2011 in der Herforder Innenstadt an Infoständen im Rahmen der „Lies!“-Kampagne begonnen, kostenlose Korane in verschiedenen Sprachen zu verteilen. Mittlerweile wurden diese Infostände nach Bielefeld verlagert. Meist sind es Jugendliche zwischen Schule und Beruf, die Korane verteilen. Sie sind hier in Deutschland aufgewachsen, haben hiesige Schulen besucht, oft verehren sie Hassprediger wie Ibrahim Abou Nagie, Pierre Vogel oder Sven Lau. Einige haben deutsche Mütter, die Muslime geheiratet haben und selbst konvertierten. Andere waren zuvor überhaupt nicht nennenswert religiös.

Innerhalb von zwei, drei Stunden kassieren diese „Lies!“-Salafisten für ihre Selfies auf der Facebook-Seite „Die wahre Religion“ hundert und mehr Likes. Diese Sekte wendet sich ganz bewusst an nicht-muslimische, ahnungslose Jugendliche und hat damit auch erschreckende Erfolge. Alleine aus Herford (65.000 EinwohnerInnen) sind sechs junge Männer im Alter zwischen 21 bis 30, mit unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die zumeist hiesige Berufskollegs besuchten, unterschiedlichen Glaubens oder nicht-religiös waren, radikalisiert worden und haben sich den IS-Terroristen angeschlossen.

Junge und ältere Islamisten werben im Sport, insbesondere im MMA-Boxsport in Einkaufzonen, Hinterhofmoscheen, über Grill- und Familienfeste von Tarnorganisationen und im Internet um AnhängerInnen beiderlei Geschlechts. Auch junge Frauen sind Anwerberinnen. In der Herforder City laufen auch drei bis vier junge Frauen in bodenlangen schwarzen Gewändern mit Niqab herum. Das sind keine eingewanderten Flüchtlingsfrauen, nein, es sollen alles Konvertitinnen sein, die mit Salafisten verheiratet sind.

Viele Menschen durchschauen überhaupt nicht, dass sie es hier mit einer brandgefährlichen Sekte zu tun haben. Die meisten Erwachsenen laufen desinteressiert an ihnen vorbei – aber die Jugendlichen zeigen sich leider oft interessiert. Und bisher werden diese Jungsalafisten bei ihrem Werben um neue AnhängerInnen hier noch von keiner Seite eingeschränkt.

Auch junge Frauen, oft im Niqab, sind Anwerberinnen 

Prävention ist also immens wichtig! Auch wenn wir von „extremdagegen!“ manchen VerharmloserInnen ein Dorn im Auge sind und wir durchaus erlebt haben, dass unsere ehrenamtliche Arbeit regelrecht behindert wird, kann sich unsere Bilanz sehen lassen. Mit vielen Jugendlichen und immer neuem Nachwuchs entwerfen wir Präventions-Projekte, machen Aktionen, organisieren Veranstaltungen. Wir treffen uns meistens außerschulisch in der „Rockakademie-OWL“ in Herford, da wir bewusst unabhängig sein wollen. Dort haben wir auch einen Rapsong mit Musikvideo produziert: „Da hilft nur Widerstand!“ (auf YouTube).

In Florida trafen einige von uns mit Zeitzeugen des islamistischen 9/11-Anschlags auf das World Trade Center zusammen. TV-Sender – vom WDR bis zum russischen Sender Rossija 24 – berichteten über uns. Im Juli 2016 besuchten wir mit einem Dutzend Aktiven den Islamismusexperten Ahmad Mansour und das Projekt „Heroes“ in Berlin. Im September luden wir die jesidische Filmemacherin Düzen Tekkal nach Herford ein, die ihren Film "Háwar – Meine Reise in den Genozid" zeigte, und diskutierten mit dem Ex-Salafisten Dominic Schmitz in Gütersloh. Im November war ich vom Deutschen Goethe-Institut nach Kairo zu einer Konferenz eingeladen, um als Expertin mit Praxiserfahrung in Prävention einen Workshop durchzuführen. Und nicht nur heute, am "Welttag gegen Rassismus" sagen wir Nein! - Hayir! Na! Jo! No! Laa! Ne! Non! Hi! Her! - gegen Rassismus, Faschismus, Sexismus, Extremismus, Islamismus und Antisemitismus, auch an allen anderen Tagen!

Kurzum: Wir sind mittlerweile ein breites Bündnis von Aktiven aus allen gesellschaftlichen und pädagogischen Handlungsfeldern und – das ist unsere Stärke – bei uns engagieren sich viele junge Frauen und Männer zwischen 16 und 25. Wir wollen nicht nächstes oder übernächstes Jahr handeln, sondern jetzt! Abwarten ist keine Option.

Birgit Ebel, 57, Herford

www.facebook.com/extremdagegen und www.extrem-dagegen.de

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