In der aktuellen EMMA

Erika Freeman: will Genugtuung

Erika Freemann kämpft im Wien um einen Balkon. © Roland Schlager/APA/dpa
Artikel teilen

Auf dem „Hitler-Balkon“ steht eine zierliche, blonde Frau, die fast 100 Jahre alt ist. Der Balkon wird hier in Wien so genannt, weil auf ihm 1938 Hitler den „Anschluss“ Österreichs an das „Deutsche Reich“ verkündete. Hitler-Balkon? Das passt Erika Freeman so gar nicht. Ebenso wenig, dass der Balkon für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. „Warum sollten die Wiener ausgeschlossen werden, nur weil Hitler einmal hier stand?“ fragt sie. Das mache diesen Ort nur interessanter, „wie ein Denkmal für Hitler“.

Dort, wo der Balkon ist, ist heute das „Haus der Geschichte“ untergebracht. Ende 2022 übergab Erika Freeman dem Museum eine Sammlung von Dokumenten und Objekten, die ihre eigene Lebensgeschichte erzählen. Damals stand sie zum ersten Mal auf dem Balkon, schaute über die Stadt, aus der sie 83 Jahre zuvor vertrieben wurde. Schaute auf den Platz, auf dem abertausende Menschen die Vertreibung und Vernichtung von Menschen wie ihrer Familie bejubelt hatten. Wenn sie das wütend macht, dann versteckt sie es gut, hinter einem sanften Lächeln. Und in Sätzen wie: „Das ist meine Rache an Hitler“. Mit „das“ meint sie ihr Überleben. Dass sie heute, mit 98 Jahren, noch immer lebt und spricht und aufrüttelt – und er, der „Teufel“, längst tot ist. Dabei blitzen ihre Augen. 

Sie steht auf dem Balkon, schaut auf die Stadt: "Das ist meine Rache an Hitler"

Als Erika Padan 1927 in Wien zur Welt kommt, scheint diese noch in Ordnung. Vater, Mutter und Tochter, eine behütete Familie. Diese Sicherheit wurde unwiederbringlich zerstört, als hunderttausende Menschen dem Führer auf dem Balkon zujubelten.

Die Nazis deportierten Erikas Vater ins Konzentrationslager Theresienstadt, die Mutter blieb in Wien zurück und starb bei einem Bombenangriff. Das Mädchen lebte in Waisenhäusern, bevor die Tante sich ihrer annahm. Als Erika gerade einmal zwölf Jahre alt war, entkam sie über Amsterdam nach New York.

Dann die Wendung. Erikas Vater hatte aus dem KZ fliehen können, war ebenfalls in New York gelandet. Sie rannten sich zufällig auf der Straße in die Arme. Ein Wunder.

Mehr EMMA lesen! Die März/April-Ausgabe gibt es als Printheft oder eMagazin im www.emma.de/shop
Mehr EMMA lesen! Die März/April-Ausgabe gibt es als Printheft oder eMagazin im www.emma.de/shop

Hitler. Flucht. New York. Ihre Tante Ruth Klüger. Stars, die sie als Psychotherapeutin betreut hat. Marilyn Monroe, Woody Allen. Ihr Ehemann, Paul Freeman, ein Bildhauer, Maler und Kalligraph, der die „Frechheit“ besaß, mit nur 50 Jahren zu sterben. Bald wird sie doppelt so lang leben wie er. Dann: Der totgeglaubte Vater, der ihr just am höchsten jüdischen Feiertag, dem Versöhnungsfest Jom Kippur über den Weg läuft, mitten in New York. Schier unglaublich ist das alles.

Mit 80 Jahren kehrte Erika Freeman nach Wien zurück, der Stadt, in der sie alles verloren hatte und die sie deshalb hassen möchte. Das funktionierte aber nicht so richtig, denn die Stadt und die Menschen, die hier leben, hatten sich verändert – die meisten jedenfalls. Sie verehren Erika jetzt, hören ihr zu, wollen ihre Geschichte verstehen, daraus lernen. Geplant war die Rückkehr in ihre Heimatstadt nicht, sie wurde dazu von der Organisation „A Letter to the Stars“ überredet, einem Zeitgeschichte-Projekt, das SchülerInnen und Holocaust-Überlebende zusammenbringt. 

Aus dem vertriebenen Kind war die Zeitzeugin geworden. Erika Freeman wurde auf Bühnen, vor Kameras und hinter Mikrofone gesetzt. Interviews, Porträts und Bücher wurden über sie geschrieben. Die Menschen feiern sie und ihre kluge, freche, niemals verletzende oder verbitterte Art, ihre Geschichte zu erzählen.

Inzwischen wohnt Erika Freeman im „Imperial“, einem der luxuriösesten Hotels der Stadt – und nicht zufällig jenes, das Hitler einst „arisieren“ ließ und dann zu seiner Residenz erklärte. Auch das: eine leise, lächelnde, kluge Rache.

Doch Erikas Rache ist noch nicht erledigt. Sie will noch erleben, dass der Balkon mit dem unseligen Spitznamen einen neuen Namen bekommt. „Ich verstehe nicht, warum man irgendetwas nach diesem Teufel benennt. So hält man die Erinnerung an ihn nur für immer wach“, sagt sie. „Weg mit Hitler, weg mit allem, was an ihn erinnert.“ Liebe Stadt Wien, wie wäre es mit „Erika-Freeman-Balkon“?  

URSEL NENDZIG

Artikel teilen
 
Zur Startseite