Femizide: Wacht endlich auf!

Protest gegen Femizide: In Frankreich gingen 150.000 Menschen auf der Straße. - Sadak Souici/Le Pictorium Agency/ZUMA Press/dpa
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„Wir alle gegen Frauenmörder!“ „Brecht das Schweigen, nicht die Frauen!“ „Aggressoren, Stalker, ihr seid erledigt, die Frauen sind auf der Straße“, skandierten jüngst 150.000 Menschen in Frankreich zum „Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen“. In Lila – der Farbe der Frauenbewegung – und unter dem Motto „#noustoutes“ (Wir alle) gingen in Paris und weiteren 30 Städten überwiegend Frauen, aber auch Männer auf die Straßen, um gegen Femizide und Sexualgewalt zu demonstrieren. Zu den Protesten hatten knapp 70 Organisationen, Parteien, Gewerkschaften und Verbände aufgerufen. So viele Menschen hatten noch nicht einmal die Gelbwesten auf die Straße gebracht. Es sei der „größte Marsch der französischen Geschichte“, so die Organisatorinnen.

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Seit Monaten läuft in Frankreich eine Debatte über Femizide – die Justizministerin räumte bereits „Staatsversagen“ ein, weil es das System nicht schaffe, Frauen vor ihren gewalttätigen Männern zu schützen. Staatspräsident Macron sprach von „Frankreichs Schande“.

Der größte Marsch in der französischen Geschichte

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendeine Zeitung, ein Fernseh- oder Radiosender groß über das Problem berichtet. Die Regierung ist schwer unter Druck. „Viele der Frauen könnten noch leben, wenn es bessere Schutzmaßnahmen gäbe“, so die DemonstrantInnen. Wie schlecht diese sind, erfuhr Macron persönlich. Diskret und inkognito hatte er einige Stunden in der Zentrale der nationalen Notrufnummer für bedrohte Frauen den Anruferinnen zugehört. Ohne zu wissen, dass der Präsident anwesend war, schilderten die, wie sie trotz massiver Gewalt, die sie erleiden, von der Polizei abgewiesen werden, keinerlei Hilfe erhalten. Macron war entsetzt. Die Demonstrationen vom Wochenende unterstützte der Präsident ausdrücklich. Heute will er einen Aktionsplan vorlegen.

Auch in Rom gingen Zehntausende auf die Straße, minutenlang wurde schweigend derer gedacht, die sich nicht mehr äußern können: die getöteten Frauen. In Italien wurden in diesem Jahr laut Medienberichten 94 Frauen Opfer eines Femizids. Erst am Freitag wurde eine 30-jährige Frau in Palermo von ihrem Liebhaber erstochen. Die männlichen Spieler der italienischen 1. Fußballliga solidarisierten sich mit den Protesten: Sie bemalten bei den Spielen am Samstag ihre Gesichter mit roter Farbe, um Gewalt gegen Frauen die „rote Karte“ zu zeigen.

In Mexiko City rief Bürgermeisterin Claudia Sheinbaum nach großen Protestaktionen von feministischen Gruppen den Notstand aus, um auf die steigende Zahl von Femiziden aufmerksam zu machen. Auch in Lausanne und in Athen gab es Großdemos.

Im Vergleich dazu schläft Deutschland weiter den Dornröschenschlaf. Da wurden erst einmal Zahlen vorgelegt. Wobei auch das schon ein Fortschritt ist, denn lange Zeit verschwanden die Frauenmorde in der Kriminalstatistik. Feministinnen kämpften jahrzehntelang dafür, dass Femizide als politische Kategorie behandelt und statistisch erfasst und damit sichtbar werden.

122 Frauen sind 2018 in Deutschland von ihren Männern getötet worden. 2017 waren es 147. Jeden zweiten bis dritten Tag tötet in Deutschland ein Mann seine Frau oder Ex-Frau. Die Zahl der Mordversuche ist dreimal so hoch. Die größte Gefahr für Frauen sind keine Fremden, die ihnen auf dunklen Wegen auflauern – es sind Ehemänner, Freunde, Väter. Mehr als 114.000 Frauen wurden Opfer von Männergewalt. Soweit die aktuellen Zahlen, die das Bundeskriminalamt zum Thema „Partnerschaftsgewalt“ seit 2015 auswertet, und die heute von Familienministerin Giffey (SPD) bekannt gegeben wurden. „Partnerschaftsgewalt“ - allein der groteske Begriff ist schon Ausdruck der Verdrängung und  Verschleierung. Als könnten wir bei einem Mörder und seinem Opfer von „Partnern“ reden. Beziehungsgewalt oder Männergewalt wäre weitaus treffender (die FranzösInnen sprechen von „ehelicher Gewalt“). Übrigens: Die Beziehungsgewalt erkennt die Polizei oft schon allein daran, dass in diesen Fällen besonders grausam gemordet wird.

Deutschland legt erstmal Zahlen vor

„Mehr als ein Mal pro Stunde wurde 2018 eine Frau gefährlich körperverletzt“, rechnete Giffey vor. Die Zahl der angezeigten Gewaltverbrechen gegen Frauen stieg von 113.965 (2017) auf 114.393. (2018) Gezählt wurden Mord und Totschlag, Körperverletzungen, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, sexuelle Übergriffe, Bedrohung, Stalking, Nötigung, Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Zwangsprostitution.

Zugleich startete Ministerin Giffey heute die bundesweite Initiative „Stärker als Gewalt“. Hilfsangebote sollen bekannter gemacht werden, Gewaltopfer ermutigt werden, sich Hilfe zu holen. Die Webseite „stärker-als-gewalt.de“ ging online. Bund, Länder und Kommunen wollen die Hilfsangebote für Frauen ausbauen.

Da könnten sie endlich bei den Frauenhäusern anfangen, die seit Jahren um eine gesicherte Finanzierung kämpfen. 350 Frauenhäuser gibt es in Deutschland. Ganze 14.600 Plätze fehlen derzeit, den Aufenthalt müssen Gewaltopfer in der Regel sogar selbst bezahlen.

Wo bleibt der öffentliche Aufschrei in Deutschland? Immerhin ergreift Giffey Initiative. Immerhin gibt es Frauen wie die Professorin Kristina Wolff, die auf change.org mit ihrer Online-Petition „Stoppt das Töten von Frauen #saveXX“ für Öffentlichkeit sorgen. Immerhin machen einige Organisationen mobil. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes flaggt bei ihrer alljährlichen Fahnenaktion „Frei leben ohne Gewalt!“, Unterstützung gibt es von Vereinen, Verbänden, Initiativen. Auch Rathäuser machen mit.

Nordrhein-Westfalen beteiligt sich an der weltweiten Aktion „Orange Your City“ der Frauen-Organisation Zonta und lässt einen Teil des Landtagsgebäudes in Düsseldorf orange anstrahlen. Auch der FrauenMediaTurm in Köln wird heute Abend in Orange leuchten. Vereinzelt gehen Frauengruppen auf die Straße.

So weit, so wenig. Für Kanzlerin Merkel war die Gewalt gegen Frauen bisher kaum ein Thema. Obwohl hierzulande an jedem zweiten bis dritten Tag ein Mann seine Frau oder Ex-Frau umbringt, ist Femizid kein eigener Straftatbestand. Die Bundesregierung verweigert die Anerkennung des Begriffs. Noch immer werden „Trennungstötungen“ häufig nicht als Mord eingestuft, weil Gerichte Verständnis für die Motive des verlassenen Täters zeigen. Dass Deutschland inzwischen das „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“, die sogenannte Istanbul-Konvention, ratifiziert hat, ändert daran nichts.

Frauenmorde werden in den Medien kaum wahrgenommen

Morde an Frauen werden in den Medien oft nur in den Randspalten von Regionalzeitungen erwähnt. Immerhin ein Fortschritt: Kürzlich hat die Nachrichtenagentur dpa entschieden, Frauenmorde nicht mehr mit Begriffen wie „Familiendrama“ zu verschleiern.

Mit ihrer Kampagne „Stoppt Frauenhass!“ kämpfte EMMA bereits 1992 dafür, Frauenhass – ganz wie Fremdenhass – als politische Kategorie zu verstehen. EMMA berichtete immer wieder über Gewalt in Beziehungen, forderte Stellungnahmen von Politik und Polizei, von Frauenverbänden und Gewerkschaften. Ein Vierteljahrhundert später gibt es das Wegweisungsgesetz, das bundesweite Hilfetelefon gegen Gewalt. Aber das reicht nicht. Die Zahl der Frauen, die Jahr für Jahr von ihren (Ex-)Männern verprügelt und ermordet werden, ist immer noch katastrophal hoch. 2018 waren es 122. Zeit fürs Erwachen.

https://staerker-als-gewalt.de/#

https://petition.unwomen.de/haeusliche-gewalt.html

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In der aktuellen EMMA

Französinnen in der Offensive

Femen-Aktion auf dem Friedhof Montparnasse für die ermordeten Frauen. - Foto: Patrice Pierrot/dpa
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An einem verregneten Samstag Anfang Oktober ziehen 114 Frauen schweigend durch die nassen Straßen von Paris, bis zum Friedhof Montparnasse. Sie haben sich die nackten Oberkörper wie Leichen bemalt, Blumenkränze im Haar. Es ist ein symbolischer Todesmarsch. Sie ­setzen sich auf der Allee zwischen den Gräbern nieder. Jede der Frauen hält ein schwarzes Schild mit weißer Aufschrift vor sich, wie eine Grabtafel:

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Taïna, 20 Jahre, 3. Femizid
Michèle, 72 Jahre, 10. Femizid
Salomé, 21 Jahre, 100. Femizid

Es ist eine Aktion der Femen in Frankreich. Die 114 Aktivistinnen symbolisierten die 114 Todesopfer, genau die Zahl der Frauen, die in Frankreich seit Beginn dieses Jahres von ihren Männern bzw. Ex-Gefährten getötet wurden: erschlagen, erdrosselt, erschossen, erstochen, erstickt oder aus dem Fenster gestoßen. Dass man überhaupt weiß, wie viele es waren, ist einem Frauen-Kollektiv zu verdanken. Es führt genau Buch und wertet die Meldungen aus den vermischten Seiten der Regionalzeitungen aus. 114 Tote bis Anfang Oktober, das lässt vermuten, dass in diesem Jahr die Zahl der 121 ermordeten Frauen vom Vorjahr weit übertroffen wird. „Wir erleben ein regelrechtes Massaker“, sagt Sandrine Bouchait von der französischen „Vereinigung der Opferfamilien“, UNFF.

Frankreich hat die Problematik erkannt

Etwas ist in Bewegung geraten in Frankreich, ganz eindeutig. Denn die Zahl der Frauenmorde ist bei den Nachbarn nicht etwa höher als in Deutschland, nur: Das Thema wird nicht länger verschwiegen oder runtergespielt. Frauenmorde sind als gesellschaftspolitisches Problem erkannt worden.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte schon bei Amtsantritt versprochen, die Gleichberechtigung zur „großen nationalen Angelegenheit“ seiner Amtszeit zu machen. Das Thema Männergewalt in Beziehungen gehört dazu.

Welche Maßnahmen Frankreich getroffen hat – und wie es um den Kampf gegen die tödliche Beziehungs-Gewalt in Deutschland, der Schweiz und in Österreich steht - das ist in der November/Dezember-EMMA zu lesen.

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