In der aktuellen EMMA

Fiona Apple: wild und wütend

Musikerin Fiona Apple hat ein neues Album gemacht: über Befreiung und Traumata. Foto: Scott Dudelsen/Getty Images
Artikel teilen

Als sie einen Grammy für ihr erstes Album bekam, war Fiona Apple gerade 17 Jahre alt. In einem weißen Kleid trat sie auf die Bühne für ihre Dankesrede und verkündete: „This world is bullshit.“ Damals, 1997, galt das als wild, als frech, als Attitüde wütender junger Frauen, zu denen auch Alanis Morissette gezählt wurde. Heute hingegen würden ihr wohl weite Teile der Bevölkerung einfach zustimmen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Die New Yorkerin hatte früh erkannt, wie fürchterlich Menschen sein können. Daraus macht sie Texte, die manchmal beim Anhören wehtun, als würde man sich an den Sätzen schneiden. Gleichzeitig ist ihre Musik, auch auf ihrem neuen Album „Fetch the Bolt Cutters“ von einer betörenden Intensität und Anziehungskraft. Es ist ein Album voller Widersprüche: unmittelbar und kompliziert, düster und aufpeitschend, hart und weich.

Fiona hat ihre Fans warten lassen, mal wieder. Drei Jahre, sechs Jahre, sieben Jahre, acht Jahre: Das sind die Abstände ihrer bisherigen fünf Alben. Wie sehr sie jedesmal herbeigesehnt  werden, zeigen die Postsendungen, die ihre Plattenfirma erreichten, als sich herumgesprochen hatte, das vorvergangene Album „Extraordinary Machine“ werde ausgebremst. Da schickten wütende Fans Äpfel, Bilder von Äpfeln, künstliche Äpfel – alles, was mit Äpfeln zu tun hatte. Das Album erschien schließlich, natürlich. Und Fiona Apple scheint inzwischen bei ihrer Plattenfirma Narrenfreiheit zu haben.

In einer Reportage im New Yorker berichtete die Künstlerin, sie habe das Album eigentlich aus einer ungeordneten Zusammenarbeit mit den Musikern heraus entwickeln wollen. Was sie da erzählt, klingt ein wenig nach Urschreitherapie ohne Schreie, auf jeden Fall sehr nach Kalifornien, wo sie inzwischen lebt, und es führte am Ende nicht zum Ziel. Dafür musste sie sich eben doch wieder ans Klavier setzen. Aber sie nahm alles selbst auf, mit ihrer kleinen Band, in ihrem Haus in Venice Beach.

„Holt die Bolzenschneider!“ Das ist ein Zitat aus der Serie „The Fall“ mit Gillian Anderson als Kriminalkommissarin, die ebendies zu einem Kollegen sagt, weil sie ein Mädchen befreien will, das gefoltert wurde. „Fetch the Bolt Cutters“ ist also ein Album über Befreiung, über Traumata, über Einsamkeit. In den Songs „Newspaper“ und „Ladies“ beschreibt Apple, wie Frauen gegeneinander aufgehetzt werden.

Frauensolidarität ist eines ihrer großen Themen – zu den wenigen Dingen, die man in den letzten Jahren von ihr hörte, gehörte der 2017 als Chant für den Women’s March nach Washington geschriebene Song auf Trump: „We don’t want your tiny hands / Anywhere near our underpants.“ Ihr Lied „Heavy Balloon“ handelt von Depressionen („People like us, we play with a heavy balloon / We keep it up to keep the devil at bay / But it always falls way too soon“); „For Her“ beschäftigt sich mit einer nie angezeigten Vergewaltigung („Good Morning / You raped me in the same bed your daughter was born in“).

Fiona Apples wunderschöner tiefer Alt klingt dabei nicht melancholisch, sondern rau, ungestüm, eigenwillig. Nichts an ihrer Musik ist glattgebügelt oder poliert. In einem der Lieder verspricht sie sich und lässt das genau wie ihre anschließenden Flüche einfach drin. Am Ende eines anderen Stückes bellen Hunde im Tonstudio – ihr eigener und die des Models Cara Delevigne, die im Background singt. Fiona Apple scheint sich auf die Gesellschaft von Hunden umgestellt zu haben nach ein paar Beziehungen, deren Scheitern teilweise detailliert in der amerikanischen Presse verhandelt wurde.

Dass ihr Exfreund immer noch ihre schlechteren Eigenschaften zum Vorschein bringe, erzählte sie dem New Yorker. Und dass sie immer wieder in Dreiecksbeziehungen geriete, wie auch ihre Mutter die „andere Frau“ war und Fiona Apple das Kind dieser Zweitfamilie eines Broadway­Darstellers. Sie ist eben auch außerhalb ihrer Musik ein offenes Buch. Wenn dieser Mut zur Verletzlichkeit nach der Wut kommt, die sie mit 17 prägte, und wenn die Mehrheit ihr auch in dieser Haltung folgt – dann steht uns allen Großes bevor

Ausgabe bestellen
Anzeige
'
 
Zur Startseite