Frauen: Kampf um Menschenwürde

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Hamburger Landgericht, 14. Juli 1978. Eigentlich hatte Richter Engelschall den Prozess auf 11 Uhr festgesetzt - und dafür eine Viertelstunde Zeit eingeplant, dann stand der nächste Termin an. Unsere Anwältin schaffte es, dem Richter begreiflich zu machen, dass das wohl ein wenig knapp wäre. Neuer Termin: 14 Uhr. Doch die Fehleinschätzungen hielten an.

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Als es endlich soweit war, war nun der Raum zu klein. So klein, dass sich Presseleute und Zuschauer in der Sorge, nicht mehr reinzukommen, fast an den Kragen gegangen wären. Erneute Änderung des Programms: Umzug in den großen Plenarsaal des nebenan liegenden Oberlandesgerichtes. Gelinde Fassungslosigkeit bei Gerichtsdienern und Richtern: so etwas hatten sie noch nie erlebt.

Uns allerdings wunderte das alles nicht. Ungewöhnliche Inhalte produzieren nun mal ungewöhnliche Formen. Schließlich wird der Prozess, der hier verhandelt werden sollte, Geschichte machen - wie immer er ausgeht. Pressegeschichte und Frauengeschichte. Denn zum allerersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, ja wahrscheinlich zum allerersten Mal überhaupt, erheben Frauen Klage vor Gericht, um sich vor Titelbildern zu schützen, die sie auf eine demütigende und erniedrigende Art und Weise darstellen.

Richter Engelschall eröffnete die Verhandlung jovial. Auch die Stern-Partei schien zum Scherzen aufgelegt. Anwalt Senfft kündigte gleich zu Beginn an, er sei "nur aus Respekt vor dem hohen Gericht gekommen", ansonsten aber nehme er die ganze Sache nicht ernst, da das Problem nichts fürs Gericht, sondern eher etwas für den privaten Debattiertisch sei. Im selben Ton ließ Nannen verlauten, er sei erstaunt, dass man sich hier vor Gericht wiedertreffe, Frau Schwarzer hätte das Ganze doch auch "viel einfacher haben", und ihn "einfach mal anrufen" können, wenn diese Titelbilder sie wirklich so störten ...

Nun, die Herren sind sicherlich weniger naiv, als sie vor Gericht tun. Weniger für den Stern und mehr für die Richter legte Gisela Wild, unsere Anwältin, noch einmal ausführlich dar, warum unsere Klage weder Privatsache, noch Teil der Pressefreiheit, sondern etwas ist, was alle Frauen angeht.

Halbzeit. Sichtbar nachdenklicher war Richter Engelschall geworden, und auch seine gönnerhaften Bemerkungen (Stil: "Das haben Sie aber schön formuliert" - Engelschall zu Wild) wurden rarer.

Alice sprach für die Klägerinnen, als sie erläuterte, warum es hier um sehr viel mehr geht, als nur um die Vermarktung von Frauen als Sexualobjekt. Zum Schluss las sie zwei Passagen aus der Antwort des Stern vor, die wir ganz besonders entlarvend finden. Denn da steht unter anderem wörtlich in dieser von Anwalt Senfft für das Gericht aufgesetzten Antwort auf unsere Klage:

"Allein der Blick auf die Thematik und den Anzeigenteil der Zeitschrift EMMA, um die sich die Klägerinnen gruppieren, wird das Gericht überzeugen, dass wir es hier mit einer ganz bestimmten Gruppe von Frauen zu tun haben, die in ihrem Verhältnis zum Mann anders reagieren als die überwältigende Mehrzahl der übrigen Frauen. Da es zu den journalistischen Grundsätzen der Beklagten gehört, das Recht der Minderheiten zu wahren, darf dieser Hinweis in keiner Weise diffamierend verstanden werden - er dient ausschließlich der not- wendigen Abgrenzung der Klägerin von der Gesamtheit aller Frauen, für die zu sprechen sie vorgeben."

Hört, hört. Hier noch eine Kostprobe, weil man besser gar nicht zeigen kann, wes Geistes Kind diese Herren, die da so beleidigt tun, in Wahrheit sind: Da steht als letzter Satz: "Mehr als ein Publizitätsrummel wird diese Klage den Klägerinnen und EMMA also nicht bringen - aber wenn dieser Rummel die Auflage von EMMA fördert, so soll es den Beklagten und all den Frauen recht sein, die nicht beleidigt sind, wenn es Männer sind, die sie begehren." (Am besten zweimal lesen!)

Unsere Argumente und die Stern-Methoden schienen Richter Engelschall und seine beiden Beisitzer doch nachdenklicher zu machen. Überraschend verschoben sie die Verkündung des Urteils auf Mittwoch, den 26. Juli. Zehn Tage noch zum Nachdenken - ganz so lapidar scheint auch in Richteraugen das Urteil nicht mehr möglich zu sein. Viel- leicht ein gutes Zeichen ...

Wenn das Urteil fällt, ist diese EMMA-Ausgabe schon gedruckt, wir werden also erst im Septemberheft ausführlich dazu Stellung nehmen können. Doch wie auch immer es ausfallen wird, eines ist sicher: Es ist kein Schlusspunkt, sondern der Anfang des Kampfes von Frauen um ihr Recht, auch diese Demütigungen nicht länger hinnehmen zu müssen. Und das ist die Geschichte der Aktion:

Angefangen hat alles am Freitag, dem 16. Juni, mitten im Redaktionsschluss fürs Juli-Heft. Tags zuvor war der Stern mit dem St.-Pauli-Titel erschienen und hatte in unserer Redaktions-Küche das übliche Gemecker ausgelöst: "Habt ihr schon den Stern gesehen ... ? Sieht ja mal wieder gemein aus ... Müsste man endlich was unternehmen ... Kann man wohl sagen ..." Bis zum nächsten Tag schleppte sich noch das Gemurre, dann stand es fest: Wir tun was! Wir verklagen den Stern!

Im Sommer 77 hatten wir uns schon einmal spontan entschlossen, ein Warnsignal abzugeben gegen die Titel-Pornos unserer Medienbrüder. Damals reichten wir beim Presserat Beschwerde gegen den Spiegel ein. Anlass: ein kleines, halbnacktes, als Vamp herausgeputztes Mädchen auf dem Cover. Angenehme Überraschung: Der Presserat folgte unserer Argumentation und rügte tatsächlich den Spiegel - dabei spielte es damals allerdings ganz sicherlich eine Rolle, dass da nicht nur Frauen, sondern auch Kinder betroffen waren (ein ganz besonderes Tabu).

Der Deutsche Presserat ist die Standesorganisation aller Pressepublikationen. Eine von ihm erteilte Rüge hat keine realen Konsequenzen, sondern ist nur eine Frage der "Ehre". Der Spiegel hat sich damals über die Rüge immerhin so gemopst, dass er sich sogar die Blöße gab, gegen die Grundregeln des Presse-Ehrenkodexes zu verstoßen (Punkt 16: "Es entspricht fairer Berichterstattung, vom Deutschen Presserat öffentlich ausgesprochene Rügen abzudrucken, insbesondere in den betroffenen Publikationsorganen"). Der Spiegel verlor nie ein Wort über seine eigene Niederlage - da sei Augstein vor ...

Aufgrund dieser Erfahrungen beschlossen wir, es diesmal nicht bei einer Presserats-Beschwerde zu belassen, sondern weiterzugehen. In einigen raschen Telefonanrufen klärten wir die juristische Basis einer solchen Klage. Es erwies sich als gar nicht so einfach. Denn so geläufig der Begriff "Männerehre" in deutschen Gerichtssälen ist (die Verletzung dieser "Männerehre" entschuldigt in deutschen Richteraugen fast alles - bis hin zum Totschlag oder Mord), so unbekannt ist in denselben Gerichtssälen der Begriff "Frauenehre".

Frauen haben keine Ehre (nur bestenfalls eine "Unschuld"), haben darum auch keine Ehre zu verlieren und auch keine einzuklagen. Vom Unrecht betroffen sein, ist eine Sache, für dieses Unrecht aber auch einen Paragraphen und dann noch offene Richterohren finden - das ist eine andere. Dennoch: Die Juristen sahen einen Weg.

Es konnte losgehen. Wir veröffentlichten noch in der Juli-Nummer einen ersten Appell, in dem wir aufforderten, zu handeln und die Klage gegen Stern und Kompagnon zu unterstützen - denn das war von Anfang an klar: Dass es hier nicht nur um den Stern ging, sondern um einen exemplarischen Prozess, ein Tribunal für die gesamte Männerpresse, die die Haut der Frauen zum Markte trägt. Beim Stern scheint uns das, wie beim Spiegel, besonders gravierend, weil er grundsätzlich den Anspruch hat, für die Rechte und die Freiheit aller einzutreten, gleichzeitig aber die Menschenwürde aller Frauen mit Füßen tritt.

Die Juristen machten uns klar, dass so eine Klage eine sehr teure Sache werden kann. Es schien uns realistisch, darauf gefasst zu sein, dass wir verlieren (gleichzeitig hatten wir natürlich die Hoffnung zu gewinnen). Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, in der Männern kaum bewusst ist, wie ungeheuerlich sie mit Frauen umgehen, und schließlich sind auch Richter nur Männer ... Wir verpflichteten uns darum als erstes allen Klägerinnen gegenüber, dass durch ihre mutige Teilnahme an der Klage nicht automatisch die Kosten auf sie zukommen würden, sondern dass EMMA das Geld aufbringt (wir sind dabei auf Spenden angewiesen).

Letzte Juni-Woche. Die Arbeit geht erst richtig los. Wir versuchen, als Klägerinnen fünf unbekannte und fünf bekannte Frauen zu gewinnen (damit die Medien stärker über die Aktion berichten). Dazu schreiben wir etwa 100 Briefe: an Politikerinnen, Schauspielerinnen, Frauen des öffentlichen Lebens; an solche, die wir kennen, und solche, von denen wir nicht wissen, wie sie reagieren würden. Sehr selbstverständlich ist es für Margarete Mitscherlich, mitzumachen. Ebenso spontan sagt Erika Pluhar in Wien "Ja". ("Darüber ärgere ich mich schon lange!").

Inge Meysel erwischen wir erst lange nicht, weil sie in Zürich dreht, und als wir sie dann endlich an der Strippe haben, stellt sie nur noch ein paar kurze, sehr präzise Fragen ("Warum ausgerechnet der Stern?" und "Wie sieht es juristisch aus?"), und dann ist alles klar. Das gleiche bei der Münchener Regisseurin Margarete von Trotta, deren Filme (vor allem auch der letzte: "Das zweite Erwachen der Christa Klages") deutlich machen, wie wichtig für sie die Sache der Frauen ist.

Ganz anders die Politikerinnen. Von den angeschriebenen FDP-Frauen hält es keine auch nur für nötig, zu antworten - das heißt, Frau Funcke schreibt uns vier Wochen später, wir hätten die Klage nun wohl schon eingereicht, und sie wünsche uns Glück. Und die SPD-Frauen? Auf Bundesebene sieht es ganz desolat aus. Eine, zwei helfen mit telefonischen Ratschlägen, keine aus dem Bundeshaus aber ist bereit, ihren Namen zu geben.

Die meisten reagieren gar nicht oder aber mit lauen formal juristischen Ausreden: Die Klage sei so nicht stichhaltig, und wir würden den Prozess ganz bestimmt verlieren. Auf die Idee, dass ein Prozess, der formaljuristisch vielleicht auf schwachen Beinen steht (bezeichnenderweise!) dennoch ein politischer Prozess sein könnte, auf diese Idee kommen diese Politikerinnen offensichtlich gar nicht mehr ...

"Hintenrum", aus der Bonner Gerüchteküche, erfahren wir dann auch sehr schnell den wahren Grund für das Zögern unserer SPD-Schwestern: Egon Bahr habe, so heißt es, "die Käseglocke über seine Damen gestellt". Parole: Bei der Aktion wird nicht mitgemacht - das können wir uns nicht erlauben, schließlich ist der Stern eines der wenigen SPD-freundlichen Blätter. Halleluja. Im gewohnten Kielwasser des Opportunismus geht Parteiräson über alles - und schon erst recht über die Sache der Frauen.

Einmal die Klägerinnen beisammen, nehmen die Dinge ihren Lauf. Am Donnerstag, dem 22. Juni, formulieren wir am Kolpingplatz bis in den späten Abend hinein zusammen mit der Anwältin, Gisela Wild (Expertin für Presserechtsfragen) die Klageschrift. Mit Mühe erwischt die Juristin noch ihr letztes Flugzeug nach Hamburg - zu Hause warten schon die Kinder.

Freitag, den 23. Juni, 14 Uhr, reicht unsere Anwältin beim Landgericht Hamburg, Kammer 24, die Klage ein. In der gleichen Stunde überreicht die EMMA-Redaktion allen wichtigen deutschen und ausländischen Presseagenturen in Bonn einen zweieinhalbseitigen, ausführlichen Informationstext ("Erste Sexismusklage in der BRD - Frauen verklagen den Stern!"). Resultat: Gleich am nächsten Tag greift sich die Boulevard- presse vor allem Inge Meysel raus (Bild: "Nackte Mädchen: Inge Meysel verklagt Stern").

Die sich für seriöser haltenden Medien wenden sich lieber an die Psychoanalytikerin  Margarete Mitscherlich. Besonders dem Fernsehen scheint's aus wissenschaftlichem Munde erträglicher zu sein: Bereits am Sonntag umwirbt die Tagesschau Margarete Mitscherlich, und Report interviewt sie - zusammen mit Inge Meysel und Margarete von Trotta - für Dienstag.

Wir EMMA-Frauen schauen uns die Sendung in der Redaktion an: Erst Fußball (lange nicht gesehen), dann zwanzig Minuten lang die Probleme der Ostseefischer, dann eine hastige Reportage über Obdachlose und schließlich - wie üblich bei Frauenthemen am Schluss - die Stern-Klage.

Die Anmerkung zweier der interviewten Klägerinnen, sie seien erstaunt, dass Report nicht EMMA, bzw. Alice Schwarzer, die doch die eigentliche Initiatorin der Aktion sei, befragt habe, kommentiert ein moralinsauer dreinschauender Sprecher gleich nach dem Beitrag mit der dumpfen Andeutung: Diese "gestandenen Frauen" sollten sich hüten, dass sie nicht "von einer Abhängigkeit in die andere" gerieten ...

Sekunden danach gehen in der Redaktion die Telefone. Stocksauer sind die Frauen über das, was "dieses Männlein da von sich gegeben hat" (Annegrit Göbbels aus Köln). "Für wie dumm halten die uns eigentlich?" fragte sich Gisela Hafer aus Duisburg. Überhaupt stehen seit Montag die Telefone nicht mehr still: seit EMMA mit der Ankündigung der Stern-Klage am Kiosk hängt. Die Kommentare: "Endlich." "War ja auch Zeit." "Wir machen mit."

Sehr viele Leserinnen denken auch gleich ans Geld und machen sich Sorgen um die Kosten. Zu Recht. Etliche schlagen vor, ein Spendenkonto einzurichten (ist geschehen), manche schicken gleich fraglos Geld. So Bärbel Katner aus Grenzach, 30, Kosmetikerin und Mutter von zwei Kindern. Sie schreibt: "Ihre Zeitung habe ich mir gestern zum ersten Mal gekauft, und ich finde sie gut. Da ist mal eine Frauenzeitung, die sich um die Probleme der Frauen kümmert, und nicht über Mode und wie die Frau aussehen soll, wenn der Mann von der Arbeit kommt, schreibt."

Berge von Post treffen ein. Viele sammeln gleich ganze Unterschriftslisten. Inzwischen verlauten auch die ersten Kommentare aus dem Hause Gruner & Jahr. Nannen zu einer Journalistin vom Mannheimer Morgen: "Das Ganze ist nur eine Werbekampagne von EMMA, die hat Auflageschwierigkeiten." Und: "Frauenhintern lassen sich nun mal besser verkaufen." Und, bei allen Interviews, die Stern-Popos seien doch so schön "knackig".

Montag, 3. Juli. Der Spiegel erscheint mit dem Titel "Die Frauen schlagen zurück" und bildet dazu eine nackte, zurückwankende Frau ab. Der Text im Heft ist entsprechend. Noch schöner aber ist der Augstein-Kommentar zu unserer Stern-Klage ("Meinungs- und Geschmacksdiktatur", "Klageweiber", "Mangel an Selbstwertgefühl"). Uns laufen in der EMMA-Redaktionsküche die Lachtränen. Wie kann ein so kluger Mann sich so dumm entlarven ...

Vier Tage später Grund zu neuen Lachtränen. Der Stern titelt mit einem neckischen kleinen Mädchen (mit obligatorisch "knackigem" Popo), das in einer Spruchblase verkündet: "Ich muss jetzt bald ein Höschen tragen, damit die Tanten nicht mehr klagen." Stern-Humor... Im Heft lässt Sir Henri seinen Gefühlen freien Lauf ("freudlose Grauröcke", "emanzipierte Klageweiber", "Zwangsfixierung aufs Objektsein" etc. etc.).

Wer es bis dahin noch nicht begriffen hatte, weiß nun Bescheid: Die schweren Geschütze, die die Jungs auffahren (so gut sie halt können), zeigen, dass wir einen entscheidenden Punkt getroffen haben: nämlich das männliche Recht auf Erniedrigen von Frauen. Jetzt kommen noch mehr Protestbriefe. Nebst Durchschlägen von Schreiben an Nannen und Augstein - frau darf gespannt sein, was sich davon auf den Leserseiten in Stern und Spiegel niederschlagen wird ...

Einige Tage zuvor hat Alice 45 Minuten lang live mit Nannen im Südwestfunk debattiert: "Meinung gegen Meinung." Redakteur Herrmann, der die Sendung zustande gebracht hatte, gerät dabei nicht schlecht ins Schwitzen. Denn zunächst will Nannen nur zusammen mit Augstein in die Höhle der Löwin. Dann heißt es, Augstein sei in Amerika, und nun wünsche Nannen sich die Münchener Verlegerin Anneliese Friedmann und einstige "Stern-Sybille" an seine Seite (Frau Friedmann zum Kölner Express: "Wer noch ein wenig Freude am Leben hat, sieht gerne einen nackt fotografierten Popo").

Das Doppel mit Augstein hätte Alice nichts ausgemacht, aber Nannens durchsichtiger Trick, eine Frau vorzuschicken, fand sie weniger fein. Also saßen die beiden sich schließlich allein gegenüber: Alice im Kölner WDR-Studio 24 und Nannen im Hamburger NDR. Von seiner Seite nichts Neues. Zum "knackigen Popo" der Cover-Girls gesellte sich lediglich Nannens Sorge um Alices "Verfolgungswahn".

In der Redaktion wird die Arbeit nicht weniger. Jetzt stellen wir eine Dokumentation über die Aktion für die 30 bis 40 größten Frauenzentren zusammen. Aus Bonn verlautet, die Zentrumsfrauen da hätten "so einiges" vor.

Langsam rühren sich auch die Frauen in Organisationen und Parteien.

Der Landesverband katholischer Landfrauen Bayern veröffentlicht, dass er zwar mit den Klägerinnen nicht in allen Punkten einer Meinung sei, dass aber auch er energisch gegen diese Titelbilder protestiere, die auch in seinen Augen "gegen die Würde der Frau" verstoßen. Und am 2. Juni informiert der Landesvorstand Saar der ASF (Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen) die Saarbrücker Zeitung, dass auch er sich ausschließlich der Beschwerde beim Presserat anschließe.

Zwei kleine Lichtblicke: Ursula Pausch-Gruber, die stellvertretende Bundesvorsitzende der ASF ruft an: "Ich mache mit bei der Klage". Zu spät. Die einzige aus den SPD-Reihen, die sich gleich vorgewagt hat, ist Mitklägerin Dorothee Vorbeck, Landtagsabgeordnete in Hessen und seit Jahren bekannt für ihr leidenschaftliches Engagement für Frauen. So bekannt, dass die Genossen sie jetzt absägten: Sie schoben Dorothee, die seit acht Jahren anerkannt tüchtige Abgeordnete ist, für die bevorstehenden Wahlen auf einen hoffnungslosen Listenplatz (EMMA berichtete darüber). Dorothee hat also von den eigenen Genossen nichts mehr zu befürchten und nichts mehr zu verlieren ...

Eine Woche vor dem Prozess erfahren wir durch unsere Anwältin, dass der Hausjustitiar von Gruner & Jahr, ein Herr Hagen, sich die Mühe gemacht hat, bei Richter Ficus vom Hamburger Landgericht anzurufen und ihm anzukündigen, die Klägerinnen hätten "Damen mit Wurfgeschossen" mobilisiert, und es wäre sicherlich gut, für "Polizeischutz im Saal" zu sorgen.

Auf die Frage von EMMA, ob er das nicht für ganz üble Verleumdung und den Versuch der Beeinflussung des Gerichtes halte, antwortete der Justitiar unschuldig: "Ich dachte, das könnte das Gericht interessieren ..." Nun, wer keine Argumente hat, vergreift sich offensichtlich leichter in den Mitteln.

In diesen letzten Tagen vor dem Prozess wird die Berichterstattung in den Medien seriöser, das heißt, inhaltlicher. Am Feitag, dem 7. Juli, meldet die Frankfurter Rundschau erstmals, dass auch der Deutsche Frauenrat - der Dachverband der etablierten Frauenverbände von den Parteifrauen über den Hausfrauen- verband bis hin zum Juristinnenbund - sich der Beschwerde beim Presserat angeschlossen hat. Dieser Deutsche Frauenrat hat 10 Millionen Mitglieder!

Tatsächlich liegt diese Information der Presse seit dem ersten Tag der Aktion vor, denn Irmgard von Meibom, zweite Vorsitzende des Frauenrates, hatte schon am 20. Juni an den Deutschen Presserat geschrieben, dass der Frauenrat sich dem EMMA-Protest anschließe, da auch er der Ansicht sei, "dass das bezeichnete Titelbild in hohem Maße geeignet ist, in der Öffentlichkeit die Würde der Frauen herabzusetzen. Dabei handelt es sich nicht um eine einmalige Entgleisung, sondern um eine Tendenz, die in einer Reihe von Titelbildern zum Ausdruck gekommen ist. Der Stern trägt durch die Herausstellung falscher Leitbilder dazu bei, in der Öffentlichkeit das Bild der Frauen zu verzerren".

Soweit der Frauenrat. Sein öffentliches Zusammengehen mit Feministinnen ist fast ein Politikum und recht hoffnungsvoll: Vielleicht gibt es in Zukunft öfter Gelegenheiten für Frauen aus verschiedenen Lagern, dennoch gemeinsam für die Sache der Frauen einzutreten?

Sie sehen, Herr Nannen, wir sind nicht zehn, wir sind zehn Millionen. Finden Sie die Sache jetzt immer noch so komisch?

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Alice Schwarzer schreibt

1978: Die 1. Sexismus-Klage!

Alice Schwarzer, Inge Meysel und Henri Nannen am 14. Juli 1978 im überfüllten Verhandlungssaal.
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Vom ersten „Es reicht!“ am 14. Juni 1978 in der Küche der EMMA-Redaktion bis zur Urteilsverkündigung am 26. Juli, bei der Richter Engelschall bedauerte, die „Beklagten“ aufgrund der bisher – und immer noch! – fehlenden Rechtsgrundlage nicht verurteilen zu können, vergingen 42 Tage. Tage, in denen nicht nur Frauen und Männer, Juristinnen und Juristen, sondern auch Journalistinnen und Journalisten heiß diskutierten. Der „Stern-Prozess“ hat, sieben Jahre nach dem Selbstbekenntnis von 374 Frauen „Ich habe abgetrieben“ in eben diesem Stern, die Nation erschüttert.

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Waren die Covergirls vom Stern wirklich ein Verstoß gegen die Menschenwürde von Frauen und erniedrigten diese Darstellungen Einzelner ein ganzes Geschlecht? Das war die Argumentation, mit der EMMA-Anwältin Gisela Wild vor dem Hamburger Landgericht Klage einreichte.

Klage gegen die Halbnackte von hinten, der sich der Fahrradsattel zwischen die Pobacken schob. Klage gegen die Nackte von hinten, die in knappen schwarzen Dessous auf einem sitzenden Mann „ritt“, der sein Gesicht zwischen ihren Brüsten vergraben hatte. Klage gegen die nackte Grace Jones von der Seite, deren Fußgelenke in schweren Ketten lagen (ein Foto von Helmut Newton - da hätten wir gleich auch noch Klage wg. Rassismus einlegen können).

Und das alles nicht etwa auf irgendeinem Pornoblatt von der Reeperbahn, sondern auf dem Titel des Stern. Der war in den 1970er Jahren noch ein ungleich bedeutenderes linksliberales Blatt mit höherem Anspruch als heute.

Meine Klage zusammen mit neun weiteren Frauen – darunter Inge Meysel, Erika Pluhar und Margarethe von Trotta – wurde angenommen und der Prozess für den 14. Juli anberaumt. Bis er losgehen konnte, vergingen einige Stunden, denn das Gericht musste innerhalb des Gebäudes mehrfach umziehen. Letztendlich war auch der große Plenarsaal des Hamburger Oberlandesgerichtes zu klein. Die Medien drängten und stapelten sich, und die deutschen JournalistInnen mussten sich den knappen Platz mit den internationalen Medien teilen. „So groß war damals das öffentliche Interesse“, schrieb der damalige Feuilleton-Chef des Spiegel, Hellmuth Karasek, in seinem Kommentar. Der allerdings erschien nie in seinem eigenen Blatt – Spiegel-Chef Augstein kegelte ihn persönlich raus (und EMMA veröffentlichte ihn schließlich).

 

Die großen Medien-Mogule waren hart drauf, ganz hart. Der kritisierte Stern-Chef Henri Nannen höhnte über die frustrierten „Grauröcke“. Und Augstein beklagte die „Meinungs- und Geschmacksdiktatur“ der Frauen, die „aus blinder Wut die demokratische Rechtsordnung zerstören“ wollten.

Doch sein eigener Feuilleton-Chef, und nicht nur der, sah das zunehmend ganz anders. „Klar war, dass Frauen hier ein Signal setzen wollen“, schrieb er. Ein Signal gegen „die neuen Knebel“ und „neuen Fesseln“ des angeblichen Fortschritts (Wir sind so frei. - Heute würde frau sagen: Ich tue das freiwillig.) Karasek: Doch am Ende „bliebe von Henri Nannens hochfahrendem Vorwurf von den ‚freudlosen Grauröcken‘ (…) kaum etwas übrig.“

In der Tat, aus dem vermeintlichen „Sommergag“ war im Laufe des Prozesses, bei dem ich zusammen mit der Anwältin vor Gericht vortrug, eine ernste Sache geworden. „Die Klage hat uns nachdenklich gemacht“, sprach Stern-Chef Nannen bei Prozessende in das Mikro der Agence Press. Dass das in seinem Fall nicht stimmte, bewies er in den folgenden Monaten mit einer mit allen, einfach allen Mitteln betriebenen juristischen – und damit ökonomischen – Verfolgung von EMMA. Aber immerhin: Er hatte verstanden, dass er so tun musste.

Selbst einschlägig feminismusferne Blätter wie die Süddeutsche Zeitung wechselten in diesen Wochen auf die Seite der Sexismus-Klägerinnen. „Die leisen Ansätze von Verständnis für Frauen lassen hoffen, dass die Verkrüppelung einer auf rigoroser Trennung und Ausbeutung der Geschlechter basierenden Gesellschaft nicht wieder hingenommen werden müssen“, räsonierte die SZ. Und die Frankfurter Rundschau kommentierte: Das Urteil sei eine Ohrfeige für all diejenigen, die die Klägerin (EMMA) „in eine dubiose Ecke geschoben und diffamiert hatten“.

 

Ja, liebe KollegInnen: Da gab es ihn noch, den Dialog. Und nicht nur das Gegenhalten oder Schweigen.

Selbst Richter Engelschall sprach bei der Urteilsverkündigung seine „Hochachtung vor dem Mut und dem Engagement der Klägerinnen“ aus und die Hoffnung, dass es in 20, 30 Jahren ein Gesetz gebe, auf Grund dessen der Sexismus à la Stern (und Kompagnon) auch juristisch zur Verantwortung gezogen werden könne.

Das Gesetz gibt es bis heute nicht. Und als vor zwei Jahren Heiko Maas, damals noch Justizminister, einen zaghaften Vorstoß machte, wenigstens gegen die sexistischen Auswüchse in der Werbung endlich auch gesetzlich vorgehen zu können - da schlug ihm ein Sturm der Entrüstung entgegen: Zensur! Meinungsdiktatur! Prüderie! Der Minister verstummte rasch.

Waren wir denn vor 40 Jahren schon mal weiter? Ja. Heute können Frauen zwar Kanzlerin oder Soldatin sein, aber unsere Haut wird schamloser denn je zu Markte getragen. Und manche Frauen sind nicht nur selber so frei, nein, sie tun es sogar „freiwillig“.

Damals hatten wir Feministinnen es geschafft, vielen Männern die Augen zu öffnen. Und wir konnten uns einig glauben mit der Mehrheit der Frauen. So hatte sich 1978 der Klage der zehn Frauen unter anderem auch der Deutsche Frauenrat angeschlossen mit seinen zehn Millionen Mitgliedern.

 

1978 gab es eben noch keine „jungen Feministinnen“, die Pornografie „geil“ finden. Wir waren selber jung und ziemlich entschlossen. Und den meisten Männern imponierte das. Denen war eh klar, dass wir recht hatten. Denn wer es selbstverständlich findet, Frauen als Objekte darzustellen, der findet es auch selbstverständlich, dass Frauen zur Verfügung zu stehen haben und als Menschen zweiter Klasse auch nur zweiter Klasse verdienen dürfen.

Inzwischen ist es komplizierter geworden. Das so überraschend attackierte starke Geschlecht hat sich wieder gefangen und weiß mit der Kritik umzugehen. Selbst bis MeToo öffentlich wurde, musste schließlich so einiges zusammenkommen. Und die Medien finden inzwischen allemal Frauen, die im Namen eines vorgeblich „jungen Feminismus“ alles gaaanz anders sehen: Frauen, die Pornografie und Prostitution „geil“ finden und jegliche Kritik daran „von gestern“. Solche Frauen würden es nicht fünf Minuten lang aushalten, für ihr Engagement öffentlich als „frustrierte Grauröcke“ beschimpft zu werden.

Müssen wir also wieder von vorne anfangen? Vielleicht. Und dann besser gleich gemeinsam mit denjenigen unter den Männern, die längst verstanden haben.

Alice Schwarzer

Interview mit Alice Schwarzer zur Stern-Klage in der "Aktuellen Stunde" im WDR: Hier ansehen

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