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Gardi Hutter: Von Beruf komisch

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Die Frau ist wohl einfach zu groß für das kleine Land. Doch dass sie zu klein sei, um Erfolg zu haben, das sagte man ihr schon als junge Schauspielerin. Inzwischen stellt sie alles in den Schatten, was in der Schweiz je den Anspruch erhob, als komische Figur auf die Bühne zu treten. Gardi Hutters weibliches Alter Ego ist subversiv hässlich, rotnasig und raumgreifend fett: Sie ist die Urmutter aller erfolglosen Weibchen-Ideale.

Vor über 30 Jahren hat die Schweizer Schauspielerin und Autorin die Figur der Wäscherin „Hanna“ erfunden. Selbstzweifeln zum Trotz und entgegen den Erwartungen ihrer bäuerlich-katholischen Familie. Doch es war eine lange und zähe Geburt, bis sie als listige Frauenfigur den Absprung aus dem Perfektionskarussell wagte.

Zunächst stand die Frage im Raum: Was soll in den Siebziger Jahren aus einer angehenden Darstellerin werden, der die Model-Maße fehlen? „Fräulein Hutter, Sie haben zwar Talent, doch mit Ihrer Größe werden Sie nie eine Hauptrolle spielen!“, erklärte man ihr an der Schauspielschule in Zürich kategorisch. Also geht sie – als „Hanna“ – putzen, waschen, eine Frauenkarriere eben. Gardi Hutter wäscht seitdem das Klischee weich, was eine Frau im Scheinwerferlicht zu tun und was sie zu lassen habe. Von ihrer „Hanna“ kann man lernen: Frau soll als erstes einen eigenen Raum besetzen – und dort ihre eigene Sprache erfinden. „Brabbel“ heißt der Hutter’sche Bühnenslang, kommt ohne Worte aus und ist überall verständlich.

So sieht sie ohne Knollennase aus: Gardi Hutter. Foto: XXX
So sieht sie ohne Knollennase aus: Gardi Hutter. Foto: Christian Lanz

Gardi Hutter ist im März 68 Jahre alt geworden und tourt weiter mit „Hanna“ und ihren Schwesternfiguren auf allen Kontinenten. Sie inszeniert sich als Jeanne d’Arc oder Jeanne d’ARPpo, als tapfere Hanna der Bühne und erzählt ihrem Publikum existentialistische Märchen vom Frausein – und vom Sterben. Seit sie im Februar 1991 bei der Frauensession im Parlament in Bern einen Putzwagen voller Besen in den Saal karrte und die gut gekleideten Politikerinnen aufforderte, hier endlich aufzuräumen, kommt an der Größe von Gardi National niemand mehr vorbei.

In „Gaia Gaudi“, dem aktuellen Bühnenprogramm, das sie mit ihren beiden KünstlerInnenkindern erarbeitet hat – „Das war auch eine familientherapeutische
Sache“ –, ist sie sich so nah wie in keinem anderen Programm. Aus der Clownerin (den Begriff hat sie erfunden und damit auch die Sparte), der alleinerziehenden Mutter, der Unternehmerin und Selfmadewoman ist eine Feministin und Philosophin geworden. Nachzulesen ist ihr Werdegang in ihrer Biografie „Trotz allem“, die sie sich zu ihrem 40. Bühnenjubiläum geschenkt hat. Natürlich war sie zu klug, um sie selbst zu schreiben. Die Historikerin Denise Schmid hat recherchiert, geht privaten Wunden und gesellschaftlichen Widersprüchen nach und sucht nach den Spuren dieser trotzigen Rebellin.

Schmid stößt auf Hutters Wurzeln als katholische Internatsschülerin, Nonnen sollten ihr auf den richtigen Weg helfen; sie erzählt von einer streitlustigen Linksaktivistin, Drogenerfahrungen inklusive; von dem Hippiemädchen – und irgendwann dann doch: von der erfolgreichen Künstlerin. Als Gardi Hutter 1991 – ein Jahr vor Bruno Ganz – den Hans-Reinhart-Ring erhält, die höchste Theaterauszeichnung der Schweiz, ist sie die erste Bühnenkünstlerin, die nicht aus einem klassischen Fach kommt.

Schonungslos offen sind auch die Schilderungen aus Hutters Kindheit und den Ehejahren mit einem Regisseur, dem Vater ihrer zwei Kinder, der sich auf dem Höhepunkt ihrer öffentlichen Anerkennung von ihr trennte.

Dass sie privat mit Blick auf ihre Karriere die große Zweifelnde blieb, ist das traurige Stück Wahrheit in einem Leben, das Menschen so heiter und fabelhaft klug unterhält. Dem Zauber ihres Trotzes jedenfalls dürfen wir nun in der Biografie wie auf der Bühne erliegen.

DANIELE MUSCiONICO

Weiterlesen: Denise Schmid: „Trotz allem. Gardi Hutter“ (Hier und Jetzt),
Termine: gardihutter.com

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