Geflüchtete Frauen: Zum Heulen!

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Mandana, in deiner Frauenärztinnen-Praxis gibt es Veränderungen.
Ja, seit Ende 2015 kommen vermehrt geflüchtete Frauen zu mir, hauptsächlich Afghaninnen. Am Anfang waren es sogar richtig viele, das hat sich eingependelt. Es gab 2015 eine Anfrage der kassenärztlichen Vereinigung, wer bei der Versorgung von Flüchtlingen mitmachen will. Und da habe ich mich als Perserin sofort gemeldet, ich spreche ja Persisch. Am Anfang war ich auch noch sehr euphorisch! Wir müssen alle helfen, dachte ich.

Und jetzt?
Es müssen auch in Integrationskursen oder in den Sprachkursen und bei der Polizei mehr Frauen sitzen wie ich. Frauen, die verstehen, was die Geflüchteten erlebt haben – und die ihnen eine echte Alternative vorleben können. Denn diese Strukturen, die es damals schon im Iran gab, die gibt es ja jetzt überall: in Afghanistan, Pakistan, Tunesien und Ägypten. Auch hier in Deutschland kommen die Frauen aus den Communities nicht raus. Früher kamen die Frauen aus Afghanistan auch fast immer in Begleitung ihrer Männer in meine Praxis. Mittlerweile kommen sie allerdings auch alleine. „Ihr braucht eure Männer nicht“, sage ich ihnen immer. „Ich mache alles für euch, was ihr braucht!“ Und dann lachen die Frauen. Ihr Kleidungsstil hat sich auch verändert: Viele tragen das Kopftuch jetzt nicht mehr so streng, eher wie so eine Art Mütze.

Und die Männer?
Ich bin über das Verhalten der Männer manchmal schon überrascht. Einmal ist eine Patientin ohnmächtig ­geworden und fast vom Stuhl gefallen. Und der Mann hat das Ganze gesehen – und hat sich nicht gerührt und nur auf sein Handy geguckt. Da habe ich ihn gefragt: Stört dich das nicht, dass deine Frau stirbt? Ich habe also extra ein bisschen geblufft. Und er sagt: Sie sind doch die Ärztin! Ein paar Mal habe ich die Männer auch einfach vor die Tür geschickt. Es ist ja auch komisch für die deutschen Patientinnen, wenn da plötzlich viele Männer rumsitzen und sie anstarren, weil sie kein Kopftuch tragen.

In Afghanistan ist die gesundheitliche Versorgung von Frauen katastrophal. Wissen die Frauen überhaupt, was sie bei einer Gynäkologin erwartet?
Ja, in vielen Regionen gibt es kaum Frauenärzte. Deswegen gehen viele Frauen selten zum Frauenarzt. Sie werden häufig erstmals während der Entbindung gynäkologisch untersucht oder es kommt eine Hebamme nach Hause. Für diese Frauen ist das dann alles ganz neu, besonders, dass sie untenrum untersucht werden. Wenn sie sich ausgezogen haben, schämen sie  sich oft sehr. Einmal habe ich gewartet und gewartet, bis die Frau aus der Umkleide kam. Und dann hatte sie immer noch ihre Hose an. Da braucht man sehr viel Fingerspitzengefühl, um den Frauen zu erklären, dass die Untersuchung schon okay ist.

Warum gehen Afghaninnen denn dann hier zur Frauenärztin?
Um ehrlich zu sein, es hat sich unter einigen rumgesprochen: Wenn ihr Kinder bekommt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr abgeschoben werdet, kleiner. Und deswegen wollen manche Frauen in Deutschland schnell schwanger werden – auch wenn sie schon drei Kinder haben. Die Frauen kommen aber auch, weil sie ­Beschwerden haben oder sich über Ver­hütungsmaßnahmen informieren wollen.

Wie alt sind die Frauen dann?
Sehr, sehr jung! Die Frauen aus Afghanistan sind echt die, die mir am meisten leidtun. Viele sind mit 18 das erste Mal schwanger, mit 24 haben sie mindestens vier Kinder. Einmal habe ich eine 18-Jährige betreut, die jede Woche auftauchte und sagte: Ich bin noch nicht schwanger, tun sie was! Und ich habe immer nur gesagt: Kind, man wird nicht sofort schwanger. Und sie sagte: Aber die Schwiegereltern aus Afgha­nistan machen Druck, dass ich keine gute Frau bin, weil ich seit drei Monaten verheiratet und noch immer nicht schwanger bin. Ich habe ihr dann Placebos verschrieben und gesagt: Schluck das, dann wirst du bald schwanger. Nach drei Monaten war es dann auch soweit.

Klärst du deine Patientinnen auch über ihre Rechte auf?
Ich versuche den Frauen immer Ratschläge mitzugeben, besonders wenn sie Töchter haben: Lasst eure Kinder zur Schule, lass deine Mädchen nicht dein Schicksal erleiden. Und wenn sie ein Mädchen kriegen und die Frauen deswegen traurig sind, dann sage ich: Wie schön, ein Mädchen! In Deutschland kann ein Mädchen alles erreichen! Zurzeit habe ich eine Patientin, die hat vier Mädchen geboren – und ist jetzt mit dem ersehnten Sohn schwanger. Aber sie hat auch gesagt: Ich bin wegen meinen Töchtern geflüchtet! Ich will nicht, dass ihnen das passiert, was mir passiert ist! Mit 15 heiraten, in der Tradition gefangen sein und kein selbstbestimmtes Leben führen können. Ich frage die Afghaninnen auch manchmal: Wieso trägst du denn so ein Kopftuch, das brauchst du doch nicht. Eine hat geantwortet: Mein Mann sagt, er bringt mich um, wenn ich es nicht trage. Ich will das gar nicht tragen, ich hasse das Kopftuch!

Was sind denn so die Motivationen der Frauen, nach Deutschland geflüchtet zu sein?
Mein Mann hat gesagt, wir werden ein besseres Leben haben. Manche Frauen haben Depressionen, weil sie gar nicht von zu Hause weg wollten. Viele kommen ja auch nicht direkt aus Afghanistan, sondern waren zuletzt im Iran. Und da hatten sie einen Job und waren nicht allein. Eine hat gesagt, dass sie nur hier sind, weil ihre Schwägerin behauptet hätte, dass Deutschland ein Paradies wäre. Und dass man hier Geld und ein Haus bekommt. Und dann hat der Mann entschieden: Da gehen wir hin. Aber das stimmte so natürlich nicht.

Eine Frauenärztin ist ja auch eine Art Vertraute.
Oh ja, manchmal sind die Geschichten, die ich zu hören bekommen, so traurig, da könnte ich heulen! Eine Patientin etwas über 30 kam mit ihrer Tochter, die ist nur elf Jahre jünger als sie. Sie hat mir erzählt, dass sie neun Jahre alt war, als sie zwangsverheiratet wurde. Sie hat draußen gespielt, als die Mutter sie rief und sagte: Das ist die Familie Soundso, und du wirst den Mann heiraten. Und der war 15 Jahre älter. Sie wusste nicht mal, was das bedeutet, heiraten. Sie war ja ein Kind und dachte nur, man zieht ihr ein schönes Kleid an und man schminkt sie. In der Hochzeitsnacht kam der Mann und sie wusste nicht, was sie machen sollte und fing an zu heulen. Und dann kam die Schwiegermutter und hat sie geschlagen, ihre Beine auseinandergehalten und gesagt: Wenn man Mann und Frau ist, dann muss das gemacht werden. Und nach anderthalb Jahren wuchs dann ihr Bauch und sie wusste nicht, was das ist. Mit zwölf hat sie entbunden. Sie hätte sterben können.

Was hat sich für dich als Ärztin durch diese Patientinnen-Gespräche ­verändert?
Ich habe gemerkt, in was für einem Paradies wir leben. Wir müssen dankbar sein, dass Frauen wie Alice Schwarzer für unsere Rechte gekämpft haben. In Deutschland ist es ja auch noch gar nicht so lange her, dass Frauen fast keine Rechte hatten. Eine Afghanin kam in meine Praxis, die hat gesagt: Mein Mann will drei, vier Mal täglich mit mir schlafen. Ich kann das nicht. Was soll ich machen, Frau Doktor? Da habe ich nur gesagt: Bring mir beim nächsten Mal deinen Idioten von Mann mal vorbei! Ich bin ja selbst Perserin, ich kann so mit den Frauen reden.

Wie lange warst du denn im Iran?
Bis zu meinem achten Lebensjahr habe ich in Deutschland gelebt, das war noch zu Zeiten des Schahs. Meine Eltern sind dann 1978 zurückgezogen in den Iran. Und wenige Monate später begann die Revolution. Am Anfang dachten alle: Es kann nur besser werden! Und dann gingen die Repressalien los, wir Frauen mussten uns verschleiern. Einmal wurde ich sogar fast festgenommen, nur weil meine Haare kurz unter dem Kopftuch hervor geblitzt sind. Plötzlich parkte ein dunkler Mercedes neben mir und da stieg ein kleiner, hässlicher Mann aus und sagte: Du steigst jetzt in das Auto! Ich wusste: Ich darf auf keinen Fall in das Auto steigen, dann bringen sie mich im schlimmsten Fall ins Evin-Gefängnis. Fast alle meine Freundinnen, die im Gegensatz zu mir aktive Regime-Gegnerinnen waren, waren mit 16 mehrere Monate im Gefängnis. Ich habe also versucht, mich rauszureden, und ich hatte Glück. Noch am selben Tag habe ich den nächsten Flieger nach Deutschland genommen. Meine Eltern waren schon einige Monate zuvor ausgewandert, aber ich wollte eigentlich noch mein Abi fertig machen. Als ich in Frankfurt gelandet bin, habe ich ein solches Gefühl von Freiheit gespürt wie nie wieder in meinem Leben.

 

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