Alice Schwarzer schreibt

Geliebte Geschöpfe

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Alice Schwarzer: Franziska, du hast zum ersten Mal in deinem Leben ein Buch über Tiere gemacht. Wie bist Du darauf gekommen?
Franziska Becker: Na ja, ich hatte schon immer eine Neigung zu Schwächeren. Ich verstehe mich ja auch mit Kindern gut. Und je älter ich werde, desto mehr nehme ich auch andere Lebewesen wahr. Ich empfinde mehr Ehrfurcht vor Lebewesen und vor dem Leben überhaupt. Das Leben wird mir immer geheimnisvoller und weniger selbstverständlich, und dadurch sehe ich auch mehr als früher. Natürlich habe ich auch früher keine Tiere gequält. Ich war nie so ein Kind, das Fliegen die Flügel ausreißt. Aber ich habe schon mal gedankenlos auf eine Spinne getreten – das würde ich jetzt nicht mehr machen. Das Leben unter Menschen ist für viele Tiere sicher nicht ganz leicht. - Ich habe mal als MTA im Krankenhaus gearbeitet, da sah ich eine Katze mit einer Sonde im Kopf. Da bin ich rausgerannt, weil ich es nicht sehen konnte. Aber ich habe es dann verdrängt, ich habe nichts unternommen.

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Geht deine Sensibilisierung für Tiere Hand in Hand mit einer stärkeren Wahrnehmung der Natur?
Ich dachte früher, ich wäre ein reiner Stadtmensch. Aber das stimmt so gar nicht. Ich habe Sehnsucht danach, im Garten etwas wachsen und danach wieder sterben zu sehen. Es ist auch schön, verschiedene Himmel zu sehen, oder die Stimmung draußen bei Regen. Ich habe heute auch mehr Spaß daran, Tiere zu beobachten. Wie sie leben - oder wie Grillen ihre Beine aneinanderreihen und daraus Musik machen können.

Zwischen der Idee und dem fertigen Buch lag fast ein Jahr. Wie hast du dich darauf vorbereitet?
Ich habe ziemlich viel gelesen, alle möglichen Tierbücher. Über das Leben von Elefanten, zum Beispiel, und über die Intelligenz von Menschenaffen. Auch Bücher über Tierversuche und Tiertransporte. Dann habe ich im Fernsehen Tierfilme geguckt. Das habe ich immer schon gerne gemacht, Filme, die Tiere ernst nehmen.

Du hast selbst keine Tiere. Warum eigentlich nicht?
Wahrscheinlich aus Scheu vor Verantwortung. Als Kind hatte ich eine Katze, und meine Eltern hatten einen Hund. Die Katze hieß Schnuffi. Das ist leider eine tragische Geschichte. Meine Eltern haben die Katze umgebracht. Die Katze fing an, Vögel zu jagen. Als sich die Nachbarn darüber beschwerten, haben meine Eltern die Katze einschläfern lassen. Damals war ich etwa zwölf.

Kommen wir nochmal zurück zu Deinem Buch...
Natürlich bewegt es mich sehr, daß Tiere dem Menschen so ausgeliefert sind. Je älter ich werde, um so weniger kann ich so etwas ertragen. Ich kann auch weniger ertragen, wenn ein Kind auf der Straße gedemütigt wird von einem ungeduldigen Erwachsenen. Das Ernste habe ich aber aufgelockert mit Blödeleien, bei denen die Tiere untereinander kommunizieren oder sich voreinander mit ihrer Wichtigkeit brüsten. Ich glaube, daß man in meinen Umkehrgeschichten die Tiere oft besser verstehen kann. Das Tier ist dann der Handelnde und kann den Menschen benutzen. Eine Freundin von mir hat mich kürzlich dafür kritisiert, daß ich Naziversuche an Menschen mit Tierversuchen vergleiche. So ginge das nicht, hat sie gemeint. Aber ich glaube, das fließt beides aus ein und derselben Mentalität, andere Lebewesen niedriger zu halten.

Du hast ja schon öfter Tiercartoons gemacht. Aber dies ist dein erstes Buch, in dem Tiere die Hauptrolle spielen.
Ja, viele Freundinnen und Freunde finden das komisch. Die haben ganz seltsam reagiert, befremdet. Niemand hat gefragt: Wie kommst du denn darauf? Wenn überhaupt, kam reserviertes Desinteresse.

Sind die Menschen vielleicht beleidigt, daß du dich "nur" für Tiere interessierst?
Na ja, ein bißchen degoutant ist es wohl schon.

Gibt es eigentlich Tiere, die du besonders sympathisch findest?
Elefanten finde ich ganz toll! Die sind so urzeitlich und so sozial. Elefanten hüten verwaiste Elefantenkinder mit, wenn die Eltern gestorben sind. Sie tun sich zusammen, wenn ein Elefant in eine Falle gestürzt ist, um ihn wieder herauszuholen. Dazu benutzen sie ihre Rüssel sehr erfinderisch als Werkzeuge. Sie können denken. Klar, alle Tiere können denken. Das ist nur eine Definitionsfrage. Einmal mußten indische Arbeitselefanten einen großen Holzstapel aufschichten. Der Aufseher zwang sie mit Gewalt, den Stapel schief und krumm aufzubauen. Die Elefanten wußten aber aus Erfahrung, daß der Stapel so nicht halten kann. Sie hauten den ganzen Stapel um und fingen selber noch mal von vorne an, diesmal richtig. Schweine sind natürlich auch toll.

Warum?
Sie haben eine rosa Haut, so ähnlich wie unsere, und sind intelligent und verspielt. Ich habe sogar schon von Schweinen gehört, die aufs Klo gehen! Schweine sehen immer so aus, als würden sie lächeln. Und die Äuglein mit den langen Wimpern. Ich finde Schweine einfach sehr hübsche Tiere.

Dein Buch hat ja 100 Seiten und fast ebenso viele Geschichten. Gibt es welche, die dir besonders am Herzen liegen?
Die Seite mit den Schnecken gefällt mir besonders gut. Da stellt sich heraus, daß die berühmten prähistorischen Höhlenmalereien eigentlich gar nicht von Menschen, sondern von Schnecken gemacht sind.

Die Frage ist ja noch gar nicht ausgestanden, von wem die Malereien stammen...
Eben. Die Männer behaupten ja, sie hätten es gemacht. Da finde ich es besonders komisch, daß es bei mir Schnecken sind, mit ihrer Purpurfarbe. Dann mag ich besonders die Katzengeschichte, in der die Katze ihr Frauchen beschreibt, aus Katzensicht.

Gibt es Zeichnungen im Buch, die dir besonders schwer gefallen sind?
Ja, die bösen Sachen. Die Tiere im Krieg zum Beispiel. Wie die Katze auf eine Mauer schreibt, daß sie nach ihrem Hundefreund sucht. Oder die deformierten Tiere nach dem Supergau... Gerade deshalb macht es mir richtig Spaß, die Sache hin und wieder umzudrehen. Dann stopfen Gänse einen Menschen, damit er eine fette Menschenleber kriegt.

Wie entstehen solche Zeichnungen?
Viele Sachen werden beim Zeichnen ganz anders, als ich das vorher gedacht hatte. Die Idee ist schon vorher da, aber trotzdem verselbständigt sich die Hand und stellt die Figuren und Geschichten manchmal anders dar, als ich gedacht habe. Das Bild malt sich schon auch ein bißchen selber, hat einen Eigenwillen. Zum Beispiel die Frau, die aus Griechenland kommt und schon wieder ganz viele Tiere gerettet hat, die habe ich nochmal gezeichnet. Da waren zu viele Menschen drum herum. Das lenkt ab. Das habe ich erst gar nicht gemerkt. An die Tiere mußte ich auch nochmal rangehen. Da konnte man gar nicht richtig sehen, daß das wirklich malträtierte Tiere waren. Ich mußte also ein bißchen übertreiben. Jetzt kommen sie in kleinen Rollstühlen angefahren.

Ich finde, daß dein Strich resoluter geworden ist.
Ich habe ja früher gedacht, ich könnte überhaupt keine Tiere zeichnen. Ich dachte, ich könnte noch nicht mal Katzen zeichnen.

Dabei hast du das beste Porträt von meiner Katze Lilli gemacht, das es gibt! Hast du bei dem Buch auch selbst etwas gelernt über Tiere?
Ich weiß jetzt viel genauer, wo Tiere leben, wie sie leben, wie sie überleben. Und vom Strich her habe ich wahrscheinlich versucht, nicht so verspielt zu sein.

Wenn man mit dir unterwegs ist und du zeichnest anschließend, merkt man, daß du einen fotografischen Blick hast. Du hältst alles sehr genau fest. Siehst du manchmal auch zu viel?
Ja, ich sehe zuviel, und ich kann zuwenig abstrahieren. Manchmal war mir lieber, ich wüßte alles nicht mehr ganz so genau. Dann würde es mir leichter fallen, Unwichtiges wegzulassen. Als ich klein war, hat meine Mutter uns Kindern zum Einschlafen viel vorgelesen. Das war ganz seltsam, ich habe nie aufgepaßt. Ich kroch unter der Bettdecke herum und brabbelte mit meinen Puppen und mit meinen Viechern. Wenn mich meine Mutter dann am nächsten Tag gefragt hat, konnte ich noch haarklein erzählen, was sie vorgelesen hatte. Ich habe wohl so eine Art "Nebenbei Gedächtnis", auch im Optischen.

Franziska, was ist das Komischste, was dir je mit einem Tier passiert ist?
Das Komischste weiß ich nicht. Aber das Rührendste! Das war, als mein Vater im Krankenhaus unterwegs war, er war ja Arzt. Da sah er etwas huschen. Es war ein Hamster, der offenbar aus der Versuchsanstalt geflohen war. Mein Vater beugte sich runter und wollte ihn streicheln. Da hat der Hamster ihn ganz tief in den Mittelfinger gebissen. Seitdem hatte er einen gespaltenen Fingernagel, er ist nie mehr zusammengewachsen.

Und was ist aus dem Hamster geworden?
Der ist geflohen. Das hat mich als Kind sehr beeindruckt.

Franziska Becker: "Tierisch" (vergriffen)

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