Haifaa al-Mansour filmt es

Haifaa al- Mansour filmt - trotz aller Widrigkeiten.
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Saudi-Arabien ist ein Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung unter einem Schleier lebt. Frauen müssen sich verhüllen, dürfen ohne Erlaubnis nicht arbeiten, reisen oder heiraten. Es ist die Heimat Osama bin Ladens und des Wahabismus, einer strengen Auslegung des Islam. So gut wie alles, was Frauen im Westen für selbstverständlich halten, ist für saudische Frauen „haram“ – Sünde, weil es gegen die Religion ist. Autofahren? Alleine auf die Straße gehen? Kino? Alles haram!

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Haifaa al-Mansour hat in Saudi-Arabien, wo es seit den 70er-Jahren kein einziges Kino mehr gibt, einen Kinofilm gedreht. „Das Mädchen Wadjda“ erzählt eine einfache Geschichte: von einer Schülerin, die sich ein Fahrrad wünscht. Die Regisseurin setzt auf die subversive Kraft der Träume. „Viel einfacher wäre es gewesen, einen Film über Frauen als Opfer zu drehen und darzustellen, wie hart und traurig ihr Leben ist“, sagt Haifaa al-Mansour. „Jammern ist leicht. Aber wohin kommen wir damit? Das Mädchen in meinem Film gibt nicht auf. Glaube an dich selbst und folge deinen Träumen, dann ist alles möglich.“

Ein Mädchen mit Fahrrad? Wo kämen wir hin!

Die 38-Jährige erzählt von den Widrigkeiten der Dreharbeiten in der Hauptstadt Riad, die trotz offizieller Genehmigung ein Katz-und-Maus-Spiel mit der allgegenwärtigen Religionspolizei waren. Die „Mutawa“ durchkämmt mit weißen Geländewagen die Straßen und kontrolliert die Einhaltung der Regeln. Eine Frau, die sich mit Männern auf der Straße zeigt – und dann auch noch die Kommandos gibt, ist natürlich „haram“, was sonst?

Sobald die Mutawa auftauchte, war Haifaa al-Mansour gezwungen, verdeckt Regie zu führen. „Ich sprang dann schnell in einen Kleinbus in der Nähe meines Teams. Über einen Monitor verfolgte ich die Szenen und gab den Schauspielern Anweisungen per Walkie-Talkie. Mein Spielraum war sehr begrenzt.“

Auch Wadjda, die zehn Jahre alte Heldin ihres Filmes, stößt immer wieder an Grenzen. Noch ist sie Kind genug, um auf der Straße spielen zu dürfen. Ein Nachbarsjunge, ihr Freund Abdullah, hat ein Fahrrad, gerne würde sie mit ihm um die Wette fahren. Doch ein Mädchen auf einem Fahrrad? Wo käme man da hin? Das gehört sich nicht und der Sattel könnte ja ihre Jungfräulichkeit verletzen. Doch Wadjda ist gewitzt und lässt sich nicht abbringen. Sie entwickelt immer neue Ideen, an Geld zu kommen, um sich das Fahrrad selbst kaufen zu können. „Teilweise ist der Film autobiografisch“, gesteht Haifaa al-Mansour. „Wadjda und ich sind Seelenverwandte.“

Einige Szenen basieren auf Kindheitserinnerungen der Regisseurin: Wadjdas Mutter zum Beispiel versucht alles, um ihrem Mann zu gefallen, als der überlegt, eine Zweitfrau zu heiraten. Eine elfjährige Klassenkameradin wird mit einem 20-Jährigen verheiratet. „Das habe ich ab der vierten Klasse immer wieder bei meinen Freundinnen miterlebt“, erzählt Haifaa al-Mansour. „Es gibt leider viele traurige Momente im Leben eines saudischen Mädchens. Von klein auf hört es nur eins: Frauen sind weniger wert als Männer.“

Wadjda und ich
wir sind
seelenverwandt

Als Kind war Haifaa al-Mansour eine Außenseiterin. Sie wuchs mit elf Geschwistern in einer Kleinstadt am Persischen Golf auf. Ihre Mutter trug keinen Schleier und ihre Freundinnen durften sie deshalb nicht besuchen, weil ihre Eltern als „leichtlebig und liberal“ galten. „Mein Vater war Schriftsteller und Poet. Wir wuchsen zu Hause sehr frei auf. Ich hatte sogar ein Fahrrad.“ Und obwohl es in Saudi-Arabien keine Kinos gibt, kam sie schon früh mit Filmen in Kontakt: „Mein Vater brachte oft Videos nach Hause. Bruce Lee, Jackie Chan oder Disneyfilme wie Schneewittchen. Auch wenn das Kitsch war, für mich öffnete sich eine neue Welt. Ich war wie elektrisiert und wollte zum Film.“

Mit Unterstützung der Eltern verlässt sie Saudi-Arabien mit 18 und studiert zunächst an der amerikanischen Universität Kairo Literaturwissenschaften. „Das war ein Kulturschock. Ich musste erst begreifen, wie das ist, wenn man die Wohnung plötzlich auch ohne männliche Begleiter verlassen darf. Am Anfang vergaß ich oft, den Schlüssel mitzunehmen. Ich war es einfach nicht gewohnt, an so etwas zu denken.“

Danach kehrt sie in ihre Heimat zurück, findet einen Job in der Öffentlichkeitsarbeit einer Ölfirma in Dhahran und produziert Firmenvideos, um das Geld für eigene Projekte zu verdienen. 2005 dreht sie den ersten Dokumentarfilm über die Situation saudischer Frauen: „Women without Shadows“. Bei einer Vorführung wird Bradley Neimann, der damalige Kulturattaché der USA in Riad, auf sie aufmerksam, beruflich wie privat. Die beiden heiraten und ziehen nach Sydney, wo sie ihren Master in Filmwissenschaft absolviert.

Nach einer Zwischenstation in Washington kehrte das Paar vor einigen Jahren wieder in den Nahen Osten zurück. Die Familie lebt mit zwei Kindern, der dreijährigen Hailey und dem fünfjährigen Adam, in Bahrain, nahe der Grenze zur alten Heimat.

Der Film wurde erstaunlicherweise auch vom saudischen Prinzen Al-Walid finanziell unterstützt – die Royal Family gilt als aufgeschlossen. „Vor wenigen Monaten hat der König erstmals 30 Frauen in den Schura-Rat berufen, das ist eines der höchsten politischen Ämter. Das ist ein Hoffnungsschimmer für andere Frauen.“

Haifaa al-Mansour hat gelernt, geduldig zu sein. Denn sie ist überzeugt, dass die stille, langsame Revolution der einzig mögliche Weg ist, in ihrem Land etwas zu verändern.

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"Das Mädchen Wadjda"

In Saudi-Arabien, wo Frauen nicht Autofahren dürfen, träumt Wadjda von einem Fahrrad.
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Ein Mädchen. Von einem Fahrrad. Dafür lernt die rebellische Wadjda sogar den Koran halb auswendig - um mit dem Preisgeld ihrem Traum ein Stück näherzukommen. Die Mutter unterstützt die Tochter, damit wenigstens die eines Tages freier sein wird. Die Regisseurin, einst selber so ein rebellisches Mädchen, konnte nur dank ihrer Heirat mit einem amerikanischen Diplomaten in Sidney Film studieren. Doch die Dreharbeiten in Saudi-Arabien waren dennoch abenteuerlich.

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Wie so viele Filme aus islamistischen Ländern, wo Film an sich schon "haram", Sünde, ist, wurde auch Wadjda unter extrem schwierigen Bedingungen und semi-dokumentarisch gedreht. Das heißt, die Handlung spielt sich mitten im realen Leben ab. Wir sehen Wadjda und ihre Familie; wir erleben, wie ihre schöne junge Mutter im Haus quasi gefangen ist und ohnmächtig hinnehmen muss, dass ihr Mann sich anschickt, eine zweite Ehefrau ins Haus zu holen.

Auch darum träumt Wadjda von einem Fahrrad: Das hat Räder und trägt sie raus. Die Szenen auf der Straße musste Haifaa al-Mansour indirekt drehen. Während das Team und die Hauptdarstellerin spielten, saß die Regisseurin in einem dafür hergerichteten Kleinbus und gab ihre Regieanweisungen an den Kameramann über Funk. Denn in Saudi-Arabien darf eine Frau einem Mann keine Befehle erteilen.

Der Film gibt also einen sehr realistischen, tiefen Blick in das Alltagsleben der Menschen in Saudi-Arabien. Innerhalb des Hauses sehen die Familienszenen aus wie in Berlin oder Paris, außerhalb aber dürfen Frauen nur tief verschleiert und in Begleitung eines Mannes auf die Straße und bis heute keine Autos steuern. Dennoch: Es bewegt sich etwas. Der saudische Prinz Al-Walid ist Koproduzent des Films. 

"Das Mädchen "Wadjda"  am Mittwoch, 23.11.2016, um 20.15 Uhr auf arte.

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