Hilma af Klint, Erfinderin der Abstraktion

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Wassily Kandinsky war offenkundig besorgt, als er im Dezember 1935 seinem New Yorker Galeristen Jerome Neumann schrieb, um ihn noch einmal zu versichern, dass er sein erstes abstraktes Bild 1911 gemalt habe: „Es ist tatsächlich das allererste abstrakte Bild der Welt, da damals noch kein einziger Maler abstrakt malte. Also ‚ein historisches Bild‘.“ Bedauerlicherweise galt dieses historische Bild als verschollen. Kandinsky hatte es nicht mitgenommen, als er Russland 1921 verließ, um zuerst nach Deutschland und schließlich nach Frankreich überzusiedeln.

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Kandinsky war bewusst, dass sich die Kunstwelt in einem Wettstreit befand. Das erste abstrakte Bild war zur begehrtesten Trophäe aufgestiegen, um die Antwort ­darauf, welcher moderner Künstler sie erbeutet hatte, wurde noch gerungen. Kupka, Delaunay, Mondrian und Malewitsch galten neben Kandinsky als aussichtsreichste Kandidaten. Was Kandinsky jedoch nicht bewusst war, ist, dass eine schwedische Malerin namens Hilma af Klint in ihrem Stockholmer Atelier bereits 1906 ihr erstes abstraktes Bild gemalt hatte. Mehr noch: Hilma af Klint hatte dieselben Wege beschritten, die auch Kandinsky zur Abstraktion führten. Wie zwei Züge scheinen beide Künstler, ohne von­einander zu wissen, über lange Strecken parallele Gleise befahren zu haben. Nur: Hilma af Klint kam vor Kandinsky an.

Wer war Hilma af Klint? Und warum kennt man sie im Gegensatz zu Kandinsky heute kaum? Hilma af Klint war eine Frau. Und wenn auch ihre Zeitgenossen nicht in der Lage waren, sie vom Malen abzuhalten, sorgte die Nachwelt dafür, dass ihr Werk eine Randnotiz der Kunstgeschichte blieb bzw. ganz vergessen wurde. Klint selbst verfügte, dass ihre Bilder erst 20 Jahre nach ihrem Tod gezeigt werden sollten, da sie überzeugt war, die Zeit sei noch nicht reif dafür. Wie recht sie damit behalten sollte, hätte sie vermutlich doch überrascht: Klint starb 1944, doch erst ab 1986 beschäftigten sich mehrere Ausstellungen mit Teilen ihres Werks.

Betont wurde dabei stets die enge Verbindung ihrer Malerei zu den spiritistischen Bewegungen der Jahrhundertwende; die Frage, ob sie die erste abstrakte Malerin der Kunstgeschichte sein könnte, wurde nicht einmal gestellt. Kurzum: Klint wurde systematisch unterschätzt, wie fast alle Frauen in der Kunstgeschichte.

Als im Dezember 2012 das Museum of Modern Art in New York die Ausstellung „Inventing Abstraction. 1910–1925“ eröffnete, war Hilma af Klint wieder nicht mit dabei, Kandinsky natürlich vielfach. Seit Februar 2013 allerdings widmet das ­Moderna Museet in Stockholm der Künstlerin eine umfassende Retrospektive. Titel: „Hilma af Klint. A Pioneer of Abstraction“. Von nun an dürfte es schwerfallen, Klint weiterhin aus der Kunstgeschichte aus­zuschließen. Die Fakten sprechen für sie.

Also noch einmal: Wer war Hilma af Klint? Im Leben der Künstlerin gab es zwei glückliche Fügungen, die Klint ermöglichten, ihr außergewöhnliches Talent ausleben zu können. Die erste: Sie, die Tochter eines Admirals, wurde 1862 in Schweden geboren, dem Land, das weit vor Italien, Frankreich oder Deutschland Frauen zum Kunststudium zuließ, so dass sie bereits 1882 an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm zu studieren begann. Fünf Jahre darauf, nach dem erfolgreichen ­Abschluss, mietete sie sich ein Atelier in Stockholms Künstlerviertel und fand ­Anerkennung als Landschafts- und Porträtmalerin. Ihre Leidenschaft galt darüber ­hinaus dem Studium von Tieren und Pflanzen, so dass sie 1900/1901 als Zeichnerin für das tierärztliche Institut arbeitete.

Die zweite Weichenstellung: Hilma af Klint, die aus einer protestantischen Familie stammte, kam früh in Kontakt mit der Theosophie. Man muss kein Freund der Esoterik sein, um die Vorteile zu sehen, die die Theosophie einer jungen Künstlerin bot. Niemand bezweifelte im 19. Jahrhundert, dass große Werke einer großen Inspiration bedurften. Kaum jemand glaubte aber, dass höhere Mächte im Spiel waren, wenn Frauen malten. Die Theosophie sah das anders. Begründet wurde sie von einer Frau, der Russin Helena Petrovna Blavatsky. Frauen waren als Mitglieder willkommen, Frauen bekleideten Führungspositionen. Kurzum: Die Theosophie war die erste religiöse Vereinigung in Europa, die Frauen nicht benachteiligte. Jede konnte mit den höheren Mächten in Verbindung treten.

Hilma af Klint war 17 Jahre alt, als sie an ihrer ersten spiritistischen Séance teilnahm. 1905 notierte sie, es habe sich eine Stimme bei ihr gemeldet und folgende Botschaft übermittelt: „Du sollst eine neue Lebensanschauung verkünden, und du sollst selbst ein Teil in dem neuen ­Königreich werden. Deine Bemühungen werden Früchte tragen.“

Von November 1906 bis März 1907 malte sie eine Serie von Abstraktionen, kleinformatige Leinwände, die den Titel „Urchaos“ trugen. Einige davon suggerieren Landschaften, ein stürmisches Meer etwa, über das Blitze zucken. Andere ­jedoch lösen sich vollständig von der Repräsentation, in ihnen mischen sich geometrische Formen wie Spiralen mit aussprühenden Pinselstrichen, Buchstaben und Symbolen. Der Gestus ist expressiv und gleicht dem der Zeichnungen, die sie während Séancen der 1890er Jahre ausführte. „Automatisches Zeichnen“ nannten die Surrealisten später diese Methode.

Die „Urchaos“-Serie ist die Saat, aus der in den Folgejahren fast 200 abstrakte Gemälde hervorgehen sollten. Von August bis Dezember 1907 schuf Klint eine Serie mit dem Titel „Die zehn Größten“: Spiralen, Ovale, Kreise und Schlangen­linien in leuchtenden Farben und in ­monumentalem Format. Die organische Formensprache der frühen Abstraktionen wurde später durch eine streng geometrische abgelöst. 1915 entstand das Gemälde „Der Schwan“, das aus Kreisformationen auf rotem Grund besteht. Bis zu ihrem Tod zeigte Klint nicht ein einziges dieser abstrakten Werke in einer Ausstellung.

Was hatte Hilma af Klint zur Abstraktion gebracht? Die Beschäftigung mit unsichtbaren Kräften war weniger okkult als angenommen. Bereits im 19. Jahrhundert hatten die Naturwissenschaften eine Vielzahl unsichtbarer Kräfte aufgedeckt, Infrarotlicht zum Beispiel, Röntgenstrahlen oder elektromagnetische Felder. Diese Phänome stellten nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Kunst vor neue Fragen: Konnte man nur Organismen malen – oder auch Lebenskraft? Nur ein Orchester – oder auch Musik? Welche Kräfte, Strahlen oder Schwingungen gab es noch zu entdecken?

Wie Kandinsky kannte wahrscheinlich auch Hilma af Klint die Versuche der theosophischen Autoren Annie Besant und Charles Leadbeater, Gefühle oder Musik in visuelle Formen zu übersetzen. „Heftiger Zorn“ war der Titel einer von Klints Buchillustrationen 1902, die rote Zickzacklinien und schwarze Kreise zeigte; „Musik von Gounod“ hieß eine weitere aus dem Jahr 1905 mit einer bunten Formexplosion.

Eine der erfolgreichsten theosophischen Schriften erschien 1904/1905, geschrieben hatte sie Rudolf Steiner, den Kandinsky und Hilma af Klint unabhängig voneinander 1908 persönlich trafen. „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ lautete der Titel. Klint und Kandinsky malten die Antwort: Durch die Kunst.

Welche Bedeutung die Abstraktion in der Kunstgeschichte erlangen sollte, stellte sich erst viel später heraus. 1936 eröffnete eine Ausstellung im Museum of Modern Art in New York mit dem Titel „Cubism and Abstract Art“. In dem Diagramm, das Alfred H. Barr auf dem Titel des Katalogs zeigte, gipfelte und endete die Kunstgeschichte in der abstrakten Malerei. Diese Sicht scheint uns heute zu einseitig. Wir sind froh über die Vielfalt der Kunst des 20. Jahrhunderts, gleichgültig ob gegenständlich oder abstrakt. Wir schätzen jedoch die Abstraktion als eine Freiheit des Ausdrucks, die wir nicht missen möchten. Hilma af Klint entdeckte sie 1906.

Julia Voss

Die Autorin veröffentlicht eine detaillierte Biografie: "Die Menschheit in Erstaunen versetzen" (Fischer, 2020)

 

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