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Prostitution: „Ihr lebt im Mittelalter!“

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In der ganzen Welt verwechseln die Menschen Schweden mit der Schweiz, weil beide Länder mit „Schw“ anfangen. Aber, so erklären die junge Blonde, der bärtige Seemann und 20 andere SchwedInnen: „Wir sind völlig unterschiedliche Länder!“ Nicht nur, dass die Schweiz das Frauenwahlrecht 50 Jahre später eingeführt hat als Schweden. Noch ein ganz wichtiger Unterschied: „In Schweden muss ein Mann, der für Sex bezahlt, eine Strafe zahlen oder ins Gefängnis.“ Und das schon seit 20 Jahren. „Bei euch ist das legal.“

Das ist den 22 SchwedInnen unbegreiflich. „75 Prozent aller Prostituierten in der Schweiz sind Migrantinnen“, sagt ein Mann mit weißem Bart. „All diese Mädchen, die als ‚Putzhilfe‘ in euer Land gebracht werden, um einen Zuhälter reich zu machen. Wie kann das legal sein?“, fragt eine Studentin. „Vielleicht waren wir ja mal brutale Wikinger – aber ihr lebt noch im Mittelalter“, sagt der Seemann.

Mit dieser „Message from Sweden to the People in Switzerland“ hat die Frauenzentrale Zürich gerade eine Kampagne gestartet: „Für eine Schweiz ohne Freier. Stopp Prostitution!“ Das Anliegen des Dachverbands von 130 Frauenorganisationen: „In vielen europäischen Ländern wird über Prostitution diskutiert – in der Schweiz nicht.“ Das will die Frauenzentrale ändern. „Wir wollen erreichen, dass es endlich eine Debatte gibt!“, erklärt Andrea Gisler, Leiterin der Frauenzentrale.

Zürich mit seiner zahlungskräftigen Klientel gilt als eine der Prostitutions-Metropolen Europas. Fünf Jahre ist es her, dass es eine Diskussion um den Straßenstrich am Zürcher Sihlquai gab, den größten der Schweiz. Doch da ging es weniger um die Frauen, die dort ihre Körper verkauften, sondern vor allem um das unschöne Straßenbild, das Investoren abschreckte. Folge: Die Stadt errichtete so genannte „Verrichtungsboxen“. „Und die meisten Leute fanden das eine gute Lösung“, empört sich die Leiterin der Frauenzentrale. Doch Andrea Gisler und ihre Mitstreiterinnen wollen über etwas anderes reden: „Wir wollen das ganze System der Prostitution hinterfragen!“

Das hat die Frauenzentrale mit ihrer Kampagne geschafft. „Fast täglich erscheint irgendwo ein Bericht“, freut sich Gisler. „Der Frauenzentrale ist mit dem Kurzfilm tatsächlich ein Coup gelungen. Sie stört damit den behaglichen Konsens, der hierzulande herrscht, wenn es um das Geschäft mit der Ware Frau geht“, schreibt der Tagesanzeiger. Auch das Boulevardblatt Blick begrüßt die Kampagne: „Damit die Öffentlichkeit hinsehen muss – und endlich auch darüber spricht, welche Verantwortung der Freier trägt. Denn er bestimmt die Nachfrage.“ Auf der Kampagnenseite beziehen Frauen und Männer, Prominente und Unbekannte, mit ihren Testi­monials Stellung gegen das Geschäft mit der Ware Frau.

Die Botschaft aus Schweden schlägt ein. Das Video, gestaltet von der Zürcher Agentur Publicis, wurde auf Facebook 287.000 Mal aufgerufen, geteilt wurde der Clip über 4.000 mal. „Für die Schweiz ist das eine riesige Resonanz“, freut sich Andrea Gisler.

Da konnte der Gegenschlag nicht lange auf sich warten lassen. „Sexarbeit ist Arbeit!“ lautet der Titel der Kampagne, die einige Organisationen prompt lancierten. Forderung: „Kein Verbot des Kaufs von sexuellen Dienstleistungen!“ Mit von der Partie sind die üblichen Verdächtigen von amnesty international bis Aidshilfe, aber auch Terre des Femmes Schweiz. Da deren Pro-Prostitutions-Haltung der Position der deutschen Mutter-Organisation diametral zuwider läuft, die sich für das Schwedische Modell einsetzt, hat Terre des Femmes in Berlin nun die Konsequenzen gezogen und sich vom Schweizer Ableger getrennt.

Der bekommt auch in der Schweiz heftigen Gegenwind: „Ihr irrt euch gewaltig: ‚Sexarbeit‘ ist keine Arbeit, sondern ein Euphemismus. Prostitution ist Ausbeutung, zutiefst frauenverachtend und gehört ver­boten, Freier gesellschaftlich geächtet und juristisch bestraft“, schreibt zum Beispiel eine Userin auf Facebook. Die Debatte, die die ­Zürcher Frauenzentrale lostreten wollte, ist in vollem Gange.

Im Netz

www.stopp-prostitution.ch

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