In der aktuellen EMMA

Iran: Die Bilanz von 40 Jahren Gottesstaat

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In den letzten zehn Jahren sind mindestens 440.432 Frauen im Iran wegen „Nichtbeachtung der Kleiderordnung“ festgenommen, gefoltert und zu zwei Jahren Freiheitsstrafen oder mehr verurteilt worden. Unter dem Vorwand der „unzüchtigen Kleidung“ kommt es immer wieder zu Säureattacken und Messerstechereien auf Frauen. Allein zwischen März 2012 und März 2013 waren 40.651 Mädchen unter 15 Jahren Opfer der gesetzlich erlaubten Kinderehe, 1.537 davon waren unter zehn Jahren alt. Es werden jährlich mehr als tausend Todesurteile ausgesprochen und Hunderte davon vollstreckt.

Unter dem Titel „Verteidigung hinter den Gittern“ berichtete Radio Zamane am 14. Januar 2015 über die Lage der Rechtsanwälte im Iran: „Iran ist eines der wenigen Länder in der Welt, in dem sogar die Rechtsanwälte zusammen mit ihren Mandanten verhaftet werden.“ Es sind überwiegend diejenigen, die politisch Verfolgte, kritische Journalisten oder Blogger verteidigen. Viele dieser AnwältInnen bekommen nach sieben bis zwanzig Jahren Gefängnis auch noch ein lebenslanges Berufsverbot. Als prominentestes Beispiel ist das Schicksal der Anwältin Nasrin Sotoudeh zu erwähnen, die seit dem 13. Juni 2018 erneut im Gefängnis sitzt, weil sie sich für die Rechte der Frauen und Minderheiten einsetzt (siehe auch EMMA 3/18). Tagtäglich finden willkürliche Verhaftungen von RegimekritikerInnen statt. Wie Reporter ohne Grenzen gerade berichtet, sind seit 1979 rund 1.700.000 Menschen im Iran verhaftet worden, darunter mindestens 860 JournalistInnen. Im Namen der „inneren Sicherheit“ und der Bewahrung der „islamischen Einheit in der Gesellschaft“ werden Presse und Internet streng zensiert und Universitäten, Schulen und Kindergärten kontrolliert.

Seit Beginn der Mullah-Herrschaft wurden über 110.000 Menschen hingerichtet: politische Oppositionelle, Intellektuelle, Journalisten, Blogger; Andersgläubige wie Bahais, Christen, Juden oder Sunniten; Homosexuelle, nicht verheiratete Liebespaare, Drogenabhängige, Diebe. Allein im Jahr 2018, im „Jahr der Schande“ wurden 7.000 Oppositionelle verhaftet. Seit der Islamischen Revolution 1979 wurden im Iran etwa 6.000 homosexuelle Menschen hingerichtet. 3.000 Menschen wurden gesteinigt, überwiegend Frauen, und etwa 500.000 Verurteilungen zu Amputationen von Fingern, Händen, Beinen oder Füßen sowie Blendungen und Auspeitschungen wurden vollstreckt.

6.000.000 Menschen sind (bei einer Bevölkerung von 80 Millionen Menschen) drogenabhängig, davon die Hälfte Frauen. Das Land hält den Weltrekord an Drogenkonsum. Seit vierzig Jahren halten Mullahs den Iran und sein Volk in Geiselhaft! Das sind vier verlorene Generationen und eine zerstörte Kultur, die die Begründerin der ersten Menschenrechtserklärung ist, Jahrhunderte vor Christus.

NASRIN AMIRSEDGHI
Die Deutsch-Iranerin, 61, ist Sprachdozentin in Berlin und lebt seit 35 Jahren im Exil in Deutschland.

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