Kindsein in Schweden

Kindheit in Schweden - am liebsten wie Pippi Langstrumpf, Tommy und Annika! - Foto: imago images/United Archives
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Dass starre Rollenmuster Kindern eher schaden, als ihnen zuträglich sind, hat Schweden Ende der 1990er-Jahre erkannt. Dort 
ist gefühlsarme Maskulinität seither irgendwie uncool. Männer dieses Typus haben es auf dem Hochzeitsmarkt schwer. 

Schockiert von dem Bericht eines Journalisten, der 1995 über schwedische Männer schrieb, die keine Bräute in der Heimat fanden und sie deswegen in Thailand suchten, entschied sich die Regierung dafür, die Emanzipation dorthin zu tragen, wo sie schon früh Großes bewirken kann: in die Kita. 

1996 wurde die „Geschlechterpädagogik“ in zwei Kitas in einem Stockholmer Vorort getestet. ErzieherInnen waren zuvor in ihrem Alltag mit den Kindern gefilmt worden, um subtile Unterschiede in der Interaktion mit Jungen und Mädchen deutlich zu machen. Die Aufnahmen zeigten klar, dass ErzieherInnen Jungen und Mädchen unterschiedlich behandelten. Mit Mädchen wurde in komplexen Sätzen geredet, Jungen erhielten schlichte Anweisungen. Während den Jungen beim Anziehen geholfen wurde, wurde von den Mädchen erwartet, sich selbst anzuziehen. Die Jungen erhielten generell mehr Aufmerksamkeit und es wurden ihnen mehr Freiräume zugestanden. Bei der Video-Analyse waren die ErzieherInnen geschockt von sich selbst. Was die PädagogInnen zuerst lernen mussten, war eine neue Sprache. Die Wörter „Jungen“ und „Mädchen“ fielen weg, die Kinder wurden als „Kinder“ oder mit dem Vornamen angesprochen. Aus den „Legomännchen“ wurden „Legofiguren“ und die Holzbausteine wurden direkt neben den Puppenherd gestellt. 

In Phase zwei wurden Mädchen und Jungen für die Hälfte des Tages in zwei Gruppen geteilt und in Verhalten gecoacht, das normalerweise dem anderen Geschlecht zugeschrieben wird. Die Jungen haben gebastelt, gemalt oder hatten Tanzunterricht. Die Mädchen haben barfuß Spaziergänge im Schnee gemacht, Ball oder Hockey gespielt und lautes Schreien geübt. „Ich bin staaaaark!“, riefen sie aus dem Fenster und feuerten mit einer imaginären Armbrust unsichtbare Pfeile in den Raum.

Die Eltern reagierten anfangs skeptisch, von Indoktrinierung und Genderwahn war die Rede, aber sie waren auch neugierig. 

Durch die vertauschten Rollen lernten die Mädchen nach und nach, offensiver zu sein. Viele Jungen entwickelten eine stärkere soziale Kompetenz und Spaß an den vermeintlich „typischen Mädchensachen“. Schließlich haben alle Kinder alles gemeinsam gemacht. Sowohl die ErzieherInnen als auch die Eltern der Kinder waren von dem Test so begeistert, dass die „Geschlechterpädagogik“ in Serie ging. Die Eltern hatten erkannt, dass ihre Kinder enorm von dem Programm profitierten. 1998 bestimmte die schwedische Regierung schließlich, dass die Geschlechtergleichstellung in Kindergärten flächendeckend vorangetrieben werden solle. Das Ziel: Jedes Kind soll sich so entwickeln, wie es möchte, unabhängig von biologischen Rollen­erwartungen. Seit 2008 wurden rund zwölf Millionen Euro ausgegeben, um den traditionellen Stereo­typisierungen in Schulen und Kindergärten entgegenzuwirken. Die Genderperspektive ist ein großer Bestandteil der LehrerInnen-Ausbildung. Und: Die Genderpädagogik hat es sogar in die ­Verkaufsregale geschafft. Eine große Kleidermarke verzichtet in ihren Geschäften auf Jungen- und Mädchenabteilungen, in Spielzeug­katalogen werden kleine Mädchen auf Traktoren gezeigt, und Jungen schieben im Spiderman-Kostüm pinkfarbene Kinderwagen vor sich her. 

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