Krankenschwester wird Kapitänin

Foto: Lars Berg/www.larsberg.eu
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Als EMMA mit ihr telefoniert, schippert sie gerade durch einen Sturm an der Westküste von Chile. Mit ihr an Bord: 24 Männer und 8.200 Container. Beate Stelzer ist die einzige Frau an Bord. Die Kapitänin der Santa Ursula ist eine von 14 Kapitäninnen von gesamt 1.029 Kapitänen in Deutschland (also eine Frauen-Quote von 1,4 Prozent). Im früheren Leben war Stelzer – Krankenschwester.

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In der Titelgeschichte der aktuellen EMMA wird das abenteuerliche Leben – und Vorleben! – von vier Kapitäninnen erzählt, von Rackete bis Stelzer. Stelzer hat mit Abstand das abenteuerlichste Vorleben von allen.

Bis zu ihrem 35. Lebensjahr war Beate Krankenschwester. Darauf hatte sie irgendwann keinen Bock mehr. Es folgen die Stationen: erstmal Abitur, dann Nautik-Studium – wo die jungen Studenten Witze machen über die inzwischen 40-jährige Hannoveranerin. Schade, die hat dann das beste Abschlusszeugnis: 1,0.

In EMMA erzählt Kapitänin Stelzer, wo sie am liebsten lang fährt, wo die größten Meeresschildkröten oder Wale sie begleiten, und was sie tut, wenn es brenzlig wird. Zum Beispiel, als sie im Hafen mal von einer chinesischen Crew umringt wurde. Stelzer: „In solchen Momenten muss man Power zeigen!“ Alles klar.

Mehr über Beate Stelzer, Carola Rackete oder Maren Reif, die den prächtige Windjammer „Alexander von Humboldt“ steuert, in der aktuellen EMMA.

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In der aktuellen EMMA

Auf der Jagd nach Plastik in der Arktis

Alfred-Wegener-Institut/ Esther Horvath (CC-BY 4.0)
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"Das, was du da unten erlebst, verändert dich“, erzählt Antje Boetius. „Das ist, wie wenn man ins All fliegt und unsere kleine blaue Kugel von oben sieht. Du willst ihr plötzlich helfen.“ Wenn Deutschlands bekannteste Tiefsee- und Polarforscherin für Tauchgänge in ihre kleine Glaskapsel steigt und hunderte Meter hinab in die Dunkelheit gleitet, weiß sie nie, was ihr begegnen wird. Boetius entdeckt Dinge unter Wasser, die noch kein Mensch auf dieser Welt gesehen hat: Vulkane in der Arktis, gigantische Gebirge und Schluchten, ganze Landschaften aus Seeanemonen. Bizarre Lebewesen, leuchtende Fische mit riesigen Fangzähnen und gelatinösen Gliedern. Und die „Methan-Fresser“. Mikroorganismen, die das Methan im Meeresboden filtern. Es wäre eine Katastrophe, würden die mikrometerkleinen Wesen an ihrer Arbeit gehindert. „Wenn große Mengen Methan hochsteigen würden, gäbe es eine katastrophale Verstärkung der Erderwärmung“, sagt Boetius.

Die 52-Jährige gehört zu den international gefragtesten WissenschaftlerInnen, wenn es um die Erforschung der Meere und damit ums Klima geht. Boetius berät Politik und Wissenschaft. Im vergangenen Jahr erhielt sie als „Kämpferin für den Schutz der Meere“ den Deutschen Umweltpreis.

Seit 2017 ist Antje Boetius Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts am Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Sie hat knapp 50 Expeditionen in die Arktis, den Südpazifik und ins Schwarze Meer geleitet und insgesamt mehrere Jahre auf See verbracht. Im September startet eine besondere Herausforderung: die größte Nordpolexpedition der Menschheitsgeschichte. Die Expedition „MOSAiC“ kostet 140 Millionen Euro, 600 WissenschaftlerInnen aus 17 Ländern sind daran beteiligt. Die Daten sollen der Menschheit neue Einblicke in die Austauschprozesse zwischen Ozean, Eis und Atmosphäre geben. Im September bricht der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern vom norwegischen Tromsø in die Arktis auf. Die Arktis gilt als Frühwarnsystem für den Klimawandel. Ein Jahr lang wird das Schiff fest eingefroren im ewigen Eis durch das Nordpolarmeer driften, damit die Prognosen zu den Folgen der Erderhitzung verbessert werden können.

Boetius unterstützt die Expedition als Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, kennt die Verantwortung aus ihren Expeditionen. Jede Stunde muss effizient genutzt, ein Plan B bereit gehalten werden, weil immer irgendein Extremwetter die Pläne durchkreuze. Boetius hofft darauf, im Laufe des Drift-Jahres auch einmal zu den ForscherInnenteams in die Arktis zu gelangen. Lange hält sie es im Büro nicht aus, wenn das ewige Eis ruft.

Den Gegensatz zwischen Land und Meer kennt sie gut. Aufgewachsen ist sie in Darmstadt, doch ihre Ferien verbrachte sie bei den Großeltern auf Föhr. Ihr Großvater ging als Kapitän noch auf Walfang. Mit sechs Jahren liest sie „Moby Dick“, „Die Schatzinsel“ und natürlich alle Romane von Jules Verne. Mit zwölf will sie nur noch eins: raus aufs Meer.

Als Forscherin auf See hat Antje gelernt, ihren Mann zu stehen. Die Arbeit an Bord ist hart. Die Kabinen sind winzig, man teilt sie sich zu zweit. Nicht immer einfach unter Männern.

„Das Interesse an meiner Person ist groß. Natürlich auch, weil ich eine Frau in einem Männerberuf bin“, sagt sie.

Antje Boetius kann die Veränderungen in bis zu elf Kilometern Tiefe mit den Umwälzungen auf der Erde anschaulich erklären: „Alles hängt zusammen. Alles, was der Mensch auf der Erde macht, verändert die Tiefsee. Jede Tonne CO2 ist eine zu viel.“ Der neue Feind im Meer ist der Plastikmüll: Zigarettenfilter, Tüten, Getränkeflaschen, Rührstäbchen für Kaffee. Den größten Anteil haben Verpackungen. Verpackungen, deren Dichte zunächst so gering ist, dass sie auf der Wasseroberfläche treiben und sichtbar sind – zum Beispiel Tüten aus Polyethylen. Die aber hinabsinken, sobald sie durch ansiedelnde Lebewesen beschwert werden. Hinzu kommen die unzählbaren Mengen von Mikroplastik, die sich praktisch überall wiederfinden: im deutschen Wattenmeer, im ewigen Eis, im teuren „Fleur de Sel“ aus dem Supermarkt. Es steckt in den Meerestieren und Seevögeln, die mit vermeintlich vollen Mägen elendig verhungern.

Boetius glaubt an die Kraft der Bilder. Immer zeigt sie ihre Aufnahmen, die einerseits die Schönheit des Meeres einfangen – und jene, die den Verfall dieses Paradieses dokumentieren.

An der Front der Plastikmüllforschung steht ihre Kollegin Melanie Bergmann, ebenfalls Meeresforscherin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und Deutschlands „größte Plastikforscherin“. Seit 2011 ist unser Müll ihr Hauptgebiet. Die Bilder, die sie über mehrere Jahre vom Meeresboden in der Arktis machte und die von Jahr zu Jahr mehr Müll zeigten, waren ihre Initialzündung. Bergmann erforscht unter anderem die großen Müllstrudel im Nordpazifik. Und sie gehört zu denen, die gehypte Projekte wie „The Ocean Cleanup“ kritisieren. Die riesigen Meeresfilter sollen Plastik an der Meeresoberfläche einsammeln, wurden medial schnell als Heilsbringer für die Ozeane hingestellt. Einsammeln, fertig. Dabei liegt der meiste Müll am Boden.

Bergmann ist fest davon überzeugt, dass die 600 Meter langen Fangarme mehr zerstören, als sie retten können. Sie erzählt: „Solche Strukturen, die an der Wasseroberfläche treiben, ziehen eine bestimmte Community von Tieren an, zum Beispiel Fische, die dort Schutz suchen. Die Fangarme des Ocean Cleanup werden auch sie zusammentreiben und fangen, genauso wie wunderschöne Nacktschnecken und Segelquallen. Außerdem ist viel von dem Müll besiedelt. Wird er beseitigt, werden auch die Tiere beseitigt.“

Bergmann und Boetius halten „vermeiden statt einsammeln“ für die bessere Strategie. Strände und Flussufer müssten vom Müll befreit werden, damit er nicht mehr ins Meer gelange. Und natürlich müsse der weltweite Konsum von Plastik dringend gedrosselt werden, denn auch er trägt zum Klimawandel bei. Die weltweite Plastikproduktion aber hat in den vergangenen Jahren zwischen 1970 und 2013 um unfassbare 620 Prozent zugenommen.

Von der „MOSAiC-Expedition“ erhoffen sich die ForscherInnen wichtige Bausteine, um weiterhin am Masterplan gegen den Klimawandel arbeiten zu können. Und ein Wahnsinns-­Abenteuer ist sie natürlich auch.

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