Madeleine Alizadeh - Die Bloggerin

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Sie wird zu Modenschauen von Chanel eingeladen und wird in Florenz in Kleidern von Valentino fotografiert. Sie kooperiert mit einer großen Kaffee-Kette, verdient als Influencerin viel Geld. Auf ihrem Blog Daria­daria postet Madeleine Alizadeh mit Anfang Zwanzig ihr glamouröses Leben und trägt jeden Tag ein neues Outfit. Ihre Themen: Mode, Kosmetik, Saftkuren, Trends. So wird sie zur erfolgreichsten Modebloggerin Österreichs. 

Ein paar Jahre später, Madeleine Alizadeh ist inzwischen dreißig, ist alles anders. Der Modeblog ist geschlossen. Der Lifestyle nachhaltig. Sie lebt vegan. Madeleine ist nun hauptberuflich Aktivistin und bezeichnet sich als Feministin. Sie kämpft gegen Sexismus und Rassismus und für Umwelt- und Tierschutz. Sie spricht vor dem europäischen Parlament, den UN Women und hält Ted Talks. Woher der plötzliche Sinnes­wandel?

Im Jahr 2013 sieht die bis dato das Leben in vollen Zügen genießende Wienerin die Dokumentation „Gift auf unserer Haut“, ein Film über Ledergerbereien in Bangladesch. Im selben Jahr stürzt der Fabrikkomplex Rana Plaza in Dhaka ein und begräbt mehr als tausend Frauen unter sich. In dem Moment ist für die Halbiranerin Schluss mit Mode, für die Menschen sterben müssen. Sie beschließt, ihr Leben radikal zu ändern. Und sie stellt sich die Frage: „Was ist wirklich wichtig?“

Heute informiert Madeleine täglich ihre 250.000 Follower über das, was ihr wirklich wichtig ist. Mit ihrem Podcast „A Mindful Mess“ gehört sie zu den einflussreichsten Bloggerinnen im deutschsprachigen Raum. Sie spricht darin über ethisch korrekte Geldanlagen, Massentierhaltung, Textilmüll oder darüber, warum Frauen noch immer nicht öffentlich über Fehlgeburten reden können. Madeleine landet damit regelmäßig auf den ersten Plätzen der Abrufcharts und ist damit noch erfolgreicher als mit „DariaDaria“. Die Österreicherin recherchiert, erklärt, streitet, engagiert sich, virtuell und im wahren Leben.

Nebenbei hat Madeleine ein „faires Öko-­Mode­label“ gegründet, und jüngst erschien ihr Buch: „Starkes weiches Herz“. Darin erklärt sie, „wie Mut und Liebe unsere Welt verändern können“. Ihr Vorbild ist ihre Mutter. Die hat sie und ihre zwei Geschwister allein erzogen. Alizadehs Vater stammt aus dem Iran, er war Menschenrechtsaktivist. Die Ehe zerbrach, als Madeleine noch ein Kind war. Doch: „Ich bin in einem politischen Haushalt aufgewachsen, meine Eltern haben mir einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn mitge­geben.“

Wie ungerecht die Welt sein kann, kann Madeleine nahezu jeden Tag auf ihren Social-Media-­Kanälen lesen. Berichten die Medien über sie, wimmelt es in den Kommentarspalten von sexistischen und rassistischen Beleidigungen bis hin zu Vergewaltigungsfantasien und Morddrohungen. Manchmal gefolgt von der Aufforderung: „Geh doch dahin, wo du geboren wurdest!“ Das wäre dann Wien.

Ganz wie bei Greta Thunberg sind auch Alizadehs schärfste Kritiker häufig Männer. „Immer geht es um die Person, nie um die Inhalte. Das zeigt, wie Frauen im Patriarchat zu Objekten gemacht werden.“

Auch die Twitter-Blase hat in ihr ein neues Hass-Objekt gefunden. Linke Feministinnen kritisierten sie als „neoliberal“, weil sie bei der Nationalratswahl in Österreich für die Grünen kandidierte. Oder sie wird als „Klima-Heuchlerin“ angegangen, weil sie ein Bild postet, auf dem sie eine Süßkartoffel im Ofen erwärmt. „Kritik aus den eigenen Reihen schmerzt besonders“, sagt Madeleine und: „Niemand mag wütende Frauen.“ Denn, davon ist sie überzeugt: „Wütende Frauen verändern die Welt!“

 

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