Männer gegen Männergewalt
„Wir wollten was Nützliches machen statt saufen!“ erklärt Thibeault. "Ich möchte nicht, dass sich meine Tochter später auf der Straße vor Männern fürchten muss!“, sagt Josef. „Männer müssen härter bestraft werden. So geht es nicht weiter, diese Gewalt gegen Frauen muss endlich aufhören!“ findet Klemens.
Sie sind drei von rund 3.000 Teilnehmern der Berliner Demo „Männer gegen Gewalt“, die am „Vatertag“ bei Regen und Hagel vor dem Brandenburger Tor gegen Männergewalt demonstrierten. Traditionell ziehen an diesem Tag Männer mit dem Bierfässchen auf dem Bollerwagen saufend durch die Gegen oder von Kneipe zu Kneipe. Genau deshalb, sagt Teilnehmer Pablo, sei dies „der beste Tag, um seine Solidarität zu zeigen“.
„Statt den Herrentag mit Alkohol und (sexualisierter) Belästigung zu feiern, setzen wir gemeinsam ein Zeichen der Solidarität mit FLINTA*.“ (Für Uneingeweihte: Hinter dieser Buchstabengruppe verbergen sich Frauen, Lesben, Intersexuelle, Transpersonen und Asexuelle.) So hatte es die Initiative „maennergegengewalt“ auf instagram formuliert und gefordert: „Lass uns über Männlichkeit, Gewalt und Verantwortung sprechen und mehr Männer für feministische Positionen gewinnen“. Auch einige Männer der Grünen und Collien Ferndandez hatten zu der Demo am so genannten „Herrentag“ aufgerufen.
Offensichtlich trafen sie einen Nerv. Der Fall Ulmen hatte in den letzten Wochen Tausende Frauen auf die Straße getrieben. Die hatten die Frage nach der Verantwortung der Männer lautstark gestellt. Slogan: „Nicht jeder Mann, aber immer ein Mann!“ Das nahm sich zumindest der eine oder andere Mann zu Herzen.
Bereits im Vorfeld kassierte der Post von „maennergegengewalt“ auf Insta 14.000 Likes. Und von Frauen zahllose erfreute Kommentare wie diese: „Danke für diese klare Ansprache! Mehr Räume, in denen Männer sich mit Gewalt und Verantwortung auseinandersetzen, braucht es dringend. Wir haben neulich einen Workshop zu häuslicher Gewalt mit Fokus auf Zivilcourage in der Nachbarschaft organisiert – leider hat kein einziger Mann teilgenommen“, schrieb think_si3. Userin stephanieinka dankte „allen ‚guten‘ Männer, die so gute Ideen haben sowas zu organisieren‘. Und für Tessi war das „ein kleiner Funken Hoffnung bei all der Angst, mit der man als Frau so lebt“.
Die Demonstranten – Männer aller Altersgruppen – kamen mit einem Meer aus Schirmen gegen Regen und Hagel und Schildern gegen Männergewalt: „She is not dressed like a slut – you are thinking like a rapist“ (Sie ist nicht wie eine Schlampe angezogen, du denkst wie ein Vergewaltiger) war da zu lesen oder „Konsens ist Gold“. „Dieses System von Gewalt, was wir seit früher Kindheit über die Rollen vermittelt bekommen – das müssen wir anpacken!“, so Initiator Miro Marsicevic von „Männer gegen Gewalt“.
Auch in Hamburg gab es am Donnerstag eine Männerdemo, hier unter dem schönen Motto: „Come on, Boys! – aka Der Bollerwagen der Würde“. Die Redner kritisierten die „Bro-Culture“, die Männerkumpanei, die schon in sexistischen Witzen und der spöttischen Abwertung von Frauen sichtbar wird – und in der Solidarität mit Tätern gipfelt. Auch wurde die Frage aufgeworfen, warum Frauen und Konzepte jenseits der Geschlechterrollen höchstselten Vorbild für Männer sind.
Es ist nicht das erste Mal, dass Männer sich aufmachen, gegen die Gewalt ihrer Geschlechtsgenossen aufzubegehren. Im Januar 2000 hatte EMMA mit ihnen getitelt: Männern gegen Männergewalt. Tatort-Kommissar Klaus J. Behrendt war ebenso dabei wie der heutige grüne Ministerpräsdident Cem Özdemir oder Boxer Henry Maske. Sie alle wollten ein Zeichen setzen gegen die grassierende Männergewalt gegen Frauen. Ihr Zeichen: eine weiße Schleife.
Die „White Ribbon Campaign“ hatte in Kanada begonnen. Dort hatte der Soziologie-Professor Michael Kaufman nach dem erschütternden Massaker in Montréal, bei dem ein Student am 6. Dezember 1989 gezielt 14 Studentinnen erschossen hatte, seine Geschlechtsgenossen mobilisiert: gegen Frauenhass, gegen Gewalt an Frauen. „Die Mehrheit der Männer sollte sich durch ihr Schweigen nicht länger zu Komplizen machen.“
Daraus wurde eine ganze Bewegung mit TV-Spots, Aufklärungsmaterial für Schulen und eben der weißen Schleife, die Männer am Jahrestag des Montréal-Massakers als Zeichen der Solidarität tragen sollten. Die „White Ribbon Campaign“ schwappte nach Europa bis Deutschland.
EMMA trug mit ihrer Titelgeschichte dazu bei. Schon damals riefen die Initiatoren, in Berlin die Männerberatungsstelle „Mannsarde gegen Männergewalt“ zu einer Demo am „Vatertag“ auf. Doch die Resonanz hielt sich in Grenzen, die Kampagne versickerte.
Jetzt scheint es einen zweiten Aufschlag zu geben. Bleibt zu hoffen, dass sie diesmal dranbleiben, die Männer. Und dass sie aufhören, in einer Buchstabengruppe zu verschleiern, wer die Opfer von Männergewalt sind: Frauen.
CHANTAL LOUIS

