"Ich bin Feministin"

© Bettina Flitner
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Ich bin Psychoanalytikerin. Der Widerstand der Feministinnen gegen die Psychoanalyse ist bekannt. Wenn ich mich trotzdem gleichzeitig als Feministin bezeichne, meine ich damit, dass ich es als meine Aufgabe ansehe, mich, wo immer es mir möglich ist, für die Rechte meiner Geschlechtsgenossinnen einzusetzen. Vor allem aber möchte ich gemeinsam mit ihnen begreifen lernen, warum die Frauen seit jeher so bereitwillig ihre gesellschaftliche Degradierung verinnerlichten. Das zu begreifen, dazu kann meines Erachtens gerade die Psychoanalyse einiges beitragen.

Vor allem der psychoanalytische Begriff des Penisneides wird von Feministinnen mit dem Argument abgelehnt, sie beneideten die Männer nicht um ihren Penis-, sondern um ihre größere gesellschaftliche und berufliche Freiheit. Dies sei eine von den Männern geschaffene Realität und nicht Ausdruck einer von der Natur gegebenen besseren Anatomie. Doch hier wird nicht zwischen bewußten und unbewußten Denk- und Erlebensweisen oder zwischen kindlichen Erfahrungen und ihrer psychischen Verarbeitung und den Erfahrungen der erwachsenen Frau unterschieden. Meines Erachtens ist kaum zu übersehen, dass bei unserer Art der Erziehung das kleine Mädchen in der Tat oft einen Penisneid entwickelt. Wie sollte es auch anders sein? Denn es erlebt seinen Penismangel als handfesten Beweis für die unterschiedliche Bewertung, die es in der Regel im Gegensatz zum Bruder von seinen Eltern erfährt, und die es dann aufgrund der Wahrnehmung der unterschiedlichen Anatomie zu begreifen glaubt.

So entsprachen auch Freuds Beschreibungen der Psychologie der Frau in vielem dem, was er in seiner Praxis zu sehen bekam. Wenn er den Penisneid aber als unausweichliche Folge der psychischen Verarbeitung des anatomischen Geschlechtsunterschiedes ansah und die Folgen gesellschaftlicher Minderbewertung und entsprechender Sozialisation unterschätzte, zeigt das auch seine gesellschafts- und geschlechtstypischen Grenzen. Dennoch: Trotz mancher phallozentrischer Einseitigkeiten seiner Theorien über die Frau deckte Freud wie kein anderer die komplizierten psychischen Entwicklungen und Verhaltensstrukturen der Frau auf! So haben sie sich in Jahrhunderten der Unterdrückung herausgebildet.

Durch die offensichtliche Veränderung weiblicher Verhaltensweisen im Laufe der letzten 50 bis 60 Jahre ließ sich deren Abhängigkeit von gesellschaftlichen Verhältnissen und Vorurteilen nicht mehr übersehen. Außerdem haben sich seit Freud die Kenntnisse der frühen Kindheit vertieft und beeinflussen die Theorien von der Entwicklung zur Weiblichkeit. Beide Geschlechter identifizieren sich mit der in ihrer frühen Kindheit für sie allmächtigen Mutter.

Brust- und Penisneid
Mit der Entdeckung der Geschlechtsunterschiede führt das kleine Mädchen die Ambivalenz der Eltern ihm gegenüber dann zu recht auf diesen Unterschied zurück. Daraus entwickelt sich der Penisneid. Er spielt in den ersten Jahren beim kleinen Mädchen selten eine große Rolle, denn in dieser frühen Kindheit setzen sich Knabe wie Mädchen weit mehr mit dem, was als "Brustneid" bezeichnet wird, auseinander. Beide gönnen ihren kleineren Geschwistern weder die Brust der Mutter, die auch durch die Flasche repräsentiert werden kann, noch deren größere Zuwendung. Die totale Abhängigkeit des kleinen Kindes von der Liebe und Fürsorge der Mutter erzeugt unweigerlich eine Ambivalenz der Gefühle ihr gegenüber. Nur indem beide Geschlechter sich in ihrer kindlichen Weise mit ihrer idealisierten Mutter zu identifizieren suchen, indem sie sie nachahmen, in ihrer Phantasie selber Kinder gebären und versorgen können etc., lernen sie mit ihrer Hilflosigkeit und ihrem Neid besser umzugehen.

Realitätsferne Analyse
Die Verinnerlichung mütterlicher Funktionen und Verhaltensweisen scheinen beim Mädchen stabiler zu sein als beim Knaben, da sie gesellschaftlich unterstützt werden. Beim Knaben ist das anders, von ihm wird etwa ab 3, 4, 5 Jahren gefordert, ein kleiner Mann zu sein, d. h. er wird dann oft zu einem aggressiven und gefühlsunterdrückendem Verhalten angeleitet. Wenn er in diesen ihm aufgezwungenen Lebenskämpfen bei der Mutter Trost sucht, pflegt auch sie ihm mit relativem Unverständnis zu begegnen und ihn zur sogenannten "Männlichkeit" anzuhalten.

Diese von der Gesellschaft geforderte Lösung von der Mutter und ihren Verhaltensweisen bedeutet für den Knaben die Unterbrechung einer wichtigen Identifikationslinie und die Störung bestimmter Verinnerlichungen, d. h. auch den Bruch eines Selbstbildes, das sich langsam zu formieren begonnen hatte. Die Enttäuschungen an der Mutter werden für den bisher vorgezogenen und mehr als das Mädchen verwöhnten Knaben besonders schmerzlich sein. Das wird einen untergründigen Hass auf die Mutter noch verstärken, der - so Zilboorg und andere Analytiker - wegen der völligen Abhängigkeit von ihr und den damit unweigerlich verbundenen Enttäuschungen schon in der allerfrühesten Kindheit seine unbewussten Wurzeln hat.

Folgt man allerdings zu eng der psychoanalytischen Denktradition, in der die sozio-kulturellen Phänomene vorwiegend als eine Projektion unserer inneren Konflikte oder als ihr Lösungsversuch angesehen werden, setzen wir uns als Analytiker allerdings leicht der Gefahr aus, die objektiven gesellschaftlichen Zwänge zu unterschätzen und die historische Entwicklung einseitig "psychologistisch" zu interpretieren.

Falsche Mütterlichkeit
Was wird heute unter Mütterlichkeit verstanden und welche unterschiedlichen Positionen hat die Frau in der Familie? Selbständigkeit, die Fähigkeit zur Selbstverwirklichung und Macht, Eigenschaften, welche die Mutter und Frau der Prähistorie nach den Vorstellungen von Zilboorg und anderen geprägt haben soll, wird heute mit dem Begriff der Mütterlichkeit gewiß nicht mehr verbunden.

Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit, menschliche Eigenschaften von zweifellos hohem Wert, werden, einseitig von der Mutter gefordert, leicht dazu verwendet, diese auszunutzen und von ihr zu fordern, ausschließlich für Mann und Kind zu leben. Gerade diese ihr aufgezwungene Selbstaufgabe, eine Eigenschaft, die in unserer Gesellschaft gewiß nicht hoch bewertet wird, führt dann wieder dazu, daß das heranwachsende Mädchen und auch der Knabe, die Mutter zunehmend als wertlos in ihrer Unfähigkeit, sich selbst durchzusetzen, erleben. Die Identifikation mit ihr erhöht dementsprechend für die Tochter das Gefühl eigener Wertlosigkeit.

Mit recht stellt Hagemann-White fest: "Eine Mutter braucht Eigenschaften, die in unserer Kultur als männlich definiert werden: allen voran Selbstbewußtsein und eigene Lebensinhalte, bei deren Verwirklichung sie dem Kind vorleben kann, was ein erwachsener Mensch ist."

Nicht selten wird Einfühlungsfähigkeit, sich unter Umständen für die Interessen des anderen mehr als für die eigenen einzusetzen, mit "mütterlich" gleichgesetzt. Weswegen dann auch vom Mädchen Selbstlosigkeit und Geduld gefordert wird, beim Knaben und später beim Mann Selbstbehauptung. Das führt oft zu der Auffassung, dass beim Mann Egoismus und Egozentrismus als natürlich anzusehen seien. Schon früh formen solche elterlichen Erwartungen, die in der Erziehung und der familiären Atmosphäre ihren Ausdruck finden, die Charaktere der Kinder. Kurz zusammengefasst könnte man sagen: Der Vater ist so, wie er von den Kindern außerhalb der Familie wahrgenommen oder phantasiert wird, der Bestimmende, von dem man abhängig ist, das Ideal, das man verwirklichen möchte. Innerhalb der Familie ist er dagegen nicht selten ein verwöhntes Kind, abhängig von der Mutter, unfähig die Interessen anderer über die eigenen zu stellen. Diese Seite des Vaters wird insgeheim von der Mutter verachtet, eine Verachtung, die sich auf die Kinder überträgt.

Bei der Mutter ist es umgekehrt. Innerhalb der Familie ist die Mutter diejenige, an die sich alle wenden, die Starke, die allein Hilfe bringen kann, wenn man sich schwach und elend fühlt. Außerhalb der Familie hat sie keinerlei Position, wird sie lächerlich gemacht, schämt man sich ihrer oft.

Zum Beispiel Helga
Um klar zu machen, was ich damit meine, will ich ein Beispiel aus meiner täglichen Praxis erzählen. Da ist Helga. Eine unverheiratete, berufstätige Frau von etwa 40 Jahren. Sie wünscht eine analytische Behandlung, da sie in eine ihr ausweglos erscheinende Situation geraten ist. Besonders bedrückt sie ihr Verhältnis zu einem langjährigen Freund, der verheiratet ist und sich nicht zwischen seiner Frau und ihr zu entscheiden vermag. Beruflich ist sie recht erfolgreich. Freundschaften mit Frauen sind in ihrem Leben stabil gewesen und haben ihr im Laufe der Zeit über manche Schwierigkeiten und Einsamkeitsgefühle hinweghelfen können.

Die aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Eltern lebten in einer für dieses Milieu typischen Ehe. Der Vater, der in seinem Beruf durchaus "seinen Mann" stand, war zu Hause anspruchsvoll, wurde verwöhnt und war von der Mutter sehr abhängig. Diese ließ die Kinder, einen Sohn und ihre Tochter, die gelegentliche Verachtung für ihren Mann deutlich spüren. Das bedeutete aber keineswegs, dass sie nicht voll mit der patriarchalischen Weltordnung identifiziert war, die in ihrer Umwelt noch unbefragt hingenommen wurde. Entsprechend erzog sie ihre Kinder.

Die Tochter wurde von vornherein weniger ängstlich behandelt und altersentsprechenden Enttäuschungen ausgesetzt. Von ihr verlangte die Mutter dasselbe, was die Umgebung von der Mutter erwartete: nämlich Einfühlung, Anpassung, Geduld, gleichmäßig liebevolles Verhalten etc. Dementsprechend entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die inniger war als diejenige zwischen Mutter und Sohn - allerdings blieb Helga übermäßig abhängig von der mütterlichen Liebe, deren sie unbewusst nie so ganz sicher war. Die Mutter hatte z. B. wenig Verständnis für gelegentliche Wutausbrüche der Tochter, erlaubte ihr im Gegensatz zum Bruder nicht, aggressives Verhalten an den Tag zu legen etc.

Helga war durch die frühe, aber auch selbstverständlich von ihr geforderte Übernahme mütterlicher Funktionen selbständiger als ihr Bruder und dadurch in mancher Hinsicht lebenstüchtiger. In der ödipalen Phase ihrer Kindheit, mit 5, 6 Jahren etwa, und auch später identifizierte sie sich ganz offensichtlich mit dem bevorzugten Bruder - zumindest schien das ihrem Äußeren und ihrem Verhalten nach so: Sie ließ sich ihr Haar kurz schneiden, trug Hosen, tat sich in sportlichen Betätigungen wie Klettern, Schwimmen, Springen etc. oder auch durch Mut und Tüchtigkeit und schulische Leistungen hervor. Ihr Verhalten wurde von der Mutter unterstützt. Solche Formen von Identifikationen mit Verhaltensweisen, die in unserer Gesellschaft als männlich angesehen werden, finden ja oft die Billigung der durchschnittlichen Mutter unserer Gesellschaft und entsprechen deren Vorstellungen von Tüchtigkeit und Erfolg, auch für ihre Töchter.

Zum Vater gewann Helga nie eine rechte Beziehung. Er war durch sein egozentrisches Kreisen um die eigenen Nöte und seine Anspruchshaltung und Abhängigkeit von der Mutter auch kein Mensch, mit dem eine tiefere Beziehung leicht zustande kommen konnte. Wenn auch die Identifikation mit ihm - was in der Familie täglich zu beobachtende mitmenschliche Eigenschaften betraf - wenig anreizend war, so blieb doch seine berufliche Tätigkeit und die Anerkennung, die er in seiner Umgebung dafür fand, ein Grund, ihn zu bewundern und den Wunsch zu entwickeln, ähnlich erfolgreich zu werden. Es war ja auch Sitte, in der Schule vor der Klasse nach dem Beruf des Vaters gefragt zu werden und es war klar, dass dadurch das eigene Ansehen sehr von dem des Vaters abhing.

Diese Mutter, die man wohl als durchschnittlich gute Mutter wie auch als typische Vertreterin ihrer Umwelt ansehen darf, war eben gerade deswegen das, was Phyllis Chesler als "Kapitulantin" beschrieben hat. Sie brachte der Tochter bei, dass die Männer zwar in vielem kindisch und verächtlich seien, aber unveränderbar und zudem diejenigen, von deren Ökonomie und gesellschaftlicher Anerkennung man abhängig ist. Es sei eben das Schicksal der Frau, dass man sich den Männern, ihren Wünschen und Verhaltensweisen zu fügen habe. Dementsprechend lernte die Tochter früh den inkonsequenten Verhaltensweisen des Vaters schweigend und achsel- zuckend zu begegnen, sich der Tyrannei ihres Bruders, wenn auch mit unterdrücktem heftigen Zorn zu beugen. Einerseits wurden also ihre "männlichen" Eigenschaften wie Selbständigkeit, wie Mut, Leistungsfähigkeit etc., von der Mutter gefördert, andererseits lehrte man sie die Kapitulation, das heißt die Unveränderbarkeit der Verhältnisse zwischen den Geschlechtern. Dass letzten Endes - trotz aller Verachtung und Ambivalenz - Vater und Bruder als die Wertvolleren, zumindest die Mächtigeren angesehen und akzeptiert wurden, bestimmte das Weltbild der Mutter und ihrer Umwelt und war Ursache der tiefgehenden Gefühle von Wertlosigkeit in der Tochter.

Nach der Berufsausbildung, die Helga mit Erfolg beendete, war auch sie im Beruf stets anerkannt. Gleichzeitig warf man ihr aber ihre berufliche Tüchtigkeit und "männliche" Durchsetzungsfähigkeit als unweiblich vor.

Freundschaften mit Frauen spielten weiterhin in ihrem Leben eine große Rolle. Sie waren meist beständig, zuverlässig und herzlich. Ihre Beziehungen zu Männern dagegen waren schwierig. Da sie als Frau anziehend war, bewarben sich immer wieder Männer um sie. Sobald sich daraus eine intime Beziehung entwickelte, begab sie sich ganz gegen den eigenen bewussten Willen in die Rolle der Mutter, das heißt sie war sowohl unterwürfig wie sie untergründig verachtete. Langjährig unglücklich blieb die erwähnte Beziehung zu ihrem verheirateten Freund, in dem sie endlich jemanden zu finden glaubte, der ihr überlegen war. Dementsprechend ließ sie sich erniedrigen und hinhalten. In der Analyse stellte sich heraus, dass sie auf diesen Mann sowohl Aspekte der bewunderten Mutter ihrer frühen Kindheit übertragen hatte, als auch die Hoffnung nicht aufgeben konnte, er möge doch das frühe Idealbild beider Eltern verwirklichen können.

Ohne Ideale kann offenbar niemand leben, die Mutter hatte durch ihre inkonsequente Haltung sich selber als Vorbild zerstört, der Vater konnte nur in Teilaspekten gesellschaftlicher Anerkennung ihre Bedürfnisse nach Idealisierung erfüllen. Indem sie ihre Ambivalenz ihrem langjährigen Liebhaber gegenüber verdrängte, wurde sie von einer Mischung von unbewusster Aggression und Schuldgefühlen beherrscht. Das führte zu der quälenden Beziehung, in der sie sich weder durchsetzen noch sich von ihrem Freund zu lösen vermochte.

Weibliche Illusionen
Der Unwille, die widersprüchliche Rolle zu übernehmen, die eine Mutter in unserer Gesellschaft hat, nimmt bei den Frauen der jüngeren Generation zu. Sie wollen oft keine Kinder mehr, weil es ihnen widerstrebt, sich als Frau einerseits verachtet zu fühlen, andererseits innerhalb der Familiengemeinschaft die Mutter aller ihrer Mitglieder, das heißt auch im gewissen Sinne die einzig Erwachsene sein zu sollen. Dazu kommt noch die Kinderfeindlichkeit einer an männlich-narzisstischen Bedürfnissen und Idealen orientierten Gesellschaft.

Die Orientierungsschwierigkeiten, wie man sich denn nun eigentlich als Frau verhalten soll, sind groß und werden den Frauen von keiner Seite leicht gemacht. Es ist überdies eine nur mühsam zu leistende Aufgabe, sich von tiefsitzenden psychischen Identifikationen zu befreien, die in den prägenden Erlebnissen der Kindheit ihre Wurzeln haben. Dazu braucht es eine lange Zeit der Bewusstmachung. Die Bearbeitung und Anwendung von Verhaltensweisen, die aus solchen unbewussten Identifikationen stammen, ist mühsam und langwierig.

Wir Frauen sollten uns davor hüten, uns Illusionen über uns selbst hinzugeben oder uns einem Wunschdenken zu überlassen. Denn es geht für uns zwar auch, aber nicht nur um die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen. Von nicht geringerer, vielleicht noch größerer Bedeutung ist die Auseinandersetzung mit den psychischen Zwängen, das heißt mit der bei den meisten Frauen immer noch ungebrochenen Verinnerlichung ihrer gesellschaftlichen Degradierung.

 

Mehr über Margarete Mitscherlich
Der Mitschnitt des Symposiums "100 Jahre Margarete Mitscherlich" sowie Gespräche und Artikel mit Mitscherlich und über sie auf www.margarete-mitscherlich.de.

 

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100 Jahre Margarete Mitscherlich

Margarete Mitscherlich im Mai 2010. Foto © Bettina Flitner
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Die 1917 in Dänemark geborene Tochter einer deutschen Lehrerin und eines dänischen Landarztes ist in den ersten Jahren nicht zur Schule gegangen, sondern zu Hause unterrichtet worden. Der normale Anpassungsprozess blieb ihr also erspart. Das hat sich ein Leben lang gehalten.

Ihre anarchische Lebendigkeit war bis zu ihrem Tod mit 94 Jahren ungebremst. Wofür viele Menschen sie liebten, manche aber sie auch fürchteten. Denn Margarete war unberechenbar. Und im Zweifelsfall immer auf der anderen Seite des Establishments.

Zusammen mit ihrem Mann Alexander hatte Margarete die Psychoanalyse in den 1960er Jahren aus dem Exil zurück nach Deutschland geholt, das Freud-Institut in Frankfurt gegründet und ab Mitte der 70er Jahre zahlreiche feministische Bestseller geschrieben.

Mit der 1967 veröffentlichten „Unfähigkeit zu trauern“, die Margarete und Alexander Mitscherlich zusammen geschrieben haben, stieß das Paar eine Debatte zur deutschen Vergangenheitsbewältigung an, die bis heute andauert. Alexander Mitscherlich starb 1982 – was sie nun ungeschützt der Häme ewig Gestriger und der Anti-FeministInnen dazu auslieferte.

Aber Margarete Mitscherlich stand es durch; lebte, lernte, dachte, arbeitete weiter. Noch kurz vor ihrem Tod plante sie ein Buch über die Liebe.

Margarete Mitscherlich war von der ersten Ausgabe 1977 an bis zu ihrem Tod eine treue Begleiterin von EMMA und eine inspirierende Autorin. Nachfolgend das letzte Interview, das ich im Jahr 2010 für EMMA mit ihr führte.

Und gerade plane ich, zusammen mit ihrem Sohn Matthias Mitscherlich, zwei Gedenktage am 4. und 5. November 2017, an denen WeggefährtInnen, KollegInnen und weitere Persönlichkeiten erzählen werden, warum das Werk von Margarete Mitscherlich weiterlebt.

Alice Schwarzer

www.margarete-mitscherlich.de
 

 

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