In der aktuellen EMMA

Marokkanerinnen auf den Barrikaden

Foto: AFP/Getty Images
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Dem König von Marokko blieb nichts anderes übrig. Er musste sie begnadigen – bevor ihre Verurteilung die Frauen in seinem Reich noch mehr auf die Barrikaden treiben würde. Die Journalistin Hajar Raissouni war wegen „illegaler Abtreibung“ und „nichtehelicher sexueller Beziehung“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. Auch ihr Verlobter, der Gynäkologe, der Anästhesist und die Arzthelferin kamen ins Gefängnis. Sie alle wurden sechs Wochen nach ihrer Verhaftung am 16. Oktober in die Freiheit entlassen.

Doch es ist zu spät. Die Verhaftung der 28-jährigen Hajar war der Tropfen zu viel. Das Fass ist übergelaufen. Hunderte, ja tausende von Frauen gingen im ganzen Land auf die Straße, um die Freilassung von Hajar zu fordern. Und sie gingen weiter: 48 Jahre nach dem berühmten Manifest der 343 Französinnen, „Ich habe abgetrieben und fordere das Recht dazu für jede Frau“ (und 48 Jahre nach dem deutschen Manifest der 374) taten die Marokkanerinnen etwas für die arabische und muslimische Welt Unerhörtes: 490 Frauen beschuldigten sich öffentlich, das Gesetz gebrochen zu haben.

„Wir, marokkanische Bürgerinnen, erklären, dass wir das Gesetz gebrochen haben. Wir verstoßen gegen ungerechte, überholte Gesetze, die abgeschafft werden sollten. Wir hatten nichteheliche sexuelle Beziehungen. Wir haben abgetrieben oder waren Komplizinnen einer Abtreibung. Wir wollen uns nicht länger schämen.“ Und weiter erklären die Frauen: „Wir glauben, dass die marokkanische Gesellschaft heute reif ist für den Wechsel.“

Die 490 Erstunterzeichnerinnen sind zum Teil bekannte Intellektuelle und Künstlerinnen, darunter die weltberühmte Sängerin Oum. Geschrieben und initiiert wurde der Appell von der marokkanischen Filmemacherin Sonia Terrab und der franco-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani. Innerhalb von Tagen unterzeichneten hunderte weitere Frauen in Marokko.

2018 wurden in dem nordafrikanischen Land 14.504 Menschen nach dem § 490 verurteilt, der außerehelichen Sex bestraft, und 3.048 Menschen wegen Ehebruch. Auch Abtreibungen sind strafbar. Sie werden auf 600 bis 800 täglich geschätzt, also etwa eine Viertelmillion im Jahr. Die Frauen werden jedoch nur selten verurteilt. Ihre Anzahl ist zu groß – wer sollte die Kinder und Männer versorgen, wenn die Frauen alle im Gefängnis landen?

Hinter der Verurteilung von Hajar Raissouni standen, so heißt es, politische Motive. Man wollte eine kritische Journalistin und ihre Familie treffen. Aber das spielt nun keine Rolle mehr. Viele Frauen in Marokko sind es leid. Sie wollen nicht länger lügen. Sie wollen sich nicht länger verstecken. Sie wollen sich nicht länger schämen.

Wir dürfen gespannt sein, wie die Staatsmacht, die auf einem relativ gemäßigten Kurs ist, langfristig agiert – und welche Rolle dabei die in Marokko starken, aber in Schach gehaltenen Islamisten spielen werden. Und vor allem: Wird der Funke der Frauenrebellion gegen die restriktive Sexualpolitik überspringen auf die Nachbarländer?

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