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Mirrianne Mahn: Die Aktivistin

Mirrianne Mahn: „Klar, solange keine schwarze Person im Raum ist, fällt Rassismus nicht auf!" - Foto: Rainer Wohlfahrt
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Als die Schauspielerin und Foodtruck-Betreiberin Mirrianne Mahn zur politischen Aktivistin wurde, war sie gerade 31 und hatte schon genug Stoff für ein ganzes Leben zusammen: zwei Kinder, von denen eines kam, als sie selbst noch nicht erwachsen war, eine belastende Beziehung, Existenzängste, Scheidungskrieg, Depressionen, Suizidversuch. „Ich bin eine Frau in einem patriarchalen System. Ich bin schwarz in einer weißen, mehrheitsdominierten Gesellschaft“, schrieb sie in einem Bericht über ihre Krisenerfahrung. „Alle sagen, ich bin stark und mutig. Und eine Kämpferin. Aber wenn ich aufgebe, wer bin ich dann?“

In der Klinik hatte sie auf einmal viel Zeit. Sie fragte sich: Was kommt nach der Wut? Und nach der Hoffnung. Mahn war als Tochter einer Kamerunerin und eines Deutschen in einem kleinen Dorf im Hunsrück aufgewachsen, in einer Region, in der es nur ein anderes nicht-weißes Kind gab. Man hielt sie für Geschwister.

In ihrem ganz persönlichen Lockdown erinnerte sie sich an ihre alltäglichen Begegnungen mit dem Rassismus und die Stimme ihres Sohnes, der konsequenterweise eine weiße Mama forderte. Menschen, die Diskriminierung erleben, erlernen Vermeidungsstrategien. Mahn trägt keine verschlissenen Jeans. Wenn sie in der Öffentlichkeit telefoniert, wählt sie die Themen sorgfältig: Kinder, Job, Kreatives. Sie will signalisieren: „Ich bin weder eine Gefahr noch eine Asoziale“.

Mirrianne mit Bruder Wolfgang 1996 in Kamerun.
Mirrianne mit Bruder Wolfgang 1996 in Kamerun.

Dennoch passiert es ihr beinahe jeden Tag, dass ihr oder ihren Kindern jemand ungefragt in die Haare fassen will oder sie auf ihre Hautfarbe anspricht. Vor ein paar Monaten touchierte sie beim Einparken mit ihrem Foodtruck ein anderes Auto. Sie stieg aus, um sich zu entschuldigen. Aber der Fahrer wurde sofort laut und beschimpfte sie als „Negerschlampe“ und als „Primitive“. Beim letzten Mal waren es Männer, die ihr, begleitet von Affengeräuschen, Bananenschalen ins Gesicht hielten. An manchen Tagen passiert es so unvermittelt, dass sie nicht schnell genug reagiert. Dann quält sie sich später selbst dafür.

Als Mirrianne Mahn nach der Zeit in der Klinik wieder in ihr Leben zurückkam, war die Pandemie ausgebrochen und der Afroamerikaner George Floyd unter dem Knie eines Polizisten erstickt. Als Theaterschauspielerin und Catering-Unternehmerin konnte sie vorerst nicht mehr arbeiten. Sie besuchte eine „Black Lives Matter“-Demonstration in der Frankfurter Innenstadt. Auf einmal waren überall Menschen, die über ihre Diskriminierungserfahrungen sprachen, und viele, die ihr zuhören wollten. Da begann Mirrianne Mahn, ihre erste spontane Rede zu halten. Eigentlich ist es ihr unangenehm, vor Weißen über „White Privilege“ zu reden. Irgendjemand erwidert dann meistens, es sei ihr oder ihm noch gar nicht aufgefallen, dass Herr Soundso sich rassistisch verhalte. „Klar“, sagt Mahn. „Solange keine schwarze Person im Raum ist, fällt das nicht auf.“ Wenn sie ihren Freunden am Theater von den Bananenschalen erzählt, sind sie meistens schockiert. Dann macht sie Witze darüber. Sie sollen ihretwegen nicht zu bedrückt sein.

Aber sie will gar nicht klagen, sie hat Ideen, die es zu verwirklichen gilt. Die Weißen sollen ihre Privilegien nutzen, um eben diese weißen Privilegien zu durchbrechen. Jeder könnte das: Nicht intendierte Rassismen erkennen und benennen – „damit nicht immer wir diejenigen sein müssen, die sich beschweren“. Und sie hat Forderungen: Eine obligatorische Diversitätsbeauftrage in allen Institutionen. „Der Typ, der mich beleidigt, ist nicht mein Problem“, sagt Mahn. Es ist die große Gruppe derer, die es gut meinen, aber ihren eigenen oder den Alltagsrassismus anderer nicht erkennen.

Gerade probt Mahns Theatergruppe für ein kleines Theaterfestival. Es soll um Rassismus im öffentlichen Raum gehen. Sie schreibt gerade an den letzten Seiten eines autobiographischen Romans. Er soll von Allianzen mit Menschen handeln, die Diskriminierte schützen, und von Solidarität, die Traumata verhindert. Und der eigenen Identitätssuche. Und sie hat einen neuen Job: Diversitätsreferentin beim deutschen Kinder- und Jugendtheaterzentrum. Gar nicht so schlimm, denkt Mahn manchmal, was nach der Hoffnung kommt.

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