Muhterem Aras: Die Stimmenkönigin

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Das kleine Mädchen steht in Filderstadt am Gartenzaun und staunt über dieses fremde Land. Muhterem ist zwölf Jahre alt, ihr ganzes junges Leben bis zu diesem kalten Augusttag hat sie in einem anatolischen Dorf verbracht, ohne Strom und fließendes Wasser. Und Muhterem kann nicht fassen, was sie da sieht: Eine Frau, die Auto fährt!  Sie beginnt, mit ihren Brüdern hinterm Gartenzaun die Frauen am Steuer zu zählen.  „Irgendwann“, sagt sie heute, „haben wir herausgefunden, dass das hier ganz normal ist“.

Das fremde Land ist Muhterem Aras nicht fremd geblieben. Aber es war ein weiter Weg, bis es ihr zur Heimat wurde. Heute ist sie 45. Und der 27. März 2011, der Tag der Landtagswahl in Baden-Württemberg, fühlte sich an wie das Ziel.  Am Abend feierten die Grünen ihren Wahlsieg am Stuttgarter Schlossplatz, aus den Lautsprechern dröhnte „Kung Fu Fighting“. Auf der Tanzfläche warfen die Gäste ihre Arme und Beine in die Luft. Aras ist eine zierliche Frau, aber sie schien ihre Arme und Beine höher zu werfen als alle anderen.

Die Stuttgarterin ist zum Gesicht des Wandels geworden: Die erste Muslima im baden-württembergischen Landtag, die grüne Stimmenkönigin landesweit mit 42,5 Prozent in ihrem Wahlkreis!

Die Geschichte der Muhterem Aras ist nicht nur in Baden-Württemberg ein strahlendes Beispiel dafür, wie Integration funktionieren kann.  Mitte Mai steht die frischgebackene Abgeordnete im Foyer des Stuttgarter Landtags. Was sie nun vor habe im Parlament? Aras spricht über Bildung und Finanzen, „meine Themen,  Einwanderer müssen sich doch nicht zwangsläufig um Integra­tionspolitik kümmern“. Integration, sagt sie, müsse in allen Ministerien „gelebt werden“. Und dann muss sie doch wieder ihre ­Geschichte erzählen, sie könnte sie wahrscheinlich mitten in der Nacht rückwärts aufsagen. Man merkt das aber nicht, denn dafür ist die Geschichte einfach zu schön.

Sie beginnt in einem Dorf namens Elmaağaç, das nicht mehr ist als ein paar Häuser an einem wilden Berghang. In einem dieser Häuser leben vier Familien, die von Aras Vater und von drei seiner Brüder. 40 Menschen unter einem Dach. Es gibt eine Grundschule, aber an den Unterricht erinnert sich Aras kaum. Sie erinnert sich an die Schildkröten, auf deren Rücken die Kinder um die Wette ritten. Und an die Frösche, Schlangen, Hunde, Schafe und Esel.

Ein Kinderparadies? Aras zögert. Sie erzählt von ihrem Vater, dem es die örtlichen Sitten als Mann nicht gestatteten, seine Kinder in den Arm zu nehmen. Er war es, den es fort drängt. 1968 geht er nach Deutschland, plackt sich für eine Aufzugsfirma. Zehn Jahre später holt er seine Familie nach.

Die 12-jährige Muhterem spricht kein Wort Deutsch, als sie in Filderstadt ankommt. In der Schule weiß sie nicht, wo die Toiletten sind, aber kann auch niemanden fragen. Sie bekommt einen Stundenplan, aber sie kann ihn nicht lesen. „Ich war völlig orientierungslos“, sagt sie. Sie hat dann sehr bald Orientierung gefunden. Glück gehabt? „Nein!“, sagt Aras. Oder zumindest: „Nur ein wenig.“

Was sie geschafft habe, könne jeder schaffen, der zwei Dinge mitbringe: „Neugier und Ehrgeiz“. Und am besten noch eine Familie wie ihre: „Meine Mutter und mein Vater waren genauso offen für diese neue Welt wie ich.“ Ihr Vater war ihr erster Deutschlehrer; doch wenn man ihr so zuhört, muss man eigentlich sagen: Schwäbischlehrer. Für jede Eins in einer Prüfung bekommt sie fünf Mark, und zwei Mark für eine Zwei. Muhterem zieht ihren Eltern das Geld regelrecht aus der Tasche.

Als sie 16 ist, geht sie abends regelmäßig tanzen, „so richtig mit Jungs“. Die türkischen Verwandten und Freunde hätten das nie wissen dürfen, sagt Aras. Ihre Eltern behaupten einfach, die Tochter gehe zum Turnen. Die Familie Aras freundete sich bald mit einer schwäbischen Bauernfamilie an, bei der bekommt Muhterem eine „volle Dosis Deutschland“. Sie darf Traktor fahren, im „Wienerwald“ Schnitzel mit Pommes essen und bis spätabends im Bett „Pucki“-­Bücher lesen. Das sei das Allerwichtigste für Migrantenkinder, sagt Aras heute, dieses Gefühl, dazu zu gehören!

Aras heiratet, als sie gerade mal 20 ist und noch auf dem Gymna­sium. „Das war keine Zwangsehe“, sagt sie stets gleich dazu, damit keiner auf falsche Gedanken kommt. Aber die Hochzeit hätte trotzdem das Ende sein können für ihren Weg. Ihre Schwägerin prophezeite ihr damals: „Als verheiratete Frau kannst du vielleicht noch Abitur machen, aber Studieren ist nicht drin.“ Aras wettete 1000 Euro, dass sie einen Hochschulabschluss schafft. 1994 kann sie das Geld ­abholen, da beendete sie ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Uni Hohenheim. Zur gleichen Zeit ist dort ein junger Mann namens Stefan Mappus eingeschrieben, der schwarze Ministerpräsident, den sie knapp zwanzig Jahre später von der Macht zu vertreiben half.

Nach dem Studium baut Aras ihr eigenes Büro als Steuerberaterin auf, zehn MitarbeiterInnen hat sie heute. 1992 stößt sie zu den Grünen, oder besser: Sie wird gestoßen durch die ausländerfeindlichen Anschläge von Mölln und Rostock-Lichtenhagen. „Für eine echte Heimat“, sagt Aras, „musst du auch was tun.“ 1999 zieht sie in den Stuttgarter Stadtrat ein, seit vier Jahren führt sie dort die Fraktion der Grünen.

Viele tausend Kilometer entfernt, in Elmaağaç, haben die Menschen diese wundersame Karriere immer aufmerksam verfolgt. Am Abend der Landtagswahl schaltet das türkische Fernsehen live nach Stuttgart. Da weinten in ihrem Heimatdorf selbst die alten Männer - und in Stuttgart weinte Muhterem Aras mit ihren Eltern. Ihre Mutter sagte: „Wenn ich deine Möglichkeiten gehabt hätte, wäre ich längst Oberbürgermeisterin.“ Muhterem Aras Mutter ist bis heute Analphabetin.

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